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Gottsched: Das X. Capitel

Diskurs/Poetik/Essay > Poeterey





Erster allgemeiner Theil



Das X. Capitel.


Von den Figuren in der Poesie.


1. §. Die Abhandlung von den Figuren gehöret eigentlich für die Meister der Redekunst, und ich könnte also meine Leser dahin verweisen, oder gar zum voraus setzen, daß sie sich darum schon bekümmert haben würden. Allein fürs erste hat die gebundne Schreibart eben so viel Recht dazu, als die ungebundne, ja noch wohl ein größeres. Sie hat sich nicht nur dieser Zierrathe bedienet, ehe diese noch erfunden worden: sondern sie pfleget sich auch damit weit häufiger zu putzen, als dieselbe. Hernach kann man nicht allezeit zum Grunde setzen, daß die Liebhaber der Dichtkunst sich vorher in der Redekunst fest gesetzt haben sollten. Dieser Gattung Lesern zu gefallen, habe ich mein Buch lieber vollständiger machen, als sie auf einen anderweitigen Unterricht in diesem Stücke verweisen wollen.
2. §. Einige neuere Lehrer der Beredsamkeit haben mit großem Eifer wider den Unterricht von Figuren, der in allen Rhetoriken vorkömmt, geschrieben. Sie haben dafür gehalten: man könnte diese ganze Lehre ersparen, und dörfte die Jugend mit so vielen griechischen Namen nicht plagen; zumal da sie daraus nichts mehr lernte, als wie man eine Sache, die auch dem einfältigsten Pöbel bekannt wäre, benennen könnte. Zu dieser Zahl ist noch neulich ein schweizerischer Kunstrichter getreten, der anstatt der Figuren, ein unverständliches Mischmasch, und eine sclavische Nachahmung des, in seiner eignen Sprache barbarischen Miltons einzuführen wünschte. Man giebt es zu, daß viele Schullehrer der Sache zuviel gethan, und sich gar zu lange dabey aufgehalten haben. Man giebt auch zu, daß die griechischen Namen oft eine unnöthige Schwierigkeit verursachen, und daß man besser thäte, wenn man an ihrer Stelle deutsche einführete. Man gesteht auch endlich, daß die Natur selbst lebhafte Leute in Figuren reden lehret, die sonst ihr lebenkng keine Anleitung dazu bekommen haben. Aber aus dem allen folget noch nicht, daß die Lehre von Figuren aus den Anweisungen zur Wohlredenheit gar zu verbannen sey. Wenn man etwa ein kleines Capitel dazu widmet; wenn man sich bemühet, die Namen derselben leicht und deutlich zu machen; wenn man endlich ihren Gebrauch und Misbrauch unterscheiden lehret: so ist man, meines Erachtens, wohl nicht zu schelten. Zu geschweigen, daß nur die muntersten Köpfe von sich selbst auf die Figuren gerathen, wenn sie wovon reden oder schreiben. Die an dern, die nicht so viel Feuer haben, würden sich darauf gar nicht besinnen; wenn man ihnen nicht auf die Spur helfen wollte. Wenn man ihnen aber gute Exempel davon vorlegt, und die Schönheit derselben empfindlich macht: so werden sie auch entzündet, und sie bemühen sich hernach, ihre schläfrige Schreibart auch ein wenig zu erwecken und anzufeuren.
3. §. Es giebt aber zweyerley Figuren. Einige bestehen nur in einzelnen Worten, andre aber in ganzen Sprüchen oder Sätzen: daher hätte ich von den erstern schon nach dem sechsten Capitel handeln können. Wir wollen sie hier durch einander nennen, beschreiben und mit Exempeln aus unsern Poeten erläutern. Ich will der Ordnung des berühmten P. Lami hierinn folgen, welche er in seiner Redekunst beobachtet hat. Dieser hat die innere Natur der Figuren sehr wohl eingesehen. Er hält sie für eine Sprache der Affecten, für einen Ausdruck starker Gemüthsbewegungen, und vergleichet sie mit den verschiedenen Gesichtszügen oder Lineamenten; daran man gleichfalls die innere Gemüthsbeschaffenheit eines Menschen von außen abnehmen kann. Die Vergleichung ist glücklich und wohl angebracht: denn in der That sind die Figuren etwas mehr, als bloße Zierrathe. Die ganze Stärke einer Rede zeiget sich darinn, weil sie ein gewisses Feuer in sich enthalten, welches auch den Lesern oder Zuhörern, durch eine geheime Kunst, Funken ins Herz wirft, und sie gleichergestalt entzündet. Daher vergleicht sie Lami, zweytens, auch mit den verschiedenen Stellen und Bewegungen eines lebhaften Fechters, der sich dadurch zu schützen, und seinem Gegner Abbruch zu thun suchet. Die heftige Rede, die Virgil der Dido zugeeignet hat, kann überhaupt hier zum Beweise dienen. Lami hat sie in einer französischen Uebersetzung zu dem Ende angeführt, und ich will sie nach der Verdeutschung Amthors hieher setzen: weil sie ein Muster wohlangebrachter Figuren abgeben kann, und eben diejenige ist, von welcher Canitz dort geschrieben:

Wir lesen ja mit Lust Aeneas Abentheuer.
Warum? Stößt ihm zur Hand ein grimmig Ungeheuer;
So hat es sein Virgil so künstlich vorgestellt,
Daß uns, ich weis nicht wie, ein Schrecken überfällt:
Und hör ich Dido dort von Hohn und Undank sprechen;
So möcht ich ihren Schimpf an den Trojanern rächen.


4. §. So lautet indessen die Rede selbst, die von dem Poeten der erzürnten und verzweifelten Dido, nach der schnellen Abfahrt des Aeneas, in den Mund geleget worden.

