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Harald Albrecht: Mantis religiosa

Gedichte der Woche
Harald Albrecht

Mantis religiosa


Diese hier ist aus Sprache gemacht, einer deutlich gottesanbeterischen.
Weil sie im Paradies erfunden wurde (wie Georg Philipp Harsdörffer behauptet),
hält sie Verbindung zum Extraterrestrischen, darf sie

die mitgebrachten, gebeugten Verben als Fangschrecken
ans Ende ihrer Sätze setzen und werden,
was sie ist, fleischfressend, wie die Poesie.

Furchtlose kleine Kämpferin, die Mantis!
Präzisionistisch ihre Lauer,
kannibalistisch ihre Einbildungskraft, Wirklichkeit

ihre Mundklaue wenn man
ein Männchen ist, Probierstückchen der Angebeteten,
wie sie des Ihren. Er

groß
geschrieben, weil Er das Wort ist,
das fleischgewordene, dem sie

anbetend-beugend-bindend
das Los gelesen hat,
die fleischfressende Religiosa.


In Harald Albrecht: Wie duftet die auf Bibel kalibrierte Sprache? Gedichte. München (Aphaia Verlag) 2021. 95 Seiten. 17,00 Euro.


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