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Klaus Anders: Séptimas (2)

Rezensionen/Verlage


Timo Brandt

Klaus Anders: Séptimas. Berlin (Edition Rugerup) 2020. 123 Seiten. 17,90 Euro.

Die große Anwesenheit


„Und die kostbaren Worte?
Du kannst sie nicht heben. Was tust du
Lässt sie liegen, packst dich voll mit den
leichten, den federleichten,
bis du kaum noch kannst. Aber du wirst
glänzen in deiner Belesenheit,
unaufhörlichem Wortfluss.“

„Wie fern ist uns das Leben doch, obgleich wir es sind, die es leben – ich wäre nicht überrascht, stellte sich dies eines Tages als Irrtum heraus.“, schrieb Jorge Luis Borges in einem Essay über die Zeit. Doch welcher Irrtum ist gemeint: der Irrtum, wir seien fern dem Leben, derweil wir es oft so empfinden, oder irren wir, wenn wir glauben, wir seien es, die unser Leben leben? Beide Überlegungen führen auf spannende Pfade, wir wollen aber bei der ersten Interpretation bleiben. Ein Großteil der bisher geschriebenen Dichtung entstand, so meine ich, auch im Versuch, die Ferne zum eigenen Dasein zu überwinden, und ist also ein Beispiel für Meditation, aber auch Kontemplation.

Kontemplation, die Kunst der konzentrierten inneren Wahrnehmung, ist nicht nur eine zentrale Komponente der Dichtung, sondern eben auch ein essenzieller Bestandteil der menschlichen Erfahrung, des Strebens nach Wissen, nach Gewissheit, nach Vollendung. Meiner Erfahrung nach hat Kontemplation viel mit der Auflösung des Ichs zu tun, obgleich es auch nicht unschlüssig ist, zu behaupten, dass Kontemplation meint, das Ich auf alle Eindrücke und Erscheinungen auszudehnen, bis alles um einen herum damit zu tun hat (vielleicht ist zweites aber auch dasselbe wie erstes, andersherum gedacht).

„Doch ich wurde ein Zaunkönig,
der im Winter, Angst und Finsternis
vertreibend, aus Unterholz seine
einzig Strophe schmettert.“

Damit die Essenz der Wahrnehmung, der unberührte Moment, nicht von den Worten überlagert, nicht zu sehr ausgeschmückt und in seiner Flüchtigkeit wirklich festgehalten wird, haben sich im Japanischen die sehr kurzen Gedichtformen Haiku und Tanka (ersteres aus letzterem) entwickelt. Klaus Anders‘ „Séptimas“ verstehen sich, meiner Ansicht nach, zumindest in Teilen, in deren Tradition. Wo Haiku (zumindest in deutschen Übersetzungen) klassischerweise drei Zeilen haben und Tanka fünf, haben Anders‘ Gedichte immer sieben Zeilen (wenn meine Zitate also kürzer sein sollten, handelt es sich um kein ganzes Gedicht).

Haiku und Tanka sind nicht nur Wahrnehmungs-, sondern auch Gedankenlyrik. Es geht nicht nur um das Festhalten von Bildern, sondern auch um die Wirkung von Eindrücken auf den Geist: wie sie Erinnerungen hervorrufen, Sterblichkeit und andere Entitäten versinnbildlichen, Erfahrungen wieder vor Augen führen. Dies betone ich, weil Anders‘ Gedichte neben Szenen aus der Natur auch Überlegungen und Empfindungen, ja sogar manches Bilanzziehen abbilden. Ihre meditative Aura erstreckt sich also nicht nur auf Momente, sondern auch auf Gedankengänge, ganze Lebensläufe.

„Die Apfelblüte
unter einer Haut aus Eis besteht
die frostklare Nacht, du spürst sie nicht,
du spielst in deinem Sommer.“

„Und kaum traf
sein Blick einen Mistkäfer, eine Schwalbe,
mittags das Zickzackspiel der Fliegen,
war er gesund und hellwach.“

Auffällig ist dabei, dass Anders sehr unterschiedliche Personalpronomen verwendet. Es gibt Ichs, aber auch Dus, einige Ers, einige wenige Wirs. Diese Variation entpuppt sich mit der Zeit (auch wenn dies nicht die einzige Lesart ist) als sehr umfassende Darstellung eines Ichs, das manchmal von Erlebnissen überwältig und durchdrungen wird, mal sich denkend mit ihnen konfrontiert sieht, sie manchmal lediglich von fern erinnert, sich damit in Beziehung setzt als etwas Vergangenem, sie und sich mal als Einzelwesen und mal als Teil einer größeren Gruppe wahrnimmt.

