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Gunnar Sohn: Die Ordnung träumt, der Einfall fällt

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Gunnar Sohn
Die Ordnung träumt, der Einfall fällt

Stuttgart, violett: Eine Messehalle öffnet ein altes Problem

Die Wand leuchtet violett, als hätte jemand der Gegenwart eine Bühnenfarbe verordnet. ZP Messe-TV, Halle 10, Zukunft Personal Süd. Scheinwerfer, Mikrofon, Kopfhörer, Logos, das diskrete Flimmern jener professionellen Betriebsamkeit, die auch dann noch nach Aufbruch aussieht, wenn sie längst zur Routine geworden ist. Zugeschaltet ist Prof. Dr. Karlheinz Schwuchow, und während ringsum das übliche Zukunftsvokabular kreist, fällt ein Satz, der sich nicht mit der Messe wieder abbauen lässt: Künstliche Intelligenz, sagt er, bleibe Werkzeug statt Wesen, erkenne Muster ohne Verständnis; Technologie sei die Infrastruktur, der Mensch bleibe der Architekt. Im selben Atemzug verschiebt er den Fokus der Debatte: weg von der bloßen KI-Euphorie, hin zu Verantwortung, Führung, Kultur, Urteilskraft. Die Bühne bleibt dieselbe, aber der Raum ändert sich. Plötzlich steht nicht mehr die nächste Anwendung im Vordergrund, sondern die alte Frage, was aus dem Menschen wird, wenn Systeme immer mehr Ordnung erzeugen und immer weniger erklären.

Der Schatten, der mitgeht: Kontingenz ist kein Defekt

Von dort führt der Weg nicht in ein Labor, sondern in eine Denklandschaft, die älter ist als jedes Dashboard. In Bad Homburg, bei „Poetik und Hermeneutik“, hat Rüdiger Bubner das Problem mit aristotelischer Kühle formuliert: Handeln ist nur möglich, weil die Welt auch anders sein kann. Nicht alles liegt fest. Nicht jeder Verlauf ist schon beschlossen. Das „Auch-anders-sein-Können“ ist kein Mangel der Realität, sondern ihre eigentliche Einladung an die Praxis. Der Zufall, schreibt Bubner, begleitet das Handeln wie ein Schatten. Es ist ein herr-licher Satz, weil er die moderne Sehnsucht nach restloser Steuerung auf einen Schlag entzaubert. Wer handelt, steht nie im Vollbesitz der Lage. Er steht in einer Öffnung, und durch diese Öffnung zieht Wetter.

Das Gedächtnis baut Maschinen gegen den Zufall

Renate Lachmann hat dieser Öffnung eine Geschichte gegeben, und diese Geschichte beginnt lange vor dem Computer. Sie beginnt bei den Gedächtniskünsten, bei Rädern, Tabellen, Korrespondenzfiguren, bei jenen Apparaten, die Wissen nicht nur speichern, sondern bewegen wollten. Ars memoriae und Mnemotechnik, schreibt sie, seien auf die Bannung des Zufalls ausgerichtet. Man bringt Ordnung in vergangene Daten, man verschaltet Erfahrungen und Wissenselemente, man erzeugt Systematiken, in denen selbst Voraussagen plausibel werden. Und dann dieser fast unheimliche Satz: Durch die Computerisierung des Wissens werde die Möglichkeit des Zufalls gegen Null getrieben. In den Agenten der Kombinatorik, von Raimundus Lullus bis Athanasius Kircher, erkennt Lachmann die frühen Magier einer Kultur, die den Einfall nicht mehr erwarten, sondern aus der Ordnung heraus generieren will.

Die Maschine kombiniert – aber wer erfindet den Sprung?

