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Gundula Schiffer: Meine geborgene Murmel

Gedichte > Gedichte der Woche

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Foto: Michal Fattal
Gundula Schiffer

Meine geborgene Murmel


Eine kleine Murmel rollte mir
fort, aus den Händen, ihre Spur ist verloren  
schon ist sie auf und davon. Hatte mit ihr
etwas angefangen, gelacht und gespielt
als ich sie fand
gar nicht suchte
in einer leeren Streichholzschachtel
mit Schmetterlingen darauf, darum
scheinbar hatte ich sie aufbewahrt
im Schrank zwischen anderen verwaisten
Gegenständen.
Und die Murmel lächelte mir zu mit zartem
Glast, ich konnte so schön sehen
meine Murmel, meine Makellose
und flugs, sieh, ist sie nicht mehr –
doch habe ich sie jetzt im Herzen
mit ihrer reinen Durchsichtigkeit
in der aufgehoben ist die Zierde
vielfarbiger Formen.
Die Murmel ist eine schlichte Perle
die an der Freiheit hängt, nicht zu-
lässt, dass man sie auffädelt
auf einen Faden mit anderen.

Und ich bin in Gedanken noch
in sie versunken, ihr zurückzuholen
zu erhalten den Körper, mit dem
ich etwas anfing
als ich sie rollte
bewegte sie sich wie von selbst
antwortete mir und ich konnte in ihr
anerkennen so etwas wie eine große
Träne, die aus dem Auge eines Engels
oder anderen höheren Geschöpfs gefallen
und sich kristallisierte, um zu leben
und unabhängig wie ein fester Körper.
Und wir hatten einige Momente
leichter, zauberhafter Zuneigung
die ausging von mir und ihr
einem heiteren Pfeifen, wo sie rollte –
mit jedem meiner Worte baue ich
ihr Boulevard, Wirbel für Wirbel
zu etwas Rundem, so begrenztem Raum
doch ist ja die Perle auch eine Panflöte
eingerollt, gebündelt spielt sie Töne, man
muss sie schubsen, spielen, tanzen lassen, an-
sprechen, sie schützen, hüten meine Murmel.

Dem Gedicht liegt eine hebräische Erstfassung zugrunde.


Gundula Schiffer lebt als Dichterin und Übersetzerin in Köln, schreibt auf Deutsch und Hebräisch und hat zur Poesie der Psalmen promoviert. 2022 wurde ihr der Deutsch-Hebräische Übersetzerpreis zuerkannt. Zuletzt wirkte sie an der Anthologie „Kinder des Schattens. Israelische Theatertexte zur Shoah seit der Staatsgründung“ (hg. von Matthias Naumann, Neofelis Verlag 2026) als Übersetzerin mit. Vier Lyrikbände hat sie bisher veröffentlicht, aktuell „Fremde Einkehr“ (Verlag Ralf Liebe 2024), und arbeitet derzeit, gefördert durch ein Stipendium der Kunststiftung NRW, an dem neuen Buch „Leib und Lieb“.

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