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Klaus Anders: Honigtriefendes Land

Diskurs/Poetik/Essay > Essay
Klaus Anders

Honigtriefendes Land
Tschernichowskis Poem 'Das goldene Volk'


Saul Tschernichowski (1875 - 1943), aus Taurien in der Ukraine stammend, hatte in Lausanne und Heidelberg Medizin studiert, war während des Ersten Weltkriegs Militärarzt in der zaristischen Armee, von 1923 bis 1932 meist in und um Berlin gelebt, von wo er nach Palästina - Eretz Israel übersiedelte. Eines seiner Spätwerke ist das Epos "Das goldene Volk", 1936 bis 1941. Hier verwebt der Dichter Erinnerungen seiner Kindheit und Jugend, den Auszug der Juden aus Europa und den Aufbau des neuen Staates Israel mit dem Leben der Honigbiene, deren "Staaten" sich im Frühjahr teilen und durch Auszug eines Teils der Population und einer Königin neue Kolonien bilden können.

Tschernichowski schrieb dieses Werk im askenasischen Hebräisch, einer zur Zeit der Entstehung bereits toten Sprache, denn etwa ab 1910 hatte sich der sephardische Akzent durchgesetzt. "Während der Wortakzent im askenasischen Hebräisch variabel ist, liegt er im sephardischen Hebräisch mit einigen Ausnahmen auf der letzten Silbe", schreibt der Übersetzer Jörg Schulte im Kommentarband der prächtigen Werkauswahl, die vor kurzem in der Edition Rugerup erschien. Das erschwere die Rezeption des Werkes in den hebräisch sprechenden Regionen bis heute, da sich der Rhythmus nur dem erschließe, der die Verse mit dem askenasischen Wortakzent lese. "Hat der Hexameter seit jeher die Spannung zwischen den antiken Sprachen und der modernen Sprache des Übersetzers transportiert, trägt das Versmaß bei Tschernichowski einige weitere Schichten. Wenn Tschernichowski die taurischen Juden in das Licht der homerischen Sonne taucht, hat die erste Übersetzung bereits stattgefunden. Seine Heldinnen und Helden sprechen Jiddisch, Russisch und Ukrainisch; Tschernichowski gibt ihre Sprachen wieder, indem er unterschiedliche Schichten des Herbäischen sowie aramäische Ausdrücke verwendet (letztere stehen dort, wo die Helden Russisch sprechen). Dabei war er überzeugt, dass ihre Sprache – das Hebräische – in einem frühen mediterranen Kulturraum in kulturellen Kontakten mit dem griechischen gestanden hatte."

*

Das Epos ist gegliedert in sieben Kapitel, Tore genannt, und einen Epilog, womit er vielleicht an die sieben Stadttore Jerusalems anspielt (das achte verschlossen bis zur Ankunft des Messias). Es ist ein Werk mit zahlreichen Bezügen zur Bibel, die nach Ansicht Tschernichowskis nicht nur ein religiöses, sondern als religiöses auch ein poetisches Werk ist, eine Erkenntnis, die auch z.B. der europäischen Bibelrezeption der Renaissance nicht verborgen geblieben war. Aber wie oft gehen nicht solche Erkenntnisse wieder verloren, entweder für immer oder für lange Zeit. Religiöser Fundamentalismus sowie kruder Rationalismus verneinen und bekämpfen die Poesie. Als Inspirationsquellen des Epos wären zu nennen Hesiods Schriften, Aristoteles' "Tierkunde", worin er den Tanz der Bienen beschreibt, dessen Sprache dann mehr als 2000 Jahre später durch Karl von Frisch entschlüsselt wurde, auch Maeterlincks "Leben der Bienen" und das vierte Buch von Vergils "Georgica".

