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Hugo-Ball-Almanach, Neue Folge 13 (2022)

Zeitschrift des Monats

Michael Braun

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LOB  DES  EXORZISMUS

Hugo-Ball-Almanach, Neue Folge 13 (2022)


Zu den heimlichen Leitfiguren des avantgardistischen Künstlers gehört seit je der Hochstapler. Ein Außenseiter der historischen Avantgarde, der Schriftsteller Walter Serner (1889-1942), hat diese enge Verwandtschaft zwischen Künstlertum und Hochstapelei sogar zum Programm erhoben. In seinem 1920 veröffentlichten dadaistischen Manifest „Letzte Lockerung“ entzauberte er die großen Worte der künstlerischen Moderne und spottete: „Kunst!!! Die infantilste Form von Magie.“ Ein paar Jahre später, als er sich von der dadaistischen Bewegung wieder losgesagt hatte, fügte Serner seinem dadaistischen Manifest einen bezeichnenden Untertitel hinzu: „Ein Handbrevier für Hochstapler und solche, die es werden wollen“. Hieß es im dadaistischen Manifest noch: „Die Kunst ist tot! Es lebe Dada!“, folgte nun im 1927 publizierten „Handbrevier“ die Selbstkorrektur: „Die Kunst ist tot! Es lebe der Rasta!“ Und „Rasta“ wiederum, das erläutert nun die 2020 verstorbene Literaturwissenschaftlerin Marlies Janz in einem nachgelassenen Aufsatz im März/April-Heft von Sinn und Form (Nr. 2/2022), das ist „der rastacouère, der Angeber, Hochstapler, Schwindler“.
        Von solchen schillernden Figuren der versierten Hochstapelei, die sich keiner Fraktion der Avantgarde zuordnen lassen wollten, berichtet nun in schöner Ausführlichkeit der neue Hugo- Ball-Almanach, der diesmal in einer fast 300 Seiten starken Ausgabe die untreuen Weggefährten der Dada-Bewegung in den Blick nimmt – nämlich Walter Serner und Carl Einstein, denen zwei aufschlussreiche Dossiers gewidmet sind. Der Literaturwissenschaftler Wilfried Ihrig stellt hier etliche bislang unbekannte Texte von Walter Serner vor, die zwischen 1909 und 1927 im Prager Tagblatt, dem Berliner Boersen-Courier und anderen Blättern erschienen sind. Die hier präsentierten Texte weisen Serner als intellektuell unberechenbaren Weggefährten der Dada-Bewegung aus, der sich nicht scheute, von „Dada-Soiréen“ in Zürich zu berichten, die gar nicht stattgefunden hatten, wobei er sich nebenbei als „Philosoph des Dadaismus“ selbst inthronisierte. Ein ähnlich verwickelter Fall ist auch der eigensinnige Kunsthistoriker und Schriftsteller Carl Einstein (1885-1940), dessen 1912 publiziertes Prosawerk „Bebuquin oder Die Dilettanten des Wunders“ als literarische Gründungsurkunde des Kubismus und Dadaismus gilt. Gleich drei Aufsätze widmen sich im Almanach den intellektuellen Metamorphosen Einsteins, der sich häufig über den „Biertisch-Dadaismus“ mokierte. Obwohl die bizarre „Bebuquin“-Prosa eine wichtige Inspirationsquelle für Hugo Balls Roman „Tenderenda der Phantast“ war, blieben sich die beiden Zentralgestalten der historischen Avantgarde fremd. Hugo Ball polemisierte sogar in einem Manifest von 1915 „gegen die Intellektualität, gegen die Bebuquins, gegen die gänzlich Arroganten“. Carl Einstein wiederum hatte wenig Lust, sich mit den Schriften des Dadaisten-Königs zu befassen, zu einer persönlichen Begegnung zwischen den beiden kam es nie.  