Sollt eine Göttinn sich wohl deine Mutter nennen,
Und ein Trojanerheld dich für sein Blut erkennen?
Nein! Du Verräther leugst! Ein harter Fels und Stein,
Der grimme Caucasus muß selbst dein Vater seyn.
Ein freches Tygerthier hat dir die Brust gereichet,
Das durch Hirkaniens verbrannte Wüste streichet.
Ich rede, was ich muß; verstellen hilft mir nicht,
Weil aller Hoffnungsgrund auf ewig mir gebricht.
Hat dieser heiße Bach, der meine Wangen nässet,
Ihm auch den kleinsten Hauch von Seufzern ausgepresset?
Wirft sein verstockter Sinn auch wohl noch einen Blick,
Durch diese Fluth erweicht, auf seine Braut zurück?
Mein Leid ist tausendfach! Was soll ich erst betrauren?
Ich weis, selbst Juno wird mich armes Weib bedauren,
Ich weis, daß Jupiter sich drüber hat entrüst,
Daß die verdorbne Welt so voller Falschheit ist.
Ein Bettler! der durch Sturm an meinen Strand gekommen,
Wird, von mir Thörichten, zum König aufgenommen?
Der Schiff und Gut verlohr, und nur durch meine Hand,
Nebst seinem nackten Volk, des Lebens Rettung fand?
Ich berste fast für Zorn! Der Schmerz bringt mich zum Rasen.


Nun hat Apollo ihm was neues eingeblasen,
Ein Traum aus Lycien was anders prophezeiht;
Ja selber Jupiter ihm drohend angedeut,
Er solle seinen Fuß in andre Länder tragen:
Ja recht! Gott wird wohl viel nach deinem Schwärmen fragen!

Der Himmel, welchen nichts in seiner Ruhe stört,
Hat seine Sorgen itzt auf deine Fahrt gekehrt.
Doch lauf! ich halt dich nicht; ich will nicht widersprechen,
Nur fort! und säume nicht, die Wellen durchzustechen.
Such dein Italien, das dir so wohl gefällt,
Und wo die Hoffnung dir ein neues Reich bestellt:
Ich weis, der Himmel wird gerecht und heilig bleiben,
Und dein verschlagnes Schiff an Klipp und Syrten treiben,
Da wird die wilde Fluth ein Rächer meiner Pein,
Da wird dein letztes Wort: Ach Dido! Dido! seyn.
Ja wird der kalte Tod den warmen Geist verjagen,
Soll mein Gespenste dich doch allenthalben plagen.
Du sollst, du kannst, du wirst der Strafe nicht entgehn,
Und ich will deine Quaal auch in der Gruft verstehn.


Wer aus einer so herzrührenden Rede den Nachdruck der Figuren nicht begreifen kann, der muß wenig Empfindlichkeit und Nachsinnen besitzen. Wer aber überführt seyn will, daß dieses rührende Wesen bloß von den Figuren herrühre, der darf nur eine andre Uebersetzung von der lateinischen Stelle machen, darinn alles schlechtweg gesagt wird: sogleich wird alles Feuer, alle Heftigkeit und alle Lebhaftigkeit daraus verschwinden; und man wird es kaum glauben können, daß es dieselbe Rede sey.
5. §. Lami fängt die Figuren mit dem Ausruffe (EXCLAMATIO) an, weil diese die natürlichste ist, und in vielen Affecten zuerst hervorbricht. Denn es giebt einen Ausruf, in der Freude, Traurigkeit, Rachgier, imgleichen im Schrecken, Zagen, Verzweifeln, Trotzen, u.d.gl. Nun giebt es zwar gewisse Formeln, die eigentlich dazu bestimmt sind, als Ach! O! Weh! Wohlan! Hey! Sa, Sa! Ha! u.a.m. Allein es werden so viel andre Redensarten dazu gebraucht, daß ihre Zahl nicht zu bestimmen ist. Z.E. Jammer! Lustig! Frisch auf! Herzu! Ich Armer! Mich Unglückseligen! Trotz sey dir gebothen etc. etc. Ein Exempel giebt mir Flemming auf der 201 Seite.

Als aber gleich der Krieg,
Erbarm es Gott, der Krieg! mit welchem wir uns Deutschen,
Von so viel Jahren her nun ganz zu tode peitschen,
Mein liebes Meißen traf.

Canitz auf der 43. Seite der neuen Auflage.

O kindischer und toller Wahn,
Der bey mir eingerissen!

Opitz im IV. Buche der Poet. W. schreibt an Nüßlern, von seiner Flavien:


Ach! daß ihr frecher Sinn
Mich, der ich ihrer Huld vielmehr als würdig bin,
So wenig gelten läßt! ach, ach! daß kein Vergießen
Der Thränen, und kein Wort, kein Seufzen etc.


Neukirch in seinem Gedichte auf die Königinn in Preußen, schreibt gleichfalls:


Ach leider! allzu viel, zu viel auf einen Schlag!
Wer ist, der unser Leid nur halb ergründen mag?


Und Pietsch in seinem Gesange auf den Prinz Eugen sagt:

Wie seltsam leitest du der Deutschen kühnes Heer!
Der Zug des Hannibals war lange nicht so schwer.


6. §. Die andre Figur ist der Zweifel, (DUBITATIO) dar mit man entweder bey sich ansteht, ob eins oder das andre zu glauben oder zu thun sey; oder sich doch so stellet, als ob man sich nicht entschließen könnte. Die Heftigkeit der Gemüthsbewegungen setzt uns oft in den Stand, daß man weder aus, noch ein weis: denn ehe man mit dem Entschlusse noch fertig ist; so fällt uns augenblicklich etwas anders ein, welches das vorige wieder zunichte macht. Canitz giebt uns ein schönes Exempel in der Ode auf seine Doris. Er hat in der vorhergehenden Strophe die verflossenen Stunden zurücke geruffen; besinnt sich aber bald anders, und singt:

Aber nein! eilt nicht zurücke,
Sonst entfernen eure Blicke
Mir den längstgewünschten Tod,
Und benehmen nicht die Noth.
Doch, könnt ihr mir Doris weisen;
Eilet fort! Nein: haltet still!
Ihr mögt warten, ihr mögt reisen,
Ich weis selbst nicht, was ich will.


