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Jörg Neugebauer: Wie hältst du's aus? Zu "Die Darstellung Mariae im Tempel"

Memo/Essay > Aus dem Notizbuch > Essay

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Die Darstellung Mariae im Tempel

Um zu begreifen, wie sie damals war,
mußt du dich erst an eine Stelle rufen,
wo Säulen in dir wirken; wo du Stufen
nachfühlen kannst; wo Bogen voll Gefahr
den Abgrund eines Raumes überbrücken,
der in dir blieb, weil er aus solchen Stücken
getürmt war, daß du sie nicht mehr aus dir
ausheben kannst du rissest dich denn ein.

Bist du so weit, ist alles in dir Stein,
Wand, Aufgang, Durchblick, Wölbung -, so probier
den großen Vorhang, den du vor dir hast,
ein wenig wegzuzerrn mit beiden Händen:
da glänzt es von ganz hohen Gegenständen
und übertrifft dir Atem und Getast.
Hinauf, hinab, Palast steht auf Palast,
Geländer strömen breiter aus Geländern
und tauchen oben auf an solchen Rändern,
daß dich, wie du sie siehst, der Schwindel faßt.

Dabei macht ein Gewölk aus Räucherständern
die Nähe trüb; aber das Fernste zielt
in dich hinein mit seinen graden Strahlen -,
und wenn jetzt Schein aus klaren Flammenschalen
auf langsam nahenden Gewändern spielt:
wie hältst du's aus?

Sie aber kam und hob
den Blick, um dieses alles anzuschauen.
(Ein Kind, ein kleines Mädchen zwischen Frauen.)
Dann stieg sie ruhig, voller Selbstvertrauen,
dem Aufwand zu, der sich verwöhnt verschob:
So sehr war alles, was die Menschen bauen,
schon überwogen von dem Lob
in ihrem Herzen. Von der Lust
sich hinzugeben an die innern Zeichen:
Die Eltern meinten, sie hinaufzureichen,
der Drohende mit der Juwelenbrust
empfing sie scheinbar: Doch sie ging durch alle,
klein wie sie war, aus jeder Hand hinaus
und in ihr Los, das, höher als die Halle,
schon fertig war, und schwerer als das Haus.

Aus: Das Marien-Leben (1912)


Jörg Neugebauer

Wie hältst du's aus?            

Zu "Die Darstellung Mariae im Tempel" aus "Das Marien- Leben" von Rainer Maria Rilke


Das Gedicht schildert die damals übliche rituelle religiöse Initiation eines Kindes in die Gemeinde. Es entstand aus der unmittelbaren Betrachtung des Gemäldes Der Tempelgang Mariae von Tintoretto, das sich in Venedig in der Kirche Madonna dell' Orto befindet. Rilke war in seinem Leben viele Male in Venedig und vertiefte sich dort in die zahlreichen auf schier unzählige Kirchen verteilten Gemälde und sonstigen Kunstwerke. Und das ohne ein gläubiger Christ zu sein. Sehr wohl aber empfand und schätzte er sehr die starke Spiritualität dieser Orte.

Rilke will den Leser seines Gedichts, der in der Regel ja keine Abbildung des Gemäldes vor sich hat, befähigen, sich in die auf dem Bild dargestellte Szenerie hineinzuversetzen, und zwar mit äußerster Intensität. Dabei geht er Schritt für Schritt vor, denn ein solches sich Hineinversetzen braucht seine Zeit und erfordert ein hohes Maß an Konzentration. Ja, Rilke fordert den Leser geradezu auf, sich leibhaftig in das Bild hineinzubegeben und selbst Teil des Gemäldes zu werden. Mit allen Sinnen soll der Leser erst in dem Bild angekommen sein, bevor er imstande ist, diejenige Person in angemessener Weise wahrzunehmen, um die es in diesem Bild geht: die noch kindliche Maria.

Mehr als die Hälfte des Gedichts ist da schon geschrieben, und Rilke vergewissert sich beim Leser, ob dieser nach alledem in der Lage ist, das nun folgende "eigentliche Geschehen" in seinem Wesen zu verstehen, es wertzuschätzen und in seiner Einmaligkeit zu begreifen. Die an den Leser gerichtete Frage "wie hältst du's aus?" markiert genau diesen Übergang: Wenn du, lieber Leser, das Bisherige ausgehalten hast, sogar das, was ich dir ganz zuletzt noch zugemutet habe im dritten Abschnitt meines Gedichts, dann, und nur dann, kann dir das, was ich dir im folgenden schildere, etwas bedeuten, nur dann kannst du das Ungewöhnliche, ja Unerhörte dieses Vorgangs erfassen - ansonsten bleiben es lediglich Worte, und du solltest es dir besser ersparen, den Rest noch zu lesen.

Rilke setzt den Leser also verbal vor das Gemälde, aber nicht damit er davor verharre und sozusagen nur auf das Bild "glotzt", vielmehr soll die Distanz zwischen dem schauenden Subjekt und dem betrachteten Objekt - dem Bild - ganz und gar aufgehoben werden: Der Leser soll alles am eigenen Leib spüren und erfühlen - eine Vorgehensweise, die man sonst allenfalls aus dem Buddhismus kennt im Status der Meditation. Zugleich ist es die Art, wie Religiosität eigentlich überhaupt funktioniert: Nicht, indem ich auf irgendwelche Schriften, Geschichten, Gemälde oder Statuen als etwas außer mir Befindliches blicke und mich davon leiten lasse als einer Autorität, wird mir spirituelles Erleben zuteil, sondern indem ich mich und meine eigene Identität vergesse, sie ablege und mich in etwas hineinbegebe, das mir vom Verstand her erst einmal völlig unbegreiflich ist.

Rilke selbst schätzte übrigens die Qualität seiner im "Marien-Leben" versammelten 15 Gedichte nicht sonderlich hoch ein, was aber nicht viel bedeutet, denn auch später, bei den "Sonetten an Orpheus", war das zunächst genauso. Dort änderte er erst seine Meinung, nachdem Marie von Thurn und Taxis als exklusive Zuhörerin äußerst positiv auf eine Lesung der Sonette durch Rilke selbst reagiert hatte, und er gab zu, beim lauten Vorlesen den Wert der Sonette erkannt zu haben. Ob er auch dieses Gedicht, um das es hier geht, jemals vor Publikum vorgetragen hat, wissen wir nicht, wohl eher nein. Alles, was uns heute zu tun bleibt ist, das an seiner Stelle zu tun - vielleicht (scherzhaft gesagt) hört er es ja und ändert dann seine Meinung.

Von Jörg Neugebauer erschienen 2022 "Der Zeitzwerg und andere Texte nur für diesen Moment" in der Edition Noack & Block, sowie der Lyrikband "Ach so ich bin ja" im Black Ink Verlag.


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