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Jürgen Brôcan: Enthüllung! - Joannes: Die Apokalypse

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Kristian Kühn

(Jürgen Brôcan:) Enthüllung! – Joannes: Die Apokalypse. Deutsch von Jürgen Brôcan. (edition offenes feld – Books on Demand) 2020. 84 Seiten. 15,50 Euro.

Raum der Begegnung und des Echos


Es gibt Zeiten, für Gesellschaften wie auch für Einzelne, wenn der Schrecken der Geschichte oder des Lebens so groß geworden ist, dass die einzige Hoffnung in einer Erwartung des Weltendes liegt. Der Dualismus dieser Welt, vor allem wenn das Böse entfesselt ist und das Gute auffrisst, war als Urzustand apokalyptischer Sicht im Paradies noch nicht vorhanden, er ist es jedoch jetzt, in dieser eisernen dunklen Zeit, doch nach dem nahenden Weltgericht, wird die Polarität verschwunden sein, wieder in Ketten und danach sogar ganz vernichtet. Von dieser Idee gehen auch der Chiliasmus und später die Romantik und Teile der Klassik aus. Bis zu einem gewissen Grad ist dieser Dreisprung im Menschen (Rückkehr zum guten alten Urgrund) als Motor vorhanden und durchzieht nicht nur die heiligen Schriften, auch die dialektischen, und auch profanere Literaturen, ja die Kunst an sich. Die Apokalyptik, die Literatur der „Enthüllungen“, ist somit eine Art Gattung, im Christentum feierlicher „Offenbarung“ genannt. Sie handelt nicht nur vom Weltuntergang oder dem inneren Gericht beim Sterben, sondern kann auch eine Zeitenwende im Science-Fiction-Bereich ankündigen, was die Gesellschaftsform oder wissenschaftliche Ahnungen oder Erkenntnisse betrifft.
      Die diesbezügliche Forschung hat festgestellt, dass die Beschäftigung mit der Apokalyptik wellenartig für ein bis zwei Jahrzehnte auftaucht, um dann wieder in den Hintergrund zu treten. Doch sind es weniger die Zeiten politischer oder ökonomischer Krisen, in denen die Literatur sich diesem Genre zuwendet, sondern im Gegenteil die Zeiten äußerer Ruhe. Sie gelten jedoch insgesamt als eine Art religiöse Strömung von Zeitenwende, dann nämlich, wenn die Gegenwart als letzte Zeit des Alten angesehen wird.

Der Dichter, Übersetzer und Verleger Jürgen Brôcan hat Anfang letzten Jahres eine eigene Übersetzung der Apokalypse des Johannes, mit der das Neue Testament schließt, vorgelegt und schreibt im Nachwort dazu:

„Diese Übersetzung der „Enthüllung“ ist mehr als dreißig Jahre alt … Damals – wie heute – wagte kein Verlag eine derart störrische Übersetzung, zu weit entfernt ist sie von den Erwartungen und Bedürfnissen der Kirchgänger, zu weit entfernt andererseits auch von den Interessen der Literaturlesenden.“

Das letzte Buch des Neuen Testaments, die (geheime) Offenbarung des Johannes, ist im Urtext als apokalypsis Jesu Christi eingeführt. Doch schon in älteren erhaltenen Bibel-handschriften wird daraus eine Überschrift apokalypsis „des Johannes“ abgeleitet, was die besondere Art dieser Schrift von allen anderen neutestamentarischen Büchern abhebt. Ab 200 nach Christus tauchen noch andere Apokalypsen auf. Doch diese gilt als kanonisch, und an ihr als Vision selber hat Brôcan selbstredend nichts geändert, allerdings an der Wort-wahl der Übersetzung.

Überhaupt nimmt das Buch des Sehers auch innerhalb des Neuen Testaments eine Sonderstellung ein, weil es in einer symbolreichen, mythologischen und dem modernen Leser kaum verständ-lichen Sprache die Schrecken der bevorstehenden Endzeit und die Herrlichkeit der Wiederkunft Christi, die Auferstehung der Toten, Weltgericht und Herabkunft des himmlischen Jerusalem, mit rasch wechselnden Bildern ausmalt.

