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Kai Pohl: wie eine zwischen Schlangen ausgesetzte Futtermaus

Diskurs/Poetik/Essay > Diagramme


Kai Pohl

Michael Arenz (Poeme), Hansgert Lambers (Fotografien): Das schwarze Hotel. Berlin (ex pose verlag) 2020. 136 Seiten mit 63 s/w-Abbildungen. 33,00 Euro.

… wie eine zwischen Schlangen ausgesetzte Futtermaus, die sich das Fell zu putzen beginnt¹


Als ich geboren wurde, sah ich aus wie Juri Gagarin.² Später stand ich mit dem Rücken zur Welt, in der Gummizelle frühkindlicher Erinnerungen, zwischen Milchstraße und Andromeda, im hintersten Eckchen des Universums, und danach sah ich aus wie Nietzsche in Turin. Nun kreisele ich unentwegt mit Satans Kohorten im Geschwätz der Korruption durch das All.
    Wenn mich warme Daunen locken, ziehe ich mich leer, aber nicht unglücklich ins SCHWARZE HOTEL zurück; seit dem letzten Dezember komme ich ab und an dort unter. Du willst wissen, wo es steht? Jedenfalls nicht in Point Venuti und auch nicht in Eimsbüttel, nein. Sein Standort geistert irgendwo zwischen Kerkow und Treptow, nahe Osterholz-Scharmbeck an der Wümme, in allen Städten dieser Welt
        Das Haus, nicht gerade auf edel getrimmt, pflegt einen gediegenen Stil. Es gibt 120 Zimmer, lange Flure, Treppenhäuser, einen Grillplatz im Garten, diverse Bars, in denen das kosmische Besoffensein trainiert wird, und ein Restaurant, wo die folgende Anekdote an die Wand gepinnt ist:


Pookie fing an, eine Geschichte zu erzählen: „Ich kellnere also im Dojo’s, und gestern Abend ruft mich so ein Gast zu sich und sagt: ,Ich glaube, in meiner Wurst ist eine Ratte!‘ Und ich seh’s mir an – und da ragt ein Schwanz aus dem Ende hervor. So als wäre die ganze Ratte innendrin mitgekocht. Danach habe ich die Rattenwurst zum Geschäftsführer gebracht. Weil ich nicht wusste, was ich tun soll. Und der antwortet: ,Sag dem Gast, das geht aufs Haus!‘“³

Nachdem ich das gelesen habe, massiere ich mir einen Spritzer Salatöl ins Haar und gehe aufs Zimmer. Dort sind die Wände weiß, manche etwas angedunkelt, einige sind tatsächlich schwarz. Vom Balkon hat man die beste Aussicht auf die grauen Bäuche der Wolken, die Konturen der Häuser, die Radfahrer mit Gedanken im Schlepptau, Passanten, von Schatten begleitet, im Licht einer von milchigem Dunst gedimmten Sonne. Ein Blackbird stimmt seinen Balzgesang an in dieser freundlichen Nische der Wirklichkeit.
  Nach dem Lumpensammlerprinzip des willkommenen Zufallsfundes erkunde ich die Hotelbibliothek. Mein magnetischer Blick scannt die Titel wie einen Karnevalszug mit getarnten Erinnerungen. Mein elektrisches Fleisch taucht in den Geist von Vergangenheiten, eine organische Maschine auf Abruf, der die Sprache zerbrochen ist. Ich stoße auf einen mit Schwarzweißfotos illustrierten Lyrikband, worin die Fotografien sprechen und die Poeme Bilder projizieren, in symbiotischer Kongruenz. Könnte dieses Buch Gegenstand einer Besprechung sein? Aber nein, mit dem Vor- und dem Nachwort bringt der Band seine Rezensionen gleich mit! Faszinierend flackert der Inhalt – immerhin: reine Gegenwart.
     Ich verlasse das Hotel. Der Schlüssel ist abgegeben, und ich muss pünktlich am Bahnhof sein … bin mit den Gedanken schon ganz woanders, und dann fährt der Zug ein und bringt mich genau dorthin. Das Buch bleibt im Abteil und reist weiter, es liegt griffbereit …


¹ Adaptiertes Zitat aus dem Gedicht Sähe man nur hin, S. 42.
² Die kursiv gesetzten Passagen sind Zitate aus dem Buch, zu finden auf den Seiten 13, 14, 19, 22, 33, 36, 46, 57, 58, 60, 67, 80, 84, 86, 92, 103, 107, 114, 115, 125, 132.
³ Zitat von Jeffrey Eugenides, S. 6.


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