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Gunnar Sohn: Der Leser mit dem Blitz im Gesicht

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Gunnar Sohn

Der Leser mit dem Blitz im Gesicht
 
Alexander Scheers „HEROES“ in der Kölner Philharmonie öffnet David Bowies Bibliothek


David Bowie erscheint auf dieser Bühne zuerst als Leser. Das ist die eigentliche Setzung des Abends. Nicht der Mann der Kostüme, der Masken, der großen Gesten tritt als erster hervor, auch nicht der Sänger, dessen Refrains längst in das kollektive Gedächtnis eingegangen sind. Alexander Scheer und seine Band beginnen mit einem anderen Bowie: einem Künstler, der Bücher mit sich führte, als wären sie Instrumente, Rettungsseile, Tarnkappen, Zündschnüre. Auf die Frage nach der berühmten einsamen Insel, erzählt Scheer, habe Bowie geantwortet: seine Bücher. Damit ist der Eingang gewählt. Die Kölner Philharmonie wird zum Ort einer Lektüre, die singt.

Scheer stellt keine kommentierte Playlist vor. Er öffnet ein Regal. Grundlage von „HEROES“ ist jene Liste von 100 Büchern, die Bowie selbst als prägend für Leben und Werk auswies. Man könnte diese Liste als Kuriosum behandeln, als Nachlassdetail, als intellektuelles Beiwerk eines Popstars, der sich gern gebildet gab. Der Abend tut das Gegenteil. Er nimmt diese Bücher ernst als Material einer künstlerischen Existenz. Bowie las nicht nebenbei. Er las, um sich zu verwandeln. Er las, um Figuren zu finden, Räume, Stimmen, Gegner, Fluchtwege. Seine Musik erscheint auf einmal wie eine Literaturgeschichte unter Strom.

Auf dieser Liste stehen Homer und Dante, Anthony Burgess und James Baldwin, Christopher Isherwood, Alfred Döblin, Christa Wolf, Bücher über Soul und Funk, kulturgeschichtliche Studien, Comics, Berlin-Texte, Brecht-Spuren. Es ist ein Kanon ohne Ruhe. Er ordnet sich keiner akademischen Bequemlichkeit unter. Antike, Moderne, Pop, politischer Essay, Großstadtroman, afroamerikanische Selbstbefragung, Science-Fiction, Theater, Graphic Novel: alles steht in Verbindung, weil Bowie aus Verbindung lebte. Er war kein Bewahrer von Bildungsgütern. Er war ein Leser auf der Durchreise, ein Dieb mit Geschmack, ein Sammler fremder Energien, ein Künstler, der aus Lektüre Körper machte.

Burgess als Stromstoß

Der Abend beginnt mit Anthony Burgess. „A Clockwork Orange“ kommt auf die Bühne wie eine Sprache, die selbst schon Musik ist: hart, grell, rhythmisch, halb erfunden, halb verdorben. Scheer liest diesen Text nicht als literarisches Schaustück. Er gibt ihm Tempo, Körper, Gefahr. Danach klingt „Rebel Rebel“ anders. Der Song bekommt eine schneidende Kante. Die Rebellion, die bei Bowie gern als Glamour erinnert wird, gewinnt wieder ihr brutales Unterfutter: Jugend, Gewalt, Pose, Lust an der Beschädigung, Lust am eigenen Bild.

Burgess passt zu Bowie, weil beide die Figur als Experiment begreifen. Alex aus „A Clockwork Orange“ ist kein psychologischer Charakter im gemütlichen Sinn. Er ist ein Sprachereignis. Er lebt in seinem Idiom. Bowie verstand genau das. Ziggy Stardust, Aladdin Sane, der Thin White Duke: Sie leben nicht als private Bekenntnisse. Sie leben als erfundene Sprachen, als Gesten, als Stimmen, als künstlerische Versuchsanordnungen. Scheer zeigt diesen Zusammenhang ohne Vorlesungston. Er lässt Burgess knirschen, dann fährt die Band hinein. Der erste große Gedanke des Abends liegt in der Bewegung: Pop kann eine Fortsetzung der Literatur mit anderen Mitteln sein.

