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Iain Sinclair: Blakes London

Rezensionen/Verlage


Kristian Kühn

Iain Sinclair: Blakes London. Rede. Aus dem Englischen von Jürgen Ghebrezgiabiher und Sven Koch. Berlin (Friedenauer Presse bei Matthes & Seitz) 2020. 46 Seiten. 14,00 Euro.

Auf der Suche nach Visionen


Das Verschwundene kehrt zurück. Vielleicht. Das ist das Fazit dieser Rede, die am 2. November 2007 in London im Rahmen der dortigen Swedenborg Society zum 250. Geburtstag von William Blake gehalten wurde – beide, Swedenborg wie Blake, vor allem prophetische Visionäre, die alles, bzw. fast alles, worüber sie geschrieben haben, auch gesehen, sprich innerlich geschaut haben. So wie auch Tesla, der echte, (wie es um Musk steht, weiß ich nicht) seine vielen (patentierten) Erfindungen zuerst gesehen haben soll, zum Beispiel auf dem Tisch real liegend, bevor er sie berechnete und beschrieb. Die andern um ihn herum haben sie derweil nicht gesehen, was zu mancher Schelte und mancher Backpfeife beim jungen Blake seitens seiner fürsorglichen Eltern geführt haben soll. Vor allem, sobald er sich auf seinen toten Bruder als eingebenden Gewährsmann berief.

Die Swedenborgianer mit ihrer Kirche des Neuen Jerusalem gab es schon damals, sind nie ausgestorben, selbst in Berlin nicht, auf der ganzen Welt nicht. Auch in London nicht, wo Iain Sinclair diesen Vortrag hielt, damals um die 64 Jahre alt, Iain Sinclair, in Wales geboren, dessen Texte zumeist auf Wanderungen basieren und von jenen Veränderungen handeln, die Landschaften und Gegenden durch menschliche Eingriffe erlitten haben oder noch erleben.

Sinclair beschließt, für den Vortrag, wie er sagt, das „topografisch Erhabene“ bei Blake herauszuarbeiten, dessen Ansatz, in allem ein Hüben und ein Drüben zu erkennen, die sichtbare wie die geistige Seite des Gesehenen also. Gewissermaßen mache das Blake hoch aktuell:

„Das Virtuelle erringt die Vorherrschaft über das Reale, das computeranimierte Abbild überlagert die Besonderheit des Ortes. Man könnte das als völlige Verkehrung von Blakes Vision betrachten.“

Doch gibt es für Blake ein doppeltes London, das zukünftige, heraufzubeschwörende London im Geiste als das Neue Jerusalem und als Gegenpol die sündige versiffte Metropole, die „Hure Babylon“. Sinclair malt aus, wie sich die „Schlangen der Ausgegrenzten“, heute mehr denn je, für den Freigeist Blake anfühlen müssten, würde er jetzt durch London wandern, statt vor 300 Jahren. Und er geht auf die gefährliche Sucht der Heutigen ein, Tatkraft und Lebenskraft nur dann zu vereinnahmen, wenn sie sich zu Geld, Ansehen und Funktionalität umwandeln lassen, egal wie ungeistig, ja satanisch im Blake‘schen Sinne, die Resultate (Blake, Jerusalem: „Wo Leid aus Satans Mühlen quillt?“) dann auch werden.

Diese Gedankengänge bringen Sinclair dann zur Stadt London als Halluzination, denn er ist auf seinem Weg hin zum Vortrag „durch eine Marihuanawolke nach der anderen“ gewandert. Und damit führt er die Jetztzeit ein, all die vielen britischen und amerikanischen Dichter, vor allem Männer, da lohnt sich das Gendersternchen kaum, die allesamt nach London kamen, um die Blake‘schen Mentalreisen physisch nachzuwandern, wenn es geht sogar zu kartographieren, quasi als mögliche Itinerare hin zur wahren Schwelle der Imagination.

