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Haidhauser Büchertag

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Poetische Invokation

"Ob wir es nun gut finden oder nicht, wir müssen uns damit abfinden, dass wir etwas anrufen, wenn wir Gedichte oder stilisierte Prosa vortragen. Und das, was uns hört und sich uns nähert, ist der menschliche Geist: verdichteter und kraftvoller menschlicher Geist.

(Ted Hughes: Wie Dichtung entsteht. Innere Musik, S. 232)


Enthält ein Gedicht eine Anrufung, so ist es als Ganzes eine Anrufung, und alle Textteile dienen zur genaueren Unterrichtung der angerufenen Instanz.

(Heinz Schlaffer: Geistersprache. Anrufung, S. 15)


Ich habe lange nachgedacht, was die abendliche Lesung am 14.12.2013 beim Haidhauser Büchertag so feierlich machte, und auch so heiter? Der recht profane Raum des Münchner Literaturbüros? Der neue dunkle Vorhang im Hintergrund? Die vorweihnachtliche Stimmung? Die eigentlich sozialkritisch orientierten Dichter Tom Schulz, Jan Kuhlbrodt, Armin Steigenberger?

Dann fiel es mir ein: die meisten der gelesenen Texte enthielten verkappte Anrufungen – eine Verzauberung des Raums durch Poesie.


Sonnenschnee
wer sehen kann, kann sehen
die Dolden in ihrem Blütenstand


(Tom Schulz: Innere Musik. Bobrowski in Friedrichshagen)


Baum Blume Gras
leg dich leicht auf den Boden
& werde zu Erde
sei ein Freund aller Gestirne
die sich drehen & drehen & drehen
um keinen Marktplatz
erst opfern wir eine Muscheltankstelle, dann singen wir


(Tom Schulz: Innere Musik. Alleinstellungsmerkmale unter Apfelbäumen)


Hurra O Volk, der Orgel Weg – Harmonisch Inschallah.
Heulend Heul, zum Ende geh – Hu Hu, Hu Hu, Hurra!

Zucker! – Chor.
Brot! – Chor.
Licht! – Heulendes Geheul,

Und wenn’s lodert das Knacken der Scheite.


(Jan Kuhlbrodt: Geschichte – seine Übersetzung Tichon Tschurilins „Orgel Chor“ darin als Zitat)



Ein Mülleimer aus Beton ohne diesen
Plastikeinsatz ist sehr schnell
                    in Gesteinsbrocken zerlegt.
Eine Glasfassade wirkt licht
von dem einen Moment
auf den andern mehr als bedrohlich.
Es gibt
Diese Momente in denen wir uns Mauern wünschen,
                                           mein lieber Bellarmin.


(Jan Kuhlbrodt: Stötzers Lied. Die Tragödie, S. 102)


liebe in tiefgaragen liebe auf parkdecks
liebe auf rolltreppen liebe in flucht
treppenhäusern liebe bargeldlos und rein

(Armin Steigenberger: die fortsetzung des glücks mit anderen mitteln. liebe in einkaufszentren)



oh ihr herzbeklemmten hominiden
die ihr noch youtubevideos guckt
die ihr stündlich on seid in der shockwave
ohne scham und ohne einen hauch
die welt anders zu machen
macht sie besser musterhafter monströser
lasst euch nicht wegleugnen
hit it

(Armin Steigenberger: hinterhofflimmern)



Es war auch ein Abend über Zeit – nicht nur, dass diese wie im Flug vergangen war, obwohl die Lesung gute zweieinhalb, fast drei Stunden dauerte.

Erst las Tom Schulz aus seinem zuletzt veröffentlichten Gedichtband: „Innere Musik“, dann unterhielten er und der Moderator sich über seine Reise mit Björn Kuligk durch die Mark Brandenburg, auf den Spuren Theodor Fontanes. Im Frühjahr wird „Wir sind jetzt hier“ bei Hanser erscheinen. Dann las Schulz weiter mit seinem durch die innere Musik gezügelten Zorn aus dem letzten Gedichtband. »Es gilt, die Dichtung wieder mit dem magischen Moment des Aufbruchs zu verbinden. Einer Reise um alle möglichen Welten, vor allem die imaginären.« (heißt es dazu von Tom Schulz). Einfache Begriffe, wie etwa „Brause“ (Duschkopf) oder andere Alltagssituationen weiten sich in seinen Gedichten aus zu einer zeitlos anderen Welt, aus der Erinnerungen herüberschwingen ins Gedächtnis, zumeist böse, die nicht verdrängt werden sollten.