Baldwin und die dunkle Rückseite des Pop

James Baldwin bringt eine andere Schwerkraft in den Saal. Aus „The Fire Next Time“ wird ein Brief gelesen, der Herkunft, Rassismus, Geschichte und Selbstbehauptung in eine Sprache zwingt, die keinen dekorativen Gebrauch zulässt. Neben Bowie öffnet dieser Text ein schwieriges Feld. „Young Americans“, Soul, Funk, Philadelphia, Luther Vandross, schwarze Musikgeschichte: Was bei Bowie in Eleganz und Kunstverwandlung erscheint, hat Quellen, Kämpfe, Wunden.

Scheer umgeht die Gefahr der Glättung. Bowie wird nicht freigesprochen, auch nicht angeklagt. Er wird als Künstler sichtbar, der aufnahm, was ihn elektrisierte, und dabei immer wieder an Grenzen geriet. Baldwin macht aus der Bowie-Lektüre eine moralische und historische Prüfung. Wer diese Musik hört, hört nicht allein die Perfektion der Oberfläche. Er hört den Raum, aus dem die Musik kam, die Bowie liebte, studierte, verwandelte. Baldwin rückt den Abend heraus aus der reinen Verehrung. Die Songs behalten ihren Glanz, doch sie stehen fortan in einem tieferen Schatten.

Isherwoods Nacht, Döblins Asphalt

Dann Berlin, aber Berlin erscheint hier zuerst aus Büchern. Christopher Isherwood liefert die Nachtseite der Stadt. Bars, Körper, Berührung, Rausch, Verlorenheit, dieses gefährliche Gleiten durch Räume, in denen jeder Blick bereits eine Geschichte enthält. Isherwoods Berlin ist keine Kulisse der Nostalgie. Es ist ein Labor der Entgrenzung. Bowie, der in Berlin Anonymität suchte, fand dort auch die literarische Vorgeschichte seiner eigenen Verwandlungen.

Alfred Döblin bringt den anderen Takt. „Berlin Alexanderplatz“ ist bei Scheer kein ehrfürchtig zitierter Klassiker, kein Name für literarischen Rang. Döblin wird hörbar als Großstadtmaschine aus Stimmen, Stößen, Geräuschen, Reklame, Kälte, Schnaps, Verkehr, Menschenandrang. Die Dampframme auf dem Alexanderplatz schlägt in den Text wie ein Schlagzeug. Neben Bowie wirkt das völlig folgerichtig. Döblins Montage ist Pop, bevor Pop so hieß. Die Stadt redet in Schnitten, Geräuschen, Beschleunigungen. Bowie konnte darin eine Verwandtschaft erkennen: Identität als Montage, Leben als Sample, Stadt als Aufnahmegerät.

Der Abend führt damit weg von einer verengten Bowie-Berlin-Folklore. Nicht allein Mauer, Hansa-Studio und Hauptstraße zählen. Entscheidend ist die literarische Textur dieser Stadt. Isherwood, Döblin, Brecht, Christa Wolf: Das sind keine Seitenpfade. Sie bilden die innere Landkarte eines Künstlers, der Berlin nicht einfach bewohnte. Er las es.

Bowie im Berliner Ensemble

Eine der kostbarsten Szenen des Abends führt nach Ost-Berlin. Scheer erzählt von Bowies Besuchen im Berliner Ensemble in den Jahren 1976 und 1977. Bowie, der Popstar, sitzt in einer Loge und sieht Brecht. Allein dieses Bild trägt einen ganzen Essay. Der Mann, der sich immer wieder als Kunstfigur neu erfand, schaut auf einen Theaterautor, der Figuren ausstellte, Lieder als Erkenntnisinstrumente nutzte, Verfremdung zur Form machte und den Zuschauer nie in bloßer Einfühlung ruhen ließ.

Scheer führt diese Geschichte über das Ganymed, das Restaurant gegenüber und um die Ecke vom Berliner Ensemble. Dort, so erzählt er, habe Bowie gesessen. Später kamen die Techniker aus dem Berliner Ensemble und vom Deutschen Theater nach Dienstschluss an die Tische, redeten, tranken, spotteten über Theater und Republik. Im Stuck über ihnen sollen Mikrofone der Staatssicherheit gesteckt haben. Eine schönere, unheimlichere Bowie-Berlin-Szene lässt sich kaum erfinden: Brecht auf der Bühne, Bowie in der Loge, die DDR im Abhörmodus, Popgeschichte unter barocken Ornamenten.

