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Heuser & Jackson

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„Alles verflossen über verfleuchte Jahre“ /
„Älter werden heißt, dass man mehr darf.“


Lesung mit Hendrik Jackson und Andrea Heuser am 20. September im Einstein Kultur



Am Vorabend hatte ich Hendrik Jackson als Juror des Lyrikpreises München erlebt – meistens beurteilte er die Gedichte radikal, immer nach seinem ausgeprägten Geschmack und mit Argusaugen fürs Handwerk, sodass ich den Eindruck bekam, bei ihm gilt nur das, was hochgestochen und gegen den Strich ist. Umso spannender, ihn nun selbst lesend in den Kellerschächten des Einstein Kultur zu erleben.

Dort tauchte er auf, wieder mit Stetson auf dem Kopf, Bierkrug in der Hand, den Spruch auf den Lippen, dass „die Münchner so entspannt uncool“ wären. Eine Beobachtung des Wahlberliners, wobei sich natürlich die Frage stellt, wie „cool“ eigentlich definiert ist; im amerikanischen Slang sind je nach Zusammenhang diejenigen „cool“, die nicht gefährlich oder verräterisch sind. Wie sehr der lokale Charme den selten hier lesenden Autor überzeugte, bleibt ungewiss — das Großereignis Wiesn-Anstich am gleichen Tag führte allerdings zum zähen Erscheinen des Publikums. Gemäß des Slogans auf der Rückseite von Jacksons letztem Gedichtband („Im Licht der Prophezeiungen“, kookbooks, 2012) für seine damalige Lesereihe, „17 JACKSON FANS CAN’T BE WRONG“, erwartete er auch für München zumindest diese 17. Und es kamen genau 17 Gäste zusammen. So konnte er beginnen.


Er las „Rutengänge im Abraum“, ein essayistisches Prosalanggedicht, das seinen Aufenthalt in Kaliningrad zum Ausgangspunkt hat und facettenhafte Reflektionen über die deutschrussische Gedankenwelt aufwirft. Es beginnt: „kommt gerade, sagt der weißbärtige Rutengangmeister, und schon laufen wir mitten hinein, in die Runde, klassische russische Formation mit Graubrot, Schinken, Wodka, umstellt von Ölbildern, schwerer deutscher Eiche, wanken direkt in die russische Seele, die deutsch durchlöcherte, nunmehr schweizerisch gespickte, Hoffmann und Hamann im Gepäck, zu schauen in die Zukunft von Kant und Kalinin, wie gewünscht.“  

E.T.A. Hoffmann, Johann Georg Hamann, Immanuel Kant, allesamt in Königsberg geboren, dem heutigen Kaliningrad. Was interessiert Hendrik Jackson, unter anderem Slawist und mit guten Kontakten zur russischen Literaturszene, so sehr an Hamann, dem Kritiker der Aufklärung (s. „Höllenfahrt der Selbsterkänntnis“, 1762)? Er deutet eine Antwort an: „die Freunde Kants wollen dir etwas erklären, aber du bist schon wieder in der Verklärung: dass so ein Mensch hier gelebt hat, das ist so groß, das kann man sich gar nicht vorstellen. meinst du Lenin? nein, Hamann. wer ist das, der Mörder? ja der Mörder der Vernunft.

Und Hamann verstand sich als Magus - Wortmagie scheint auch das Anliegen Jacksons zu sein. „Ich will mich aber selbst entkleiden, meine Hände ausbreiten, wie sie ein Schwimmer ausbreitet, um über das stille gehende Wasser der Vergangenheit zu schwimmen oder darinne unterzugehen. [soweit Hamann-Zitat] aber dies Russland, sagt Warja, ist ein Eismeer, und ich entgegne, wir suchen das Wasser einer jeden zukünftigen Gegenwart die als lebendige wird aufschießen können.

