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Jan Kuhlbrodt: Denklandschaften

Diskurs/Poetik/Essay > Diagramme


Jan Kuhlbrodt

Denklandschaften
(Carlfriedrich Claus und Jacques Derrida)


Immer wieder tauchen diese Namen auf, als wären sie auf den imaginären Vorhang gestickt, der mein Leben umfängt; der eine in Texten, die sich auf meinem Tisch türmen und in wechselnden Konstellationen gruppieren. Zuletzt in einem Buch des Slawisten, Übersetzers und Dichters Felix Philipp Ingold.  

„Um nicht seinerseits in den Verdacht der Sophisterei – des Spiels mit der trügerischen Identität der Signifikanten – zu geraten, schlägt er sich auf die Seite der Dichter ...“

Carlfriedrich Claus, der andere, ist in den Diskursen weniger präsent, aber als sedimentierter Gedankeninhalt und im Blick auf eine Sammlung mir besonders wichtiger Druckerzeugnisse vorhanden, hier im Regal, aber auch in Erinnerungen, die sich mir eingeprägt, eingebrannt haben. Zumal der bildende Künstler und Dichter zurückgezogen lebte, wenn auch nicht versteckt, und in etwa das Gegenteil war von einem öffentlichen Intellektuellen.
      Ich kann mich an seinen eher sanften Händedruck erinnern und seine kühlen Hände wie an die meines Großvaters, dabei hatte Claus sie mir nur ein einziges Mal zur Begrüßung gereicht. Ich sah ihn auf Ausstellungseröffnungen der Chemnitzer Galerie Oben. Irgendwann traute ich mich, ihn anzusprechen. Später. Als ich in Frankfurt am Main lebte schickte ich ihm eine Kopie meiner Magisterarbeit, in der ich ihn erwähnt und einen Satz von Erich Franz zitiert hatte:

"In den Auflösungen und Unterbrechungen sieht er auch hier wieder die Möglichkeit für neue, bisher nicht bedachte Bezüge und Ausrichtungen. Ein statisches bloßes Wahrnehmen solcher Zerstörung könnte einen vernichten; ein handelnder tätiger Realismus wäre dagegen auf eine andere Wahrgebung hin gerichtet. So etwa schreibt Claus im Dezember 1987. Er spricht von der Kraft solange zu verharren, bis es gelingt im Erfahren des Grauens, des beginnenden Erstarrens eine Verwandlung einzuleiten:... eben das: dass Wirklichkeit zahllose Gesichter hat, von denen keines alleingültig, keines ganz wahr ist."

Die hier beschriebene Anstrengung erfährt man deutlich bei der Versenkung in Claus´ Sprachblätter. Schrift, ausdauernd verdichtet, bis zur Unkenntlichkeit geschrieben, gibt den Blick auf etwas frei, auf Neues, das ihren Sprachkern übersteigt. Das geschriebene Wort erhält eine Bedeutung, jenseits des Semantischen Sinnes.

Zum Dank und ein wenig zu meinem Erstaunen schickte mir Claus daraufhin Druckerzeugnisse, die seine künstlerische Arbeit und sein damit verknüpftes theoretisches Denken dokumentierten. Seine Arbeiten öffneten sich mir unmittelbar, obwohl sich in ihnen der Wortsinn optisch verwischt, oder gerade darum, eben weil die ästhetische Struktur sich über die Wörter legt, durch die sie erst entstanden war.

Lesen, wieder lesen und geduldig auf ein Verstehen warten, das ist die andere Strategie, die ich mir mühsam aneignen musste, angesichts philosophischer Texte, die aber Momente des Glücks, das heißt, des plötzlichen Erkennens, des Aufscheinens der Zusammenhänge ermöglicht.
         Das ging früh bei mir mit Hegel los, dessen Texte ich zum Teil, um sie mir zu erschließen, mit Hand abschrieb. Das hing natürlich auch damit zusammen, dass man sie aus der Präsenz-bibliothek der Leipziger Karl Marx Universität, wo ich in den Achtzigern studierte, nicht ausleihen durfte und Kopierer damals nicht zur Verfügung standen. Aber Abschreiben ist eben ein physischer Akt, wie ein Buch ja auch viel mehr als Text ist, nämlich auch den Gesetzen der Schwerkraft unterliegt. Man nimmt schreibend den Text gedanklich und körperlich auf.