Dann die Suche nach dem Foto. Bowie in jener Loge, schwarzweiß, 1977, einst gesehen, später verschwunden in Archivkartons. Scheer erzählt davon wie von einer kleinen Rockarchäologie. Gefunden wurde nicht das Foto, doch eine gezeichnete Spur: Reinhard Kleists Comic über Bowies Berliner Jahre zeigt genau diese Loge, mit Bowie in der Mitte und dem irritierten BE-Publikum um ihn herum. Aus dem verlorenen Dokument wird eine gezeichnete Erinnerung. Das passt zu Bowie. Was sich entzieht, kehrt als Bild zurück.

Brecht steht in diesem Abend daher nicht als Name im Bildungspanorama. Brecht ist ein Schlüssel. Bowie interessiert sich für Theater, weil Theater Identität als Vorgang zeigt. Man setzt eine Maske auf und wird durch sie erkennbar. Man singt ein Lied und unterbricht die Handlung. Man spielt eine Rolle und verrät zugleich, dass sie gespielt wird. In dieser Kunst konnte Bowie sich spiegeln. Scheers „HEROES“ macht diesen Spiegel sichtbar.

Christa Wolf im Familienregal

Der zarteste Umschlag des Abends geschieht mit Christa Wolf. „Nachdenken über Christa T.“ steht auf Bowies Liste. Schon diese Tatsache ist schön irritierend. Der britische Popstar, Berlin, DDR-Literatur, innere Zeit, Erinnerung, Gegenwart. Scheer liest die berühmte Frage nach dem gelebten Augenblick: Lebst du jetzt wirklich, ganz und gar? Der Satz trifft die Bühne, weil er nicht nach Kulturgeschichte klingt, vielmehr nach existenzieller Probe.

Dann erzählt Scheer von seiner Mutter. In ihrem Regal fand er genau dieses Buch, mit ihrem Namen, datiert auf Juni 1976. Scheer wurde am 1. Juni 1976 geboren. Auf einmal steht Bowies Liste nicht mehr fern im Kosmos eines Weltstars. Sie reicht in ein deutsches Wohnzimmer, in ein Bücherregal, in eine Geburt, in eine Mutter-Kind-Geschichte. Das ist keine sentimentale Ausschmückung. Es ist ein Augenblick, in dem Literatur ihre Wege offenlegt. Ein Buch kann auf Bowies Liste stehen und zugleich im Regal einer Mutter. Es kann Weltkunst und Familiengeschichte verbinden. Es kann Jahrzehnte später auf einer Bühne in Köln wieder aufgehen.

Christa Wolf schützt den Abend vor bloßer Rockpose. Sie bringt eine Frage hinein, die Bowie selbst berührt: Was heißt es, jetzt zu leben, in der eigenen Zeit, im eigenen Körper, in der eigenen Unsicherheit? Bowie war ein Meister der Zukunftsbilder. Christa Wolf erinnert daran, dass Zukunft ohne Gegenwart leer bleibt. Scheer singt danach nicht mehr aus bloßer Bowie-Nähe. Er singt aus einem Raum, in dem die Bücher angefangen haben, biographisch zu sprechen.

Dante im dunklen Wald

Auch Dante gehört in diese Bibliothek der Verwandlungen. Der dunkle Wald aus der „Commedia“ ist für Bowie fast zu passend, und gerade deshalb trägt er. Kaum ein Künstler des Pop hat den Irrweg produktiver gemacht. Absturz, Orientierungslosigkeit, Rausch, Neugeburt, Figurentausch, Wiederkehr: Bowie bewegte sich durch solche Wälder mit einer Mischung aus Angst und Stilwillen. Scheer lässt Dante nicht sakral erklingen. Er zieht ihn in den Bühnenstrom. Der alte Text wird zu einer Szene der Desorientierung, aus der Musik entstehen kann.

Das ist die besondere Qualität des Programms: Die Texte werden nicht vor die Songs gestellt wie erklärende Tafeln. Sie dringen in die Songs ein. Man hört „Ashes to Ashes“ nach Dante anders, nach Baldwin anders, nach Burgess anders, nach Christa Wolf anders. Die Reihenfolge des Abends erzeugt eine Art wandernde Beleuchtung. Jeder Text wirft ein neues Licht auf eine bekannte Melodie. Manchmal wird der Song dunkler, manchmal heller, manchmal verletzlicher.

