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Hannah Arendt: Sechs Essays

Rezensionen/Verlage


Jan Kuhlbrodt

Hannah Arendt: Sechs Essays. Die verborgene Tradition. Kritische Gesamtausgabe, Band 3. Göttingen (Wallstein Verlag) 2019. 503 Seiten. 39,00 Euro.

Hannah Arendt, Kritische Gesamtausgabe Band 3
Sechs Essays
Die verborgene Tradition


Der Band versammelt Essays von Hannah Arendt, die in den Vierzigerjahren entstanden sind und in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht wurden. Sie sind unter dem Titel „Sechs Essays“ bzw. „Die verborgene Tradition“ zusammengefasst als Buch erschienen. Das Buch wurde bis in die Siebzigerjahre mehrfach überarbeitet und in verschiedenen Versionen veröffentlicht. Eine genaue Geschichte der Texte und ihrer Veröffentlichung, auch der Unterschied zwischen den deutschen und englischen Versionen, erschließt sich aus dem umfangreichen Apparat dieser von Barbara Hahn unter Mitarbeit von Barbara Breysach und Christian Pischel herausgegebenen kritischen Gesamtausgabe. Darüber hinaus sind sowohl die englischen als auch die deutschen Versionen im Buch abgedruckt.
    Das ohnehin ist eine Besonderheit und Leistung des gesamten Projektes, die konsequente Zweisprachigkeit, die einerseits einen Versionenvergleich ermöglicht, und andererseits daraus auch einen Blick auf die sprachlichen Impulse erfordert, die Spezifika der Denk- und Ausdrucksmöglichkeiten. Und natürlich richten sich die Versionen auch an eine je verschiedene Leser- und Leserinnenschaft.
     Gerade in den Jahren der unmittelbaren Nachkriegszeit war dem deutschen Publikum nicht zu trauen, und wenn man heute genau schaut und hinhört, haben sich bestimmte Ausdrucksformen, die letztlich Gedanken repräsentieren, deren Inhalte sich ins Unterbewusste verschoben haben, gehalten.

„Denn zu den Tatsachen, zu der Welt, in der wir heute leben, gehört ja auch jenes fulminante Misstrauen zwischen den Völkern und den Einzelnen, das durch das Verschwinden der Nazis nicht verschwunden ist und nicht verschwinden konnte, weil es sich auf ein überwältigendes Material an Erfahrung stützen und berufen kann.“

Die Erfahrung der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Europa erschwerte eine Kommunikation, die Arendt aber dennoch anstrebte. Es sei hier auch an die Rede Gerschom Scholems zur Präsentation der Schriftübersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig erinnert, der anführte, dass diese Übersetzung zwar jetzt vorliege, ihre potentielle Leserschaft aber vernichtet sei.

Eine Möglichkeit ergibt sich für Arendt aus der Kommunikation mit dem Widmungsträger ihrer Veröffent-lichung, Karl Jaspers, der Philosoph, der, im Gegensatz beispielsweise zu Heidegger, immer die Distanz zu den Nazis wahrte.

Auf Jaspers läuft dann auch einer der sechs Essays hinaus. Nämlich der, der unter dem Titel „Was ist Existenz-Philosophie?“ eine knappe historische Darstellung des Existenzialismus, ausgehend vom späten, religiösen Schelling und von Kierkegaard, eben bis hin zu Heidegger und darüber hinaus zu Jaspers bietet.

Der Essay setzt mit dem Ende der klassischen Philosophie ein, also mit Hegel, dessen System gewissermaßen keine Möglichkeit eines weiter so des Systematischen zuließ und die Denker nach ihm einerseits auf die Ökonomie und andererseits auf die Psychologie verwies. Dafür stehen letztlich Marx und Husserl, und gerade bei Marx würde deutlich, dass er den Hegelianischen Pfad, oder besser vielleicht den Hegelschen Rundweg nicht verlassen hat, was ihm Arendts Kritik einträgt. Spannend aber ist, dass die Autorin hier, aber auch in ihren Denktagebüchern, immer wieder auf ihn zurückkommt.

Interessant in diesem Essay ist auch ihre knappe aber prägnante Heidegger-Kritik, die letztlich auf Heideggers Nationalismusturn hinweist, den sie aber bereits in seiner Grundkonstellation angelegt sieht.

„Das Selbst hat sich als Gewissen an die Stelle der Menschheit gesetzt und das Selbstsein an die Stelle des Menschseins.“

Vielleicht ist es diese Auseinandersetzung, die sich auf verschiedenen Ebenen durch das ganze Essaywerk zieht vor dem Hintergrund der Geschichte und der Vernichtung des Jüdischen Volkes. Prägnant in diesem Zusammenhang ist auch der Essay „Über den Imperialismus“ der im Rassismus und Antisemitismus so etwas wie die Grundierung eben der Entwicklung des modernen Kapitalismus erkennt.

„Seine poltische Struktur aber, der Versuch, die Menschheit in Herren- und Sklavenrassen, in higher und lower breeds, in Schwarze und Weiße, in citoyens und eine forcr noire, die sie schützen soll, aufzuspalten  Nationen nach dem Vorbild wilder Stämme zu organisieren, um sie dann gleichzeitig mit der technischen Überlegenheit hochzivilisierter Völker auszustatten – dies alles ist in den scharfsinnigen Untersuchungen der ökonomischen Veranlassung mehr verdeckt als aufgeklärt worden.“

Auf die „Verborgene Tradition“ und einen Kafka-Essay sei an dieser Stelle verwiesen, beide verlangen aber eigene Auseinandersetzungen. Zum Beispiel zum Text „Aufklärung und Judenfrage“ werde ich im Kontext des Buches über Rachel Varnhagen zurückkommen müssen.

Was unmittelbar noch zu sagen ist: Arendt verweist in ihren Essays auf Konstellationen, die, historisch entstanden, auch heute Wirkmacht besitzen. Zum Beispiel, wenn sie in „Zionismus aus heutiger Sicht“ – noch vor der Staatsgründung Israels – über das Verhältnis zu den Palästinensern nachdenkt, zeigt sie Problemlagen auf, deren Lösung sich immer noch nicht absehen lässt.
    Und Arendt ist streitbar. Sie formuliert zuweilen provokativ, aber gerade das ermöglicht einen Diskurs. Nicht Zustimmung wird gefordert, sondern Denken induziert.


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