Ilse Hehn: Unter Dantes verzinktem Lorbeer - Lyrikzyklus
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Ilse Hehn
Unter Dantes verzinktem Lorbeer. Lyrikzyklus
MARMOR / Florenz I.
Unser Fernsein miteinander am Rand möglicher
Wälder, mit Adern durchzogen wie Blätter,
löwenköpfig die Stadt, ein Sarg aus piatra dura.
Liebende aus echtem
Marmor, ohne die Gnade der Wärme,
des Bettlers abgewetztes Fell,
an den Brüchen spielt das Licht mit
verirrten Hautflüglern.
Für einige Stunden schlägt die Sonne Rad,
kocht Gelb über unseren Lungen, versiegelt mit
Kupfer die Risse. Du meidest schmale Gehsteige,
dein leises Schnaufen in der Hitze – ein viel zu
großes Tier im Asphalt, dein
Aug eine Baumöffnung, atmet nervös.
Der Arno führt Holz,
Regenzeichen.
Ein brauner Wasserfaden, verdunkelter Schutz,
Einsamkeit von Monaden.
ES IST NICHT DER TOD / Florenz II.
Den Zünder suchen unter der Haut,
zu verstehen das Erinnerte, Hölle, Fegefeuer, Paradies,
unter Dantes verzinktem Lorbeer.
Längst hat die Stadt uns vergessen,
undeutlicher Rest wir, grauer Belag,
flache kleine Wellen über staubigem Stein – Touristen.
Akrobaten auf der Piazza della Repùbblica, zu ihren
Füßen das Stundenglas aus Jetzt und Sofort, Münzen darin,
Taschenhändler am Rand der Szene, Algerier vielleicht, versprüht
vom Leben, durch den Abend wie Fledermäuse werden
sie huschen, ihre Angst eine anwachsende Spirale.
Um uns verkrusteter Glanz Domfassade, daneben Giottos
Campanile, angepflockt in der Hitze, Kühle der Schläfe – das
Baptisterium, weißgrüne Hirnströme, Geometrie.
Vor dem Palazzo Vecchio Kopien nackter
Sieger, Bühnendekoration, Hochzeitsgäste, ausgeblichen, unweit
lümmelt Ponte Vecchio, auf Sommer poliert, darunter
Arno im Schlamm, das Gesicht nach unten.
Kaum vernehmbar die Funksignale der Farben in Kirchen,
den Uffizien, Bilder, panzerverglast, von Checkpoints bewacht,
Dantes Haus schattengestreift, Piazza Santa Maria Novella
entzündet durch Licht, im Bahnhofsrevier Postkartenverkäufer,
Nutten, einige Bäume, Tristesse des Ortes.
Nach 23 Uhr fällt der Abend in sich zusammen,
über uns das Gesicht der Stadt, abgeschminkter Himmel aus
ihrer Mundhöhle linst; wir erreichen
Piazza Santa Elisabetta, Hotel Brunelleschi, steigen
in den
byzantinischen Turm, hohlen Kolben aus Stein, sechstes
Jahrhundert, Nacht schneit uns ein,
traumverstümmelt, ganz von dieser Welt.
Es ist nicht der Tod, der uns schreckt.
JENSEITS DES ARNO / Florenz III.
„Die Glorie dessen, der mit seinem Finger
Bewegung schafft, durchdringt das All und gleißt
an einer Stelle mehr und sonst geringer.“
(Dante, Paradies, I. Gesang. 1-49)
Oltrarno.
Gegen 15 Uhr riechst du die
Hitze des Tages. Der Arno kippt
seine Spucke über den Rand, fasst Fuß am Ufer, hier
schmeckt es nach Katzenpisse, glühender
Luft, in die Ecke getrieben platzt Romantik an
Wänden des Borgo San Jacopo, Besenginster kehrt
unter Brücken Geschichte, 1944 gesprengt, danach neu
errichtet, in alter Form nur Ponte Vecchio – eine
Mundhöhle randvoll mit Gold, ohne Antwort unter der Zunge.
Costa di San Giorgio rollt zur Festung Belvedere, die
scheint zu brennen, eine
TV-Szene wird eben gedreht, mit
jungen Männern, bauchtief im Rapp, Geruch von
Sand, vertrocknetem Gras, Papiertüten scharren im Kies, mein
Blick an einer Plastik vorbei, Frauenakt, schöntoter
Stein, geht über die Fototapete der Stadt, das
dürstende Weichbild umliegender Hügel,
der Himmel darüber mit fiependem Atem, ich
wechsle den Kamerawinkel.
Die Sonne bläst ihre letzten Funken, fährt
dem Tag durch den Rachen, Tod zieht sich zurück ins
Halbdunkel von San Miniato, von Santa Felìcita, von
Altartafeln und Fresken kriecht das Grisaille dir durchs
Aug, hinter die Stirn, dann geht das Licht.
Abend – ein grauer Baum – lehnt
an Stille, in Kirchen zerkrümeln gottäugige Bilder, irgend -
jemand erinnert, klebt zink-silberne Blätter in seinen Dante.
Ilse Hehn, Schriftstellerin und Bildende Künstlerin, geboren im Banat / Rumänien,
lebt heute in Deutschland. 23 Buchveröffentlichungen, zuletzt „Legst du dich in
Schrift. Eine Text und Bild-Auswahl von 1965–2025“. Zahlreiche internationale
Auszeichnungen, u.a. Andreas-Gryphius-Literaturpreis 2023.
In Ilse Hehn: Legst du dich in Schrift. Ilse Hehn. Zeit der Ebbe. Eine Text und Bild-Auswahl von 1965 - 2025. Ludwigsburg (Pop Verlag - Reihe Lesezeichen, Bd. 5) 2025. 624 Seiten. 39,50 Euro.