Das Mädchen, der Delfin und „Heroes“

Der Weg zu „Heroes“ führt über eine unerwartete Lektüre: Alberto Denti di Pirajnos „A Grave for a Dolphin“. Scheer erzählt die Geschichte des Arztes Camara, der jungen Schambora, des Meeres, des Delfins, der Liebe und des Todes. Der Text schimmert, leuchtet, schwebt gefährlich nah am Übermaß. Genau darin liegt seine Wirkung. Er führt „Heroes“ weg von der schlichten Mauerlegende. Die zweite Strophe bekommt eine andere Herkunft. Sie kommt aus Phosphoreszenz, Wasser, Körperlicht, Verlust.

Bowie wird in diesem Augenblick als Leser von Bildern erkennbar. Er nahm keinen Stoff und übersetzte ihn brav in Musik. Er fand in einem Buch eine Bewegung, ein Leuchten, eine Geste, die in einen Song wandern konnte. „Heroes“ ist dann kein bloßes Berlin-Lied. Es ist ein Lied über den kurzen, fast unmöglichen Aufstieg aus den Bedingungen. Ein Tag reicht. Ein Augenblick reicht. Ein Bild reicht. Zwei Menschen, eine Grenze, ein Meer, ein Tier, eine Wand, ein Refrain: Bowie konnte solche Materialien in einem einzigen Song bündeln.

Der Sänger als Leser, die Band als Kommentar

Alexander Scheer trägt diesen Abend, weil er sich nicht als Bowie-Darsteller einsperrt. Er imitiert keine Ikone. Er jagt sich durch deren Lektüren. Er liest, singt, erzählt, spottet, überdreht, sammelt sich, fährt wieder los. Der gelbe Anzug auf der Bühne ist keine Verkleidung im musealen Sinn. Er ist ein Signal: Hier spricht ein Sänger, der weiß, dass Pop immer auch Theater ist. Die Band antwortet darauf mit Druck, mit Kälte, mit Glam, mit rauer Genauigkeit. Sie konserviert Bowie nicht. Sie setzt ihn unter Spannung.

Die Bibliothek auf der Bühne ist dabei mehr als Requisite. Sie ist das eigentliche Bild des Abends. In ihr steckt das Geheimnis der Bowie-Kunst: Er nahm fremde Sätze in Besitz, ohne sie zu besitzen. Er ging in Bücher hinein und kam mit Stimmen zurück. Er las sich durch Jahrhunderte und Städte, durch Gewalt, Begehren, Politik, Mythos, Großstadt, Theater und Tod. Daraus entstanden keine Vertonungen. Daraus entstanden Figuren, Songs, Alben, Bewegungen.

Köln steht auf

Am Ende steht die Kölner Philharmonie. Jubel, Standing Ovation, ein Saal, der nicht bloß dankt, vielmehr reagiert, als habe er gerade eine Verwandlung miterlebt. Das Entscheidende an diesem Abend liegt nicht in der Wiederkehr bekannter Bowie-Momente. Es liegt in der Freilegung ihrer Lektüren. Scheer und seine Band zeigen Bowie als Leser mit Mikrofon, als Sänger aus Büchern, als Popstar, dessen Kunst aus Bibliothek, Bühne, Studio und Straße zugleich hervorging.

Burgess gab den Glam eine scharfe Klinge. Baldwin öffnete die amerikanische Wunde. Isherwood brachte die Nacht. Döblin lieferte den Asphalt. Brecht setzte Bowie in die Loge und machte aus Ost-Berlin eine beobachtete Bühne. Christa Wolf stellte die Frage nach dem gelebten Augenblick. Dante führte in den dunklen Wald. Denti di Pirajno brachte das Meer in „Heroes“. So entstand in Köln kein Abend über Bowie, der längst vergangen ist. Es entstand ein Abend über Bowie als Methode.

Lesen, verwandeln, singen, verschwinden, wiederkehren. So könnte man diese Methode nennen. In der Kölner Philharmonie wurde sie erfahrbar. Bowie stand nicht als Denkmal im Raum. Er saß zwischen den Regalen, in der Loge des Berliner Ensembles, am Tisch im Ganymed, im Studio an der Mauer, im Satz von Christa Wolf, im Rhythmus Döblins, im Blick Baldwins, im dunklen Wald Dantes. Alexander Scheer ließ diese Spuren durch die Band fahren. Köln erhob sich, weil aus Lektüre Klang geworden war.


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