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Knut Birkholz: Robinson des Braunkohlereviers

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Knut Birkholz
Drei Gedichte


Uncle …, I’m in the reservation of my mind

längst plattgefräst & stahlumzäunt nun fremdes Neubauland
wo dein Vater die siebzehn Bombentrichter zugeschüttet hat
lange nach alliierten Fliegerangriffen Juli 44 wohl auf Kohlenbahn
& viel mehr, & mindestens zwei Hunde begraben liegen (wer noch ?)
da wuchsen Feingräser mit manchem Hochkraut drüber, als Kind
hab ichs hinsinkend wie Stalker seine Zone als Zuhause oft begrüßt
größte Freude auch der meist ungeschorenen Schafe samt
sprunghaften Lämmern, die Lieblingsstellen knapp
abmähten, ihr freigiebiger Nachlass dann düngte tief
verwurzelte Brennnesselinseln zu gut, altersranke Pflaumbäume
hast du bestimmt in deiner Zeit schon so gesehen, Generationen
der hügelaufwerfenden Wiesenameise, gefälligere Tagebauvariante
& wenn mein Vater hinter grenzwertig geflickten Drahtzäunen
sommermittags in den Furchen seiner Pflanzkolonien lag
zog Waschabwasserduft vom Graben durch die Gärten, nachts
merklich viel auf Feldern ausgefahrene Gülle, & ich Kopf hoch
suchte sternwartend (wenigstens alle Lichtverschmutzung
blieb uns unbekannt), weil ich dann wie du, Onkel, weg wollte
hatte in dem Alter nichts gegen diesen Staatssozialismus
zu tun, nur mit Unterforderung, Mangel an Abenteuer, falsch
der Planet, kein Arkadien vorgestellt, sondern in Raumschiffen
Richtung Orion & Taurus jagend, eines Tages irgendwie
‚reicher‘ wiederzukommen, eben doch letzte Zuflucht
Rückeroberung des Reservats im Kopf noch immer – später
konnte ich ja aus diesem Land weg, aber es nicht aus mir



Wann liefen wir zuletzt auf dem Eis ?

ist praktisch, dass du so große Füße hast
da können wir uns bald die Schuhe teilen
glatt wie Speck geeignet zum Rutschen
welche mit geschliffenen Kufen werdens
nicht mehr, Auslaufmodelle eben nur
einmal in deinen zehn Jahren kalt genug
das Eisvergnügen lahmgelegter Straßen
umso öfter lese ich nun friere als feiere
Dickschnee wegdämmend Lärm der Stadt
bis selbst Grachten wieder begehbar werden
für Schifffahrtkanäle Eisbrecher reanimiert
in Sachen Tieftemperatur romantisch
muss an Vaters Kriegswinterkindheit liegen
oder an Mutters Norweger-Ahnen schon
Jahrhunderte vor jener Kleinen Eiszeit
was male ich uns dauernd mit allen Farben
dieser schwerwiegenden Familie aus ?
und ganz gelbgefroren unterm Kinderbett
Pisse im Topf durch ostwindblaue Nächte
ehe um 1980 mein Opa A durch genug D-Mark
über Genex als privilegierten Fortschritt
eine Schwerkraftheizung kaufte, im Waschhaus
zentralistisch brikettangefeuert, Organisation
einer Ladung Staub von Koks später, wohldosiert
Ofen nicht zu überfordern vor lauter Gebuller
das eine Mal, als nach Hockey auf ungeachtet
Stalljauchen und Waschwässern dick vereistem
Dorfteich alles Guten zu viel diese Füße dann violett
am Radiatorgusseisen tauten, bedeutete Schmerz
es draußen besser weniger zu übertreiben
ich meine, die Schlittschuhe damals warn zu eng
um in ihnen nennenswerte Socken zu tragen
dafür 1995 im Süden Northwestern Ontarios an
Silvester aus der Saunahitze nur in Badehose
zum Sprung hinaus, da aufwühlend Tiefschnee
wurde jegliche Heißkaltunterscheidung unmöglich
doch mein alter Plan, dorthin auszuwandern, blieb
– du verstehst : so versuche ich, mich zu trösten



Jetzt von seinem Grab aus

sehe ich wegen der Ferne vage, zwei dreimal im Jahr
zehn Stunden Anreise, drüben unsere weiten einstigen Gärten
brachliegen bleibend umgesunken verrottende Zäune
Gräser haben übernommen, zwischendurch ein Rest der Kultur
entwichner Nachfahren von Kartoffel Kraut & Rüben ungezogen frei
oder retten sich in Miniatur : Erinnerung an blätterwogende Vielgestalt
damals, als er, Robinson des Braunkohlereviers, naher Chemie
gern frühverrentet den Abschied gab.

Allein, mit wissenden Augen zu erkennen, kniet im Spätsommer
-hochgewucher, erhaben Adern der Arme, Hände hatten Erdfarben
angenommen, gräbt & harkt weiß nicht wessen weiße Knochen
massenhaft ans Licht, sammelt Schnecken für fleischige Enten zum Fraß
gegen die greise Gartentür rammt das Gebet der Schafe um Almosen
das er nicht erhört unter der mich schon verbrennenden Sonne, Nackenhaut
landmännisch Gelassenheit fachmännisch & kein Kopfgespräch
als Störung von Wahrnehmung durch Denken.

Mikroskopiert mit starker Brille seine Pflanzung, hat ihn gefangen
entschwindet in dieser Versenkung : ungefähr sein Idealreich
& es zu meinem machen – das hab ich in seinen letzten Jahren
oft gewünscht & befürchtet, aber wills wieder fern vom Dorf für dich
auch nicht bloß mager festhalten, Fortleben in meiner Sprache
mit Glück dann selbst in deiner, dass du dir ein Bild machen kannst
mit deinen nur großstadtgewöhnten Augen, zuerst sein Bild
sieh dort seinen kurzen Blick & letzten Wink.


Uncle …, I’m in the reservation of my mind
Der Titel verwendet eine Zeile aus dem Gedicht Elegy for the Forgotten Oldsmobile von Adrian C. Louis (aus: Fire Water World: Poems, West End Press, Albuquerque, 1989). Die Formulierung hat für andere indigene US-Schriftsteller (so Sherman Alexie und Trevino Brings Plenty) eine offenbar paradigmatische Bedeutung erlangt. Zudem bezieht sich mein Text auf die von mir geschriebene Erzählung Wo ich nach Sternen suchte, die 2007 die Shortlist des Open Mike erreichte.


Die Gedichte aus Knut Birkholz: Robinson des Braunkohlereviers. Dortmund (edition offenes feld) 2026. 80 Seiten. 20,00 Euro.
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