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Jürgen Brôcan: die Bruchbude (Walt Whitman nimmt ein Bad)

Gedichte der Woche
Jürgen Brôcan

die Bruchbude
(Walt Whitman nimmt ein Bad)


»überteuert, das Geld nicht wert«, hatte ihm der Bruder
mit dem geschulten Blick des Kanalinspektors gesagt.
ja, das Haus war klein, fast schäbig, es gab keinen Ofen,
Wasser tropfte von der Traufe in den feuchten Keller,
die meisten Bretter mußten festgenagelt werden,
die Hintertür schloß nicht ganz, im Winter krustete
eine Eisschicht den Spalt: er hatte es trotzdem gekauft,
mit vierundsechzig Jahren sein erstes eigenes Haus.

eins der ärmlichsten in der Straße, aber er konnte sich
zurückziehn, ein Taschenkrebs, als wüchsen die Mauern
direkt aus seiner Haut, wie eine Kruste, ein Schorf,
der sich beim Kratzen verdickt. Neid gärte doch in ihm:
Henry Longfellow wohnte in einem weiten Anwesen,
John Whittier in einem Farmhaus, reich genug, daß
er einen Anbau nach dem nächsten finanzieren konnte,
Herman Melville auf Arrowhead mit Ausblick ins Grüne,
Oliver Holmes residierte fürstlich in der Beacon Street,
William Bryant hockte im stuckverzierten Cedarmere,
die Wasser des Atlantiks aufbruchbereit vor der Tür.

er saß im Schaukelstuhl, bei geschlossenen Fensterläden,
und hörte dies: Händler, die klapprige Karren ziehn,
die Hausierer, die ihre Angebote ausrufen, so melodiös
wie Opernsänger, das Geläute der Methodistenkirche,
zwanzig Mal fährt die Bahn von Camden nach Amboy,
südlich von New York, tags wie nachts: Schienenrattern,
quietschende Bremsen, schnaufender Dampf, Signale;
er hörte das Treiben auf dem Delaware, die Heulbojen
der Werft von King’s Point (Sirenen auf homerischer See),
die Kommandos beim Beladen und Entladen der Schiffe,
die Pfeifen der Fähren, ihr imposant langgezogenes bu-r-r-r,
das von der andern Uferseite, von Philadelphia, rübertönt,
vermischt mit dem Gestank aus der Guanodüngerfabrik,
die Aufmärsche mit dröhnendem bumm, buMM, BUMM ...,
das Gekeife der Nachbarsfrauen, die den Bürgersteig
mit einer an Besessenheit grenzenden Leidenschaft fegen.

hinterm Haus eine kleine Wiese mit einem Birnbaum,
im Verschlag Hühner, miauend die Katze an der Tür,
er saß im Schaukelstuhl, wiegte vor und wiegte zurück,
stundenlang, bis der Boden zu schwanken begann –
die Wände wegbröckelten – die Zimmerdecke aufbrach –
dann träumte er, daß er mit dem Buggy ans Meer führe,
der Weg schnürt durch Salzgraswiesen, der Duft des
Riedgrases erinnert an Maische und die südliche Bucht
der Heimatinsel – bis in die elektrisierte Nacht könnte er
durch die Meerprärien fahren! draußen in der Ferne
Vollschiffe, Briggs, Schoner, deren Segel Wind fangen –
fast außer Sichtweite der Rauchwimpel eines Dampfers.

im Schaukelstuhl träumte er, wie er seine Kleider
abstreift, den gelähmten Körper, und ins Wasser steigt,
kleine Schaumkronen schwappen gegen seine Brust,
hinterlassen ein klebriges Weiß: der milchweiße Strahl,
der früher vorschoß wie Morgensonne über die Bergzipfel.
bade mich, O Gott, in dir, schreit er so laut (im Zimmer
oder am Meer?), wie’s die schwachen Lungen zulassen,
stützt sich auf seinen Stock, humpelt aus dem Wasser,
will zurück zum Haus – hinter den Salzgraswiesen wartet
das Meer geduldig auf die Seele, die es längst befährt.


In Jürgen Brôcan: Ritzelwellen. Gedichte. München (APHAIA Verlag) 2020. 136 S.
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