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Hölderlin in Bordeaux

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Dort, wo sich Laufmaschen schneiden
Hölderlin & Tobias Roth in Bordeaux


Ein metrisches Konzert, übertragen vom Goethe-Institut in Bordeaux
ins Literaturbüro München in der Milchstraße in Haidhausen.



Ursprünglich war für dieses Jahr – aufgrund des fünfzigjährigen Bestehens der Städtefreundschaft Bordeaux – München - eine französisch-deutsche Veranstaltung (mit französischen Musikern und deutschen Autoren) in beiden Städten geplant. In Bordeaux hatte eine ähnliche Veranstaltung im Goethe-Institut am 15. Mai bereits stattgefunden.

Obwohl dieser Künstleraustausch bis jetzt nicht zustande kam, war für das Münchner Literaturbüro durch den einstigen Fußmarsch des Dichters Friedrich Hölderlins ein Brückenschlag zwischen beiden Ländern gefunden.

Tobias Roth, Lyriker und Doktorand an der Humboldt-Universität zu Berlin vollzog diesen Brückenschlag in umgekehrter Richtung und brachte seinen Vortrag und seine Gedichte, die kürzlich im Verlagshaus J. Frank unter dem Titel »Aus Waben« erschienen sind, von Berlin nach Bordeaux und von dort nach München. Der gebürtige Münchner hat in Freiburg Germanistik studiert und als Lyriker 2013 den Wolfgang Weyrauch Preis erhalten.

So gelang im Münchner Literaturbüro ein da capo der Bordeauxer Veranstaltung, wenn auch die musikalische Begleitung zu Gedichten Hölderlins und denen von Tobias Roth gefehlt hat.

Die Veranstaltung im Literaturbüro bestand aus zwei bzw. drei Teilen. Den größten Raum nahm dabei der poetologische Vortrag Roths über zeitgenössische Lyrik ein, der speziell mit Friedrich Hölderlin selbst nicht viel zu tun hatte. Nach der Pause schloss sich daran, ausgeführt von Kristian Kühn, eine biografische Verortung Hölderlinscher Lyrik in seiner Zeit in Bordeaux an. Man hörte im Anschluss Gedichte Hölderlins, behutsam von Hilda Ebert intoniert. Die Veranstaltung schloss mit drei Gedichten von Tobias Roth.


Tobias Roth, re. der Moderator.

Foto: Katharina Kohm


Sein Vortrag: »Im Zungenschlag des Augenblicks« ist ein bildgewaltiger und poetologischer Essay mit im Grunde poststrukturalistischen Theorien, beispielsweise dass der Autor auch ein Leser seiner eigenen Texte ist und somit keine gänzliche Verfügungsgewalt über seine Werke besitzt, und mit Überlegungen über das Metrum und klassische Versmaße, insgesamt von der Konzeption einer Poetologie, die an Vorgehensweisen von Michael Lentz erinnert. Dabei sind zwei Themenschwerpunkte rund um die Lyrik auszumachen:
1. Das Metrum,
2. Das Zitat.
Roth orientiert sich dabei an der klassisch römischen Dichtung, zum Beispiel an der asklepiadeischen Odenstrophe.
Sich selbst zu antizipieren sei vielleicht doch das Charakteristikum intellektueller Dichter heutzutage, die gleichzeitig Dissertationen verfassen und Lyrikbände publizieren, beschreibt der Autor selbstironisch.

Auf die große Frage, was Lyrik sei, wurde von ihm in verschiedenste Richtungen geantwortet.
Imposant wirkte dabei die Metaphorik der Bilder, die sich von dem gängigen Bild des Gewebes (textus), über das platonische Wappentier der Dichter, die Bienen und die Bienenwaben, bis zum schöpferischen Bild der Laufmasche zusammensetzte. Dabei wurden Fäden gezogen, die für sich gesehen das lyrische Schaffen sehr gut beschreiben bzw. andeuten.

