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Katharina Kohm: Im Kabinett aus Amethyst

Dreißig Jahre Lyrik Kabinett
Katharina Kohm

Im Kabinett aus Amethyst


Von allen Berichten von Abenden, die ich in den letzten fünf Jahren über Veranstaltungen im Lyrik Kabinett München für die Signaturen skizzieren durfte, blieb mir doch diese eine Wahl der Titelei zu einem Abend für Goeffrey Hill im Sommer 2014 im Gedächtnis.
   Häufig wählte ich für die Titelei anzitierte, manchmal auch permutierte Zitate aus den gelesenen Werken der Dichterinnen und Dichter als thematische bzw. ästhetische Überschriften als eine Art Eingang für meine essayistischen Betrachtungen.

Für diese kleine Jubiläumsanekdote zum dreißigsten Geburtstag des Lyrik Kabinetts kam mir obiger Halbvers wie ein Mem wieder in den Sinn; wie das mit Erinnerungen geschieht, die wiederkommen wollen.
    Nicht nur war mir damals die Wortverwendung des Kabinetts in einem Vers von Hills Gedicht „The Laurel Axe“ (Die Lorbeer-Axt) als glücklicher Fund (ehrlich gesagt aber isoliert vom restlichen Gedicht) vorgekommen, sondern diese Nähe zwischen dem Mineral und dem Lyrik Kabinett als eine Art Bergwerk der Bücher, der kristallinen Strukturen, der filigranen Kleinodien, die an diesem besonderen Ort nicht nur aufbewahrt werden, sondern auch dem lebendige Wachstum dieser Kostbarkeiten durch die Begegnung, dem stetigen Bereichern und Beschenken einen zuverlässigen und sicheren Raum gibt, erschien mir passend und wie eine Miniatur aller möglichen Beschreibungen der Abende an diesem Ort; eine abstraktere und gleichzeitig präzisere Titelei, die ich hier wieder aufnehmen darf.

Der Band Geoffrey Hills, der in der Reihe Edition Lyrik Kabinett erschienen ist, trägt überdies den treffenden Titel: Für die Ungefallenen, ergo die Standhaften im Sinne auch eines poetischen Widerstands gegen die Entwicklungstendenzen in Wirtschaft und Gesellschaft. Dieses poetische Verhalten zu den Dingen, dieses kristalline Wachstum bildet eben jenes: einen Widerstand.

Beim Lyrik Kabinett hat man es nicht mit den sog. Totenkammern der Literatur zu tun, wie es über Bibliotheken allgemein idiomatisch heißt, sondern mit einem Ort, der Begegnungen lebendiger Gegenwart zwischen Dichterinnen und Dichtern untereinander und auch zwischen Sprachkünstlerinnen und -künstlern mit ihrem bibliophilen Publikum schafft.
    Dass man beim Besuch im Lyrik Kabinett durch ein Tor ins Hinterhaus geht und eine Schwelle überschreitet, auf der das Wort POESIE auf dem Pflasterstein haptisch aufragt, scheint nicht nur eine Analogie, sondern tatsächlich im ästhetischen Gang des Betretens dieser Wortwelt eingeschrieben zu sein als ein Übersetzen an eine besondere Stelle der Stadt. An diesem Ort, für mich als Zugezogene nach München ein Zuhause, sind die schönsten Gespräche und Anregungen möglich. Formate wie „Der doppelte Horizont“, „Zwiesprachen“ und die „Münchner Rede zur Poesie“ machen deutlich, wie sich das Anliegen auf das destillierte und geschliffene Wort konzentriert. Letzte Woche durfte ich dann selbst an diesem ehrwürdigen Ort in Begleitung einer Pianistin aus meinem zweiten Band lesen, sodass dieses Leben, in wachsenden Ringen, wie es bei Rilke heißt, im Dialogischen darin liegt, den Stein immer weiterzutragen und wiederzubringen. Dies als kleine Geste für den Gabentisch, einen tiefen und lieben Dank, liebe Ursula Haeusgen & die herzlichsten Glückwünsche.

Wie heißt es so schön bei Roland Barthes in den Fragmenten einer Sprache der Liebe: Ich ahne, dass der Ort der Originalität weder ich noch der andere ist, sondern unsere Beziehung.“
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