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Jürgen Brôcan: Atemfrequenzen

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Ulrike Titelbach

Jürgen Brôcan: Atemfrequenzen. München (Aphaia Verlag) 2022. 144 Seiten, 17,00 Euro.

„das Verschnaufen des Tunnelblicks“


„Ein Weg über lange, in rechten Winkeln verlaufende Rampen führt zum Taufwasserbecken in der Mitte. Steigt man hinein und zieht den Stöpsel, kommt man auf die ‚andere Seite‘, wo sich hinter Panzer-schotten lange Gänge befinden und schließlich eine verrammelte Tür, die besser ungeöffnet bliebe, die aufzuschließen aber notwendig ist.“ (61)

Mit den „Atemfrequenzen“ legt der Lyriker, Essayist, Übersetzer und Herausgeber Jürgen Brôcan seinen inzwischen 7. Gedichtband vor. Wie schon die 2020 publizierten „Ritzelwellen“ erscheint auch dieser in der ansprechend schlichten Gestaltung des Münchner Aphaia Verlags (mit festem Einband und Lesebändchen).
         Ausgehend von Martin Luthers Überlegungen zur Mündigkeit des Menschen setzt Brôcan sich darin eingehend und durchwegs kritisch mit den – bereits von Luther und seinen Zeitgenossen heraufbeschworenen – Untergangsszenarien unserer Zeit auseinander. Entsprechend finden sich in den Gedichten zahlreiche Allusionen auf Luthers Schriften, wobei der Autor auch auf Inkonsequenzen und Widersprüchlichkeiten in dessen Werk verweist. Der Reformator tritt auf als

„einer, der Geschwafel von blaw endten nicht schätzte,
der sich auf Jagd nach Fuchsschwänzen machte
und beharrte, daß von der Schrift ein aign liecht strahlt,
aber die Wahrheit zuschnitt nach seiner Tagesform“ (92).

Deutlich erkennbar nimmt der Band zudem Bezug auf Dantes Göttliche Komödie. Wie diese ist auch er in drei Abschnitte gegliedert. Diese sind jeweils wieder dreiteilig strukturiert.
   Schon der erste Abschnitt (Unter Schwarzlicht) korrespondiert mit dem Inferno aus La Comedia. Verweise finden sich etwa in der Fieberscene, wo Brôcan Dantes synästhetische Überlagerung optischer und akustischer Ein-drücke übernimmt und uns wie dieser an einen Ort führt, an dem jedes Licht verstummt (vgl. 16 und Dante 1321/2021, 5. Gesang, V 28: „Io venni in luogo d‘ogni luce muto“). Und die „an Wände genagelten Leiber, aufgehängt an den Dornen ihrer Seelen“ (17) in Albträume erinnern an ein Schreckens-bild Dantes aus dem 13. Gesang des Inferno (Dante 1321/2021, 13. G., V. 106-108).

Im zweitem Abschnitt, dem Purgatorio, widmet sich Brôcan jenen Phänomenen, die sich „durch Tintenwürfe nicht austreiben“ lassen (41). Hierbei nimmt er im Speziellen die Träume in den Blick. Das zeigt bereits der Titel „lauter Somnia“ (41), der wiederum sehr deutlich auf Luther verweist. Der brandmarkte den Traum in seinen Tischreden als Machwerk des Teufel:

„denn der Teuffel macht die Leute schlaffend
das kan er wol thun
und machet jhnen ein Geuckelwerk für die Augen
da mit spielen sie
biß das sie erwachen“ (Luther, zitiert nach Brôcan 132).

Als Zwischenzustand weisen Träume auch eine deutliche Parallele zum Tod auf:

„Wo Himmel und Meer aneinanderstoßen, endet der Raum abrupt, kaum größer als der eigene Kopf, die Nullstelle, die alle Vorstellungen auslöscht, doch auch der magische Ort, der einen anzieht, wenn die Digitaluhr die letzten Sekunden vom Dasein schält.“ (50)

Anders als Luther kann Brôcan den dunklen Wirklichkeiten der Träume aber auch gänzlich andere Nuancen abgewinnen, denn

„ins Schwarze lassen sich alle anderen Farben
am leichtesten hineinimaginieren“ (36).

Womit sich all zu klare Zuordnungen und die damit verbundenen Schwarz-Weiß-Differen-zierungen erübrigen. Mitunter zeigt sich an Übergängen und Schwellensituationen der Zauber der Welt sogar besonders deutlich.

„Also schließ die Augen, bleib
             wach, träume
 Blüten“ (26).

Weiterhin Dante folgend, nähern wir uns im dritten Abschnitt dieser Himmelsreise dem Paradies der letzten Dinge. Allerdings zeigen sich diese hier auf ganz alltägliche Weise,

„das Einfache geht & steht mir nahe, Pilz- und Heugeruch,
das Korn, Distelöl, unfaßlich diese Nahrung,

die man aus den Namen ziehen kann“ (103), aus dem „Verschnaufen des Tunnelblicks“ (118) und aus dem Indikativ, dessen präsente Kraft sich dem „Konjunktiv, diesem schönen gedanken-
zersetzenden wenn es dies nicht gäbe, nicht jenes“ entgegen setzt.“

Das lyrische Ich lenkt seinen Blick auf bunte Distelfelder und „blühende Schutthaufen“ (81).