Der letzte Text in Derridas 1972 bei Suhrkamp erschienenem Buch „Die Schrift und die Differenz“ heißt „Ellipse“. Er kreist um das Werk des französischen Dichters Edmond Jabès: vor allem geht es um das Buch, das es selbst und sogleich jedes Buch ist, das Zentrum Jabèsschen Schreibens, von dem der Dichter sagt, er habe es erst verstanden, nachdem er Derridas Text darüber gelesen hatte.

Der Autor als Nachgestelltes, wenn man so will; nach seinem Verschwinden im Text, seiner Abwesenheit, kehrt er wieder als Leser des Eigenen.

„Es ist nicht die Abwesenheit an Stelle der Anwesenheit, sondern eine Spur, die ein Anwesenheit ersetzt, die nie anwesend war, einen Ursprung mit dem Nichts begann.“, schreibt Derrida.

Geradezu ein Gegenentwurf zu dieser Jabés/Derrida‘schen Vorstellung sind die Arbeiten von Carlfriedrich Claus, der seine Zeichnungen „schrieb“, und in denen die semantische Qualität der Schrift zugunsten einer graphischen Komponente verschwand. Die Spur, die hier zeugt, ist aber die der möglichen Erkennbarkeit.

Carlfriedrich Claus war in den Neunzigerjahren aus dem Erzgebirgischen Annaberg, dort war er 1930 geboren, nach Chemnitz gezogen, wo er 1998 starb. Er lebte kein mönchisches Einsiedlertum, sondern war zum Beispiel Mitglied einer in der DDR geradezu legendären Künstlergruppe Clara Mosch, deren Aktionen vom Geheimdienst misstrauisch, aber vor allem hilflos, beäugt wurden. Sein Kontakt zur Welt jenseits des Eisernen Vorhangs fand in Briefen statt: eine weitläufige Korrespondenz mit Künstlerkolleginnen und -kollegen in ganz Europa, aber auch mit Philosophinnen und Philosophen.

Sein Werk (oder seine Arbeiten, die meisten seiner Arbeiten) greifen myzel-artig aus. Geflechte. Rhizome. über die Blätter hinaus. Daran muss ich denken, wenn ich Claussche Arbeiten betrachte, wie zum Beispiel die Blätter aus der Grafikmappe „Zwischen dem einst und dem Einst“ die einst bei Janus Press erschienen ist. Es sind Blätter auf Transparentpapier gezeichnet. Durchscheinend, beidseitig. Schriftzüge, die die Zeilen im Verlauf erst entwerfen, die Sprache als strukturierter Strich.

“In den Auflösungen und Unterbrechungen erhalten sich jedoch die Möglichkeiten für neue, bisher nicht bedachte Bezüge und Ausrichtungen. Ein statisches bloßes Wahrnehmen solcher Zerstörung könnte einen vernichten; ein handelnder tätiger Realismus wäre dagegen auf eine andere Wahrgebung hin gerichtet”, so Claus (s.o.).

Auch hier wieder der entgegengesetzte Gedanke zum eingeführten Begriff der Wahrnehmung. Als semantisches Grundmaterial verklingen zuweilen Texte von Ernst Bloch oder Jakob Böhme, auch Marx liefert bildträchtiges Wortmaterial. Übersetzt in Claussche Hand-Schrift. Aber auch arabische, hebräische und asiatischen Schriften werden in optische Sinnzusammenhänge übersetzt und somit verständlich, weil visuell erfahrbar in ihren grafischen Strukturen. Sie universalisieren hinsichtlich einer individuellen Aussage, ermöglichen eine nonverbale Kommunikation des Betrachters mit dem Gebilde, der Erfahrung und dem Verstehen.

Insofern kann man Claussche Arbeiten als verbrüderten Gegenentwurf zu Derridaischen Dekonstruktionen begreifen.


Literatur:

Carlfriedrich Claus: Denklandschaften, Institut für Auslandsbeziehungen; 1993
ders. Zwischen dem Einst und dem Einst - Aggregat K, Sprachblätter 1959-1993, Texte. Berlin 1993

Jacques Derrida: Die Schrift und die Differenz. Frankfurt a.M. 1972

Felix Phillipp Ingold: Begriffsbildung als Übersetzungsverfahren – Jacques Derridas poetische Rhetorik. In: Überzusetzen. Klagenfurt 2021

Jan Kuhlbrodt: Der Filter die Störung. Essay, 2019 »
 


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