Gundula Schiffer: Meine liebe, sefardische Seele
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Foto: Rebecca Peetz
Gundula Schiffer
Meine liebe, sefardische
Seele
Meine Seele ist mit mir
migriert
jetzt erinnert sie sich
gemeinsam mit mir, die
übertritt
im Monat der Umkehr
im Elul der Liebe
flüstert mir ins Herz
verteilt die Beute aus Zeichen.
Sprachlos vom Überfluss
des Entdeckens und
Entzifferns
tauche ich im wohligen
Wasser
reinen Wasser der Briefe
unter
das mit Milde prophezeit
über
meine gesegnete Sendung
die Urzeittagen
entspringt.
Sie kehrt nun zurück,
meine Seele
in Form eines Funkens
als Vertreter des Königs
mich heimzuholen, seine
Tochter
die ich ihn erkannt in den
Reisen
meiner einzigen Seele.
Erzählt mit unseren
Lippen, unserer Zunge
dass sie vom Ursprung her
Sefardin ist, von mizrachischem
Kontinent
und in „Casablanca“
widerhallt
ein berückendes Pijut
angesichts des Mondes
während sie noch durch die
Nase
den Geruch der Wüste
einatmet
wo das Bild vom Dorf der
Kindheit ihr entglitt
wie ein Gecko in die
Felsenritze.
An irgendeinem Punkt ihres
Gilguls
am Ende einer langen
Spanne Zeit
wurde sie aus ihrem Anfang
gerissen:
wo sie verpflanzt gewesen
war in königliches Licht
an Pfade zwischen Dünen
und Meer
bei einer entfalteten
Weite aus dürrem, verdorrtem Gras –
dort hing sie dem Felsen
ihres Erlösers, der süßen Palme an
und das Weiß-Gold reiner
Pracht umhüllte sie.
Was sage ich hier heute,
wenn sie vorbringt
dass „Sefaradim“
abgeleitet ist von „Serafim“
zur Verleiblichung der
Jakobsleiter, im Kuss
von Himmel und Erde?
Nur auf Boden durstend
nach G-tt, seinem Wort
singst du ein Gedicht, wie
es kein zweites gibt.
Und so klopft sie mir an
die Wände des Körpers, all
seine Tore
mit verwurzelter Sehnsucht
gegen den aschkenasischen
Anschein
während ich schon das Meer
überquere
lodere in einem Lied,
selbstleuchtend
angesichts des kleinen,
mizrachischen
Hauses, das erinnerte,
erschaute
das dieses Gedicht von mir
kennt
denn einst saß ich mit ihm
darin
vom Hof war es
hereingetreten
die Flügel des Gartentors
zitterten
als wäre ein einziger
Seraf passiert.
Und eines hellen Morgens
mit Milchkaffee ‒
ich sehe die Fliesen im
Glanz
der Sonne ‒, heftete sich
dieses Lied
an mein frohes Herz, dass
es für uns singe
in einer langen Weile
ewiger Liebe
für Israel, und die ist
umrissen in der Tonscherbe
des Blatts auf meinem
Tisch, einem Lebensbaum.
Dem Gedicht liegt eine hebräische Erstfassung zugrunde.
Gundula Schiffer lebt als
Dichterin und Übersetzerin in Köln, schreibt auf Deutsch und Hebräisch und hat
zur Poesie der Psalmen promoviert. 2022 wurde ihr der Deutsch-Hebräische
Übersetzerpreis zuerkannt. Zuletzt wirkte sie an der Anthologie „Kinder des
Schattens. Israelische Theatertexte zur Shoah seit der Staatsgründung“ (hg. von
Matthias Naumann, Neofelis Verlag 2026) als Übersetzerin mit. Vier
Lyrikbände hat sie bisher veröffentlicht, aktuell „Fremde Einkehr“ (Verlag Ralf
Liebe 2024), und arbeitet derzeit, gefördert durch ein Stipendium der
Kunststiftung NRW, an dem neuen Buch „Leib und Lieb“.
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