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Harald Albrecht: Gwynt

Lyrik heute
Harald Albrecht

Gwynt, Heptonstall 2017


Das schrumpfende Schlusslicht wird eine unbedeutende Bagatelle.
Ein Flügelcis reicht, sie über den Horizont zu blasen.
Piano und Pumpe tuns.

Sie machen den durch und durchtriebenen Anfang
der Liebelei. Sie spielen das Auf-die-Folter-gespannt-sein
zum Zeitvertreib. Sie rechnen einander die Liebe aus

und lassen sie laufen, die Kleinigkeit. -
So wird Wind ihr Geliebter
(mit allem, was in ihm ist)

und sie seine Braut.
Er berührt sie mit seinen scharfen Augen.
Sie erwartet ihn, der herabstoßen wird. Er

will vom Himmel fallen
und sie will sterben daran.
A perfect kill.

Dann wird er aufsteigen von seiner Beute
und auf die
Nächste stehn -



Gwynt, 2


Ihr Kuss war Seidenwasser.
Ihr Biss das Versprechen Danach.
Sein Blut war sein Blut.

Sie kam in ihrer Mode
und er im Frack. Hier
schlug er ein,

bohrt seine Krallen
in ihren Seidenrücken -
Wie lange er kämpfte

den Fisch an Land zu ziehen!
Wie schwer sie sichs machte
um abzutauchen. Wie einandereins

sie die Zeche zahlten: er
mit ihr und sie
mit seinem Leben.

Was wir noch sehen sind
seine Ständer (der Stein, der Name)
auf ihrem Grab.



Gwynt, 3


Im durchatmeten Land.
So weit, wie Arme reichen die
nur an einem Seelchen, an einem Vers an

einem Faden hängen. Hadrians Arme,
und meine, hier,
die Pax Romana hinter uns,

die barbarische Freiheit vorn. -
Der hart den Hügeln angeschmiegte Wall.
Erinnerungen an

Einfühlsamkeit und Widerstand,
Öffnung und Übergang,
Hören und Standhalten, an das

Erkennen und dem Erkannten
verfallen sein, Name der Kreuzigung
auf der wir stehn.

Von dies- nach jenseits Steine
so weit das Auge reicht.
Ab und zu denken wir uns einen Turm

of tenderness and strength,
an dem der Wind sich reibt um
Heiltumsschreier, um Vocalissimus zu werden.


In: Harald Albrecht: Das Mannequin will angezogen werden. Gedichte. München (APHAIA Verlag) 2018. 100 Seiten. 14,90 Euro.


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