Zuweilen zweifelt man zwar selber nicht; will aber durch einen verstellten Zweifel die Zuhörer zum Nachsinnen bebewegen. So zweifelt Günther in seiner Sterbeode, wem er seine Leyer vermachen soll:

Sage, du begriffne Leyer!
Wem ich dich vermachen darf?
Viele wünschen dich ins Feuer;
Denn du rasselst gar zu scharf.
Soll ich dich nun lodern laßen?
Nein, dein niemals fauler Klang
Ließ mich oft ein Herze fassen,
Und verdienet bessern Dank.

Soll ich dich dem Phöbus schenken?
Nein, du bist ein schlechter Schmuck,
Und an den Parnaß zu henken,
Noch nicht ausgespielt genug.
Opitz würde dich beschämen,
Flemming möchte widerstehn:
Mag dich doch die Wahrheit nehmen,
Und damit hausiren gehn.


7. §. Die III. kann der Wiederruff (CORRECTIO oder EPANORTHOSIS) seyn, wenn Leute ihr Wort, das sie schon gesagt, wieder zurücke nehmen; weil es ihnen zu schwach vorkömmt, und sie also ein heftigers heraus stoßen wollen. Z.E. Opitz in einem Hochzeitwunsche auf der 77 S. der Poet. W.v. 133.

Der (Gott) lasse mich erfahren,
Und hören oft und sehr,
Was hören? Sehn vielmehr,
Daß dich, von Jahr zu Jahren,
Was dir giebt dieser Tag,
Mit Frucht bereichern mag.


Zuweilen hat man auch wohl etwas zu frey herausgesagt, will also das ausgestoßene Wort wieder zurücke nehmen, und ein bessers an die Stelle setzen. So läßt z.E. Günther den Apollo in einer Cantate, wo er mit dem Mercur um den Vorzug streitet, folgendergestalt reden:


So, hör ich, soll dein Judasspieß,
Dein Zepter, wollt ich sagen,
Mehr Frucht und Vortheil tragen,
Als meiner Künste Paradies?


Hieher kann man auch rechnen, wenn der Poet, dasjenige, was er gesagt, zwar nicht zurücke nimmt, aber doch widerlegt, weil es ihm von andern getadelt werden möchte. Z.E. So schreibt Neukirch in seinen geschützten Nachtigallen.

Das eingeworfne Bonn, das wüste Kaiserswerth,
Die ungarische Schlacht, den Schutz der Niederlande,
Belief er alles zwar mit eifrigem Verstande:
Doch Mauren, sprach er, hat schon Cäsar umgekehrt.


8. §. Die IV. ist das Verbeißen, (ELLIPSIS) oder Abbrechen einer Redensart, die man nur anhebt, aber nicht völlig endiget. Sie entsteht, wenn der Affect so heftig ist, daß der Mund und die Zunge den geschwinden Gedanken der Seele nicht folgen kann, und also mitten in einem Satze abbrechen und dem neuen Gedanken des Geistes plötzlich folgen muß. Amthor hat aus dem Virgil das bekannte QUOS EGO! des Neptuns, sehr gut übersetzt, womit er die Winde bedroht; aber miten in dem Dräuworte inne hält.

Und sprach: Macht euch der Glanz der Ahnen so verwegen?
Dürft ihr, mir unbewußt, die kühnen Flügel regen?
Daß Erd und Himmel fast sich durch einander mischt,
Und der erhitzte Schaum bis an die Wolken zischt?
Euch soll! – – doch laßt uns nur der Wellen Macht beschränken.


Ein schön Exempel giebt auch Besser in seiner Ruhestatt der Liebe, wo er die erwachte Chloris so reden läßt:

Du bist des Stranges werth!
Hilf Himmel! was ist das? Hast du den Witz verlohren?
Ist dieß die stete Treu, die du mir zugeschworen?
Hast du der Chloris Zorn so wenig denn gescheut,
Daß du so freventlich ihr Heiligthum entweiht?
Daß du – – welch eine That! Sie konnte nicht mehr sprechen,
Und wollte sich an ihm mit ihren Thränen rächen.


Nur nehme man sich in Acht, daß man diese Figur nicht so lächerlich anbringe, als Neidhard in dem Gedichte auf D. Wenzeln:


Hier schlug nun Gottes Zorn, in dich, du Ceder ein,
Da mancher Haselstrauch von Lumpenvolke blühte,
Bis Wurzel, Stamm und Ast, bis Herze, Fleisch und Bein
Vor Gift, als Aetnens Schooß vor Harz und Schwefel, glühte.
Als endlich Uhr und Zeit die sechste Stunde maß,
Da kam der Schlangenwurm des Todes hergeschossen,
Und stach – – – – – – – – – – –.
– – – – – – – – – – – – – –
Weg Feder, brich du Herz, umnebelt euch ihr Augen etc.


9. §. Die V. könnte zur vorigen gerechnet werden, und heißt das Hemmen (APOSIOPESIS), wenn eine schleunige Veränderung des Entschlusses, der angefangenen Rede Einhalt thut. Canitz in seinem Gedichte von der Poesie läßt erst seinen poetischen Trieb zu Vertheidigung derselben reden; hernach fällt er demselben ins Wort:

Was mich nun dergestalt in Unschuld kann ergetzen,
Wozu mich die Natur – – Halt ein! verführter Sinn,
Drum eben straf ich dich, weil ich besorget bin,
Es möchte, was itzund noch leicht ist zu verwehren,
Sich endlich unvermerkt in die Natur verkehren.


Imgleichen schreibt Günther, in dem Gedichte auf Herrn Hofrath Budern:

Recht so! fängt Augenblicks ein junger Momus an,
Dem nächst noch vom Orbil das Leder weh gethan:
Recht so! was Henker nützt der ganze Musenplunder?
Pack ein, verwegnes Volk! Vom Maro brenn ich Zunder,
Vom Plato Fidibus. Ja wenn auch ohngefähr,
Der Schatz von Heidelberg in meiner Beute wär,
Racketen macht ich draus und kochte Chocolade.
Ein Quentchen Mutterwitz gilt – – – Sachte, guter Freund,
Der Satz war eben nicht so bös und stark gemeint,
Ein Narr verschüttet nur das Kind mit sammt dem Bade.