Das Adjektiv golden hat im Epos verschiedene Bedeutungsschichten, es drückt Hochschätzung aus, steht mitunter für Heiliges, wie der Tisch in der Stiftshütte mit den Schaubroten und den "goldenen Rohren", gefüllt mit Manna, steht für den goldenen Samen, aus dem die Schöpfung erwuchs, auch für das Behagen, die Wärme, das Geborgensein (trotz allem) in der Welt, steht aber auch im einfachen Sinn für eine Farbwahrnehmung: der goldene Honig, die goldenen Bienen. Aber sind Bienen "golden"? Wenn wir in unseren Breiten Bienen sehen, so erscheinen sie meist grau bis schwarzbraun. Die Honigbienen Israels, die mittlerweile vorherrschende Italienerbiene (Apis mellifera ligustica) sowie die traditionelle syrische (A. mellifera syriaca) fallen durch zitronen- bis goldgelbe Hinterleibsringe und Behaarung auf.

Die Geschichte der Bienen wird bedacht und beschrieben, seit sie eng mit der Geschichte der Menschen verwoben ist. Die Jäger- und Sammlergesellschaften ernteten Honig von Wildbienenvölkern. Erst Landbau und Sesshaftigkeit führten zu ersten Versuchen, die Biene in der Nähe menschlichen Kulturlands zu halten. Bereits die ägyptischen Hochkulturen kannten die Wanderimkerei: Bienenvölker, die in Tonröhren siedelten, wurden auf Kähnen zu den jeweiligen Blütengebieten längs des Nils transportiert, die Griechen hoben die Imkerei auf ein bis dahin unbekanntes Niveau. Aber das Volk der Bienen ist älter, davon spricht das erste Kapitel.

"Ehe der Mensch auf der Welt war, besaß es ein eigenes Stammbuch,
früher als griechische Listen, geritzt noch in Marmor und Kupfer,
und als die Sprache der Lieder in Kanaans kunstvollen Zeichen
älter sogar als die Schriften Ägyptens auf Stein und Papyrus,"
[…]                        Denn reiner und goldener Bernstein
trägt für das goldene Volk noch das Stammbuch vom Samland in Preußen,
dieses spricht stumm ein Gedicht von vor vielen tausenden Jahren,
aus einer Zeit, da die Wälder des Anfangs ihre Gesänge
sangen – im Oligozän. […]
…und überliefert im Mergel von Öhningen (Baden) aus Zeiten
des Miozäns und aus des Tertiärs einst glühenden Tagen."

Über die verschiedenen Bienenarten, meist solitär lebend, kommt Tschernichowski zur Honigbiene, nur sie ist "der immerwährende Vater all der Architekten". Und ihre Bewegungen in und über der Landschaft preist er, das Kapitel schließend, als einen Gesang, als "ein einziges goldenes Singen".

*

Im zweiten Kapitel grüßt er den Freund, der von weither kommt. Ihm erzählt der Dichter von seiner Kindheit in der Ukraine und vom gegenwärtigen Leben in Palästina. Die zeitlichen Tableaus der Erzählung sind im Wechsel verschränkt. Die Reichen haben Wein in ihren Kellern,

"Wir aber, einfache Juden im taurischen Dorfe, wir haben
weder den Weinberg noch Keller, so sind wir mit wenig zufrieden.
Doch auch ein Jude bewahrt seine Flasche mit der Monopolka,
mit einem Siegel des Zaren, dem Aufdruck und ihrem Korken,
vierzig Prozent und zweifach gebrannt…"

edler aber, und nur zu besonderem Anlass, die Flasche mit goldenem Pessah-Branntwein:

"Seelen belebte der Trank, er betörte selbst trockene Knochen."

Die größte Kostbarkeit war aber der Kirschlikör, den die Mutter herstellte.

"Von diesen Flaschen verbarg sie für alle die Schabbats im Winter
ein halbes Dutzend, versteckt in der Kühle der Tiefen des Kellers –"

dann aber von den "Gaunern der Revolution" gestohlen.

