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Jürgen Nendza: Klatschmohn

Werkstatt/Reihen > Reihen > Das besondere Gedicht

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Jürgen Nendza

Klatschmohn
 

 
Klettorgane, auch wir
                      umschlungen. Hauchdünn
          die Sonnenfeuer, knitterzart
                                              verknittert: Wie Streufrüchte

                              aus Blattpapier  
                      ist Erinnerung gefädelt
                                              row on row  
                                               auf borstigem Stängel.      
            
                                   Beim Aufblättern
erheben sich die Knospen
                                               ins Gedächtnis, ihr Nicken
                       eingefasst in Wind: Ein Kreiseln,

als drehten Jahre sich
                  im Spinnwirtel verknüpft
                              zu Fasern, Phasen: Grabstock, Spelzfund,
                                                      verkäste Milch

und die Kulturfolger
     ringsum: Kapsel, Kapsel,
                                        Klapperrose. Wir bleiben stehen,
                             sind Passanten

                                                               im Wort, gehen
      weiter. Und sie schreibt
                              so ins Lichtkeimen verliebt:
                  Mein Zimmer ist momentan ein Mohnfeld.               


Aus dem Zyklus "Wildblumen"

Zwischen 1929 und 1934 wurde bei Ausgrabungen in Köln-Lindenthal eine der ältesten jungsteinzeitlichen Siedlungen Europas entdeckt. Die im Äußeren Grüngürtel der Stadt Köln freigelegten Siedlungsfunde reichen zurück bis in die Zeit der Linienbandkeramiker (Mitte des 6. Jahrtausends v. Chr). Die Jungsteinzeit steht u.a. für den Übergang zu Sesshaftigkeit, Tierzucht, Vorratshaltung und produzierender Bewirtschaftung. Manche Forscher sehen in ihr bereits den Beginn des Anthropozäns. Typisch für die Bandkeramiker waren ihre Langhäuser, die mehreren Familien Platz boten und auch als Wohnstallhaus dienten. Nach Freilegung der 40.000qm großen Siedlungsflächen und ihrer Rekonstruktion sowie der Bergung einer Vielzahl archäologisch Funde, schüttete man 1934 das jungsteinzeitliche Siedlungsgelände wieder zu. Zur Förderung der Artenvielfalt legte die Stadt Köln vor einigen Jahren auf Teilen des alten Siedlungsgeländes Wildblumenwiesen an. Sie erinnern in ihrem Ausmaß und ihren geometrischen Einteilungen an die Grundrisse der großflächigen Langhäuser.

row on row: Zitat aus dem Gedicht In Flanders Fields von John McCrae. Der kanadische Lieutenant Colonel John McCrae schrieb dieses Gedicht über den Ersten Weltkrieg im Jahr 1915. Die ersten zwei Verse lauten: „On Flanders fields the poppies blow / Between the crosses row on row.“

verkäste Milch: Mit der bandkeramischen Kultur ist die Verkäsung der Kuhmilch und damit die Entwicklung der Laktase-Persistenz verbunden.


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