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Jörg Neugebauer: Manches muss im Dunkeln bleiben

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Jörg Neugebauer

Manches muss im Dunkeln bleiben - 3 kurze Texte zu Kafka


Manches muss im Dunkeln bleiben.

Man muss sich das mal vorstellen, also da schreibt einer, der von sich sagt, er habe kein literarisches Interesse, sondern er selbst könne nichts anderes als Literatur sein, also der schreibt über Monate an einem Manuskript und verwirft es, verfügt, man soll es verbrennen, man verbrennt's aber nicht, sondern der, den er damit beauftragt, gibt es heraus nach dem Tod des Verfassers und fügt die Teile zusammen, so dass es fast aussieht wie ein Roman, den man lesen kann von vorne bis hinten, wie man es kennt.

Zugleich aber zeigen die Teile ein Eigenleben, die sogenannten Kapitel haben erzählerisch solch eine Kraft, da ist es egal, dass zwischendrin manches fehlt. Man kennt das aus dem eigenen Dasein, manches muss im Dunkeln bleiben oder fühlt sich an wie nicht vorhanden, außer in einer Art Traum.

Und jetzt kennt alle Welt diesen Verfasser, der, als er starb, meinte, ein paar kleine Erzählungen allenfalls würden ihn überleben.


Seit er sich in einen Käfer verwandelt hatte, war ihm wohler. So erwartete niemand mehr etwas von ihm.  Eigentlich hatte er sich auch gar nicht verwandelt, er ließ es nach außen so aussehen, damit hatte er seine Ruhe. Ja, er war noch der alte, derselbe, wer sollte er sonst sein.

Die Käfer-Gestalt erforderte eine gewisse Gewöhnung, doch damit kam er ganz gut zurecht.

Nur als drüben im Wohnzimmer der Familie die Schwester begann, den drei Zimmerherrn, die neuerdings hier einquartiert waren, auf der Violine was vorzuspielen, geriet er irgendwie außer sich. IHM sollte sie etwas vorspielen, nicht diesen bärtigen Laffen, die nicht einmal zuhörten, bloß wichtig in ihre Zigarren bliesen.

So rückte er denn vor, ins Blickfeld der ganzen Gesellschaft. Der Vater zischte, warf mit Äpfeln nach ihm. Und traf. Die Zimmerherrn fuchtelten erbost mit den Armen. Wir kündigen! schrien sie, als sei er der Vermieter. Die Schwester ließ die Violine sinken. Ach, Gregor, sagte sie nur.


Zum Ende des Lebens noch ein Diamant.


Von Jörg Neugebauer erschienen der Gedichtband Jimi Hendrix traf Kafka und fragte ihn nach der Uhrzeit sowie zuletzt zwei Lyrikbände im Black Ink Verlag.
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