10. §. Die VI. ist die Versetzung (HYPERBATON) eines Worts oder Gedankens von seiner natürlichen Stelle; die aber nicht aus der Unfähigkeit des Poeten, sondern aus der Heftigkeit des Affects herrühret, der dem Gemüthe nicht Zeit läßt, an die ordentliche Wortfügung zu denken. Wir haben im vorigen Capitel schon davon geredet, wollen doch aber noch ein paar Exempel geben:

Er, mein Leben, du, mein Leben,
Euer beyder Leben, ich.
Ich durch Euch, und ihr durch mich,
Wollen bis ans Blaue schweben.


Hier versetzt Flemming das Wort Ich, in der andern Zeile von seiner natürlichen Stelle: denn es hätte ordentlicher Weise vorn stehen sollen, Ich, euer beyder Leben; aber im Affecte ist es ans Ende gekommen. Noch ein schöner Exempel steht auf der 66. S.

Der Majen Sohn flog aus vom ewigen Pallaste,
Durchsuchte Luft und Welt, bis er den Mars erfaßte:
Dich, sprach er, fodert ab, durch mich, des Vaters Rath,
Komm mit und säume nicht, es ist vorhin zu spat!
Ja, sprach Mars, alsobald! ließ drauf die Feindschaft fangen,
Stracks wurden neben sie an Eichen aufgehangen,
Zank, Zwietracht, Mord, Betrug, Den Krieg trat er zu Koth,
Und stieß mit eigner Faust den Haß und Frevel todt.


11. §. Die VH. ist das Uebergehen (PRAETERITIO), worinn man sich stellet, als wollte man etwas nicht anführen, welches man aber eben dadurch erwähnet. Z.E. Flemming in seinen poet. W. 225.

Ich wollte Meldung thun, zu was für großen Dingen,
Ihr nur gebohren seyd, durch List und Neid zu dringen,
Die Zeiten zu verschmähn durch Urtheil und Verstand;
Hielt eure Gegenwart mir hier nicht Mund und Hand.


Und Neukirch in seinem Gedichte, auf den Tod der gelehrten Königinn in Preußen, er redet von dem Könige:

Sein unerschöpfter Muth ist weit genug erklungen,
Seit dem ihm Noth und Recht die Waffen abgedrungen.
Dem Franzen schüttert noch die kaum erlaufne Haut,
Wenn er auf Schwabens Feld betrübt zurücke schaut,
Und an den Tag gedenkt, da Ludwigs große Thaten,
Mit Schrecken, in die Nacht der Finsterniß gerathen,
Und auf einmal verlöscht. Was Preußen da gethan,
Das zeigen, schweig ich gleich, viel andre besser an.
Dießmal betracht ich nicht, wie unser König blitzet,
Wenn ihn der Feinde Trotz, der Freunde Schmach erhitzet,
Nein, sondern wie er selbst halb todt darnieder liegt etc.


Pietsch endlich in einem Vermählungsgedichte, auf eine Königl. Preuß. Prinzeßinn, die itzige Markgräfinn von Anspach:

Ich bilde nun nicht Heer und Schlacht,
Noch dein berufnes Heldenwesen.
Den Schimmer deiner Waffen Macht,
Den fremde Staaten sich zum Muster auserlesen;
Ich schreibe nicht wie Preußen kriegt,
Weil diesesmal die Liebe siegt etc.


12. §. Die VIII. ist die Wiederholung (REPETITIO) gewisser Wörter und Redensarten, wodurch die Rede einen sehr großen Nachdruck bekömmt. Wenn nämlich das Gemüth in einer heftigen Bewegung ist, und gern will, daß man seine Meynung wohl fassen solle: so ist es ihm nicht genug, daß er die Sache einmal sagt; sondern er sagts zwey, dreymal nach einander, damit man ja den Nachdruck seiner Worte recht einsehen möge. Es geschieht aber diese Wiederholung auf vielerley Art. Zuweilen wird im Anfange ein und dasselbe Wort zweymal gesetzet, und das heißt Epizeuxis. Z.E. Opitz im andern Buche von Widerw. des Krieges schreibt von der Freyheit:

Sie fordert Widerstand,
Ihr Schutz, ihr Leben ist der Degen in der Hand.
Sie trinkt nicht Muttermilch: Blut! Blut muß sie ernähren;
Nicht Heulen, nicht Geschrey, nicht weiche Kinderzähren.
Die Faust gehört dazu.


Zuweilen wiederhohlt man dasselbe Wort im Anfange etlicher Theile desselben Satzes, und das ist die Anaphora. Z.E. Flemming in einem Hirtenliede:

Her Palämon! her Florelle!
Her Amint! her Sylvius!
Meliböus her! zur Stelle,
Singt mir eins auf Tityrus.


Noch ein Exempel aus Racheln kann nicht schaden:

Er meidet das Latein,
Ein jeglich ander Wort muß nur französisch seyn:
Französisch Mund und Bart, französisch alle Sitten,
Französisch Tuch und Wams, französisch zugeschnitten.
Was immer zu Paris die edle Schneiderzunft,
Hat neulich aufgebracht, auch wider die Vernunft,
Das nimmt ein Deutscher an.


Zuweilen wiederhohlt man den Anfang eines Satzes in verschiedenen folgenden Sätzen, und das heißt auch Anaphora. Z.E. Günther auf der 33. Seite des I. Th.

Da setzet sich mein Geist im Umsehn keine Schranken;
Da sinnt er hin und her, da spielt er mit Gedanken;
Da seh ich in mir selbst die Händel dieser Welt,
Den bösen Lauf der Zeit im Spiegel vorgestellt;
Da find ich nichts als List, und weder Treu noch Glauben,
Da seh ich Narren blühn und kluge Leute schrauben etc.


