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Jürg Halter: Gemeinsame Sprache

Rezensionen/Verlage


Stefan Hölscher

Jürg Halter: Gemeinsame Sprache. Gedichte. Zürich (Dörlemann Verlag) 2021. 152 Seiten. 20,00 Euro.

Warum?


Es gab Zeiten, da hatte Literaturkritik noch ein ganz anderes Gepräge. Da konnte sie – so wie auch die Literatur, von der sie sprach – ins Mark gehen und erschüttern. Erschüttern vor jubelnder Begeisterung oder abgrundtiefer Vernichtung. Es waren die Zeiten, in denen der von nicht wenigen „groß“ genannte Marcel Reich-Ranicki nicht nur mit seiner singulären Eigenart, sondern auch mit seiner Strahlkraft den Stil, mit dem Kritik über ihre Gegenstände sprach, maßgeblich geprägt hat. Lang sind sie her – diese Zeiten.

Literaturkritik ist zumeist nett geworden. Ernsthaft kritische Töne muss man mit der Lupe suchen, was natürlich, wie alles im Leben auch Vorteile mit sich bringt: Man ist unaufgeregter, gelassener, sachlicher, scheinbar auch konstruktiver geworden. Theaterdonner gilt als suspekt. Außerdem hat die positive Gangart ja auch nennenswerte Vorteile für die Kritiker*innen (mit allen möglichen Sternchen) selbst: Man erspart sich unnötigen Stress oder gar lebenslange Feindschaften seitens der sich übel kritisiert Fühlenden; man pickt sich von vornherein vor allem das heraus, bei dem man mit größter Wahrscheinlichkeit davon ausgehen darf, dass man es goutiert, man könnte auch sagen: die Rosinen; man muss sich nicht ohne allzu große Not allzu laut für oder gegen irgendetwas Unbequemes positionieren, wo einem heutzutage ja schon kleine verbale Lapsi übel auf die Füße fallen können. Natürlich freut sich auch die Kritiker*in über möglichst viele nette Likes, die nun einmal etwas häufiger kommen, wenn auch die jeweilige Fangemeinde der Dichter*innen und ihrer Opera widergespiegelt bekommt, dass alles kaum schöner sein könnte, als es hier schon ist. Und so scheinen wir denn unentwegt und in alle Richtungen Brücken zu bauen – auch mit Hilfe wunderbar inklusiver Literaturkritik.

Als Brückenbau vom ersten Worte an lässt sich auch der Titel des neuen Gedichtbands von Jürg Halter verstehen. Er heißt: „Gemeinsame Sprache“ – und kann gleich mühelos den Wett-bewerb mit den schönsten Marketingmottos gemeinnützig-integrativer Kulturorganisationen aufnehmen. Jürg Halter, Jahrgang 1980, Schweizer Autor und Performancekünstler, war früher, gar nicht wenige Jahre lang, auch als Rapper unterwegs. Und das ist einer der Gründe, warum dieses Buch in meine Finger gekommen ist. Mich interessiert Lyrik gerade auch, wenn sie nicht aus dem kleinen feinen Lyrikgehege stammt. Hinzu kommt eine sehr verheißungsvolle Ankün-digung des Verlags, der über eine Kommunikationsagentur verlauten lässt: „Jürg Halter zählt zu den wichtigsten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartslyrik. Feinsinnig und gesellschaftskritisch, schräg, witzig oder melancholisch rich-ten seine Gedichte den Schweinwerfer auf Themen, die bewegen in seinem neuen Lyrikband „Gemeinsame Sprache“.“ Der Lyrikband des früheren Rappers und heutigen Poeten hat mich also neugierig gemacht.

Meine Neugier ist dann allerdings leider von Seite zu Seite bei der Lektüre des Buches immer mehr geschwunden. Und das ist schade, denn Jürg Halter sagt, wenn er etwa über Gefühle, Trennungen, Anzugträger oder die Zerstörung der Natur spricht, das, was stimmt, zum Beispiel hier:

Wir verschwenden uns wohltemperiert,
betäubt von der Hitze, die uns fehlt,
warten wir – dass das wahre Leben beginne
(etwa nach der nächsten Eiszeit)
    
Ja, wie wahr! Oder hier in dem längeren Gedicht „Gute Menschen“ über die vom Menschen betriebene Zerstörung der Lebensgrundlagen seines Planeten:

Können bis zuletzt vom Glauben zehren,
dass wir etwas hätten dagegen tun können.
Selbstbestimmt leben und sterben,
selbstbestimmt tot sein,
wer’s glaubt, wird selig.
Wir sind gute Menschen.
Wir schaffen das.
  
Die einzig wirklich relevante Frage
Auf globalen Podien aber bleibt:
Wer kommt für die Kosten
Der nicht enden wollenden
Selbstzerstörung auf?
Lasst uns darüber schlafen.
Wir schaffen das.
          