Sinclair ist auch Filmemacher, und so führt er als Referenz jener Blake’schen „mental travellers“ Allen Ginsberg ein, mit dem er 1967 einen Film drehte, der „Ah! Sunflower“ hieß, nach dem Gedicht von Blake. Gleichzeitig soll in London ein Kongress „über die Dialektik der Befreiung“ stattgefunden haben, verbürgt von Herbert Marcuse, der ein „komplett verrückter, teilweise psychedelischer“ Treffpunkt gewesen sein soll. Und Ginsberg fing zuvor gerade an, Blake zu lesen, speziell dieses kleine Gedicht „Ah! Sonnenblume“, wo das Licht Suchen mit dem Tod ein Ende findet, indem die letzte Wanderung durch das Symbol der Sonnenblume geht.

Sinclair führt im Laufe des Vortrags noch andere Dichter an, die durch London gewandert sind, auf der Suche nach dichterischen Visionen und – wenn man so will – nach dieser Sonnenblume.

„Die Schaffung eines visionären, eines vierfältigen London, das sich unter und über dem weltlichen London befindet, bezieht sich also auf Blake. Und später auch auf Rimbaud, der in der Nähe wohnte und mit Verlaine ausgedehnte Streifzüge durch die Hafenanlagen und an den Flüssen entlang unternahm, bevor er sich zur Recherche ins British Museum begab, ähnlich wie nach ihm auch William Butler Yeats, der dort an seiner großen kommentierten Blake-Ausgabe arbeitete.“

Was Sinclair, statt der Yeats’schen Analyse dessen nachzugehen, was Blake für echte Vision und was für reine mentale Phantasie erachtete, und sei diese noch so gut konstruiert, nun im zweiten Teil seines Vortrags beschäftigt, ist weiterhin die Halluzination, nämlich wie man in eine Vorstellung hineinkommt und wie wieder hinaus, er akzeptiert diese Blake’schen Doors of Perception als Schwelle des Hinein (ins Diesseits, ins Delirium) und auch des Hinaus durch die Tür des Mental Travellers, aber dieses Hinaus ist für Sinclair ein Verschwinden, zumindest von der diesseitigen Bildfläche. Sinclair verwendet zur Anschauung seiner Vorstellungswelt ein längeres Zitat aus einem seiner Werke, nämlich aus dem „Edge of the Orison“, 2017 bei Matthes & Seitz erschienen als „Am Rand des Orizonts“, wo es u.a. heißt:

„Schriftsteller stecken zu tief im Sumpf der Fantasie, um einander wahrzunehmen (außer als Rivalen, Karikaturen, Brechungen ihres eigenen Glanzes). Den Kopf gesenkt, den Hals verrenkt: Dreck und Sterne.“

Die Rede schließr mit dem Gedanken der Ausweglosigkeit, also mit dem, was Blake nie im Leben akzeptiert hätte – nämlich die Sicht von hier aus, ähnlich Kafkas „Vor dem Gesetz“ mit dem über die Lebenszeit ermatteten Warten – mit London als der Stadt des Verschwindens (2006 hatte er dieses Buch geschrieben: London: City of Disappearances).

„Es gibt kein Entkommen. Wir sind an einen Ort gekommen, der aufs Prächtigste den Ort beschreibt, an den wir gekommen sind. Uns bleibt nur, entweder im Bild, dem steinernen Spiegel, zu verschwinden, oder auf ewig hier stehen zu bleiben und in unserem Nichtwissen zu verharren.“

Für alle, die etwas über Blake im London zu seiner Zeit lesen wollen, empfehle ich Peter Ackroyd: Dichter, Maler, Visionär. Albrecht Knaus Verlag, 480 Seiten.

Doch da es vergriffen ist, und auch recht teuer wäre und zudem eine längere Beschäftigung erfordern würde, gewährt gerade dieses schmale Bändchen, sehr einfühlsam und gekonnt übersetzt von Jürgen Ghebrezgiabiher und Sven Koch, eine kurzweilige Einführung ins Thema, vor allem auch im Zusammenhang mit einem Gefühl von Verbundenheit heutiger Dichtung mit der nie ganz verschwundenen, wieder auftauchenden, prophetisch enigmatischen Variante von Literatur, für die bis heute auf einmalige Weise der Name Blake steht.


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