13. §. Oder man wiederhohlt zuweilen ein Wort, das am Ende eines Satzes gestanden, im Anfange des darauf folgenden, welches Anadiplosis heißt. Z.E. Flemming auf der 131. S.

Und mitten in dem Wesen,
Da es am ärgsten war, seyd, Vater, ihr genesen.
Genesen seyd ihr nun, und denkt nicht einmal dran,
Was euch der arge Feind für Dampf hat angethan.


Oder umgekehrt, das, was am Anfange eines Satzes gestanden, kömmt am Ende desselben zu stehen, und wird Epanalepsis genannt. Z.E. Opitz auf der 61. S. im II. B. der poet. W.

Werthes Paar, vermengt die Brunst,
Liebt und gebet, gebt und liebet.
Was euch heißt des Himmels Gunst,
Der euch selbst zusammen giebet:


Noch ein besser Exempel davon, steht auf der 62. S. der poet. W. II. B.


Das kann ein Weibesbild! Bald will sich der ertränken,
Für unerhörter Brunst, und jener will sich henken;
Die rothen Augen sind mit Thränen angefüllt,
Voll Seufzens ist die Brust: Das kann ein Weibesbild!


Hieher gehören denn auch die Wiederholungen, da man in ganzen Strophen die ersten Zeilen und Wörter, am Ende derselben noch einmal brauchet, welches sonderlich in musikalischen Stücken angenehm fällt, und Symploce heißen kann. Ich will aus Bessern von der 425 S. folgendes Exempel geben, wo wegen des Wohlklanges noch viele andere Wiederholungen vorkommen.

Sey froh! sey froh! Elenora,
Sey froh! du neue Flora,
Sey nunmehr glücklicher nach überstrebtem Leide;
Der Himmel kröne dich mit steter Frühlingsfreude,
Die Blumen schütten sich zu allen Zeiten aus,
Auf dich und dein erlauchtes Haus.
Wir ehren dich, o neue Flora,
Wir ehren dich, Eleonora,
Sey glücklich, neuerwählte Flora,
Eleonor' Eleonora.


14. §. Die IX. ist die Verstärkung, (PARONOMASIA) wenn man zwar ein Wort oder eine Redensart, die schon da gewesen, wiederhohlt; aber mit einem Zusatze, der noch einen besondern Nachdruck verursachet, z.E. wenn Canitz schreibt:

Ein Baum wars, nur ein Baum, dran solche Früchte saßen,
Die dort der erste Mensch sollt unbetastet lassen.
Uns aber ist noch mehr zu halten auferlegt;
Weil hier ein ganzer Wald so viel Verbothnes trägt.


Hier ist das Wörtchen nur eigentlich dasjenige, so den ganzen Nachdruck giebt, da sonst die Wiederholung hier sehr kalt gewesen seyn würde. Imgleichen wenn Opitz sagt:

Das Thier, das edle Thier,
Das alle Thiere zwingt, der Erden Lob und Zier,
Kömmt bloß und arm hieher.

II. B. der Trostged.


wo gewiß dieser Zusatz, das edle Thier dem ganzen Satze ein weit größeres Gewicht giebt. Imgleichen hebt Neukirch sein Gedichte auf die Nachtigall so an:

Als neulich Seladon, der arme Seladon,
Voll Kummer, Angst und Schmerz die abgekränkten Glieder
Im Grünen niederwarf etc.


wie wir denn auch oben schon die Zeile aus ihm hatten:

Ins Haus, ins schwarze Haus der bleichen Schaar versenken.


Und Opitz in seinem Gedichte an Seußiussen:

Wird solches nicht sein Buch, sein edles Buch erweisen?


15. §. Die X. Figur ist der Ueberfluß, (PLEONASMUS) wenn man viel mehr sagt, als nöthig ist. Sie entsteht wiederum aus der Heftigkeit des Affects, welcher alles zusammen nimmt, die Leser oder Zuhörer aufs handgreiflichste zu rühren und zu überzeugen. Man giebt insgemein die Exempel Ich hab ihn nicht mit Augen gesehen; ich bin nicht mit meinem Fuße hingekommen; wir habens mit unsern Ohren gehöret etc. Wenn Canitz in dem Harpax diesen Geizhals das Gold von den Pillen schaben, und sich selbst die Pulver stehlen läßt, so sind es zwar Vergrößerungen; aber kein Pleonasmus zu nennen: denn dieser muß in Worten bestehen. Allein wenn Neukirch in dem oft angeführten Gedichte auf die Königinn in Pr. schreibt:

Wie, wenn an harten Klippen
Ein starkes Schiff anstößt etc.


Oder wenn Pietsch in einem Gedichte auf seinen König sagt:

Komm, Landesvater, komm! zeuch ein bey dunkler Nacht etc.


So ist im ersten Falle ein jeder Fels hart, und im letzten jede Nacht dunkel zu nennen, und folglich beydes überflußig. So schreibt auch Opitz in einem Gedichte an Seußiussen, von der Fama:

Und will das schöne Werk, auf ihrem lichten Wagen
Bis in das Schlafgemach der rothen Sonnen tragen.


Allein, da dergleichen Redensarten so viel nicht vorkommen, so kann man folgende Art mit gutem Rechte hieher rechnen. Z.E. wenn Günther seine Liebste auf der 264. S. im I. Theile so anredet:

Kind, Engel, Schwester, Schatz, Braut, Taube, Freundinn, Licht,
Mein Stern, mein Trost, mein Herz, mein Anker und mein Leben!
Ach sage doch, wie man recht nett und zierlich spricht,
Die Liebe will dir gern den besten Titel geben.


