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Jan Kuhlbrodt: Kanäle

Gedichte der Woche
Jan Kuhlbrodt

Kanäle

Ein trüber Bach, der nach und nach aufklart, aufgeklärt wird. Schon sammeln sich an den Staustufen Junglachse. Die Flüsse seien früher voll davon gewesen. Bachneunaugen. Waren die nicht ausgestorben? Über Jahrzehnte nicht ge­sehen. Wölfe. Und kommen noch neue Arten dazu, Nutria, Waschbär. Verrottete Zäune aufgegebener Pelztierfarmen. Nächtliche Schreie aus der Kadaververwertung.
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Als in den Neunzigern die Kanäle in Leipzig geöffnet wurden, um die Bach- und Flussläufe wieder ans Tages­licht zu bringen, habe man blinde hundertjährige Karpfen gefunden, las ich. Und ich muss an das Wespennest denken, das mein Vater, als die Welt für mich noch in Ordnung war, zumindest noch geordnet, mit einem Wasserstrahl aus dem Gartenschlauch von der Schuppenwand spülte.
Mit den Tieren kamen die Kriege zurück.
Abwechselnd Meldungen über gesichtete Luchse und Wölfe, einmal auch über einen Bären. Meldungen zwischen den Kriegen, die inzwischen die Nachrichten bestimmten. An ihnen scheiterten meiner Interpretationsmodelle, die ich mühsam über die Grenze gerettet hatte. Es sollte um Öl gehen, um Bodenschätze. Das hätte ich noch verstanden Christian aber sprach von Identitätskonstruktionen, und ich fing an, mir die Menschen wie Schaufensterpuppen vorzustellen. Zusammengesteckt aus robusten Einzelteilen, die frei kombinierbar waren. So einfach sei das aber dann doch nicht, sagte Christian.
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Der Materialismus kommt immer zu spät. Er sitzt mit seiner Angel am Kai oder am Bachrand, er fischt mit künstlichen Fliegen, und hofft zu wissen, worauf er zu achten hat; aus der Situation des Wartens folgert er seine Überlegenheit. Lachs, ein Lachs, zappelt im Kescher. Wenn nichts passiert, meint der Materialist, er habe alles im Griff und ihm könne nichts passieren. Der Materialist meint, sein Material zu beherrschen, seinen Lachs, und er beherrscht sein Material so, wie es ihn beherrscht. Aber das teilte ich damals noch nicht. Noch fühlte ich mich stark und überlegen.
Ich beharrte darauf, dass es einfach ist.
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Der Bach war weit weniger abstrakt, als ich angenommen hatte. Er war nur übermauert. Jetzt ist er freigelegt, und man fand auch, als man die Röhren öffnete, jene Karpfen dort vor, lebendig, ungenießbar, blind. Bleihaltige Ablage­rungsfische. Fortschritt ist, das, was einst als Fortschritt galt, wieder zu beseitigen. Mauern, Staaten, Religionen. Show, don’t tell.
Ich hatte mich immer für einen Materialisten gehalten, auch am Ende noch, auch noch gegen besseres Wissen. Und als Materialist hatte ich gegen besseres Wissen natürlich eine gewisse Arroganz entwickelt, gegen das Material, gegen den Lachs, auch wenn ich es selber war, der es besser wusste, es besser wissen musste.
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Das Bachneunauge ist nicht zu angeln, mit der letzten Metamorphose, zum Ende hin, zur Eiablage, büßt es sein Maul ein. Verhungert. Versprüht aber seinen Samen. Immerhin.


Aus Jan Kuhlbrodt: Die Rückkehr der Tiere. Berlin (Verlagshaus Berlin) 2020. 120 Seiten. 17,90 Euro.


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