Und während er dem Freund sein Bienenhaus in Palästina zeigt,

"dreißig Bienenstöcke, die unter den Bäumen verstreut sind",
schweift der Blick über das Land der ersten jüdischen Siedler:
"Holzplankenbauten – der Sitz einer winzigen Zahl Pioniere
und Pionierinnen, müde, gebräunt, mit geschwollenen Beinen
ob ihres Schuftens. Sie kommen von sämtlichen Enden der Erde,
Kinder des großen Exils aller Enden des Himmels…"

Daran anknüpfend berichtet der Erzähler, wie er Imker wurde: Sein Großvater war der Nachbar eines christlich-orthodoxen Diakons. Zu ihm flüchtete sich der Junge, wenn der Großvater ihm zürnte. Der Diakon, Vater Antoni, bemerkt die Faszination, die die Bienen auf den Jungen ausüben, und beginnt, ihn die Imkerei zu lehren. Das Zusammenleben von Juden und Christen in der Ukraine war immer wieder von heftige Konflikten erschüttert. Es gab gute Nachbarschaft wie die zwischen dem Großvater und dem Diakon:

"Wäre da nicht eine Hecke (aus Weiden geflochten) gewesen,
keinerlei Grenze hätte die Gärten der beiden geschieden."

Der Gehstock des Diakons hat einen Griff mit hebräischer Aufschrift: "Kohen tzedek" [gerechter Priester],

                         "ein Erbstück von Vater Sergej, der bekannt war
für seinen Hass auf die Juden. Doch schützte er sie, als im Süden
erste Pogrome entbrannten."

Und Vater Antoni hegt die Hoffnung:

"es kommt noch der Tag, da die Feste uns allen gemein sind."

*

Das dritte Kapitel trägt den Titel "Honiglieder". Es ist Mittag, die Stunde der Ermattung für alle Warmblüter, aber hoher Aktivität der Insekten. Das Summen und Brummen erfüllt die Luft, und der Dichter beginnt darin Worte zu hören, Gesang. Sein Gefährte, ein junger Pionier (von dem später noch die Rede sein wird) fühlt sich erinnert an

"Verse aus Rom und Gedichte der Griechen".

Tschernichowski übersetzte die homerischen Epen aus dem Original ins Hebräische. "Die Übersetzung unterschied sich für ihn von allen anderen Übersetzungen dadurch, dass das Hebräische schon zur Entstehungszeit der homerischen Epen eine Kultursprache war" (Jörg Schulte). Und so stellt er im dritten Tor den Gesang von dem Löwen, den Simson erlegt und in dessen Kadaver sich ein Bienenvolk niedergelassen hatte, neben Übersetzungen zweier Epigramme aus der Griechischen Anthologie und die "Ballade vom Bienenstock", die an das Lied der Lieder anspielt: Die junge Königin, die Weisel, trifft auf ihren "Gemahl", den Drohn:

"Er umarmt sie von zärtlichsten Worten umweht –
'Dich nur liebe ich…' – da er im Kusse vergeht.
Keine Liebe ist ihr gleich, im All, auf der Welt,
und kein Zweiter so schön und aus Tausend erwählt!"

Dass der Drohn im Begattungsakt stirbt, war zur Zeit der Entstehung des Epos schon bekannt. Tschernichowski konnte aber noch nicht wissen, dass die Königin sich nicht nur einen "Gemahl" erwählt, sondern sich während des Begattungsfluges mit zehn bis fünfzehn, gar zwanzig Drohnen paart. Die Mehrfachpaarung wurde erst 1954 von Hans Ruttner und Maryan Alber an Bienenvölkern auf der Insel Vulcano nachgewiesen. Die Töchter einer Königin, also die Arbeiterinnen und die nächste Generation von Weiseln, sind teils Ganz-, teils Halbgeschwister. Genetische Vielfalt fördert die Anpassungs- und Widerstandsfähigkeit eines Bienenvolkes und damit sein Überleben. Die Söhne (Drohnen) gehen aus unbefruchteten Eiern hervor, sie sind haploid.

*

Das vierte Tor ist der Imkerei gewidmet - wie das vierte Buch der "Georgica".