16. §. Zur XIten kann die Verdoppelung (SYNONYMIA) einer und derselben Sache, die aber mit ganz andern Worten geschieht, gezogen werden. Einer, der im Affecte steht, bemüht sich seinen Lesern und Zuhörern die Sachen recht einzuprägen und einzutrichtern. Daher sagt er ihnen auch wohl einerley Ding etlichemal, nur immer mit andern Ausdrückungen. An statt eines Exempels könnte hier aus Bessers Ruhestatt der Liebe, die lange und vielmalige Beschreibung des Schooßes seiner Geliebten dienen: ich will aber lieber folgendes hieher setzen, wo er sich und seine Kühlweininn auf verschiedene Art beschreibet auf der 227. Seite.

Zwo Seelen, durch ein Feur wie Wachs zuhauf geronnen,
Zwey Herzen, die vermischt ein Wesen nur gewonnen,
Zween Menschen, die vereint ein Leben nur gefühlt,
Und deren jeder sich für eine Hälfte hielt.


Dergleichen Stellen denn in diesem Gedichte fast unzähliche vorkommen, aber alle Proben des zärtlichen Affects abzulegen geschickt sind. Mann könnte auch folgende Stelle aus Günthern hieher rechnen, die man sonst eine Zusammenhäufung (CUMULUM) nennen möchte. Er beschreibt einen Büchersaal:

Was Memphis, was Athen, was Rom, Großgriechenland,
Was Salem, was Byzanz, die Thems, der Cimberstrand,
Gethan, gelehrt, geglaubt, gemeynt, gewußt, gelogen;
Das kömmt, daß sammlet sich, das lebt, das dauret hier,
Auf Bildern, Rinden, Bley, Stein, Leder und Papier,
Und wird der blinden Nacht der Barbarey entzogen.


Ich wollte aber deswegen dieser und andern dergleichen Stellen lieber den letztern Namen geben, als den ersten, und also eine besondere Figur daraus machen, weil in der That alle die angebrachten Wörter ihre eigene ganz besondere Begriffe erwecken, und, nur obenhin angesehen, gleichviel zu bedeuten scheinen. Ein solcher Kunstgriff aber ist von großem Nachdrucke, andern eine Sache sehr lebhaft vor Augen zu malen.
17. §. Die XII. Figur kann auf Deutsch eine Schilderung (HYPOTYPOSIS S. ICON) heißen, weil sie einen so lebhaften Abriß von einer Sache macht, als ob sie wirklich vorhanden wäre. Das macht die starke Einbildungskraft, welche sich im Affecte die deutlichsten Bilder von sinnlichen Sachen hervorbringet, die oft den wirklichen Empfindungen an Klarheit nichts nachgeben, und also abwesende oder vergangene Sachen als gegenwärtig vorstellet. Die Zunge folgt den Gedanken, und beschreibt, was im Gehirne vorgeht, eben so munter, als ob es wirklich außer ihr zugegen wäre. Z.E. Günther in seiner Ode auf den Prinzen Eugen, macht unter vielen andern sehr deutlichen Bildern, auch diese prophetische Schilderung:

Was zieht sich für ein Vorhang weg?
Ich seh den Schauplatz später Zeiten.
Dort hör ich einen Scanderbeg,
Dort seh ich einen Gottfried streiten.
Die Palmen ziehn sich um sein Haupt,
Man heult, man schlägt, man jauchzt, man raubt.
Kein Kreuzzug macht ein solches Lärmen.
Der Erden größt- und dritter Theil,
Zerreißt der Saracenen Seil
Und würgt den Hund mit seinen Därmen.

Der Nil erschrickt, Damascus brennt,
Es raucht auf Askalons Gebirgen,
Und durch den ganzen Orient
Herrscht Unruh, Hunger, Pest und Würgen.
Der Jordan steht wie Mauren da,
Als kam ein andrer Josua:
Er kömmt auch, doch aus deutschem Saamen.
Wie heißt er? Ja, die Schickung winkt,
Und raubt mir, weil der Vorhang sinkt,
Stand, Vorwitz, Schauplatz, Held und Namen.


Pietsch aber hat in einer Ode auf die Charisische Hochzeit die Flucht der Daphne vor dem Apollo ganz ungemein abgeschildert, davon ich nur eine Strophe hersetzen will:

Sie starrt und wurzelt in der Erden;
Apollons Hand berührt sie kaum,
So sieht er sie zum Lorberbaum,
Den schlanken Leib zum Stamme werden.
Der Arme hingestrecktes Paar
Verliert sich in durchflochtnen Zweigen,
Und ihres Hauptes flatternd Haar
Muß den begrünten Schmuck gespitzter Blätter zeigen.


18. §. Nun folgt XIII. die Beschreibung (DESCRIPTIO) welche von der vorigen darinn unterschieden ist, daß jene in der Entzückung Dinge abmalet, die nicht zugegen sind; diese hergegen wirklich vorhandene Sachen zwar lebhaft und munter, aber nicht so hitzig und handgreiflich, als jene, vorstellet. Ich wähle mir, zum Exempel, eine Beschreibung die Simon Dach von dem Prospecte gemacht hat, der sich auf dem königsbergischen Residenzschlosse, von dem großen sogenannten moscovitischen Saale, westwerts zeiget; weil ich mich dabey einer sehr angenehmen Gegend meines Vaterlandes erinnern kann:

Die Schloßkirch hält allhier ein schön Gemach erbaut,
Recht oben über ihr: Von daraus wird geschaut
Ein gut Theil Königsbergs, die Fahrt der schmalen Segel,
Die hin und wieder gehn, krumm, wie der krumme Pregel;
Indem er erst genug das grüne Feld durchschweift,
Und in das frische Haf ermüdet endlich läuft,
Nicht weit von Hafestrom. Du siehst zur linken Seiten,
Am Hafe Brandenburg, und Balga gar von weiten.
Zur Rechten, um die Wiek, eräuget sich die Stadt
Fischhausen, welche mich so sehr ergetzet hat,
Durch ihren Rosenbusch: der zwar nicht Rosen traget;
Der Anmuth aber viel in seinen Sträuchen heget,
Die meine Freude sind. Der Sonnen heißer Schein
Dringt sich im Sommer nicht zu seinen Schatten ein.
O wildverwachsner Ort! Du Stadt, da meine Reime
Zu Haus und Bürger sind, du hegst die schönen Träume,
Für uns Poetenvolk. Wie wohl ist der daran!
Der solch ein Eigenthum für sich besitzen kann.
– – – – –
Du siehest hier zunächst das alte Lochstätt stehn,
Wo vor der Zeit das Haf pflag durch ein Tief zu gehn,
Bis in die wilde See. Itzt wird daselbst gepflüget,
Und reiches Korn gesät. Der Zeit, die alles füget,
Und Sachen den Beginn, auch Maaß und Ende giebt,
Nichts aber ewig läßt, hat dieses so beliebt.


