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Irena Habalik: Die Gruft

Zeitzünder/Lyrik heute
Irena Habalik


Die Gruft

Ein Sturz ist ein Sturz ist der Anfang, das Ende, ist die Gruft.
Die Gruft ist kein Grab.
Im Grab liegt man eng, kein Licht, die Toten erzählen nichts.
In der Gruft erzählen die Schlafsäcke, die Knöpfe
der Mäntel, die Abdrücke der Schuhe, der Finger
und die Schatten erzählen. Mit entfesselten Zungen.
Hier duftet es nicht, stinkt nicht nach Bier,
die Tage werden in grünes Grau gekleidet,
die blauen Farben mit Fingerkuppen vermischt
aufbewahrt für später.
Auf dem vorgewärmten Mondscheinteller
wird serviert, der Mond heruntergeholt und zugesehen
wie sich die Stunden um sich drehen.
Hier wird keine Schönheit gepflegt wie auf dem Hügel
der schönen neuen Welt und geht man ihr
auf den Grund genügt das Schweigen. Ein Punkt.
Hier werden die Nächte zusammengefaltet von
den Händen, die nichts halten.
In keinem Prospekt abgebildet, will sie nichts abbilden,
sich nichts einbilden, geschickt hält sie
das Gleichgewicht, hält sich selbst in Schach
damit sie nicht zusammensackt.
Manchmal kommt ein Besuch, ein Mädchen ohne Namen,
die zerzausten Haare leuchten, bringt Küsse auf
einer Tasse, man möchte ihm einen süßen Namen geben
und dass es bleibt, ein Stern zum Anfassen.


Gruft: Wiens Einrichtung für Obdachlose

(Unveröffentlicht)

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