Der Dichter lernt die ersten Fertigkeiten und die Kenntnisse, die man für den erfolgreichen Umgang mit Bienen braucht. Vater Antoni spricht von der Wichtigkeit der Theorie, sagt aber auch: "Folge den Weisen nicht so, wie die Färse [junges Rind, das noch nicht gekalbt hat] den Schritten der Kuh folgt…".

Es ist in den letzten Jahren Mode geworden, über Bienen zu schreiben. Bei manchen Autoren handelt es sich dabei um die Wiedergabe angelesener Kenntnisse, die aufgrund geringer oder fehlender praktischer Erfahrung in der Imkerei nur unzureichend verdaut wurden. Anders bei Tschernichowski. Die überwältigende Fülle der Details und ihr passgenauer Sitz in der Darstellung bezeugen den langjährig erfahrenen Praktiker.

"Wer bereits Imker ist, kennt die Natur seiner goldenen Bienen:
Niemals wird sie dich stechen, so lange du ruhig bist, so lange
du ihr nicht Schmerzen bereitest, so lange, wie du sie nicht fürchtest,
wird dich das Unheil ihrer Berührung nicht treffen, vertrau mir."

(Hier spricht er offenbar von der Italienerbiene, die syrische ist aggressiver. Nicht immer genügt es bei letzerer, ruhig und fehlerfrei zu handeln, ohne dass sie zur Abwehr übergeht. Auch andere Rassen, z.B. die nordafrikanische Tellbiene und die heutige Biene Süd- und Mittelamerikas, eine Hybride aus afrikanischen und europäischen Bienen, auch bekannt als Killerbiene, können sich äußerst aggressiv verhalten.)

"Doch ein erfahrener Imker vertraut den Bewohnern des Stockes,
und auch die Bienen vertrauen dem Imker, erkennen den Imker
schon von dem Augenblick an, da er sich unter ihnen befindet,
(…)
und auch sein Duft wird vertraut, sein besonderer Duft, der nicht ausbleibt."

Das nötige Werkzeug wird aufgelistet und bewertet, unter vielen anderen braucht der Imker:

"… zwei Näpfe für Futter: ein großer, ein kleiner, metallen
nach der Methode Dadants oder Siebenthals neuer Methode,
oder der Doolittle-Satz mit den breiteren seitlichen Rahmen,
oder vom Holzstück gefertigt nach Jarcev oder nach Miller."

Ein besonderes Erlebnis für jeden Imker (und Betrachter) ist der Auszug eines Schwarms im späten Frühjahr oder im Frühsommer. Die alte Königin zieht noch vor dem Schlupf der ersten jungen Weisel, in der Regel ab dem neunten Tag nach der Eiablage in Weiselzellen, mit einem Teil des Volkes aus. Der Auszug, der gewöhnlich um die Mittagszeit bei sonnigem Wetter stattfindet, wirkt wie ein überstürztes Losbrechen. Tage vorher stellten die Bienen das Sammeln ein, die Königin unterbrach die Eiablage und wurde schlanker und damit wieder flugfähig. Der Schwarm hängt sich zunächst in der Nähe des Muttervolkes auf. Spurbienen sind schon auf der Suche nach einer neuen Behausung. Die Entscheidung zwischen mehreren möglichen Unterkünften fällt gewissermaßen per Akklamation: Spurbienen berichten (Tanz) von ihren Erfolgen, die Unterkünfte werden von weiteren Bienen aufgesucht, und es wird schließlich jene gewählt, die von den meisten Bienen besichtigt und am eifrigsten (Intensität des Tanzes) beworben wurde.

Hier leitet Tschernichowski über zum Auszug Israels:

"Dies ist die Reise des Schwarmes, hinaus aus der Weite und Fülle
auf das Geheiß des Herren der Bienen. auf das der Geschichte
ziehen auch unsere Schwärme, den einstigen Stock zu erneuern."