Ich will noch ein anders aus Opitzen hersetzen, darinn er sich selbst als einen Verliebten beschreibt. Es steht im IV. B. der poet. W. auf der 179. S.

Ich weis nicht, was ich denke,
So seltsam ist ihr Sinn. Wenn ich mich zu ihr lenke,
So wird sie stolz davon. Wenn ich mich halten kann,
Und komme nicht zu ihr, so lockt sie selbst mich an.
– – – – –
Die Bücher stinken mir. Ich fieng schon an zu melden,
Aus fürstlichem Befehl, des unverzagten Helden
Von Promnitz hohes Lob. Das schläft nun ganz und gar.
– – – – –
Die Laute, meine Lust,
Die Unmuthtrösterinn, weis itzund nichts zu singen,
Als nur von Flavien. – – –
– – – – –
Hier ist mein Aufenthalt, hier irr ich hin und wieder
Und rede mit mir selbst. Dann setz ich bald mich nieder,
Bald steh ich wieder auf, und wenn ich müde bin,
Vom Klagen und vom Gehn, so streck ich mich dahin,
Bey einem dicken Baum. – – –
– – – – –
Ich eil, ich wart, ich zürn, ich weis nicht, was ich treibe,
Was mein Begehren ist. Zugleich in einem Leibe
Haß ich die Härtigkeit, und liebe die Gestalt.
– – – – –
Die Leute sehn mir nach, daß ich, indem ich gehe,
Itzt eile, wie der Wind, itzt wieder stille stehe,
Und daß die Röthe mir bald unter Augen steigt,
Und meine blasse Farb an ihrer statt sich zeigt.
Der Leib geht nur allhier. Man soll mich vielmal fragen,
Ich werde kaum ein Wort, und doch nichts rechtes sagen.
Im Wachen träumet mir. Tobt das Gewissen sehr,
Bey welchem es sich regt; die Liebe plagt mich mehr.
Ich kann nicht seyn ohn sie, und wenn ich zu ihr komme,
Mit Reden wohl gefaßt, so stock ich und verstumme:
Die Zunge steht gehemmt, das Herze ganz verzagt, 5
Bebt wie der Espenlaub; und wenn es hoch sich wagt,
Wie sein Bedünken ist, so stielt es aus der Pforten
Des Mundes einen Kuß, den sie mit solchen Worten,
(Ich weis nicht, sind sie falsch?) hernach zu bessern pflegt,
Daß sich das Blut dadurch in allen Adern regt.


19. §. Die XIV. mag die Zergliederung (DISTRIBUTIO) heißen, und besteht aus einer ausführlichen Erzählung aller Theile, die bey einer Sache vorkommen; wodurch denn dieselbe dem Gemüthe sehr deutlich und ausführlich vorgestellet wird. Das Exempel soll mir Günther geben, der auf der 330. S. im I. Theile, die Verderbniß der Welt folgendergestalt beschreibt:

Da schreckt mich hier und dort Krieg, Hunger, Pest und Brand;
In Ehen, Zank und Haß, in Freundschaft, Unbestand;
Im Tempel Hochmuth, Geiz, Verläumdung, Wechselbänke;
In Schulen Finsterniß und leeres Wortgezänke,
In Themis Heiligthum ein goldnes Spinnennest,
Das magre Fliegen fängt und Hummeln schwärmen läßt;
Im reich'sten Contoir, viel Fluch an schönen Wänden;
Und endlich überhaupt in groß und kleinen Ständen,
Das Leben und die Zeit der hundert zwanzig Jahr,
Eh Noah mit dem Bau des Kastens fertig war.


Ein anders giebt Heräus in seiner Beschreibung der Lappländer, wenn er die Unruhe unserer Städte gleichsam auf den Fingern herzählet, auf der 250. Seite.

Bey Nacht der Glockenklang, der Wächter rauhes Schreyen,
Verliebter Geigen Ton; der feigen Raufer Dräuen;
Besoffener Gekreisch; wenn Hund und Katze plerrt,
Ein jähes Feuerlärm; ein Dieb, der sich versperrt:
Am Tag ein krummes Horn, der Kutschen ewigs Rollen,
Des Haufens Polterwerk, das im Gedräng erschollen,
Der Hämmer Klapperschall, was Vieh und Karren treibt,
Verkauf- und Trägerruf, und was noch übrig bleibt.


Noch ein schöner Beyspiel giebt Pietsch in der Hochzeitode auf Professor Bäyern, wenn er zeigen will, daß die Liebe überall herrsche:

Der Seelen überwundne Schaar
Fällt dir als Siegerinn zu Füßen,
Und auf dein flammendes Altar
Läßt Peru süßen Balsam fließen.
Man sieht der Spezereyen Last
Den Mohren auf die Kohlen heben:
Denn weil du ihn entzündet hast,
Muß er dem Feuer Nahrung geben.

Der harte Mars senkt Schild und Schwerdt,
Sein steifer Harnisch muß sich bücken;
Die Thetis eilt, den Opferheerd
Mit Perlenmuscheln auszuschmücken:
Die Flora zinst der Rosen Blut
Bey purpurreichen Anemonen;
Pan wirft den Stab in deine Glut
Und Phöbus unverwelkte Kronen.

