Horst Samson: Vertreibung nach Eden
Rezensionen/Lesetipp > Rezensionen, Besprechungen
Barbara Zeizinger
Horst Samson: Vertreibung nach Eden – Eruptionen über die Blindheit der Welt
in Farbe. Lyrik. (Pop Verlag) 2026, ISBN 978-3-86356-447-6, 118 Seiten. 18,50
Euro
Das Leben ist so - Neue Lyrik von Horst Samson
»Vertreibung nach Eden – Eruptionen über die Blindheit der Welt in Farbe«
lautet der Titel des neuen Lyrikbandes von Horst Samson, und es ist das Wörtchen
»nach«, welches das Besondere dieses Poems ausmacht. Die Gedichte handeln
nämlich davon, dass Vertreibung nicht unbedingt einen Verlust darstellen muss,
sondern ein Ziel, einen Anfang darstellen kann. In sieben Kapiteln fächert er
die zentrale poetologische Grundfrage auf: Wie kann etwas verschwinden, ohne
verloren zu gehen. Eden ist also ein Ziel, eine Bewegungsform des Daseins.
Das Leben ist so,als würde man dem Rauch zusehenwie er aus einem Schornsteinweicht und steigt und sich auflöstim Himmel.
Dieses Gedicht bildet den Anfang der poetologischen Reise, in der Horst Samson die Ursprungsidee in starke Bilder übersetzt, variiert und weitet. So greift er vierten Kapitel »Die Urbilder« noch einmal das Bild des Rauches auf.
I. RauchDas Leben ist so,als sehe man zu, wie ein Gedanke der Erdeals Phantasie mit Gestalten, denen Beten nicht geholfen hat,den Schornstein verlässt und langsam lernt,Himmel zu werden.
Hier ist aus dem Rauch also ein Gedanke geworden, der den Schornstein
verlässt und zum Himmel wird.
Die Grundbewegung der Veränderung wird im zweiten Kapitel »Farbenleere der
Verweisung« und im dritten Kapitel »Spektralzyklus « anhand von Farben
fortgeführt, die für poetische und philosophische Erfahrungsräume stehen. Es
geht unter anderem um Sehnsucht, Vergänglichkeit Erkenntnis.
Hier die beiden Gedichte über die Farbe Orange, die für Reife, Übergang,
Vergänglichkeit steht
Das Leben ist so,als würde ein Abend seine Früchte verlieren.Eine nach der anderen rollen sieüber den Horizont, wie Spielbällebis nur der Duft des Gartens bleibt,den niemand betreten hat.
Und:
Das Leben ist so,als löste der Herbst heimlich die Knoten des Lichts.Die Früchte fallen, die Zweige werden leichter,und selbst der Wind scheint zu wissen,dass Loslassen eine Form des Reifens ist.
Wie ein Prisma weißes Licht in seine Bestandteile auflöst und seine Farben
dadurch sichtbar macht, ist es doch ursprünglich eine Einheit. Und wieder ist
es Eden, beziehungsweise die Vertreibung aus dem Paradies, das uns die
Zusammenhänge erklärt:
Wir halten die Farbenfür die Wirklichkeit. Doch Eden ist vielleichtdas Licht vor seiner Zerstreuung. Und Vertreibung der Weg,auf dem es lernt, sich selbst in seinen Farbenzu erkennen.
Um Horst Samsons Poem, seine Variationen, die Vielfältigkeit der Gedanken
angemessen darzustellen, müsste man viele Gedichte zitieren, auch weil sie
letztlich nur als Ganzes zu erfassen sind. Dies gilt umso mehr für die
folgenden drei Kapitel »Die Urbilder«, »Invasion der Urbilder« und »Invasion
der Urbilder II«
Diese Kapitel variieren in besonderer Weise den anfänglichen Grundgedanken,
wie etwas verschwindet (hier vielleicht eher sich verändert), ohne verloren zu
gehen. Beschrieben werden die elementaren Formen der Welt wie Flamme, Fluss,
Wolke usw. Immer geht es um Fortgehen, einer Verwandlung und einer möglichen
Rückkehr. Es geht um eine Ontologie des Werdens. Diese Idee wird abschließend
weitergeführt, menschliche Wirklichkeit, Erinnerung, Religion, Tod setzen den
Weg nach Eden fort.
Auch hier ein Beispiel:
VII WolkeDas Leben ist so,als verließe das Meer seinen Körper,um als Wanderer über die Welt zu ziehenund heimzukehren, ohne geblieben zu sein.
Und:
WolkeDas Leben ist so,als gäbe das Meer seinen Körper auf,um Wanderschaft zu lernen. Niemand sieht,Novalis, dass jede Reise bereits Heimkehr ist,Wo gehen wir denn hin?„Immer nach Hause!“
Der berühmte Satz von Novalis ist bestimmt nicht zufällig eingefügt und
könnte auch über dem gesamten Lyrikband stehen. Denn die Gedichte sind auch
eine Suche danach, wohin der Mensch will, wohin er gehört, wie er mit Verlusten
umgeht.
Auf der Buchmesse hat Horst Samson erzählt, dass er die Gedichte in drei
Wochen geschrieben habe. Als ehemaliger Jazzmusiker kennt er in der Musik die
Form der Variationen eines Themas. Im letzten, siebten Kapitel »Epilog«
schreibt er »als wäre jedes Wort / die Sprache selbst.« Für den vorliegenden
Gedichtband ist er von der gewohnten Sprache seiner anderen zahlreichen
Lyrikbände abgewichen. Er hat eine einfache, »fast meditative« Sprache mit
starken, konkreten Substantiven gewählt und gerade dadurch einen poetischen
Nerv getroffen. Dazu gehört auch die Art des Aufbaus der Gedichte, denn jedes
fängt mit dem Satz »Das Leben ist so« an (nur eines beginnt mit »Der Tod ist
so«), um dann im Konjunktiv fortzufahren. Es ist also nicht sofort ersichtlich,
wie das Leben ist, wobei die Erklärung in den darauffolgenden Zeilen im
Indikativ folgt.
Das Poem ist kein Buch, das man so nebenbei lesen kann. Um es dem Leser zu
ermöglichen, die Philosophie des sehr empfehlenswerten Poems zu durchdringen,
hat Horst Samson zu einzelnen Kapiteln Erklärungen hinzugefügt. So steht dem
Erforschen, wohin die Vertreibung nach Eden führen kann, nichts im Weg.