Der Aufbau eines Stützpunkts in der kargen Landschaft durch enthusiastische, aber im Praktischen oftmals unerfahrene junge Leute bildet den Abschluss dieses Kapitels. Der Erzähler sieht die Jungen sich abmühen mit dem falschen Werkzeug, ohne zureichende Kenntnisse. Aber er hält sich zurück, gibt nur sparsam einen Ratschlag, will nicht den alten Besserwisser spielen, denn junge Leute lassen sich nicht gern etwas sagen:

                                "Um die Enttäuschungen nicht zu bezeugen,
ging ich nun fort, mein Herz aber hörte nicht auf, sie zu segnen."

Die Jungen wollen ihre Erfahrungen selbst machen, und am Ende kommt die Sache doch voran:

"Bauten die einen den Zaun, so bereiteten andere Bretter
für eine Hütte für Kinder, montierten die Balken der Decke,
fügten nun Ziegel an Ziegel und steckten geschnittene Bretter
eilends auf ihre Nieten. Das Arbeitsfieber befiel hier
jeden, der kam, sogar eine Faulenzerschar: Denn sie beugte
unter der Wand, die beständig von Wagen, die kamen, gebracht ward,
und unter Balken den Rücken."

*

Das fünfte Tor öffnet sich wieder dem Blick in die Vergangenheit. Vater Antoni, alt und gebrechlich geworden, in der Einsamkeit des Alters, die meisten seiner Generation gestorben, spricht mit dem jungen Dichter:

"Jetzt aber goss jener Alte im Dunkel der Steppe in mein Ohr,
was ihm zu sagen verblieb auf unserer trostlosen Erde,
auf der die Farben verblichen, die leer war ohne Bekannte.
Fremd war sein Leben geworden. Gebannt von den seltsamsten Dingen
blieben ihm nur seine Brüder: die Bäume."

Der Junge hört dem Alten zu, vernimmt aber zugleich im Gesang der sie umgebenden schwirrenden Bienen noch etwas anderes: "Honigtriefendes Land…"

"'Honigtriefendes Land' war ein Lob des gesegneten Landes.
Und ich vernahm auch das Summen inmitten der Stöcke in Dickicht,
Obstbaumgarten und Feld und in einem Kadaver des Löwen …
Eh ich die Worte verstand…"
[…]
"Und es kann sein, dass schon damals die Funken das Herz überkamen,
als ich mit Vater Antoni am Abend dem Bienenstock lauschte,
lange bevor ich verstand und auch lange bevor ich sie kannte.
Ihre Bestimmung erfüllend geleiteten sie mich fast blindlings
bis zu dem hiesigen Stock, hier in unserem heiligen Lande."

Das Kapitel schließt mit der Erzählung von einem Opfer. Auch hier klingt das vierte Buch der "Georgica" an.  Dort war es Aristaeus (Aristaios), Sohn des Apollo und der Nymphe Kyrene, Gott der Imkerei, der Schafzucht und der Olivenanbaus, dessen Bienen durch eine Seuche umgekommen waren, und der auf Befragung des Proteus erfuhr, dass dies die Strafe der Waldnymphen war: durch seine Schuld nämlich war Eurydike zu Tode gekommen. Zur Sühne sollte er vier Stiere und vier Kühe opfern und die Kadaver liegen lassen. Nach neun Tagen findet Aristaeus die Kadaver von Bienen besiedelt.

Bei Tschernichowski wird mit dem Opfer der Satan besänftigt. Vater Antoni fordert den Jungen auf, in der Nacht mit ihm zu kommen. Bald werde der erste Schwarm abfliegen, den müsse er dem Satan opfern, damit die anderen unbehelligt bleiben. Dieses Opfer ist ein symbolisches. Vater Antoni packt Lumpen und Kleider in ein Sieb und versenkt es im Beisein des Jungen.

"Vater Antoni erhob seine zitternde Stimme und schaute:
– 'Hier, ich habe das deine gebracht!' – und er sagte es dreimal,
warf jenes Sieb in den Fluss, warf es weit von uns fort – und dort sank es.
Und wir besahen die Stelle: Im Augenblick war es verschwunden.
Kurz nur schien mir, es sei eine Hand, die dünn war und struppig,
aus jenen Tiefen entsprungen, den Schwarm und das Sieb zu ergreifen.
[…]
Wiederum schritten wir stumm und verwirrt auf dem Wege nach Hause,
dort aber war noch ein Wesen, doch dieses erblickte ich nicht mehr,
hörte nur leise das Echo der Schritte und spürte den Atem
auf meinem Rücken, der Atem war heiß – und oft unterbrochen."

