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Katharina Körting: Wohin führt die Lockdown-Rhetorik?

Diskurs/Poetik/Essay > Diskurse > Das Digitalisieren des poetischen Körpers
Katharina Körting

Wohin führt die Lockdown-Rhetorik?
Unverantwortliche Fragen an die Regierenden


Während Bundesregierung, Kultusministerkonferenz und OECD weiter anstreben, die Schulen offenzuhalten, kursiert im Berliner Senat  ein "Stufenplan" (ohnehin sehr beliebt zurzeit). Stufe 2 sieht die Schließung von Schulen, Kitas, Museen, Schwimmbädern vor. Ich bin beunruhigt – und irritiert: War nicht nach den Schulschließungen in der „ersten Welle“ einhelliges Ziel, weitere totale Schließungen zu vermeiden? Oder haben sich Museen und Schwimmbäder zwischenzeitlich als Superspreader-Events erwiesen? Gibt es Zahlen dazu? Was ist mit der Zukunft unseres Landes, den Kindern und Jugendlichen, die Schule, Freunde, außerfamiliäre Anregungen nicht digitaler Art so dringend brauchen wie Kranke medizinische Versorgung? Zählen mehr oder weniger willkürliche "Stufenpläne" angesichts steigender Infektionszahlen mehr als Stundenpläne? Sollte man nicht erstmal die Maßnahmen durchsetzen, die man beschlossen hat? (Maskenpflicht, Sperrstunde, Privatkontakteinschränkungen, Vereinzelungs-gebot etc.) Wie will man sonst wissen, welche Maßnahme wirkt? Oder kommt es zurzeit am meisten darauf an, breitbrüstig als scheinbar zupackende Corona-Bekämpfer vor laufenden Kameras in den nächsten „Lockdown“ zu stolpern, weil das schön entscheidungsstark wirkt? Was genau ist mit „Lockdown“ jeweils gemeint? Und berücksichtigt man die unmittelbaren und die chronischen Folgen dieser Massenschließungen ausreichend? Denn ist es nicht in Wahrheit so, dass niemand genug weiß, weder über das Infektionsgeschehen, noch über die gesellschaftlichen, psychischen, politischen, wirtschaftlichen Folgen der Versuche, dieses „einzudämmen“?
    Der Medizinstatistiker Gerd Antes fordert, mit dem Nichtwissen, professionell umzugehen. Doch gerade in Berlin, regiert von einem Bürgermeister, der die Wissenschaft feiert und sich von ihr lobhudeln lässt, wirkt die Leitungsebene gebannt von steigenden Infektionszahlen und nimmt die gesamte Bevölkerung mit in diesen Bann. In der Hauptstadt fokussiert sich zumindest der sozialdemokratische Teil der Dreierkoalition auf immer neue Schließungs-szenarien, kombiniert mit einer moralisierenden Panik-Rhetorik – und verzichtet auf wissenschaftliche Evidenz, kleinteilige lokale Reaktionsmöglichkeiten, Sachlichkeit. Die partyfeiernde Jugend insgesamt wird da mal eben zum Sündenbock erklärt, und der Bürgermeister wirft nicht nur den um ihre Existenz klagenden Gastwirten Egoismus vor, um ihnen dann die Verantwortung für den „Lockdown“ zuschieben zu können. Denn Schuld sind immer die anderen. Die Gesundheitssenatorin twittert denselben Moralincocktail.*
     Als ich Müller auf einer politischen Veranstaltung zu seiner Rhetorik befragte, wartete er mit einer brandneuen Erkenntnis auf: „Wir haben eine Krise, eine sehr ernste Krise.“ Ach was! Sehr laut hat er das gesagt, so als würde ich schlecht hören und als wäre er der einzige, der das verstanden hat. Als ich nachhaken wollte, schob er mich in die Ecke der Verantwortungslosen und erntete den Beifall der Selbstgewissen. Die Stimmung scheint aktuell so zu sein, dass jede, die auch nur Fragen zu einer der „Eindämmungs“-Maßnahmen stellt, sich verdächtig macht, die Krise nicht ernst genug zu nehmen. Es ist, als führe allein das Hinterfragen unmittelbar zum nächsten Lockdown. Jüngst passierte dies auch dem Präsidenten der Bundesärztekammer, der seinen Zweifel am Tragen von Masken im Freien ungeschickt äußerte, und prompt vom Infektionsschutzoberguru Karl Lauterbach wegen „Fehläußerungen“ ein Ultimatum erhielt: Rücktritt oder Korrektur der „unentschuldbaren Aussage“. Klaus Reinhardt wählte das Zurückrudern. „DAS GENAU TRENNT UNS VONEINANDER“, polterte mir gegenüber Michael Müller statt einer Antwort, ohne zu erklären, was genau uns denn da trennte. Er klang ein wenig beleidigt dabei, als läge das angebliche Getrenntsein ausschließlich an mir. Weil doch jedem Begriffsstutzigen klar sein muss: Richtig ist, was er tut, falsch ist, was ich eventuell darüber denke. So trennt uns denn ein tiefer Graben: hier der verantwortungsvolle, krisenfeste Politiker – auf der anderen Seite die unverständige, verantwortungslose Person, in gefährliche Nähe zu den Corona-Leugnern stehend, die noch nicht begriffen hat, dass wir in einer sehr ernsten Krise sind.