             „(A)uf den Halden
ist das Unterste zuoberst geschaufelt,
ein Edenthron, was will man mehr, ein Erdenton,
Tonerde, Lehm – sich nicht lähmen lassen . Den Bodensatz
zu einem Satz vom Boden machen, nicht die Aschen
nachplappern, die Brandreden . Magnet
sein für den eigenen Kompaß
in härener Extravaganz“ (111).

Es thront kein Gott in diesem Paradiso, stattdessen führt uns Brôcan die „Wohltat freier Entscheidungen in unumkehrbarer Zeit“ (80) vor Augen. Verbunden mit der Frage nach der Mündigkeit des Menschen weist er in diesem Zusammenhang auch auf die lähmende Wirkung distopischer Narrationen hin: „Es sagt sich leichter ‚das Ende‘, als ‚verändere deine Koor-dinaten‘“ (13). Und die „Angst vorm Ende“ mutiert bisweilen „wie Körperzellen zum Geschwür, zur Lust daran“ (14).

Brôcans Gedichte erinnern daran, dass wir den inneren Kompass auch ganz anders ausrichten könnten, denn „Stillstand ist kein Faktor der Himmelsmechanik“ (81), kein Naturgesetz, „(j)ede

Veränderung
des Sekundenzeigers versetzt
das Trägheitsmoment in Angst und Schrecken“ (107).

Durchaus agitatorisch, dabei aber mit großer Zartheit nähern sich Brôcans Gedichte den „großen“ Dingen, geradeso als wären sie mit Regenwasser auf Asphalt geschrieben (vgl. 31). Und die „Zufriedenheit wartet zwei Finger hoch in der Teetasse auf dem Tisch“ (85).

Entsprechend wählt Brôcan als Metrum seiner lyrischen Betrachtungen den Atem in seinen vielfältigen Erscheinungsformen. Der Weg ins Paradies ist hier kein Gipfelsturm, sondern er folgt einer zyklischen Bewegung, die sich stets aus sich selbst erneuert. Irgendwann wird auch sie (vielleicht) zum Stillstand kommen, noch aber atmet alles in diesen Gedichten – selbst das All (26) … über die Dächer weht Atemgrün“, denn die Bäume sind „Luftwandler“ (106) und eine Ode ist „ein Odem für sich“. Was aber passiert „zwischen den Atempausen – bereiten sie etwas vor? –  

Schönheit ist ein Erstaunen“ (117).

Erstaunt hat mich hier wiederum, wie kunstfertig und kenntnisreich der Autor in seinen Texten auf Exponate der Bildenden Kunst und auf herausragende Musikerlebnisse Bezug nimmt und auf welche Weise er diese mit den (anti)paradiesischen Welten seiner Texte in einen Atem bringt. Etwa wenn ein „Triller im achten Takt des Molto moderato“ einer B-Dur Sonate von Franz Schubert (134) das lyrische Ich „in die Baumkronenstunde“ schießt (89). Und offenbar brüllt nichts so laut „durch Kanzel & Katechismus“ (99) wie das Felix namque I von Thomas Tallis „in der aufwühlenden Einspielung von Pieter-Jan Belder“ (135):

„Ein Cembalo ist wie ein Dornenstrauß
mit Honigbukett . Im Fugenrausch
das Abschnellen von Eisenpfeilen
wie sirrende Drahtsensen . Und doch gibt es den Hinter-
grundstimmen ausreichend Raum: Flakgeschütze
bei der Landowska, Plaudereinen und Vögel
bei Scott Ross am offenen Fenster“ (99).

Die gewohnt ausführlichen Anmerkungen des Autors zu seinen Gedichten helfen dabei, die inter-textuellen Bezüge solcher Textpassagen noch tiefer zu erfassen.  Wer sich beim Lesen gerne auf Spurensuche begibt, wird diese informativen Ergänzungen gewiss mit Gewinn lesen.
          Aber auch ohne Anmerkungen ist der vorliegende Lyrikband durchwegs und in der Summe seiner Teile stimmig. Er birgt so manche Überraschung, „braust durch einige Gehirnwindungen“, bleibt dabei aber stets unaufgeregt und gibt so den – mitunter markanten – Hintergrundstimmen genügend Raum. Auf diesen ruhigen Atem ist Verlass – und doch auch wieder nicht. Letztlich lassen auch Brôcans Atemfrequenzen uns „sitzen mit splitterfasernacktem Gedicht“ (79).


Literatur:
* Dante Alighieri (1321/2021): La Commedia/Die Göttliche Komödie. In Prosa übersetzt und kommen-tiert von Hartmut Köhler. – Stuttgart: Reclam.


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