*

Im sechsten Kapitel lässt Tschernichowski den schon genannten jungen Pionier auftreten, der "bei uns ein ständiger Gast war". Ein schweigsamer Mensch, der gern allein zum Bienenhaus ging, dort saß und lauschte, manchmal vor sich hin sprach. Bis der Dichter ihn eines Tages fragt, woher er komme. Er antwortet:

"– 'Freund, ich vernehme das Lied dieser Bienen, und tief in den Ohren
singen die Kugeln von Tschongar, es bellen Maschinengewehre
über den Lagern und Gräben an einem der Tage im Winter,
Stimmen der Leiden im Krieg, da die Roten die Weißen bekämpfen."

Dem Gesang der Bienen lauschend, fragt er sich, ob er nur von Bestärkung und Zuspruch singe, nicht auch von der Verzweiflung jener, die selbst ihrer Seele entsagten zugunsten ihres Gemeinwesens:

"Sind es nicht Lieder von Sklaven, in Furcht um der Art Überleben"?

Er hört aber auch darin (als "ein Echo des Echos") die Funken des Aufstands, des Widerstrebens, bevor sich der Einzelne von seinem Dasein lossagt, "von Liebe, von Leben und Freiheit", eines Aufruhrs, der ein Krieg aller Bürger gegen den Herrscher ist.

Und der Junge spricht über seine Befürchtungen:

"Wird nicht am Ende der Menschen ein menschlicher Bienenstock stehen…
Hier ist vielleicht auch das Ziel allen Strebens und Hoffens des Menschen:
Wahres – auf Weisung, nach Normen, im Rahmen von blindem Gehorsam,
Kinder ganz ohne das Lachen der Mutter, den Schutz ihrer Eltern,
Schwangerschaft nur auf Befehl des Befruchters, entsprechend der Auswahl
hoher Verwaltung, gar durch Injektion durch die Hand eines Fachmanns.
[…]
Kennt denn die Welt nur das Freie der Knechtschaft? Und Knechtschaft der Freiheit?"

Die düstere Vision des jungen Pioniers angesichts des Siegeszuges totalitärer Ideologien und Regimes scheint uns in diesen Tagen wieder nahegerückt zu sein: in der totalen Überwachung und Lenkung des Individuums, die das digitale Zeitalter in bisher ungekannter Weise ermöglicht und realisiert, in der Herausforderung der freiheitlichen Demokratie durch autoritär geführte Staaten.

Der Dichter und Imker versucht diese Gedanken zu zerstreuen und gibt dem jungen Mann den Rat:

"– 'Gehe und liebe ein Mädchen…' – 'Ich habe ein Mädchen … und liebe.'
' […] Nun pflanz einen Baum, und du pflanzt nicht nur einmal.
Denn wer im Land einen Baum kultiviert, der schlägt dort auch Wurzeln,
ehe der Baum fest verwurzelt, erwachsen dem Körper schon Wurzeln.'"

Er spricht auch zu dem Mädchen:

"'Bleibe bei ihm, so wirst du gebären…' – 'Ich … ich… ich… er will nicht'".

Die junge Frau ist fügsam und meint, der Mann sei das Haupt, die Frau der Nacken. Worauf der Ältere erwidert:

"Geht denn der Kopf nicht stets dorthin, wohin auch der Nacken sich wendet?
Weise erfüllt eine Frau unaufhörlich den Willen des Mannes,
aber ihr Mann will stets allein das, was sie schon geplant hat.
Nehme all dies in die Hand: Eine Frau, welche stark ist und weise,
führt die Befehle im Hause. Um all die Geschöpfe zu lenken,
die stets glauben, dass sie – nur die Männer – im Hause bestimmen,
denen die Zuversicht fehlt (oder nur auf die Hose beschränkt ist)."

