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Jack Spicer: Lieber Lorca

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Jack Spicer


Dear Lorca,

  When you had finished a poem what did it want you to do with it? Was it happy enough merely to exist or did it demand imperiously that you share it with somebody like the beauty of a beautiful person forces him to search the world for someone that can declare that beauty? And where did your poems find people?
  Some poems are easily laid. They will give themselves to anybody and anybody physically capable can receive them. They may be beautiful (we have both written some that were) but they are meretricious. From the moment of their conception they inform us in a dulcet voice that, thank you, they can take care of themselves. I swear that if one of them were hidden beneath my carpet, it would shout out and seduce somebody. The quiet poems are what I worry about—the ones that must be seduced. They could travel about with me for years and no one would notice them. And yet, properly wed, they are more beautiful than their whorish cousins.

  But I am speaking of the first night, when I leave my apartment almost breathless, searching for someone to show the poem to. Often now there is no one. My fellow poets (those I showed poetry to ten years ago) are as little interested in my poetry as I am in theirs. We both compare the poems shown (unfavorably, of course) with the poems we were writing ten years ago when we could learn from each other. We are polite but it is as if we were trading snapshots of our children—old acquaintances who disapprove of each other’s wives. Or were you more generous, García Lorca?

  There are the young, of course. I have been reduced to them (or my poems have) lately. The advantage in them is that they haven’t yet decided what kind of poetry they are going to write tomorrow and are always looking for some device of yours to use. Yours, that’s the trouble. Yours and not the poem’s. They read the poem once to catch the marks of your style and then again, if they are at all pretty, to see if there is any reference to them in the poem. That’s all. I know. I used to do it myself.


  When you are in love there is no real problem. The person you love is always interested because he knows that the poems are always about him. If only because each poem will someday be said to belong to the Miss X or Mr. Y period of the poet’s life. I may not be a better poet when I am in love, but I am a far less frustrated one. My poems have an audience.


  Finally there are friends. There have only been two of them in my life who could read my poems and one of that two really prefers to put them in print so he can see them better. The other is far away.
  All this is to explain why I dedicate each of our poems to someone.

Love,
Jack


Übersetzt von Norbert Lange



Lieber Lorca,

wenn Du ein Gedicht fertig hattest, was wollte es, das Du mit ihm anfängst? Genügte es ihm, bloß zu existieren, oder verlangte es gebieterisch, Du mögest es mit einem teilen, wie die Schönheit einer schönen Person sie zwingt, sich in der Welt nach einem umzusehen, der diese Schönheit verkünden kann? Und wo haben Deine Gedichte Leute getroffen?
Manche Gedichte sind leicht zu haben. Sie werfen sich jedem an den Hals und jeder, physisch dazu in der Lage, kann sie zu sich nehmen. Sie sind vielleicht schön (beide haben wir welche geschrieben, die es waren), doch sie sind überkandidelt. Von ihrem Entwurf an, geben sie uns mit flötender Stimme Bescheid, dass sie – danke, aber Nein – selbst für sich sorgen können. Wäre eins von ihnen unter meinem Teppich versteckt, ich schwöre, es würde aufschreien und jemanden verführen. Es sind die leisen Gedichte, die mir die meisten Sorgen machen – die verführt werden müssen. Sie könnten jahrelang mit mir rumreisen und niemand würde sie beachten. Dennoch sind sie, gut verheiratet, weit schöner als ihre nuttigen Cousinen.
Doch ich rede von der ersten Nacht, wenn ich beinah atemlos meine Wohnung verlasse auf der Suche nach einem, dem ich das Gedicht zeigen kann. Jetzt gibt es oft keinen. Meine Dichterfreunde (denen ich Gedichte bis vor zehn Jahren gezeigt habe) haben so wenig Interesse an meinen Gedichten wie ich an ihren. Beide vergleichen wir die gezeigten Gedichte (ungünstig, na klar) mit den Gedichten, die wir vor zehn Jahren geschrieben haben, als wir voneinander lernen konnten. Wir sind zurückhaltend, doch es ist, als tauschten wir Schnappschüsse unserer Kinder aus – alte Bekannte, die von der Ehefrau des anderen nichts halten. Oder warst Du, Lorca, wohlwollender?
Es gibt natürlich die Jungen. Seit Neuestem bin ich (oder meine Gedichte sind) auf sie beschränkt worden. Der Vorteil an ihnen ist, dass sie noch nicht entschieden haben, was sie morgen für Gedichte schreiben werden, und dass sie immer nach einem Kunstgriff bei einem suchen, den sie benutzen können. Bei einem, da liegt das Problem. Bei einem und nicht bei dem Gedicht. Sie lesen das Gedicht ein Mal, um die Zeichen deines Stils mitzubekommen, und, wenn sie ein bisschen hübsch sind, nochmal, um zu sehen, ob sie irgendwo im Gedicht erwähnt werden. Das wars. Ganz sicher. Ich habs genauso gemacht.
Wenn Du verliebt bist, gibt es kein echtes Problem. Die von Dir geliebte Person hat immer Interesse, weil er weiß, dass es in den Gedichten immer um ihn geht. Und sei es nur, weil später einmal von jedem Gedicht gesagt werden wird, dass es zu der Frau X- oder Herrn Y-Phase im Leben des Dichters gehört. Ich bin vielleicht kein besserer Dichter, wenn ich verliebt bin, aber ich bin ein weit weniger frustrierter. Meine Gedichte haben Publikum.
Schließlich gibt es Freunde. Es gab davon nur zwei in meinem Leben, die meine Gedichte lesen konnten, und einer davon bevorzugt es eigentlich, sie zu drucken, so dass er sie besser lesen kann. Der andere ist weit weg.
All das soll erklären, warum ich jedes unserer Gedichte jemandem widme.

LG,
Jack


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