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Katharina Kohm: Phosphor, ein Übergeben

Rezensionen/Verlage


Fabian Widerna

Katharina Kohm: Phosphor, ein Übergeben. Gedichte. Vechta (Geest Verlag) 2019. 69 Seiten. 15,00 Euro.

Gleißende Objekte, oder gespenstische


Es ist meistens schwer, der Lektüre eines, wenn dann auch noch komplexen, Texts ein Zentrum zu geben, gerade wenn sich wiederholte Metaphernfelder von der Autorin nicht definitiv genug vor den poetologischen Karren gespannt zeigen, dass man sich die Mühe sparen könnte, selbst nach weniger vordergründigen Motiv- und Themenkomplexen zu suchen, die dem vorliegenden Lyrikband nichtsdestotrotz aber, wenn nicht zu Grunde, so doch eingebettet liegen. Dabei liegt es nahe, ausgehend von den Eingangszitaten über die durchgehende und nummerierte Übertitelung der darauffolgenden Kapitel, die zwischen „1. Abgang“ und „13. Aufgang“ 11 Phosphor-verbindungen durchexerzieren, zumindest in einem ersten Lektüredurchgang, oder fast schon intuitiv, als Nebelkerzen abzutun, ohne der Autorin selbstverständlich, und ganz kann man nach erfolgtem literaturwissenschaftlichen Studium und zum Teil mit gutem Grund die Brutalität des barthes’schen Dictums nicht ablegen, eine mitunter mutwillige (Ab-)Lenkung des Leserblicks hin zu einer Lektüre, die das heimtückische Leuchten weißen Phosphors im Kontakt mit Sauerstoff überdeterminiert, zu unterstellen.
    Geschenkt, dass damit der im mytho-historischen Ursprung zunächst positive Zusammenhang mit den Schreibweisen phosphoros (Lichtträger) und eosphoros (Träger der Morgenröte), des Vorreiters des griechischen Sonnengottes, in der römischen Übersetzung Lucifer, und die durch christliche, alttestamentarisch fundierte Identifizierung des Morgensterns mit Satan aber ambivalent bis problematisch gewordene Konnotation von vorn herein ausgefällt wird –  während das Zusammenspiel der vorangehenden Domin- und Rilke-Zitate aber geradezu zu eigenwilligen Lektüren einzuladen scheinen, mehr noch aber eine Ambivalenz der Position (von Sprechern?) evozieren, auf die später noch einzugehen sein wird. Gleichzeitig wird der ethisch problematische Beigeschmack von Phosphor als Bestandteil in Brandbomben nirgends aufgerufen, oder, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen, die Knochennekrosen von Arbeitern in der frühen industriellen Herstellung von Streichhölzern im 19. Jahrhundert, was das Element der Gedichte, und vermutlich eher metonymisch, in den Kontext der biologisch essentiellen Phosphorylierung, dem Anhängen, man könnte auch sagen Übergeben, von Phosporylgruppen an organische Moleküle rückt.

Viele der Texte, als Weichen hat Timo Brandt sie in seiner Rezension des Bands für Fixpoetry¹ schön bezeichnet, setzen dementsprechend auf Mehrdeutigkeiten und Homophonien, die mal mehr, mal weniger offensichtlich bzw. forciert neue semantische Felder eröffnen, analog zu den biochemischen Vorgängen geradezu in energieangereicherte Verbindungen führen.
    Mal erscheint es daher mehr, mal weniger produktiv, den damit ausgelegten Spuren zu folgen, stellenweise fallen die Bezüge aber doch etwas unsauber gearbeitet, respektive überfrachtend oder willkürlich in den Text gesetzt aus (um nur einige Beispiele zu nennen:

Das Eau de vie; Pomme de terre (…) (13),
(…) Wo Brandung ist, ist Feuer niemals. (…)
(…) aufgelaufen suchst
Brenn-² und Feuersteine, auch wieder, weil die so heißen (27),
oder
Darum ist unser tägliches Leben Kampf gegen und um Einfluss
- Ausfluss.
Die Hülle der Marsmenschen, Schneekugel. Gestöber. (49)

dass der Verdacht aufkommt, es handle sich um der Wortspielerei, oder böser, Lückenfüllerei allein zuliebe verwendete Elemente, die in ihrer Sackgassenhaftigkeit ob der sonst unleugbaren Komplexität schlicht untergehen – oder stören.

Nicht dass das nicht beabsichtigt sein könnte, auch dafür finden sich etwa schon im zweiten, mit „malus sylvestris“ (13) und „crab apple“(14)³ nebenbetitelten zweiten (ersten Phosphor-)Zyklus Hinweise, zumindest wenn man dem Text unterstellt, die eigene Poetologie nicht nur durch-, sondern auch, allerdings angenehm enigmatisch kommentierend, auszuführen:

Zeichengehäuse allein anheimeln, Teehaus,
angehimmelte Tassen, die Stube sperrt sich auf, ein und
zu, aus Fallobst gebaut, vom Trampelpfad her gedacht,
keimt es, ein aufgeschlagenes Bett, Buch. Ein Spukhaus.

Das bleibt zu bemessen, begehen, das zu Begehende
passt zu Verbrechen: Apfelschalen brechen auf; krachen
im Namen Granat der Königin der Äpfel. Ein Eselsohr
merkt auf, wenn eingebrochen wird, ins Teehaus;
aufmerksam am Anfang, der da heißt:

Crab Apple […] (13f.)