      Beraten all die Wissenschaftler, auf die sich die politischen Entscheider berufen, die Politik dahingehend, selbstgewiss und selbstgerecht zu agieren und mit dem Mundschutz auch Maulkörbe zu erlassen? Ist wirklich kein Zweifel angebracht, so wie im Krieg, wo es nur Deserteure und Helden geben darf, damit niemand von der Fahne geht? Warum sagt keiner, dass vielleicht diese Pandemie gar nicht „eingedämmt“ werden kann, auch nicht mit zig Lockdowns, weil manche Eindämmungsversuche viel schlimmeres Unheil nach sich zögen, als das Virus je anrichten könnte?
     Stattdessen deklamieren sie, die Politiker*innen, was für tolle Hechte sie sind mit ihren harten Entscheidungen und was sie alles erreicht hätten, für die Gastronomie, für die Wirtschaft insgesamt. Senden Videobotschaften, die mich glauben machen, ich allein habe es in der Hand, das Virusgeschehen, wenn ich mir wie ein Mantra die AHA+L-Regeln vor die Brust binde und weiterhin auf Kontakte verzichte, denn „Gefährlich wird es, wenn es lustig wird“, und „ungeordnete“ Begegnungen sind von Übel (O-Ton Müller). Lustig wird es demnach erst nach 23 Uhr, erst dann fließt der Alkohol in Strömen, erst dann vergessen die Leute, dass sie Abstand halten müssen und wollen und sollten. Punkt 23 Uhr. Denn da beginnt die Sperrstunde, und der Berliner Bürgermeister hat sie verfügt, also muss sie richtig sein, und müssen wir ihm nicht dankbar sein, dass nicht, wie in Paris, schon um 21 Uhr alles dicht ist, ja, dass überhaupt noch Veranstaltungen stattfinden? Ist die Erfüllung urmenschlicher Bedürfnisse nicht schon ein enormes Zugeständnis an den Ernst der Lage?
     Ich will nicht falsch verstanden werden: Mir geht es überhaupt nicht um die Sperrstunde. Ich weiß, dass es kein Recht darauf gibt, sich nach 23 Uhr zu betrinken, und diese Maßnahme mag sinnvoll sein, in einem Gesamtkonzept der Kontaktreduzierung. Mich selbst interessiert sie nicht mal, ich gehe meistens um zehn ins Bett und stehe früh wieder auf, um den nächsten kontaktarmen Tag im Homeoffice zu meistern. Ich halte alle Regeln ein. Aber erstens wundere ich mich, dass man über den scheinbar heilenden Sommer lockerflockig Flugzeuge mit Touristen vollstopfte, von Reisen nicht viel schärfer abriet und nicht längst Lüftungssysteme in die Schule und Büros der öffentlichen Dienste stellen ließ. Und zweitens finde ich, gerade angesichts der ERNSTEN KRISE, unverzichtbar, dass das, was ich zu tun oder zu unterlassen habe, einen Sinn ergibt. Dass Entscheidungen auf wissenschaftlicher Evidenz oder mindestens auf Wahrscheinlichkeitsberechnung ebenso beruhen wie auf empathischem, ganzheitlichem Mitdenken auch außerpandemischer Faktoren. Ich finde unverzichtbar, dass auch das Nichtwissen kommuniziert wird, wenn ich Regeln einhalten soll, von denen ja niemand genau wissen kann, ob sie wirklich helfen, von denen man das aber aus diesen und jenen Gründen annimmt. Ohne Moralmaskierung. Dann bin ich mental mit im Boot. Und ich finde es unverzichtbar, nicht nur die Möglichkeit des Corona-Risikos bei dieser oder jener Verhaltensweise zu berücksichtigen, sondern auch die Möglichkeit all der anderen Risiken, die aus den Corona-Maßnahmen erwachsen. Das ist unbequem, das ist kompliziert, und das ist womöglich sogar nicht immer möglich, so wie es womöglich unmöglich ist, die Pandemie ganz einzudämmen. Doch alle Maßnahmen zielen darauf, Menschen einzudämmen, und die Gefahren dieses Eindämmens kommen mir in der moral- und angstgesteuerten Drohungs-Rhetorik zu kurz.
     Muss Politik nicht auch Mut machen, und Hoffnung geben? Warum diffamiert sie Zweifelnde, anstatt im Dialog Solidarität mit den Maßnahmen zu generieren? Warum stellt sie ihre zweifelsfreie Selbstüberzeugung aus, anstatt sich die Mühe zu machen, wirklich zu überzeugen und hierfür auch – nur versuchsweise! – mal einen anderen Standpunkt einzunehmen? Wo liegt jeweils die Grenze zum kontraproduktiven Aktionismus? Kommen wir nicht nur dann zu akzeptierten und akzeptablen Entscheidungen, wenn wir jede Rechthaberei ausschließen?
    Warum gilt als verantwortungslos, wer, sagen wir, die Sinnhaftigkeit einer Maskenpflicht im Freien bezweifelt – und nicht, wer mit Schulschließungen als ultima ratio jongliert?
     Ist es nicht immer eine Abwägung im Ungewissen?
    Wie gesagt: Ich halte mich an die Regeln. Ich setze ständig meine Maske auf. Meine Kinder sind noch achtsamer als ich. Kein einziges Mal haben sie sich beschwert, als alles dicht war, als das Training verboten war, als eigentlich alles verboten war, was nicht nur junge Menschen brauchen. Ab sofort sollen sie auch im Unterricht die Maske tragen, ob es hilft oder nicht. Aber gehen wir mal davon aus, dass es hilft. Alles ist besser, als die Schule wieder dicht zu machen.


* https://www.berliner-zeitung.de/news/kalayci-zu-gastwirten-wissen-sie-nicht-was-auf-dem-spiel-steht-li.112297


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