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Klaus Anders: Séptimas

Rezensionen/Verlage


Stefan Hölscher

Klaus Anders: Séptimas. Berlin (Edition Rugerup) 2020. 123 Seiten. 17,90 Euro.

Poesie mit / ohne Zahlenmystik


Die Zahl 7 ist nicht einfach nur die natürliche Zahl zwischen 6 und 8; ungerade und Primzahl. In der biblischen Zahlenmystik steht sie für die sieben Tage der Schöpfung (Gen 2,2–3 ELB), die sieben fetten und mageren Jahre (Offb 1,4 ELB); das Buch mit den sieben Siegeln (Offb 5,1 ELB) und die sieben Engel, die sieben Schalen göttlichen Zorns auf die Erde gießen (Offb 15,7 ELB). In der Musik ist die Septime das Komplementärintervall zur Sekunde und drückt wie diese eine größere Spannung aus als etwa Terzen oder Quinten. Vom „verflixten siebten Jahr“ jetzt gar nicht erst zu reden …

Klaus Anders hat den „Séptimas“ seinen neuen, in der Edition Rugerup erschienenen Lyrikband gewidmet, ein Buch, das auf 120 Seiten ausschließlich poetische Siebenzeiler enthält, womit eine Facette dieser Arbeit schon a priori deutlich wird: es geht um konzentrative Verknappung, es geht nicht um – wie auch immer ausladende – Ausführlichkeit; es geht um kurzes Antippen; es geht nicht um festes Vernetzen. Nicht zufällig findet sich auf dem Cover des Buches die Darstellung einer japanischen Zeichnung von 1820 mit dem Titel: „Carp Trying to Swim up a Waterfall.“ Der große, dunkle, aber doch auch etwas ungelenk scheinende Karpfen, der den Weg des Wasserfalls von unten nach oben in Angriff zu nehmen versucht, ist sicher nicht nur ein Symbol für manches, was in den Texten als Weltsicht anklingt, sondern er spielt zugleich auch auf den Minimalismus in der japanischen Poesie an, wie ihn insbesondere ja der Haiku zum Ausdruck bringt.

Und auch wenn Anders mit den Siebenzeilern eine etwas längere Form gewählt hat: das absolut konsequente Einhalten genau dieser Form gibt dem Buch den Charakter von Exerzitien, Meditationen und Reduktionen. Die Unterteilung ist gleichfalls puristisch: es gibt einen Teil I, einen Teil II und am Ende – quasi in Teil III – sieben Siebenzeiler, die sich auf japanische Dichter des 17. bis 19. Jahrhunderts beziehen.

Die Atmosphäre der Siebenzeiler ist oft von einem sensitiven Bewusstsein von Vergehen und Verfall geprägt:

So verachte die Mühe,
überwinde sie, sagte er, lass
die anderen nichts davon spüren.
Am nächsten Tag war er tot.
Vom Gerüst gefallen. Oder war
er gesprungen? Auf einem Zettel:
Bald schon werden sie brennen.

Zugleich gibt es aber auch eine akzeptierende Gelassenheit gegenüber den natürlichen Prozessen von Entwicklung, Hindernisüberwindung und (Ver-)Gehen:

Sechs Stufen genommen, doch
die siebte ein ganzes Gebirge;
Lawinen, Pässe vom Schnee verweht,
Blindpfade, Sturz und Felsschlag.
Aber nein, geh nur, sie ist so leicht
zu nehmen, du wirst sie nicht spüren,
dein Fuß streift kaum die Gräser.

Der Zahl „sieben“, die sich hier nach den „sechs Stufen“, die „genommen“ sind, mit dem „ganzen Gebirge“ verbindet, kommt dabei auch insofern eine besondere Bedeutung zu, als der Autor sich selbst in seinem siebten Lebensjahrzehnt befindet.

Durchgängig zentral sind in den Siebenzeilern von Klaus Anders Bilder, Motive und Geschehnisse der Natur:

Zu sehen lernte er von
der Flunder, ein Auge schaut nach vorn
in den Meernebel voller Irrlicht,
und das andere zurück:
im Sonnenwind wehende Felder,
das Pochen an Türen nachts, Asche
erloschener Vulkane.

Oder hier:
Tief im Auwald fand ich
einen Weiher, Wasser klar und
dunkel, es quoll darin und trieb
die Blätter an den Rand,
ich stand und stand und wurde Schlick
und Fisch und Wasser, Quelle, aus der
Fuchs und Weide trinken.

Erkennbar wird an einem Gedicht wie „Tief im Auwald“ dabei nicht nur das Bewusstsein der Verwurzelung und, mehr noch, des zumindest punktuellen Einsseins und -werdens des lyrischen Ichs mit der Natur, sondern zugleich auch eine wichtige Eigenart der Kompositionen des hinter dem lyrischen Ich stehenden Autors: Auch wenn sich die Séptimas fast wie Prosa lesen lassen, sind sie doch lyrisch subtil durchkomponiert, wie etwa hier die Alliterationen (Weiher, Wasser…), die Binnenreime (Rand, stand, stand…) und die Assonanzen (Schlick, Fisch, trinken…) zeigen.

Anders verzichtet auf alles Spektakuläre, Hochgeschraubte, High-Poetry-Tech-Konstruierte ebenso wie auf alles Betont-Nüchtern-Prosaische oder Programmatisch-Emotionsneutralisierte. Er versammelt ‚einfach“ Siebenzeilen-Impressionen in seinem Buch: poetische Wahrnehmungs-miniaturen, die miteinander über die Seiten des Buches und die Assoziationen der Lesenden in ein rhythmisch-atmosphärisches Wechselspiel treten und zeigen, dass durch die Verwebung von sieben (scheinbar) kleinen Schritten eine ganz erstaunliche Schöpfung entstehen kann. Poesie mit / ohne Zahlenmystik.  


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