Man muss diese Passage heute nur leicht berühren, und schon beginnt sie elektrisch zu werden. Die KI erscheint dann nicht mehr als plötzlicher Blitz der Gegenwart, sondern als jüngste Maske eines sehr alten Wunsches: Zukunft aus dem Registrierten zu gewinnen, das Mögliche aus dem Gespeicherten zu destillieren, Überraschung in Berechenbarkeit zu überführen. Doch Lachmann ist klüger als jede Fortschrittsliturgie. Sie zeigt, dass das eigentliche Neue nicht dort entsteht, wo Regeln nur korrekt operieren, sondern dort, wo ein Erwartungshorizont zerreißt. Die ingeniöse Metapher, das unerhörte Ereignis, die phantastische Wendung – sie alle markieren nicht bloß Kombination, sondern Diskontinuität. Kreativität ist, in diesem starken Sinn, nicht die saubere Durchmusterung des Archivs. Sie ist der Moment, in dem etwas auftaucht, das das Archiv selbst kurz fremd macht.

Handwerk unter Wetter:
Schwuchow und die Nüchternheit gegen den Mythos

Gerade deshalb ist Schwuchows Nähe zu George Newman so aufschlussreich. Wenn Kreativität als Handwerk beschrieben wird, nicht als Magie, dann ist das zunächst eine Wohltat. Endlich Schluss mit dem Kitsch des Geistesblitzes, der vom Himmel fällt und dann als Geniegeschichte nacherzählt wird. Unternehmen brauchen Prozesse, Suchbewegungen, Resonanzräume; Ideen müssen nicht nur haben, sie müssen finden gelernt werden. Aber Schwuchow glättet den Sachverhalt nicht. Er räumt ein, dass Geistesblitze Unternehmen nach vorn bringen können, dass Kontingenz real bleibt, dass einzelne Einfälle oft nur deshalb scheitern, weil Organisationen keinen Resonanzboden für sie haben. Kreativität ist also Handwerk – aber Handwerk unter Wetter. Nicht Magie, gewiss. Doch auch nicht bloß Methode.

Lars Immerthal schaut Walen nach

Bei Dr. Lars Immerthal tritt dasselbe Problem in einer anderen Szenerie auf. Nicht Halle 10, sondern Meer. Nicht Bühne, sondern Beobachtung. Er beschreibt Strategie mit einem Bild, das der Managementsprache fremd und gerade darum so richtig ist: Whale Watching. Man sieht nie den ganzen Wal. Man sieht Rücken, Wasserbewegung, ein dunkles Aufscheinen, eine Flosse, ein Verschwinden. So, legt er nahe, müsse man auch Unternehmen lesen. Nicht als aufgeschlagene Blaupause, sondern als Wesen, die sich nur in Teilen zeigen. Strategie ist für ihn nicht Plan und nicht Ziel, sondern ein Kommunikationsmuster in der Auseinandersetzung mit Emergenz, Kontingenz und Innovation. Ein Unternehmen verrät sich nicht zuerst in dem, was es sich vorgenommen hat, sondern in der Art, wie es auf das Unvorgesehene antwortet.

Die Peripherie denkt schneller als die Zentrale

Immerthal spricht von Netzwerkprinzipien, von Ressourcen eher als Form oder Rahmen, von Innovation als Emergenz statt bloß top-down. Darin liegt ein stiller Angriff auf alles, was Organisation mit Kommando verwechselt. Das Neue kommt nicht nur aus der Zentrale, sondern oft aus der Peripherie, aus Rändern, Übergängen, Nebenkanälen. Man hört darin etwas, das fast schon Michel Serres gehört: dass Systeme nicht nur aus Ordnung bestehen, sondern aus Rauschen, Mitbenutzung, Umweg, parasitären Anschlüssen, aus Signalen, die in Störungen wohnen. Das ist der eigentliche Gegenbegriff zum glatten Systemtraum. Nicht Chaos. Sondern jene vibrierende Unordnung, ohne die keine Form lebendig bleibt.

Amazon oder die Verwandlung der Leitung in ein Schicksal

Dass Immerthal ausgerechnet Amazon als Leuchtturm mitliest, ist deshalb mehr als eine wirtschaftsstrategische Fußnote. Amazon ist in dieser Perspektive nicht nur Händler, sondern Infrastruktur; nicht nur Marktakteur, sondern Bedingung anderer Märkte. Der Laden wird zur Wolke, die Wolke zur Straße, die Straße zur Weltbedingung des Rechnens. In solchen Gebilden kippt das Verhältnis von Zentrum und Dienstleistung: Was bloß Mittel schien, wird Macht. Es ist eine moderne Variante jener alten Kombinatorikträume – nur dass die Räder jetzt in Rechenzentren laufen und ihre Korrespondenzen als Dienstleistung verkaufen.