Es dominiert in den Gedichten ganz klar der elegische Ton. Einige klassische Motive von Elegien, wie etwa Vögel, tauchen sehr häufig auf. Die überwiegend behutsame Art der Texte wird immer wieder mal konterkariert von Momenten der Gewalt, bis hin zum Apokalyptischen, Abgründigen. Aber selbst in diesen Ausbrüchen steckt eine einfühlsame Note, die mitunter ein bisschen an die einfühlsame Rücksichtslosigkeit in den Tiergedichten von Ted Hughes erinnert.

„Gerüchte eilten voraus
von weither, die Plage kam, viele
starben. Wir erstarrten, hilflos
glaubten wir, schon getroffen
zu sein, in uns zu nähren, was uns
töten würde. Ich erwachte nachts,
schweißnass, das Herz im Galopp.“

„Ob davon was bleibt, fragst du nicht, Stein
wird zu Sand und Wasser zu Wüste,
ein argloses Wort zum Meer.“

Zwei zentrale Themen sind Alter und Tod, das memento mori als ständiger Begleiter der Texte, ein Akzent über vielen Wendungen. Die bereits erwähnten Vögel fungieren in diesem Kontext oft als Träger der Sehnsüchte, Ängste; in ihnen liegt der Wunsch aufzusteigen, zu entkommen, Abstand zu gewinnen. Gleichzeitig sind viele Gedichte auch schicksalsergeben, manchmal fast heiter, dankbar, und begeben sich schon vorab in die eigene Abwesenheit hinein, in der mitunter eine große Anwesenheit liegt, etwas Umfassendes hinter dem begrenzten Horizont des Ichs.
    Doch wird das Hadern selten gänzlich überwunden.

In einem Gedicht heißt es:

„Der ich bin: ein Nebel, den
ich nicht durchdringe. Und die Sonne,
die ihn schmelzen könnte, ist fern, scheint
immer da, wo ich nicht bin.“

Den Gedichten gelingen Momente, in denen der Nebel zumindest eine Spur heller wird. So ratlos sich viele der Texte auch geben, ihre unabweisbare Zärtlichkeit hat etwas von einem Leuchten, das den Nebel ein Stück weit auflöst. Das Unscheinbare, das oft umkreist wird, löst sich vom Scheinbaren ab und vollbringt für einen Moment eine Wahrhaftigkeit, die tief an den Gewissheiten rührt, oder sie angenehm beschwert.

„ihr lasst die Zügel schießen, fragt nicht,
ob euch was am Zügel führt.
Unwürdig fühle ich mich vor euch,
gehe beiseite, übe täglich
Reiten im Schritt, fehlerfrei.“

„Seine Bilder
reiten fernab, in Stille.“

Mit den „Séptimas“ legt Klaus Anders ein Buch voller flüchtiger, aber umso eindringlicherer Szenen, Geschichten, Gedanken vor. Sie sind in zwei Kapitel unterteilt, jedes davon enthält neunundvierzig (sieben x sieben) Texte. Abgerundet wird das Buch mit sieben Gedichten, die jeweils einem japanischen Dichter gewidmet sind.

Ich habe den Band mit großer Bewunderung gelesen. Diese beruht, so glaube ich, nicht auf einer Ehrfurcht vor den stilistischen Finessen oder der Weisheit dieser Gedichte, sondern hat etwas mit ihrer Nahbarkeit zu tun; einer Nahbarkeit, die in der Authentizität und Schlichtheit liegt, die diese Gedichte in jedem Moment bewahren, ohne dabei gefällig oder gewollt einnehmend zu sein.

Es gelingt Anders, die Ferne zum Leben gleichsam zu verdeutlichen und aufzuheben. „In allem liegt ein Scheitern, wenn man nach Triumphen sucht“, schrieb die großartige Virginia Woolf. Vielleicht ist Scheitern nur das Hoffen, einst und je zu triumphieren. Manche Gedichte von Anders handeln von diesem Hoffen, diesem Wunsch, seiner Schwere. Und manche erteilen ihm eine wunderbare Absage.

„Was ich bekam, hab ich weggeschenkt.
Was ich lernte, vergessen.
Siege, Niederlagen – was schert’s mich?
Du, meine Liebe, bist noch bei mir.
Das Leben war doch so schön.“


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