       Ein Herzstück des neuen Almanachs bildet ein aufregender Fund aus dem Nachlass der Dichterin und Cabaret-Künstlerin Emmy Hennings. Die Prosaskizze „Charmette“, die zu Hennings´ Lebzeiten nie veröffentlicht wurde und nur in einer Abschrift der mit ihr befreundeten Übersetzerin Inga Junghanns (1886-1962) überliefert ist, erzählt in lakonischer Knappheit von einer Episode in Hennings´ Leben, die bereits in ihrem Roman „Gefängnis“ anklingt, aber ohne Ausleuchtung des biografischen Kontextes. In „Charmette“ notiert Hennings kühl den Alltag einer Sexarbeiterin. Eine junge Frau wartet in einem Etablissement in Hannover auf einen Freier und nimmt einen Mann, der sich als Jurist zu erkennen gibt, mit in ihre Wohnung. Als der Mann Charmette nicht die Summe gibt, die sie verlangt, entnimmt sie, während er schläft, der Geldbörse des „Kavalliers“ einen größeren Geldbetrag und flieht anschließend mit dem Zug nach Berlin.
      Diese hier erzählte Begebenheit ist nah an einer biografischen Erfahrung von Emmy Hennings. Da sie als Sängerin in kleinen Cabarets immer an der Armutsgrenze lebte, war sie einige Jahre auf Gelegenheitsprostitution angewiesen. 1910 wurde sie wegen eines „Bei-schlafdiebstahls“ in Hannover angezeigt, was dann einige Jahre später zu einer Gefängnisstrafe führte. Während dieser Zeit im Gefängnis 1914 lernte sie Hugo Ball kennen, der sich um Hennings außerordentlich bemühte. Die Literaturwissenschaftlerin Nicola Behrmann, die auch Mitherausgeberin der Emmy Hennings-Werkausgabe bei Wallstein ist, hat in einem instruktiven Kommentar zu „Charmette“ die Hintergründe dieser Prostitutions-Erfahrung erläutert: „Dem-gegenüber lassen Charmettes ostentative Nüchternheit, aber auch ihre Entscheidungsfähigkeit aufhorchen: Hier läuft ein Mädchen nicht nur allen Männern davon, sondern auch den zeitgenössischen Debatten über Repression und weibliches Begehren.“
         Gleich zwei Almanach-Aufsätze widmen sich schließlich einem Dunkelfeld der Hugo Ball- und Emmy Hennings-Forschung, in dem bislang noch viele Fragen offenblieben: Magnus Wieland und Stefan Faul erhellen das Verhältnis von Ball und Hennings zur „Dämonologie“, zu Begriff und Bedeutung von „Dämonen“ und bösen Geistern in ihrem Werk. Magnus Wieland kann zeigen, dass sich Ball in den 1920er Jahren mit wachsender Faszination in die Theorie und Geschichte des Exorzismus vertiefte.  In der Vatikanbibliothek in Rom studierte er 1924 ein in der katholischen Kirche verbotenes Handbuch für Exorzisten, was ihn zu dem Entschluss führte, ein Buch über tradierte Formen der Teufelsaustreibung in den verschiedenen Religionen zu schreiben. Das Exorzismus-Buch sollte das Gegenstück zur Schrift „Byzantinisches Christentum“ bilden, in der Ball 1922 drei fromme Mönche und Einsiedler des frühen Mittelalters porträtiert hatte, die in ihrer Zeit die absolute, selbstlose Hingabe an Gott und seine Kirche predigten. Die mit großer Leidenschaft begonnene Arbeit am Exorzismus-Buch wurde nie vollendet. Aber im Rückblick auf diese Zeit sah sich Ball gerne als „Geisterbeschwörer“. Und er zog eine geistige Linie, die viele Freunde der Avantgarde überraschen mag: eine Linie vom Dadaismus zum Exorzismus.


Hugo-Ball-Almanach. Studien und Texte zu Dada. Neue Folge 13. Hrsg. von der Stadt Pirmasens und redigiert von Eckhard Faul. Edition Text + Kritik, München 2022. 292 Seiten, 28 Euro.


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