Freilich wäre das keine strukturierte Poetologie, eher eine, die sich intuitiv oder en passant mit durch den Text nehmen lässt, und darin zeigt sich vielleicht eine der großen Stärken eines, das sei angesichts eines Kritikpunkts vorweg statt hintendrein betont, durchwegs starken Gedichtbands, dass semantische Komplexität hier beiläufig wie an den Folien alltäglicher Situationen und Empfindungen (oder Empfindlichkeiten) entlang aufgefächert wird, oder gleich zu humorigen Absurditäten ohne Bedarf nach hochtrabenden Konstruktionen oder Ironien, wie sie anderswo über Prätention und Manierismen oft nicht hinauskommen mögen.

Galeonenfest hakt die Krake sich unter das Holz und
kriecht über das Deck zum Bug und frag sie, harpunig,
nochmal, ob sie Lust auf Tee und Kuchen hätte. Es spukt.
„Nein, verzieh dich“, sagt sie, „ich bin beschäftigt. Ich
will das Meer erwischen.“ (25)

Und eben dieser Beiläufigkeit, mit der immer neue semantische Felder sich gewissermaßen als Gabelungsangebote einer geradlinigen Lektüre entgegensetzen, ist es vermutlich zu verdanken, dass die meist recht klaren, (auch innerlich) teils wild von Ort zu Ort springenden Bewegungen, die den Gedichten eine insgesamt recht disparate Räumlichkeit verleihen, bis zuletzt nicht langweilig werden.
    Fast liegt, um auf die ambivalente Sprecherposition zurückzukommen, die Behauptung nahe, die lyrische Instanz bespukte ihre Szenerien – wobei es sich dann um ein sehr weltgewandtes Gespenst handelte, weniger um den Stereotyp eines rachsüchtigen oder melancholischen, dessen traum- und alptraumhafte Verwischungen des (potentiell) Gewesenen sich eher auf das Gedächtnis der Räume beziehen lassen, das die Verhältnisse und Erinnerungen, mehr deren Vorgänge, ihre Passanten und Gegenständlichkeit(en) gleich mit aufnimmt, als auf die Fokussierungen eines persönlichen Gespensts. Etwa, umso schöner, weil wiederum poetologisch:

Das Gedicht; es weiß nicht mehr, wo es herkommt. Wie
der Pfeil, der sich an den Bogen nicht erinnert und nicht
an die Hand, an die Augen, die sein Ziel bestimmen wollten.
(…)
Kontaktmoment, das Spannen, Ausrichten
am Fadenkreuz, das nach dem Ziel fahndet, bevor man
die Spannung entlädt: Artemis eine berechnende Jagd
auf Momente, die man nachhause trug, ausstopfte und
wie Trophäen an die Wände hängte; dort lebten sie aber
gespensterhaft weiter, weil sie dort ihren merkwürdigen
Sinn hatten, die Anordnung, (…)

Das Leben steht Kopf, es ist alles falschrum. (39)

Als invertiere die Perspektive, die sich nicht festlegen will auf ein Ich oder Du oder Wir oder, lässt sich mutmaßen, auf ein gegen sich selbst gerichtetes Du, wer weiß welcher Sprecherinstanz, an Stelle zu oft gelesener Sentimentalitäten und Nabelsbeschauungen raumzeitlicher Horizonte – und begnügte sich nicht mit der Ambivalenz des äußerlich(er)en Vorgangs, den die Verbildlichung (meta-)poetischer Prozesse evoziert:

In der Stirn lappt der Fluss
zu thronigem Weiß, eisig.
Die Spur der Dinge klang wie
Ächzendes Singen, das
dem Traum standhält, in grauer
Substanz:
(…)
Im Trommeltakt prasselt weißes Flackern
durch die Augen in die Mandel,
gleichgesetzte Bahnen schalten
wieder Wege aus.
Es blaut,

wir tunken unsern Traum in Zeit;
kauen zu Ende,
kuhköpfig schauen wir auf die Straße
nach Träumern
aus. (40f.)

Macht eben diese Prozesse auf eine Weise lesbar, die sich von den sie flankierenden oder durchziehenden Alltäglichkeiten nicht abhalten lässt – oder; in den Szenerien stellen sich innere Spannungen her, die mindestens nicht den Eindruck erwecken, als hätte deren Herstellung ganz wesentliche Mühen bereitet. Eine gewisse Leichtfüßigkeit ließe sich unterstellen, aber in vielen kleinen, vieldimensionalen Schritten.

Dementsprechend schwer lässt es sich auf einen Punkt bringen, was an diesen Phosphor-Verbindungen fasziniert, bloß dass über die vordergründigen maritimen, nautischen und gespenstischen, beziehungsweise weniger vordergründig psychopompen oder seelenwandle-rischen Aspekte, um nur einige aufzuzählen, mit jeder Detaillektüre neue Feinheiten ins Auge treten – um der zuvor mehr aus Gründen der ersten Eindrücke mehr noch vor-, als vorweggenommenen Lückenfüllungen und Sackgassenhaftigkeiten abschließend etwas entgegenzusetzen.


¹  siehe https://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritik/katharina-kohm/phosphor-ein-uebergeben.
²  Anm. d. R.: Verweis auf die mnd. Wortherkunft von Bernstein?
³ Vielleicht ein Trugschluss, das mit der maritimen und nautischen Metaphorik, die später nicht unwesentliche Bedeutung bekommt, oder schon vorweg mit dem Untertitel.(Ein auf dem Kopf stehendes Fermatezeichen ist eine besetzte Barke) (5) kurzzuschließen, als, wenn man’s weiß oder nachgeschlagen hat, crab apple auch nur Holzapfel bedeuten könnte, was die einschlägige Nutzbarmachung des Silvesterbaums im ersten Nebentitel allerdings nicht nahelegt.


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