Später führt der junge Pionier den Dichter in den Kibbuz, um ihm "unsere Bienen" zu zeigen. Sie besuchen eine Frau mit Kindern, die im aufopfernden Dienst für die Gemeinschaft vorzeitig gealtert ist, dargestellt im sehr drastischen Bild einer Frau, die sich zur Hingabe an einen ungeliebten, ihr widerlichen Mann zwingt, um Mitglied der Gemeinschaft bleiben zu können:

"Sie aber kniff sich und kniff sich, um jenen gewaltigen Schauder
in ihrer Seele verstummen zu lassen, die riesige Abscheu…
Dann aber gab sie ihm nach – und empfing, nur um ihren gequälten,
ehrlosen Körper nun ganz zu betäuben… erst zweimal, dann dreimal…".

Weiter kommen sie zu einem Mann, auch er alt inzwischen, der in seiner Jugend in Europa als ein Genie galt, "Hoffnung aller Jeschiwa-Studenten", dann aber Zionist wurde und nach Palästina in einen Kibbuz ging, dort niedere Arbeit verrichtete, niemals heiratete, sondern mit der Gemeinschaft "verheiratet" war.

"Und seinem Auge, das nichts als die winzigen Buchstaben kannte
– Zeilen mit Schwärze gedruckt auf die Bögen für den Folianten –
öffnete jäh sich die Freude an loser, gewendeter Erde
und an vom Traktor (der schwer war vom Eisen) gezogenen Furchen,
und an dem Glanze der Wildnis des noch nicht befestigten Weges,
der auch den Hügeln und Flüssen begegnet, der stumm ist und wachsam,
wie eine freundliche Hand, die von Kibbuz zu Kibbuz gestreckt ist."

*

Das siebte Tor ist das Tor zur Hochzeit. Der junge Pionier und seine Braut heiraten, der Dichter ist eingeladen. Während er auf das Eintreffen der Brautpaare wartet, löst er sich von der Gesellschaft und geht ins Freie.

"bald war ich fern von dem Saal und den niedrigen Hütten, und einsam
war meine Seele und öd. Es erstanden jetzt vor meinen Augen
fern all die Hochzeitsfeste, die ich als Junge gesehen,
und ich vernahm Melodien der Lieder, die ich einst vernommen
in einem riesigen Raum – hoch über den Weiten der Steppe,
all jene Freylekhs mit all ihrem Jux, dem Hurra und der Freude
und mit der Tiefe der Trauer, mit all ihrer menschlichen Schwermut…"

und von all den Instrumenten, die zum Tanz aufspielen, ist eines ihm besonders lieb:

"Doch nur der Geige, du weißt es, ergeht es wie uns auf der Erde."

Er vergleicht die Völker der Erde mit einem Orchester, jedem Volk entspricht ein Instrument: die Klarinette den Italienern, den Franzosen das Horn, die Harmonika Russland, den Briten der Kontrabass, Polen die Bratsche.

"Doch die germanischen Stämme sind wie die Trompete aus Messing,
kalt von geballter Gewalt, die vor allem Befehle verkündet,
grausames Flüstern kaschiert sie im Flüstern von Kohlen, verborgen
unter dem Tuche aus Schnee – und dem Eis, in dem uralter Zorn friert."

Tschernichowski schrieb das Poem von 1936-41, er wusste wovon er schrieb. Doch zuletzt kommt er wieder auf die Geige, und an dieser Stelle kommt mir Tschechows Erzählung "Rothschilds Geige" in den Sinn:

"Wir sind die Geige – die Juden, es gibt auf der Welt kein Orchester,
das nicht noch weint im Geheimnis der Geige […]
Fein ist die Stimme – im Innern erzittern erdrosselte Klänge:
Klagen der Generationen – so liegt in ihr Ende und Anfang
eines Gebets der in Sehnsucht zum Horizont strebenden Seele."