Ja, wie wahr auch das und wie „gesellschaftskritisch“ trefflich mit dem Merkel-(Un-)Satz „Wir schaffen das“ kombiniert! Die „Gemeinsame Sprache“ ist gefunden, bzw. das ist sie doch nicht, denn Jürg Halter gibt seinen Poemen durchweg eine, wie wir ja schon erfahren haben „melancholische“ Wendung. So ist die gemeinsame Sprache eigentlich gar keine. Sie ist, wer hätte das für möglich gehalten, sogar das Gegenteil davon:

Gemeinsame Sprache

Wir sprechen mit Händen und Füßen,
wagen den Mund nicht zu öffnen.
Die Aquarien, in denen wir leben,
gehen nahezu ineinander über.

Wir schwimmen aufeinander zu.
Kurz, bevor wir uns berühren,
taucht eine Glaswand auf,
wir drücken unsere Nasen platt.

So wie du dich vor mir schämst,
kann ich dir nicht erzählen,
wie ich mich vor dir schäme.
Wir sehen einander an.

Sauerstoffbläschen bilden
sich zu Worten.
Liebste, welche Sprache,
sprechen wir gemeinsam?
                                      
Ja, wie traurig und wie wahr zugleich. Jeder lebt in seiner eigenen bubble, sogar meine Liebste versus mein Liebster, sodass wir uns fragen könnten, ob wir überhaupt eine „gemeinsame Sprache“ finden. Als Leser kann ich gar nicht so oft nicken, wie ich zustimmen muss. Der Jürg aus der Schweiz hat Recht mit dem, was er da auf den knapp 150 Seiten seines Poesiebuches sagt. Und, obwohl er so viele ernste Themen, wie eben kaputte Beziehungen oder kaputte Natur, so wacker „gesellschaftskritisch, melancholisch“ anspricht, bringt er uns doch auch, wie schon angekündigt, „schräg, witzig“ zum Lachen:

Episch

Ganz Deutschland spricht über dieses Gedicht,
obwohl ich es noch nicht geschrieben habe
und darüber hinaus Schweizer bin.

Sie können sich ja selbst vorstellen,
was momentan hier los ist.
Das ist e p i s c h.
                 
Und eben auch w i  t z i g. Sehr sogar! Und vielleicht wäre es sogar noch viel witziger gewesen, wenn er es TATSÄCHLICH nicht geschrieben oder zumindest nicht veröffentlicht hätte. Hat er aber nicht, wie auch die vielen anderen Texte in dem Buch, die wahrlich nicht geprägt sind von groben handwerklichen Schnitzern. Jürg Halter schreibt definitiv nicht die Art von Lyrik, die schon wieder dadurch faszinierend ist, wie hoffnungslos naiv, vermurkst, kitschig oder phantasietötend sie ist. Alles ist handwerklich in Ordnung, ja mehr noch, es ist vom Duktus her in sich kohärent und ausgewogen. Es hat durch die Nähe zur natürlich gesprochenen Sprache, der Halter kleine feine, überraschende Wendungen zu geben versucht, einen, wie ich finde, durchaus lohnenden Grundansatz. Daraus ließe sich viel Interessantes machen: in der gesprochenen Lyrik, der Performance, aus der Halter kommt, sowieso; aber auch im Schriftlichen, mit dem wir es ja nun qua Buch hier zu tun haben. Der Ansatz ist eigentlich wunderbar – ehrlich(!) – er bleibt in der Ausführung hier nur leider ziemlich lau. Die schönen „feinsinnig, gesellschaftskritisch, schräg, witzig oder melancholisch[en]“ Poeme: sie rauschen dahin, perlen an Lesers „Glaswand“ ab, dringen nicht durch, bleiben ganz überwiegend belanglos. Und das ist mehr als schade.

Während der Lektüre habe ich mich zu oft gefragt: Warum? Warum muss ich diese Texte lesen, die mir mit Worten, die ich immer schon hatte, sagen, was ich immer schon wusste? Warum wurden solche Texte geschrieben und vom Dörlemann Verlag zwischen die beiden beruhigend meerblauen Buchdeckel gepackt? Und warum werden mir die hier niedergelegten schlichten Einsichten mit wärmsten Worten als große Poesie angepriesen? Warum?

Wenn ich das Buch als Teil einer Entwicklung betrachte, in der es Halter darum geht, sich auch unabhängig von seiner sicher professionellen und effektvollen Auftritts-Performance als Poet in der Dimension des geschriebenen Worts stärker zu artikulieren, kann ich das Buch deutlich positiver betrachten: als wichtigen Schritt einer künstlerischen Entwicklung. Aus den Ansätzen, die darin schlummern, könnte Halter tatsächlich was machen…


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