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Jean Giraudoux: Unschuld

Diskurs/Poetik/Essay > Glossen


Jean Giraudoux


Aus dem Essay
"Littérature", 1941


Man kann die Unschuld überhaupt nur so definieren: die Unschuld eines Wesens ist die vollkommene Angepaßtheit an seine Welt. Grausamkeit oder Sanftmut bedeuten ihr nichts - der Wolf ist ebenso unschuldig wie die Taube; sie kennt weder einen Schuldigen noch ein Opfer - der Wolf, der die Taube frißt, ist nicht weniger unschuldig als die Taube, die gefressen wird. Ein unschuldiges Wesen ist nicht harmlos, es ist gefährlich, so gefährlich eben seine physische Kraft, seine Krallen, seine Zähne sind - seine unschuldigen Krallen - doch es ist von völliger moralischer Unschädlichkeit. Daraus folgt, daß das Charakteristikum des unschuldigen Wesens die absolute Unkenntnis der eigenen Unschuld und der Glaube an die Unschuld aller anderen Wesen ist. Der Unschuldige ist nicht der, der nicht verurteilt wird, sondern der, der nicht verurteilt. Der Unschuldige ist nicht wie der Heilige Franziskus, der durch seine Vorliebe für Gänseblümchen, Fische und Falken nicht abläßt, seine Kollegen, die Goldwäger, seine Schwestern, die Kupplerinnen, und seine Brüder, die Tyrannen, anzuklagen. Der Unschuldige ist der, der nicht erklärt, das Leben sei für ihn zugleich vollkommen mysteriös und vollkommen klar, er beschuldigt niemanden.

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