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Johannes Jansen: Ergebnis einer Isolation

Rezensionen/Verlage


Jan Kuhlbrodt

Johannes Jansen: Ergebnis einer Isolation. Göttingen (Wallstein Verlag - Reihe Berliner Rede zur Poesie, Bd. 6, 2021) 2021. 48 Seiten. 13,90 Euro.

Die Angst in den Formen oder Aus der Isolation heraus
Zu Johannes Jansens Berliner Rede zur Poesie 2021


Man gestatte mir eine Vorbemerkung, denn die Lektüre hat in mir neben Bewunderung einige Gedanken aufgerufen, die mir zu äußern wichtig erscheinen, denn Kunst spielt sich, auch wenn sie zuweilen Welten eröffnet, nicht im luftleeren Raum ab:

Es gibt Berufsgruppen, da scheinen bestimmte Krankheiten besonders verbreitet. Man meint im künstlerischen Bereich von Selbsttötungen häufiger zu hören, als irgendwo anders. Das mag allerdings damit zusammenhängen, dass sich die Krankheit eben Raum sucht, und sich die Kunst ihr als Schutzraum anbietet. Mir ist allerdings keine Statistik bekannt, die meine Beobachtung bestätigen könnte, erst eine solche könnte die These verifizieren. Ich weiß aber von Suiziden und Suizidversuchen im Umfeld des Deutschen Literaturinstitutes, und diese scheinen mir im Vergleich zu anderen Einrichtungen, an denen ich lehrte oder studierte, relativ häufig. Allerdings möchte ich diese meine Beobachtung auch nicht mythologisieren und betonen: An einer Selbsttötung ist nichts romantisch oder genialitätsbehaftet. Sie ist immer Produkt einer vorangegangenen Erkrankung, einer Depression – und auch ein Ergebnis von Hilflosigkeit des Umfelds. Manchmal ist sie auch das, was die Erkrankung dem Umfeld erst sichtbar werden lässt.

Johannes Jansens Berliner Rede zur Poesie, die er am 13. 06. 2021 gehalten hat, und die zeitgleich im Wallstein Verlag als Buch erschien, heißt „Ergebnis einer Isolation.“ Es ist, nach jenen von Oswald Egger, Elke Erb und Anne Carson, Sergio Raimondi und John Burnside, die sechste Rede zur Poesie – und jede der Reden für sich war ein Ereignis. Auch Jansens ist im Kontext zeitgenössischer Lyrik ein Highlight.

Wer ein wenig vertraut ist mit den bisherigen Veröffent-lichungen von Jansen wird auch in diesem Text diesen typischen Jansen-Sound entdecken, diese Musikalität, die seinen Prosa-gedichten seit je innewohnt. Ich selbst wurde zum Jansen-Leser und eigentlich zum Jansen-Fan, als ich seine bei Suhrkamp erschienenen Bände las. Es lag in dieser Schönheit, in dieser Eleganz der Sprache ein tiefer Ernst. Das klingt vielleicht etwas pathetisch, aber wenn man die Texte wie „Verfeinerung der Einzelheiten“ betrachtet, versteht man das Pathos.

Nach einem Vorsatz – der erste Abschnitt und darin folgende Sätze:

„... Der kluge sich ordnende Organismus. Das Heilige gibt es wirklich. Es ist wirksam, doch es bleibt anonym, denn es ist eben heilig. Wie ein Schleier liegt die banale Verzweiflung darüber. Sie ist dominant. Doch sie verschwindet auch wieder. ...“

In diesen Sätzen des ersten Abschnittes liegt vielleicht schon der ganze Inhalt des Textes. Sie scheinen eine Art inneres Exposé zu sein; den Leserinnen und Lesern, den Hörerinnen und Hörern vorangestellt, dass sie an der Verzweiflung, die kommt, nicht verzweifeln. Denn weiter hinten heißt es:

„Am Morgen kommt der Hammerschlag. Ein jeder will den andern an seinen Willen binden. Der letzte Abend katastrophal. Wenn du die Gleichgültigkeit dessen doch wirklich verinnern könntest. … Schönheit macht krank, vor allem an Sonntagen. ...“

Beschrieben wird hier eine Hilf- und Ausweglosigkeit. Nicht zu bändigen, nicht zu bannen.
    Aber gleich, im nächsten Abschnitt, der ein Vermögen der Kunst offenlegt, oder zumindest ein Vermögen, das künstlerischer Struktur innewohnt, folgt: Die Welt neu zu ordnen:

„Begeistert die Ordnung. Denn die Ordnung ist eigentlich Spiel. Ein Spiel, das es eigentlich ernst meint. Der Ernst eines Kindes wäre ein Ziel, wenn der Geist ihn belebt hat. ...“

Man kann die einzelnen Abschnitte, die durch Leerzeilen und Sternchen voneinander getrennt sind, durchaus auch als einzelne Prosagedichte lesen. Die ganze Rede als Zyklus. Isoliert nehmen die Texte noch einmal ganz andere Färbungen an, und das Situative verlagert sich zuweilen heraus aus dem isolierten Inneren, zum Beispiel auch in den städtischen Raum. Manchmal auch wird das Selbstgespräch zum Zwiegespräch dadurch, die Selbstansprache zur Ansprache.

Die innere Ordnung verlangt auch eine Umgruppierung, den Umsturz der äußeren, die als repressive im Text zuweilen aufscheint.


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