wer hören könnte, würde fühlen
den Weg an die Wiedergeburtsmaschine
wie sehr die Gebetsmühle knirschte
knirschte das Gras; wir sangen
das Blut, von der Memel das Wasser
von einem Katzenteller die Milch


(Tom Schulz: Innere Musik. Bobrowski in Friedrichshagen)



Nach der ersten Pause stellte Jan Kuhlbrodt seinen in der Poeticon-Reihe beim Verlagshaus J. Frank erschienenen Essay „Geschichte“ vor und danach eine Passage aus seinem e-book „Das Elster-Experiment. Sieben Tage Genesis.“ Dann aus „Stötzers Lied“, seinem letzten Gedichtband, einer Art Epos, ein wenig der Odyssee nachgebildet. Über den im Zuschauerraum sitzenden Dirk Uwe Hansen, der tags zuvor ins Finale des Lyrikpreises München gewählt wurde und der in Greifswald an der Uni als Gräzist doziert, kam im anschließenden Gespräch die Parallelität zwischen Odyssee und Stötzers Lied auf, vor allem was dort den elften Gesang, die Nekyia (Totenwelt), und hier die Irrungen durch Leipzig, Stötzers Ableben (zusammen mit der DDR), betrifft. Und seine Reanimierung und Heimkehr anschließend. Kuhlbrodt erklärte, dass er Schwierigkeiten hatte, die Metrik in Stötzers Lied aufzubrechen, das Hexametron der alten Epen wollte immer wieder zurück.

Die Zeit, sagte Stötzer, sei bloß unser Maß für Vergänglichkeit.
Und deshalb, sagte er, sei sie im Grunde keinen Gedanken wert,
und es sei darüber hinaus müßig, zu einer Demonstration
gegen etwas zu schreiten, das, wie alles, der Zeit unterliege.
Warum denn nicht abwarten?


(Jan Kuhlbrodt: Stötzers Lied. Requiem für Stötzer, S. 77)



Nach einer weiteren Pause kam der innere Takt Armin Steigenbergers zu Wort.

Fotos: Ulrich Schäfer-Newiger

inmitten des dorfkerns     parameter
hörfelder und anderweitig getaktete
vogelstimmen     im weinort magnolienblüte

die partnerschaft mit gottesheim hat pause
digitale grußkarte jetzt senden
die parameter der magnolienblüte stimmen mich

anderweitig getaktete weinorte     hörfelder
des dorfkerns     mit gottesheim als partner
inmitten digitaler taktungen


(Aus dem in Kürze erscheinenden Gedichtband: die fortsetzung des glücks mit anderen mitteln)


Steigenbergers Kulturkritik im Wandel, wie sie bisher, auch in den Gedichten des kommenden Lyrikbandes, Ausdruck findet, wurde im Gespräch deutlich, vor allem in Bezug auf die Unterschiede zu seinen ganz neuen Gedichten: teils im Blocksatz geschrieben, dann wieder, noch neuer, nahezu liturgisch in ihren aretalogischen Aufzählungen, seien diese potentiell oder aktiv. Eine Selbstbestimmung des lyrischen Ichs bis hin zur Abgrenzung in Form des inneren Gerichts:

ich bin nur ein ausschnitt. vollverkabeltes etwas. bauteil. die substanz intoniert schall und welle. verfertigt geräusche. hält rhythmisch maß. soweit das auge.

(nachrichten von nirgendwo)


du promoter mit den nervös oszillierenden niederstrom-neonaugen
in holzgetäfelten konferenzräumen ohnmächtig vor hormonellem flow
du ja-wort-schreier im johlenden big city-morgen gemetzelter tiere
in der fettfreien sorgenlosen mitrailleuse exklusiver  innenausschüsse
du pelziger kontaktknüpfer in tarifkonflikten im PR-colloquium
frustrierter investoren am provisorischen puls der unzeit


(hinterhofflimmern 2: Projektgesteuert)


KK


Tom Schulz: Innere Musik. Gedichte. Berlin (Berlin Verlag) 2012. 96 S., 19,99 Euro.





Jan Kuhlbrodt: Stötzers Lied. Gesang vom Leben danach. Berlin (Verlagshaus J. Frank) 2013. 179 S. 13,90 Euro.


Armin Steigenberger: die fortsetzung des glücks mit anderen mitteln. Berlin (Horlemann. Lyrikpapyri) 2014. 96 S., 14,90 Euro.

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