Von hier geht er über zur "Hochzeit der Hochzeiten", dem Begattungsflug der jungen Bienenkönigin. Eine junge Weisel, die im Stock schlüpft, tötet zuerst mit ihrem Giftstachel die noch nicht geschlüpften Weiseln – woran sie manchmal aber auch von Arbeiterinnen gehindert wird, dann schlüpfen mehrere und es gehen nach dem ersten Schwarm mit der alten Königin noch ein oder mehrere mit jungen Königinnen ab. Die Weisel benutzt ihren Stachel nur für diesen "Schwestermord", der Imker kann sie unbesorgt mit den Fingern ergreifen, sie wird ihn nicht stechen. Etwa eine Woche nach dem Schlupf ist sie reif für die Begattung. Sie fliegt bei sonnigem Wetter um die Mittagszeit los zu einem sogenannten Drohnensammelplatz.

"Urplötzlich riss sie sich los, mit gestreckten und gläsernen Flügeln,
warf sich hinan zum Saphir ihres Himmels und stieg immer weiter,
hoch und noch höher. Sie hob sich empor und sie drang durch die Bläue,
stieg und war trunken vom großen, der Sinne beraubenden Lichte,
hob sich betäubt von der Fülle der reinen und duftenden Lüfte,
schwebte auf Flügeln der Liebe – der ersten und letzten im Leben."

Bis heute ist nicht geklärt, wie diese Sammelplätze (alles findet im Flug statt), die sich manchmal über mehrere Jahre am selben Ort befinden, mit bis zu 20.000 Drohnen aus verschiedenen Bienenvölkern zustande kommen.  Sobald sich eine Weisel nähert, fliegen die Drohnen ihr entgegen, angelockt durch Pheromone, die sie verströmt. Für Tschernichowski ist es noch der eine Drohn, den die Weisel als den ihren erkennt, "den prächtigen Ritter, den herrlichsten aller", und sie gehen fino in fondo.

"Dann aber stieg sie hinab auf das Flugbrett des Stocks: Auf der Schwelle
eilten die Wächter, den Weg zu bereiten, erkannten die Weisel,
standen im Halbkreis, wichen zurück und verneigten sich vor ihr."

Auch hier sind es Pheromone, an denen die Bienen des Stocks die Königin erkennen. Ein Volk ohne Königin ist unruhig, "heult". Ist eine gesunde Weisel im Stock, sind die Bienen ruhig, man hört es, ein tiefes, zufrieden wirkendes Summen.

*

Epilog: Auch sie sind Bienen.

"… Auch wir, die Geringsten, die Kleinen und Dummen,
einfache Menschen des Volks, die jeglicher Würde entbehren,
denen noch unbekannt ist, was im Anblick der Großen zu tun ist,
brauchen noch einen Patron, jenen einen, der für uns einsteht,
auch in Zeiten des Unglücks… ein Retter…"

Der Chassid hat seinen Zaddik, und die Gojim haben die heilige Mutter und alle Heiligen für jede Gelegenheit und Notlage, und ob die Araber Heilige haben, wisse er nicht:

"Vater Anoni verfügte noch über spezielle Patrone:
Flor und Lavr beschützten den Stall und sein Ziegengehege,
zwei, Zosima und mit ihm Savvatij, bewachten die Waben."

Aber was, wenn man keine solchen Patrone hat? Denn

                                    "…ich bin ein einfacher Jude,
der weder Heilige hat noch Ikonen im Winkel des Zimmers…"

Nun, der Dichter hat eine "Gründerkiste", in der er seine Ersparnisse sammelt. Was für den Einzelnen gilt, gilt für das große Ganze, fügt er mit feinem Schmunzeln hinzu: die praktische Solidarität all der "Kleinen und Dummen". Der Jüdische Nationalfonds, gegründet und lange geführt von Menachem Ussischkin, für den die "Bienen" auf der ganzen Welt sammeln,

"um die Tropfen zum Schatz nach Jerusalem, zu uns zu bringen.
Komme der Segen auf sie und auf uns ein vielfacher Segen,
rasch und in unseren Tagen, auf Israel, Amen und Amen."


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