Jörg Neugebauer: das kannst du dir nicht ausdenken
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Jörg Neugebauer
das kannst du dir nicht ausdenken
wozu sollte man so weit hinausfahren. es waren ein
paar gute bands angesagt, das ja. aber deshalb so weit hinaus? so weit draußen
da konnte doch gar nichts sein. auf einem feld, wie sich dann zeigte, auf einer
weide. ziemlich groß immerhin, für an die zehntausend könnte es reichen. es gab
kaum straßen dorthin, deshalb kamen viele zu spät. spät auch begann es, da hing
die sonne schon ziemlich weit unten. die als erste auftreten sollten, waren
noch gar nicht da, na das fing ja gut an. aus dem publikum sprang einer ein.
und joe cocker kam, zwei tage später. den kannte kaum
einer, ein engländer, die haare ganz verklebt. der gab alles, das lässt sich
nicht leugnen. gab es die beatles da noch? sie waren jedenfalls nicht mit
dabei. joe cocker sang ein altes lied von ihnen. aber viel besser, so mehr
elegisch und ewig lang. mit einer stimme, das kannst du dir nicht ausdenken.
musst du auch nicht. hör einfach die plattenaufnahme an. oder schau mal den
film. durch den film wurde alles dort erst das, was es heute ist.
also sie saßen da auch zwischen pfützen, gingen im
schlamm. manche tanzten, angeblich bekifft oder mehr. weiß man's? sicher ist,
dass es geregnet hat. und es gab gewitter. weit mehr als zehntausend waren es
dann, das vierzigfache, wurde gezählt. irgendwann musste keiner mehr eintritt
bezahlen. und keiner tat einem anderen was, so denkt man sich's heute. dann
wird's wohl so gewesen sein. handys noch nicht erfunden.
am leben sind heut nur noch wenige. von dem ganzen
haufen, der damals jung war! das kannst du dir nicht ausdenken. der bauer ist
auch tot, dem die weide gehörte. er sprach damals auf dem festival. eigentlich
konservativ, wollte er den jungen leuten nichts abschlagen. dafür haben ihn
seine nachbarn später verflucht. ihm die hölle heißgemacht, aber so richtig.
wie er das alles zulassen konnte. wolle sich nur bereichern, der jude. das hat
sein herz nicht lang überlebt.
und heute der mythos. liebe und frieden und alles.
stimmt ja auch, so im nachhinein. damals war das noch möglich. wer selbst dabei
war, hat's vielleicht anders erlebt. geh einen fragen.
als hendrix auftrat, als letzter, waren schon neunzig
prozent der zuschauer weg. es war montagmorgen. überall unrat. und hendrix
spielte, ganz frisch. die us-hymne mit all den fallenden bomben auf vietnam.
der konnte das auf der gitarre. im film kam es als großes highlight rüber, real
haben's nur wenige mitgekriegt. aber gespielt hat er's wirklich.
Von Jörg Neugebauer erschien zuletzt der Kurzprosaband
"Und jetzt erst sehe ich dich", Edition Noack & Block.