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Klaus F. Schneider: Vorhang

Werkstatt/Reihen > Reihen > (Ich seh dich besser im) Morgen

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Klaus F. Schneider
Vorhang
unstet gestrig grell. einstrahlendes mittagslicht. der vorhang unvermittelt blattgesprenkelt. silberflimmernde batterie im umgekippten wecker. leicht oxidiert. vor einem stoß angebrochener bücher. vereinzelt widmungsveredelt. der kleine hund liegt in seinem korb. schlafgekrümmt. gespräche stochern über den tisch. mit kerze. in rubinrotem kristallglaskelch. flackernd in  standbyliegenden displays. der pullover dann pistaziengrün. in gesprächslöchern bestellungen aufnehmend. weitwinkelsprengendes dekolleté ajour,  noppenverziert. als wäre jedes blatt feingeschliffen brennt es mittig ein schimmerndes gelb. mit blauvioletten höfen. im wechsel greller  wespenstichsekunden. so mediterran chromlederlicht wie nur denkbar die bar. und lesung im zuge. mit ausblick auf unzerbombte gotik in unverblendeten trapezfensterphasen. delikatessedosenumrahmt. der leseautor beendet gekonnt. eingeschweißte exemplare zwischen sektkübeln und blumenverschnitt. vom stapel gelassen. das publikum lustvoll nippend. stories wie drinks. auf eis gelegt. toposträchtig. hansestadt an sündenmeile. fleete & knisternde  schwüle. die erzählung leicht dahinschnurrend wie ein gepflegtes cabrio, ein cabrio, dem ein bossa nova schleier hinterherweht. was ist zeit? die frage getragen von der absicht sie im raum schweben zu lassen. helle rinnsale im faltenwurf des vorhangs. das trockene rasseln kurzer sätze. cocktail crushed. die  karawelle am giebel, gegenüber – aber viel zu mittig, der betrachter sieht nicht, was dein auge sieht, du musst das motiv inszenieren! umgehende unterweisung mit kajalstift auf papierserviette. gitternetz & zentralperspektive. die siamesischen kirchtürme von drähten und kabeln eingeschnürt. rebstockschraffur, auf wehrgemäuer zulaufend. das schiff wie in den himmel genagelt. im fluchtpunkt der fachbegriffe … glyzinie? ein entgrünen der konturen. indes die geladenen in den nebenraum geleitet. zu festgelegter sitzordnung. es gibt kein jetzt sagt d, jeder moment, sagt i, schon der moment, in dem ich das sage, sagt m, früher war mir das nicht so gegenwärtig, sagt u, nur in der musik sagt h, wieso in der musik sagt m, takt, tondauer sagt r, man spürt zeit nur wenn sich nichts ereignet sagt d, aber sie vergeht auch wenn nichts geschieht sagt der hund ist aufgewacht sagen sie fast gleichzeitig. aus allen richtungen reiten sie an. lanzenspitzen, lausgrünzart. schimmern auf verschwimmen schwinden im wieder welkenden gewebe. filigrane blättchen. mit verlagslogoprägung. rundumgereicht, minze zartbitter. aber zeit ist doch ein eigenständiger prozess, dem alles unterliegt, sonst beschränkte sie sich auf das ich, das ich als ort der zeit, also bewusstsein, nicht bloß wahrnehmung! was heißt ich, fragt … ich weiß, dass ich ich bin, wenn mein kleiner hund mich erkennt, sagt, das klingt gut, das ist nicht von mir, es ist, das war grad die rathausuhr, unser glockenspiel, im unausweichlichen moment in dem die namen von bekannten schriftstellern zu fallen beginnen. neben denen von  kritikern. und verlegern. die auch juroren sind. das espressoaggregat unablässig im einsatz. ach wie gut es dieser text hat, denke ich darin, er spielt im süden deutschlands, im leichten tschaka tschaka bum eines bossa nova während der fußball WM in einem familiären szenelokal, sonntags durchgehend geöffnet. und in gegenwart des kulturreferenten. und des stadtschreibers. und der stipendiaten andernorts. und ihrer begleitungen. und in gegenwart noch einiger anderer ortsschriftsteller. der gegenwart. ich befinde mich darin in der ersten person gestern. noppengebändigte lichtunruh. wortfindungen und wolkenrisse: präsens als persistenz permanent bereits erfolgter präsenz sagt jemand sagt: dieser satz von Kant, den du vorher zitiert hast, das war Augustinus, das hebt sich doch auf, die gegenwart des vergangenen ist existent, aber nurmehr in der sprache, meinst du Mauthner? egal, das läßt sich nicht auf ein zeichensystem reduzieren, in wirklichkeit – was ist wirklichkeit? was ist sprache? wirklichkeit ist, was von der sprache übrigbleibt, wenn du das denken abziehst. der eintretende wortausfall als anstoß zum kollektiven anstoßen, wonach die behördliche schirmherrschaft private dringlichkeiten anführt … um auf die ausgangsfrage zurückzukommen: es gibt keine urzeit, es gibt nur die uhrzeit, alles andere sind konstrukte! herrgott ist das peinlich, immer diese kalauer, der kalauer ist ein zitat, diese zeit, von der ihr redet, gibt es nicht, das ist bloß zeit, wie wir sie empfinden – wie meinst du das? physikalisch, rein physikalisch. wir können nur etwas messen, von dem wir nicht wissen, was es ist … und was ändert es, das zu wissen? vielleicht reicht es dir ja, wenn dein kleiner hund es weiß! aber bedeutet zeit nicht immer vorgänge, stattfindende ereignisse, stattfindende ereignisse ist tautologisch! geschehen, als solches erfassbar, ja, für uns, aufgeteilt in scheinbare momente des stillstands. denkstandbilder. und woher kommen sie dann, diese sekunden, die alles mit sich reißen? ich kanns dir sagen: Cäsium. wie jetzt Cäsium, warum nicht Celsius oder Cäsar? die dauer einer sekunde, neun milliarden einhundert weißnichtwieivielmillionen schwingungen eines cäsiumatoms … grünerglühender vorhang, windgewölbt. sekundenblätternde zeit, aufleuchtend 12:3647.. es ist gleichzeitig. eine versprachlichtung.


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