Die Frage nach den Texteigenschaften eines Gedichts im Unterschied zur Prosa und auch im Unterschied zu den beiden Grenzfällen, nämlich freier Rhythmen und lyrischer Prosa, erscheint als brisant. Es handle sich vielmehr um die Parallelisierung von Lyrik und Musik, da für beide ein bestimmtes Metrum, ein Versmaß, ein Rhythmus gelte.

Die poetologischen Überlegungen eines Autors gehen meist mit dem Schaffen, der Erklärbarkeit der eigenen Lyrik einher. So erscheint es nicht verwunderlich, dass Roth, dem in Berliner Textwerkstätten ein Hang zur Prosa und Traditionalismus aufgrund des traditionellen Versmaßes vorgeworfen wurde, das Kriterium der Musikalität von lyrischen Texten und das Rezitative hervorhebt. Das Rezitieren oder Einweben fremder Texte in das eigene Schafften ließ dann auch die Brücke zu Hölderlin aufscheinen. Roths Gedicht »Lebenslauf« übernimmt direkt den Gedichttitel von Hölderlin:


Lebenslauf

Fliederfarben erscheint rotblond das Himmelblau.
Rundherum, schaue ihn, dich an und rundherum,
Tross der Eile, wir nennen
Jeden Augenblick Büchsenlicht.

(Tobias Roth, Lebenslauf, I)


Lebenslauf

Größers wolltest auch du, aber die Liebe zwingt
   All uns nieder, das Leid beuget gewaliger,
       Doch es kehret umsonst nicht
            Unser Bogen, woher er kommt.

(Friedrich Hölderlin, Lebensauf, I)



Der Bogen des Lebens (gr. bios, 1. Leben, 2. Bogen), diese Brücke und dieser Bund erschienen an dieser Stelle recht deutlich, wenn man die Gedichte miteinander vergleicht.
Roths asklepiadeische Ode erscheint dabei vorsätzlich als Fragment. Der letzte Vers lässt das Gedicht buchstäblich in den Laufmaschen, den Negativspuren der Dinge, verschwinden, wenn es heißt:
»Der Rauchring hat sich aufgelöst.«


Nach der Pause wurde anhand der Gedichte »Lebenslauf«, »Andenken« und »Vom Abgrund nemlich« von Hölderlin die Reise nach Bordeaux, über die in der Forschung viel spekuliert wird, nachgezeichnet. Die biografische Lesart der Gedichte wurde dabei zum Zentrum der Diskussion über die geistige Verfassung nach dem Vortrag der Gedichte.
Die Odyssee nach Bordeaux, der Fußmarsch und die Enttäuschungen und Strapazen dieser Reise erscheinen an einer Stelle des Gedichts »Andenken« (1803) besonders aufzuscheinen, wenn es heißt:

Es reiche aber,
Des dunklen Lichtes voll,
Mir einer den duftenden Becher,
Damit ich ruhen möge; denn süß
Wär‘ unter Schatten der Schlummer.

(Hölderlin, Andenken, III, 1 ff.)                                                                              


Das Grenzgängerische der Lyrik, das sich vielleicht durch das Laufmaschen-Bild Roths sehr gut ausdrücken lässt, bildete zuletzt einen zarten Bogen in den letzten Versen des Abends, eine Negativspur, einen Rauchring, der sich auflöst in ein Ungewisses, Schwebendes, das den Gedichten beider Dichter trotz traditionalistischer Formen innewohnt.

Hälfte der Hemisphären

Fliegend schlafende Mauersegler streichen an Fenstern vorbei, wo
Schlaf uns im Arm hält: dunkler Samt und: Tat aller Taten,
Größtes im großen Erzählen: werden wir plötzlich zu ehrlich.
[…]
Sprachen sie vom Schlaf, so sprachen sie über ihn in
Wörtern des Todes. Was aber ist der Halbschlaf der Tiere?

(Tobias Roth: Aus Waben, S. 66)

Katharina Kohm


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