Er trennte die fünf „Akte“ seines Textes mit Toneinspielungen. Seine aktuelle Herangehensweise ist es, unterwegs 2-Minuten-lange Ton- und Wortatmosphären aufzunehmen und zu einem musikalischen Klangteppich zu verweben. Die Töne und die Worteinspielungen dieses Abends kamen aus Kaliningrad, bis auf eine Zumischung von Joseph Brodsky, der Lilli Marleen auf Russisch singt. (Zur Erinnerung: der russisch-amerikanische Dichter war Nobelpreisträger in Literatur und starb 1996.)

Zitate seines russischen Reisebegleiters, eigene Gedankengänge, visuelle Beschreibungen, Erinnerungen an die Geschichte vermischten sich zu einer montageartigen Sprache: „wir schreiten, nur auf Abruf, durch dies Klandestine der fremden Konventionen und Sprachlaute wie durch zufällig vorgehängte Schleier, die uns streifen, hinter die wir nicht sehen, wir erkennen nur Umrisse und ahnen. in solcher Fremdheit vollkommen verantwortungslos werden wir geführt wie Blinde. wir werden geführt mit dem Ernst der Wünschelrutengänger. der Ernst ist die anziehende Leerstelle des Sinns. der Ernst ist der einzig luzide Ort hier inmitten all der Schleier. er spiegelt alles Zusammengetragene und umherliegend Ausgestreute, den Abraum.

Das nicht einladende Stadtbild blitzt dabei immer wieder auf. Referenzen, Fakten, aber auch Mehrdeutigkeiten fließen ineinander: „alle Routen führen zurück, aber wir sehen und staunen: Leere, durchsichtige Präsenz. von was? weißt du das nicht? schau, dort steht eine Kirche.

Vorsichtige Traurigkeit breitet sich beim Zuhören aus: „nun bin ich schon froh, wenn etwas einmal nicht gleich wieder verschwindet. und allerorten Ablagerungen, Grind, Schichten über Schichten, und so viele Dinge werden benannt, die es nicht mehr gibt, vielleicht so nie gab, Geister-Sehen, dass mir inmitten der Gespenster die deutsche Sprache abhanden kommt.

Hängen bleibt die Zeile: „Der Sinn der Sprache verliert sich im Selbstbezug“, was an den Vorabend erinnert, an dem Jackson als Juror Gedichte nach Zeilen, die den Urheber selbst kritisieren, durchforstete. Ein fröhlicherer Ton erklingt: Balkanpop im kitschigen, ungemixten Original, Kinderstimmen, später: Ein Froschteich. Teils skandiert Jackson seinen Text fast, um gegen Ende Verse mit sanfter Stimme zu sprechen, die die Atmosphäre und die Geschichte des Reiseziels zusammenfassen.

wir beobachten Winziges. alles verflossen über verfleuchte
Jahre. nun hältst du dennoch so viel in deinen Händen

Als Zugabe bekamen wir noch zwei kürzere Gedichte zu hören. Was im Publikum z.B. „einzigartig“ genannt wurde, hat für mich wieder bewiesen, das Poesie und ihr genreübergreifender Vortrag in unzähligen Varianten viel mehr können als landläufig erwartet.

Unter www.koenigsberger-brocken.de lassen sich die Werke der Reisenden Hendrik Jackson, Marion Poschmann und Jörg Albrecht nachvollziehen.


Nach der Pause übernahm Andrea Heuser den Bühnenbereich. Ganz in schwarz mit leger zusammengebundenen Haaren. Ihr roter Wecker zum Zeitnehmen und ihre gelben Ballerinas stachen somit vor der kargen Ziegelsteinwand sofort heraus. Das Publikum ist gespannt geblieben, darunter Freunde und Fans der Autoren und ein Mädchen, das nur wenige Jahre älter als die eine der zwei Protagonistinnen von Heusers Romandebüt ist: „AUGUSTAS GARTEN“ handelt von der fünf-, fast sechsjährigen Tochter Augusta und ihrer Mutter Barbara und erzählt aus den Perspektiven der beiden.

