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Johannes Kepler: Der Traum, oder: Mond-Astronomie

Rezensionen/Verlage


Jan Kuhlbrodt

Johannes Kepler: Der Traum, oder: Mond-Astronomie. Somnium sive astronomia lunaris. Mit einem Beitrag für Mondreisende von Beatrix Langner. Berlin (Matthes & Seitz) 2021 (Taschenbuch-Auflage). 271 Seiten. 18,00 Euro.

Vom Mond
Keplers Traum


Es gibt einen Film, der heißt: „Der Mond ist nur a nackerte Kugel“. Ungleichzeitigkeit in der Zeit. Es werden archaische Strukturen in einem bayrischen Dorf sichtbar, während im Fernsehen die Mondlandung übertragen wird.

Bei Matthes & Seitz ist dieser Tage ein Buch in neuer Auflage als Softcover erschienen, dass einen Text Johannes Keplers enthält, begleitet von einem langen Essay von Beatrix Langner. Aktualität erhält beides durch Meldungen wie zum Beispiel, dass China sich an die Erkundung der dunklen Mondseite macht und dass reiche Versandhandels-Mogule an einer kommerziellen Ausschlachtung von Weltraumreisen arbeiten. Das, was vielleicht einmal Sciencefiction war, verliert den fiktionalen Anteil, wird aber auch nicht zur Gänze Wissenschaft, sondern bleibt im kapitalistischen Vermarktungszusammenhang.
    Keplers Buch aber lehrt uns, dass der Mondreisende, so er traumbegabt ist, keinen Raumanzug braucht.

„Auf wunderbare Weise lachten mich die Astronomischen Studien an. Denn Brahe und die Studenten betrachteten ganze Nächte lang mit erstaunlichen Geräten den Mond und die Sterne, das erinnerte mich an meine Mutter, die ja auch selbst unablässig mit dem Mond zu sprechen pflegte.“

Tycho Brahe, ein dänischer Mathematiker und Astronom und Kepler lernten sich in Prag zur Zeit des dreißigjährigen Krieges kennen, und Kepler übernahm Brahes Aufzeichnungen, um die es nach Brahes Tod auch einen Rechtsstreit zwischen Kepler und den Brahe-Erben kam. Das alles erfährt man aus Langners Essay, der Akzidenzien dieser Art nicht verwesentlicht, aber dennoch in die Nähe des Wesentlichen rückt. Sie baut das Begegnen ein in den verheerenden Kontext der Geschichte.
    Ich lese, als böte die Mondreise einen Ausweg aus jenem Jammertal, als das sich die Erde Kepler und auch Brahe, aber vor allem Keplers Mutter, die der Hexerei bezichtigt wurde, darbot.

Langners Essay beginnt übrigens mit einem Bericht über eine sowjetische Weltraummission von 1959 ein. Eine Kapsel landete unsanft auf der Mondoberfläche und schleuderte ein paar regelmäßige Fünfecke, in die ein Stern sowie Hammer und Sichel eingraviert waren, in den Mondsand. Traum, Wissenschaft und weltliche Verheerung scheinen sich über die Zeit die Waage zu halten. Wissensgeschichte und Wissen-schaftsgeschichte vor dem Hintergrund der sogenannten Real-geschichte, als ob Wissenschaft und Wissen nicht real wären. Also vor dem Hintergrund einer Gesamtgeschichte. Und wir sind uns noch immer nicht einig, ob sie sich zu einem Höheren hinbewegt, ob sie einen inneren Sinn entfaltet, oder ob sie sich ganz dem Zufall ausgeliefert zuträgt. Für all diese Annahmen gibt es gute Argumente, aber eben auch solche, die diese guten Argumente treffend widerlegen.

Vor ein paar Jahren schenkte mir ein Freund, der Physiker ist, Arthur Koestlers Buch „Traumwandler“ in dem Koestler die Vorstellungen, die Abfolge der wissenschaftlichen Vorstellungen des Himmels beschreibt, der Himmelsmechanik, wie es ungenau heißt. Köstler, der Exkommunist, der in „Sonnenfinsternis“ von der Pervertierung des kommunistischen Traums in Stalins Sowjetunion berichtet.

Ein Blick in den Himmel, der einiges sieht, was mit der Erfahrung zunächst nicht in Einklang zu bringen war. Die Erklärungen stellten sich als eine Abfolge der Konstruktionen dar, die durch neu gewonnenes empirisches Material immer wieder zum Einsturz gebracht worden sind. Ähnlich wird der Gang der Wissenschaften auch in Langners Essay erzählt. Aber er erzählt auch, wie Erkenntnisse, die eine Wahrheit bargen, immer wieder verschüttet wurden, durch Kriege oder Ideologien aufgerieben. Wie wissenschaftliche Aufzeichnungen in Koffern auf Dachböden überdauerten, bis sie, wie im Fall Keplers, von einer russischen Zarin freigekauft und in Erinnerung gebracht wurden, der Welt präsentiert, aus der sie nicht mehr wegzudenken sind.
 


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