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Jörg Neugebauer: das kannst du dir nicht ausdenken

Poetik / Philosophie > Glossen

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Foto: Wikipedia
Jörg Neugebauer

das kannst du dir nicht ausdenken


wozu sollte man so weit hinausfahren. es waren ein paar gute bands angesagt, das ja. aber deshalb so weit hinaus? so weit draußen da konnte doch gar nichts sein. auf einem feld, wie sich dann zeigte, auf einer weide. ziemlich groß immerhin, für an die zehntausend könnte es reichen. es gab kaum straßen dorthin, deshalb kamen viele zu spät. spät auch begann es, da hing die sonne schon ziemlich weit unten. die als erste auftreten sollten, waren noch gar nicht da, na das fing ja gut an. aus dem publikum sprang einer ein.

und joe cocker kam, zwei tage später. den kannte kaum einer, ein engländer, die haare ganz verklebt. der gab alles, das lässt sich nicht leugnen. gab es die beatles da noch? sie waren jedenfalls nicht mit dabei. joe cocker sang ein altes lied von ihnen. aber viel besser, so mehr elegisch und ewig lang. mit einer stimme, das kannst du dir nicht ausdenken. musst du auch nicht. hör einfach die plattenaufnahme an. oder schau mal den film. durch den film wurde alles dort erst das, was es heute ist.

also sie saßen da auch zwischen pfützen, gingen im schlamm. manche tanzten, angeblich bekifft oder mehr. weiß man's? sicher ist, dass es geregnet hat. und es gab gewitter. weit mehr als zehntausend waren es dann, das vierzigfache, wurde gezählt. irgendwann musste keiner mehr eintritt bezahlen. und keiner tat einem anderen was, so denkt man sich's heute. dann wird's wohl so gewesen sein. handys noch nicht erfunden.

am leben sind heut nur noch wenige. von dem ganzen haufen, der damals jung war! das kannst du dir nicht ausdenken. der bauer ist auch tot, dem die weide gehörte. er sprach damals auf dem festival. eigentlich konservativ, wollte er den jungen leuten nichts abschlagen. dafür haben ihn seine nachbarn später verflucht. ihm die hölle heißgemacht, aber so richtig. wie er das alles zulassen konnte. wolle sich nur bereichern, der jude. das hat sein herz nicht lang überlebt.

und heute der mythos. liebe und frieden und alles. stimmt ja auch, so im nachhinein. damals war das noch möglich. wer selbst dabei war, hat's vielleicht anders erlebt. geh einen fragen.

als hendrix auftrat, als letzter, waren schon neunzig prozent der zuschauer weg. es war montagmorgen. überall unrat. und hendrix spielte, ganz frisch. die us-hymne mit all den fallenden bomben auf vietnam. der konnte das auf der gitarre. im film kam es als großes highlight rüber, real haben's nur wenige mitgekriegt. aber gespielt hat er's wirklich.


Von Jörg Neugebauer erschien zuletzt der Kurzprosaband "Und jetzt erst sehe ich dich", Edition Noack & Block.


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