Als Übergang liest Andrea Heuser zunächst drei Tiergedichte, doch Motte und Katze ziehen mich, vielleicht wegen der Kürze des Vortrags, nicht so in den Sog, der mit dem des Romans vergleichbar wäre. Die Dichterin beginnt am Anfang: Eine „kindliche Kindheit“ im Jahr 1975: Augusta wacht im fremden Zimmer auf, und hat noch ihre ganz eigenen Gedanken und Logiken – auch, weil sie noch kurz vor der Einschulung steht. „Leider hat das Licht keinen Mund, also kann es Nichts sagen.“ Die Körnchen in der Luft, die es sichtbar machen, sind für Augusta Futter für das Zimmer, welches es über dem Teppich ißt, bis es satt wird. Zur summenden Fliege sagt das Mädchen, „Sei still!“, doch das Summen ist allemal besser, als nachher mit dem neuen Freund der Mutter in die Kirche zu gehen. Heuser nimmt uns mit in die Zeiten, wo wir erste, heimliche Wege gefunden haben, etwas Unangenehmes angenehmer zu gestalten; Maßnahmen wie eine dicke Schicht Leberwurst auf dem bitteren Schwarzbrot (von dem der Neue der Mutter so überzeugt ist) führen uns fast physisch zurück ins Kindsein, wo der Gurt eines Rollladens noch sehr schwer zu ziehen ist. Augusta spielt später alleine draußen, vertreibt sich die Zeit mit Steinplatten, den Ritzen dazwischen, dem Stein, den sie wirft, und der Fantasie, dass sie bei einem Fehltritt unter Krokodilen, Piranhas und Haien landet.     

Mutter Barbara bereitet den für die Siebziger Jahre typischen Holzkranz mit Geburtstagskerzen vor, denn es ist Augustas Geburtstag — der Tag, an dem Augusta wegläuft. Während des besorgten Wartens schießen Barbara eigene Kindheitserinnerungen durch den Kopf – die karge Nachkriegszeit, der prägende Satz „Du bist auf der Flucht zur Welt gekommen“, ihre vorwurfsvolle Mutter, die nie fragt, wie es in der Schule war, der Vater, auf den sie meistens warteten. Und der Wintertag, als sie mit ihrem Bruder Eisenstücke sammeln sollte und fast erfror, weil sie im Schnee eingeschlafen war. Auf einmal scheint es Barbara, als gäbe es die Zwischenzeit, in der sie zur Mutter geworden ist, nicht mehr, und weiter wartet sie auf Augusta, die nun so alt ist, wie Barbara damals. Der Polizist, den sie gerufen hat, ordnet Augustas Verschwinden noch als Lappalie ein, sie könnte z.B. beim Spiel einfach die Zeit vergessen haben. Doch August hat nicht die Zeit vergessen . . . in ihrem Rucksack eine Scheibe Toast und der zerbrechliche Porzellanfrosch, in dem sie ihr Geld spart.
Das Publikum in der Halle 4 wirkte gepackt von der Handlung, die zwischen den Erinnerungen der Mutter, der Gegenwart der Tochter die stummen Risse in zwei Kindheiten nachfährt. Wie sich die beklemmende Psychologie der Generationen weiterspinnen wird, ist ab jetzt in diesem ersten Roman von Andrea Heuser, „AUGUSTAS GARTEN“, erschienen im Dumont Buchverlag, nachzulesen.

Die Kombination des Abends funktionierte durch den Kontrast, der sich zwischen zweierlei Rückschauen auftat, auf die ramponierte Perspektive Kaliningrads und auf die Gedankenwelt der fast sechsjährigen Augusta, in ihrer Welt schlüssig, und dabei klar und verheißungsvoll: „Älter werden heißt, dass man mehr darf.


Franziska Ruprecht
www.franziskaruprecht.de


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