Der apokalyptische Verfasser bzw. der Engel, der ihn dabei inspiriert, will dem Leser eine undurchsichtig gewordene, als überaus ungerecht und gottesfern empfundene Zeit begreiflich machen: Die Zukunft birgt Geschehnisse, die im Guten wie im Bösen über alles Dagewesene weit hinausführen. Die letzten Tage der Menschheit stehen bevor. Eine brutale Großmacht schickt sich an, die gesamte bewohnte Erde mit Schwert und Blut zu unterjochen. Es entsteht ein letzter Herrscher, der an Schändlichkeit nicht zu überbieten sein wird, der Antichrist im christlichen Sprachgebrauch. Durch einen geheimnisvollen Eingriff von oben wird er aber jäh gestürzt, zu einem Zeitpunkt, da es niemand erwartet. Es folgen kosmische Katastrophen, bei denen sich die Sonne verfinstert und Sterne vom Himmel fallen, Sintflut und Sintbrand über die Erde toben. Es folgen Auferstehung, Weltgericht und neuer Aion: Ein universales Gericht wird durchgeführt. Durch Engelmächte werden die Toten aus den Gräbern oder verborgenen Kammern wieder auferweckt, um vor dem himmlischen Thron zu erscheinen und gerichtet zu werden. Bücher über die menschlichen Taten werden dabei aufgeschlagen und unter der Assistenz von Engeln ein jeder Mensch unter dem strikten Entweder-Oder: gerecht oder sündig abgeurteilt, im ersten Fall zu ewigem Leben, im zweiten zum ewigen Tod.

In seinem Nachwort (als Übersetzer) sagt Brôcan: „Die „Enthüllung“ stellt den Versuch dar, Unsägliches, sprachloses Staunen in Sprache zu fassen, und zwar mit raffinierten Stilmitteln, die vom Zuhörer ein Höchstmaß an Geduld, Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistung verlangen.“ Dabei handelt es sich um ein neutestamentarisches Griechisch, das sich – basierend auf der Umgangssprache (koiné) des Hellenismus – entwickelt hatte. Deshalb nennen es die einen ein degeneriertes Altgriechisch, die anderen „eine herrliche Ruine“ (Robertson Davies*).

Brôcan sagt über sich: „Die Übersetzung versucht, der sprachlichen Expressivität des griechischen Originaltexts möglichst nahe zu kommen. Bisherige Übersetzungen, auch neuesten Datums, haben die stilistischen Besonderheiten, die Solözismen, Neologismen bzw. Hapax legomena**, die syntaktischen Brüche und die klanglichen Besonderheiten zugunsten eines leicht lesbaren, eingängigen Texts verschleiert. Doch die ungeheuerliche, unerhörte Sprache muß sich dem unerhörten, ungeheuerlichen Inhalt mit allen rhetorischen Mitteln anpassen.“

Hierzu nun ein Textvergleich (Absatz 15, 1 – 8), links die Brôcan-Übersetzung, rechts eine gängige (katholische) Herder-Ausgabe:

Und ich sah
ein anderes Zeichen am Himmel,
groß und staunenswert:
sieben Boten hatten sieben Hiebe,
die letzten, weil mit ihnen der Zorn Gottes am Ziel war.

