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Jürgen Nendza: Auffliegendes Gras

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„ins Nervennetz gewellt“

Jürgen Nendza – Auffliegendes Gras. Gedichte. Leipzig (poetenladen Verlag) 2022. 72 Seiten. 18,80.

von Monika Vasik

Es hat etwas Beschauliches, Beruhigendes und auch Verlässliches an sich, liest man in Peter Huchels Gedicht Friede die letzten beiden Verse: „In den Schießscharten des Wasserturms / wuchert das Gras.“ Ein weiterer Herbst naht, die Zugvögel fliegen weg, das Getreide ist geerntet und in den gedroschenen Ähren bleibt für eine Weile noch „die milde Leere des Sommers“ zurück. Doch wir wissen: das Gras wird weiterwachsen. Der nahende Winter wird dessen Wachstum bremsen, doch sobald die feuchte Wärme des nächsten Frühlings naht, wird es weitersprießen.
Auf den ersten Blick ganz anders imponiert der Titel von Jürgen Nendzas neuestem Lyrikband „Auffliegendes Gras“, einer poetischen Sentenz mit fast märchenhaftem Charakter. Doch realistisch betrachtet: Gras fliegt nicht, schon gar nicht fliegt es von selbst auf, sondern es bedarf einer Verletzung und damit einer Zerstörung der Grasnarbe und zusätzlich noch einer physikalischen Einwirkung, damit einzelne Halme oder ganze Büschel gegen die Schwerkraft in die Luft befördert werden. In den Gedichten des letzten der fünf Zyklen dieses Buchs mit dem Titel „Kretisches Gelände“ wird zweimal auf das nicht mehr ruhig vor sich hin wachsende Gras Bezug genommen. „Wir werfen Gras in die Luft“, heißt es einmal und diese Sentenz greift der Dichter in einem späteren Gedicht noch einmal auf, wenn er schreibt: „Gedanken an auffliegendes Gras“. In den Anmerkungen am Ende des Bands wird der Bezug zu einem altgriechischen Reigentanz, dem sogenannten Kranichtanz, und damit zur griechischen Mythologie dargelegt. Denn Theseus habe der Legende nach mit Ariadne ein rauschendes Fest auf der Insel Delos gefeiert. nachdem er den Minotaurus bezwungen und das Labyrinth überwunden hatte. Die Tänze der Kraniche wiederum gelten als Ausdruck von Lebensfreude, Zusammenhalt und Liebesglück und dabei rupfen diese Vögel nicht selten Gras aus dem Boden und werfen es in die Luft.

Verletzungen finden auch schon im ersten Zyklus „Abraum“ statt und die Zerstörung reicht viel tiefer als bloß nur knapp unter die Grasnarbe. Thematisiert werden die Auswirkungen des Rheinischen Braunkohletagebaus, das Verschwinden von Land-schaften, von Dörfern und Städten mit ihren allmählich über Jahrzehnte und Jahrhunderte gewachsenen Strukturen, die nun umgesiedelt und an anderer Stelle als Kompensationsorte mit dem Zusatz „neu“ ersatzweise errichtet werden, „rekultivierte / Lebensläufe“, die für immer das Trauma des Verlusts und die Echos des Verlorenen mit sich tragen werden. Sogar „die rechtwinkligen Toten“ werden umgebettet „ins rechtwinklige -neu.“

Und so bilden der erste und fünfte Zyklus einen Rahmen der Verletzlichkeit und der Verletzungen für die drei mittleren Zyklen, die sich, verkürzt formuliert, der Beschaulichkeit und der Feier des Augenblicks widmen. „Arboretum“ ist eine Sammlung von 10 Gedichten, die sich Impressionen zu verschiedenen in Deutschland zu findenden Baumarten widmen, etwa der Ross-Kastanie, der Eberesche und der Rotbuche. „Was zusammenfällt“ enthält kurze Gedichte, die mit je drei Punkten beginnen und enden und Augenblicke, Gedankensplitter und Impressionen verdichten. In einem der Texte taucht auch Gras auf, doch es wird nicht ab- oder aus der Erde gerissen, sondern frisch gemäht. Das vierte Kapitel wiederum enthält ein drei Seiten umfassendes Langgedicht, das in Strophen zu je drei Zeilen gegliedert ist und eine Frühabendstimmung verdichtet, eine Hingabe an den Moment, ein sinnliches Verweilen in Betrachtungen.
2015 habe ich Nendzas Band „Mikadogeäst“, erschienen ebenfalls im Verlag poetenladen, für Fixpoetry besprochen. Das Buch präsentierte eine Auswahl aus sieben Gedichtbänden des Schriftstellers, die er in den 20 Jahren zwischen 1992 und 2012 veröffentlicht hatte. Zehn Jahre und zwei im poetenladen veröffentlichte Lyrikbände später kann man konstatieren: Jürgen Nendza, ein Routinier der Verknappung und Präzision, ist seinem Stil und seinen Themen konsequent treu geblieben. Auch hier finden wir wieder viel Natur, das Einweben von vorgefundenem Sprachmaterial, zum Beispiel das Vokabular des Tagebaus, sowie Referenzen und anverwandelte Materialfunde wie ein Zitat von Joseph Beuys oder eines aus einem alten Kochbuch, Gemälde von Paula Modersohn-Becker und Vincent van Gogh, und Bezüge zur antiken Mythologie. Wieder sind die meisten Texte gegliedert in zwei- oder dreizeilige Strophen, die freien Verse oft kunstvoll durch Enjambements verbunden. Der Dichter spielt gekonnt mit Alliterationen, zum Beispiel im Gedicht Silberweide, wenn das weiche „w“ aus dem Wort Weide sich in Worten wie Wiegen, Wehen und Winken atmosphärisch wuchernd fortsetzt in: „Weidenwald, dunkle Wellen, welliges /Haar“. Oder wenn das in den Versen immer wieder diskret auftauchende harte, scharfe „k“ im ersten Zyklus „Abraum“ auch auf der klanglichen Ebene das Wirken von Schaufelbaggern, ein „Andonnern der Greifer“ und „das Nachzittern“ in den Texten mitschwingen lässt.
Das alles ist sehr gekonnt und versiert. Doch hat es etwas Beschauliches, vielleicht für manche sogar Beruhigendes an sich. Man weiß seit Jahren, was man bekommt, wenn man ein Buch von Jürgen Nendza aufschlägt. Wie Jahreszeiten, die zwar wechseln, aber verlässlich wiederkehren, weil bislang noch jedem Winter ein Frühling folgte, können wir gewiss sein, dass der Dichter seinen Themen treu bleiben und seinem je letzten Band einen ähnlichen nachfolgen lassen wird. Aber, um in diesem Bild zu bleiben, könnte der Frühling nicht einmal überraschen und etwas ruppiger sein? Wie viel spannender wäre es, einer poetischen Entwicklung zu folgen, Nendzas zweifellos hohes Können auch einmal für andere Themen verschwendet oder das Altbekannte in neues Licht gerückt zu sehen. Mit der schönen Wendung „Hier, nimm / diesen Zweig. Er ist voller Wälder ...“ lässt Jürgen Nendza eines seiner Gedichte ausklingen. Ich hingegen sah oft nur einen Zweig mit seinen Ästchen, aber nicht immer die in ihm enthaltenen Wälder. Ich vermute, ich bin einfach nicht die richtige Zielgruppe, denn ich habe mich auf hohem Niveau gelangweilt.


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