Spielen heißt, den Zufall nicht abzuschaffen

Hermann Lübbe setzt dem die kühlste aller Metaphern entgegen: das Spiel. Der Zufall, sagt er, gehört zum Spiel nicht als Makel, sondern als seine Lebensbedingung. Besonders schön ist seine Bemerkung über das Schach. Wären die Notwendigkeiten des Spiels vollständig entdeckt, wäre die Geschichte des Schachs an ihr Ende gelangt. Ein Spiel, dessen Ausgang restlos berechenbar wird, hört auf, Spiel zu sein. Man könnte lange bei diesem Gedanken verweilen. Denn was für Schach gilt, gilt auch für Kunst, für Liebe, für Biographien, für Unternehmen. Wo alles schon im Voraus entschieden ist, gibt es am Ende keinen Ernst mehr, sondern nur noch Vollzug. Die totale Ordnung ist nicht die Vollendung des Lebendigen, sondern oft sein stilles Ende.

Fortuna trägt noch immer offene Haare

Aleida Assmann hat für diese Einsicht die ältere, schönere Figur: Fortuna. Bei ihr beginnt alles mit einer Medaille, auf der ein starker Mann Occasio am Haarschopf packt und Cupido bändigt. Eine Renaissancegeste: Gelegenheit ergreifen, Zufall beherrschen, das eigene Geschick fest in die Hand nehmen. Und dann Chaucer, Boethius, Shakespeare – und mit ihnen die andere Wahrheit: dass der Mensch oft nicht Herr der Gelegenheit ist, sondern Figur in einer Verwicklung aus Liebe, Fügung und plötzlicher Wendung. Jede Sicherheit, so Assmann mit Plessner, ist einer Unsicherheit abgekämpft und schafft neue Unsicherheit. Das ist vielleicht die präziseste Elegie auf die Gegenwart, die man sich denken kann. Auch unsere intelligentesten Systeme nehmen uns die offene Haarsträhne der Occasio nicht aus der Hand. Sie machen sie nur schwerer sichtbar.

Bosch, wo die Ordnung zu viel sieht

Und dann Hieronymus Bosch. Bei ihm ist nichts einfach zufällig, und alles sieht so aus, als sei es dem Zufall im selben Augenblick entsprungen. Brennende Horizonte, Mischwesen, kipplige Architekturen, groteske Prozessionen, winzige Handlungen in einem übervollen Bildraum. Bosch malt nicht das Chaos. Er malt jene Ordnung, die so dicht geworden ist, dass sie an ihren Rändern fiebert. Vielleicht braucht man ihn heute wieder, weil auch unsere Welt immer dichter, immer vernetzter, immer intelligenter wird – und gerade deshalb Bilder hervorbringt, die sie selbst nicht mehr ganz versteht. Nicht das Formlose erschreckt bei Bosch, sondern die Überfülle der Form. Zu viel Zusammenhang, zu viele Anschlüsse, zu viele geheime Korrespondenzen: und mitten darin der Mensch, klein, verwickelt, blickend.

Ein Spalt für den Einfall

So kehrt der Satz aus Stuttgart am Ende verändert zurück. Der Mensch bleibt Architekt. Ja. Aber nicht als Herrscher über ein steriles System. Eher als jemand, der einen Spalt offen hält. Einen Spalt für das Rauschen, für das Unerwartete, für den Irrtum, der produktiv wird, für die Gelegenheit, die nicht im Plan stand, für den Einfall, der wie ein Zufall aussieht und vielleicht nur deshalb ein Einfall ist. Wer Kreativität ganz in Kombinatorik auflösen will, wird am Ende viel Variation erzeugen und wenig Welt verändern. Wer umgekehrt nur auf das Wunder hofft, bleibt dem Wetter ausgeliefert. Dazwischen liegt jene schwierige, schöne Zone, in der gebaut, gespielt, erinnert, verworfen, neu kombiniert und plötzlich anders gesehen wird.


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