Und ich sah eine Art Glas-Meer, vermischt mit Feuerglanz, und die Besieger der Bestie, ihres Gebilds und der Zahl ihres Namens am gläsernen Meer stehen, wie sie die Kithara Gottes in Händen halten. Sie singen den Sang von Mosches, dem Untertanen Gottes, und den Sang des Lamms, sie sprechen:
Groß und erstaunenswert
deine Taten, GOTTHERR ALLWALTENDER.
Gerade und wahrhaftig
deine Wege, KÖNIG DER ERDVÖLKER.
Wer sollte dich nicht achten, HERR,
und deinen Namen verherrlichen?
Denn du allein bist hold.
Denn alle Erdvölker werden kommen, sich vor dir neigen.
Denn deine Rechttaten sind sichtbar geworden.
Danach sah ich:
Geöffnet wurde im Himmel die Halle der Begegnung mit dem Zelt der Vergegenwärtigung: und heraus traten die sieben Boten, die die sieben Hiebe hatten, aus der Halle der Begegnung, angetan mit makellosem, leuchtendem Leinentuch, umgürtet um die Brust mit goldenen Leibgürteln.
Eines der vier Geschöpfe übergab den sieben Boten sieben goldene Schalen, voll mit dem Zorn Gottes, des LEBENDIGEN IN ÄONEN UND ÄONEN. Und die Halle der Begegnung wurde gefüllt mit Rauch vom Glanz Gottes und von seiner Kraft. Niemand vermochte in die Halle der Begegnung einzutreten, bis die sieben Hiebe der sieben Boten am Ziel waren.
15 1 Und ich sah ein anderes Zeichen am Himmel, groß und wunderbar: Sieben Engel hatten sieben Plagen, und zwar die letzten, denn in ihnen wurde der Zorn Gottes vollendet. 2 Und ich sah (etwas) wie ein gläsernes Meer, mit Feuer vermischt, und die Sieger über das Tier und über sein Bild und über die Zahl seines Namens standen auf dem gläsernen Meer mit Harfen Gottes. 3 Und sie singen das Lied des Mose, des Knechtes Gottes, und das Lied des Lammes mit den Worten:
„Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, Gott, du Allherrscher.
Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Völker.
4 Wer sollte nicht fürchten, Herr, und deinen Namen nicht preisen?
Denn du allein bist heilig,
denn alle Völker werden kommen und vor dir anbeten;
denn dein gerechtes Walten ist offenbar geworden.“
5 Und danach sah ich, und es tat sich der Tempel des Offenbarungszeltes im Himmel auf. 6 Und aus dem Tempel traten die sieben Engel, die die sieben Plagen hatten, heraus, in reines, glänzendes Linnen gekleidet, und um die Brust gegürtet mit goldenen Gürteln. 7 Und eines von den vier Wesen reichte den sieben Engeln sieben goldene Schalen, gefüllt mit dem Zorne Gottes, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit. 8 Da füllte sich der Tempel mit Rauch von der Herrlichkeit Gottes und von seiner Macht, und niemand konnte in den Tempel hineingehen, bis die sieben Plagen der sieben Engel ihr Ende erreicht hätten.

Was fällt auf? Brôcan meidet Feierliches, er meidet, obwohl selber Dichter, das Prinzip der Metonymie, um nicht in metaphorisches Fahrwasser zu geraten. Wo das Original beispielsweise das Wort „plegàs“ verwendet, also Schläge, bringt er statt „Plagen“ den Begriff „Hiebe“, um die Stelle zu entmystifizieren. Das geht in seiner Übersetzung so weit, dass er aus „hosios“ (heilig, fromm) „hold“ macht. Anders gesagt, auch er verwendet Metonymien, aber solche, die keine Begriffe der Mysteriensprache evozieren, sondern eher des Märchens. Seine Metonymien ersetzen den eigentlichen Ausdruck zwar durch einen anderen, der in naher sachlicher Beziehung zum ersten steht, aber in meist präziser, eher auf das Sachliche abgespeckten Begrifflichkeit. Wer also eine Dekonstruktion der apokalypsis bevorzugt, greife zu Brôcans Fassung und erlebe, was er in der Zweitbedeutung des Wortes mit seiner „Enthüllung“ (statt einer „Offenbarung“ eher „Aufklärung“) auch meint.


* Robertson Davies: Rebellische Engel,  S. 58:
„Wie eine griechische Statue mit abgeschlagener Nase, ohne Arme und Geschlechtsteile, aber nichtsdestoweniger griechisch, und großartig noch im Verfall. Außerdem handelte es sich um eine Sprache, die dem heiligen Paulus und den vier Evangelisten gute Dienste geleistet hatte und in der Gewaltiges gesagt werden konnte.“
** (Hapax legomena = nur einmal gesagt, nur eine Belegstelle.)


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