So brennt das waffenvolle Feld,
Der Krieg vermischt sich deinen Flammen,
Und wenn dein Brand die See befällt,
Schlägt die gekochte Fluth zusammen.
Die Gärten sind der Lüste Thron
Den kühlen Wald erhitzt die Liebe;
Der Musen Höhe rauchet schon,
Wie ihre Brust, von deinem Triebe.


20. §. Zum XVten folgt der Gegensatz, (ANTITHESIS) wo man widerwärtige Dinge gegen einander stellt, um das eine desto mehr ins Licht zu setzen. So beschreibt Opitz seinen verwirrten Zustand in der Liebe auf der 180. Seite der poet. W. im IV. B.

Ich fürcht und hoffe doch, ich bitt und schweig auch stille;
Ich bin wie kaltes Eis, und fühle Glut die Fülle;
Ich lös' und binde mich; ich wünsche frey zu seyn,
Und wenn ich denn frey bin, so geh ich wieder ein.


Folgende Art ist noch gewöhnlicher, da man etwas leugnend aus dem Wege räumt, um etwas anders festzusetzen. Besser erklärt uns so, was er an Callisten verlohren habe:

Ich klage nicht an ihr die prächtige Gestalt,
Die Anmuth des Gesichts, des Mundes Morgenrosen,
Der Augen holden Ernst gebiethend liebzukosen,
Ihr langgekrolltes Haar, das meine Sinne band,
Die schwanenweiße Brust, die atlasweiche Hand,
Nicht die Geschicklichkeit der schlankpolirten Glieder:
Verhängniß, gieb sie mir nur ungestalter wieder!
Ich klage bloß an ihr, was keine Misgunst sieht,
Ihr groß und edles Herz, ihr redliches Gemüth,
Den englischen Verstand, die Sorgfalt, mir in allen,
Vergnügt in Lieb und Leid, beständig zu gefallen.


Imgleichen schreibt Pietsch in dem Gesange auf den Prinz Eugen, also:

Doch wie entfernet ist des Himmels hoher Schluß
Von des Tyrannen Traum! Wie reimt Eugenius
Sich mit der Türken Sieg und Christen Flucht zusammen?
Die ausgedehnte Macht schwächt zwar mit Stahl und Flammen
Und mörderischer Faust des kleinen Heeres Zahl;
Nicht unsers Helden Muth. Sein Arm und Herz ist Stahl.
Sein Degen macht den Feind, nicht ihn die Furcht zur Leichen:
Eh muß ihr ganzes Heer als sein Gesicht erbleichen.


21. §. Die XVIte Figur ist das Gleichniß, (SIMILE) wodurch man, anstatt von der Hauptsache zu reden, von einer andern ähnlichen zu sprechen anfängt, um die erstere dadurch ins volle Licht zu setzen. Z.E. Amthor hat aus dem IVten Buch der Aeneis das Gleichniß von dem verwundeten Hirsche folgendermaßen übersetzt, auf der 481. S.


Die arme Dido brennt, sie läuft durch alle Gassen,
Und kann sich selbst nicht mehr in der Verwirrung fassen.
Wie, wenn durch Cretens Busch des Hirten blinder Schuß
Der Hindinn sichre Brust gar plötzlich rühren muß,
Und jener selbst nicht weis, was seine Faust verrichtet,
Da doch das arme Wild durch Holz und Felder flüchtet,
Und mit der bangen Flucht Dictäens Wälder schreckt,
Obschon ihm Tod und Pfeil in seiner Seite steckt.


Eben so hat es Pietsch in dem Gedichte auf den Prinz Eugen gemacht:

Er fliegt dem Feinde nach: doch ist der Unterscheid,
Daß ihn die Großmuth treibt, den Feind die Furchtsamkeit,
Der wie ein Habichtschwarm mit ängstlichem Bemühen
Dem Adler sich entzieht und suchet zu entfliehen.


Hier ist das Gleichniß der Hauptsache nachgesetzt. In dem folgenden aber, so ich aus Canitzen geben will, steht es vorn, und die Deutung wird zuletzt gemacht.


Wenn der geringste Lerm im nechstgelegnen Wald
Um eine stille Trift der blöden Schafe schallt,
Und eins erst schüchtern wird; beginnt ein ganzer Haufen,
Durch Blatt, Gebüsch und Strauch dem Flüchtling nachzulaufen:
So traut das kluge Thier, der Mensch, ihm selber nicht,
Sein eigner Tacht verglimmt, er folget fremdem Licht;
Dadurch verirrt er sich etc.


22. §. Der P. Lami unterscheidet davon zum XVII. die Vergleichung (COMPARATIO), welche seiner Meynung nach mit der vorigen sehr übereinkömmt, aber gemeiniglich noch lebhafter zu werden pflegt, als jene. Ein Exempel giebt mir Flemming, der hierinn sehr glücklich gewesen. Es steht auf der 131. Seite.

Was ist es, soll ich sprechen,
Wohl anders, seit der Zeit, als wenn die Klippen brechen,
Die Aeolus verwahrt? Die Winde reißen aus,
Und brausen durch die Welt. Da krachet manches Haus,
Manch edler Bau zerbricht. Wir haben es gesehen,
Ach leider! allzusehr, wie uns bisher geschehen,
Wie uns der Kriegessturm hat hin und her geweht,
Die Städte durchgesaust, die Dörfer umgedreht,
Daß nichts ihm ähnlich ist.


Eben so lebhaft ist die folgende Stelle aus Rachels VI. Satire, wo er die hohen Hofbedienten mit Schieferdeckern vergleichet.


Wer neben dieser Pracht auch merket die Gefahr,
Und nimmt so manchen Fall des hohen Glückes wahr,
Den kömmt ein Schrecken an. Gleichwie wir furchtsam stehen,
Und auf dem hohen Thurm den kühnen Decker sehen:
Nicht einer klimmt ihm nach; wir danken Gott allein,
Daß wir der Erden nah und an dem Boden seyn!


Noch heftiger ist abermal Pietsch in dem angezogenen Gedichte, wenn er den Sturm und den Donner zur Vergleichung braucht. Es heißt:

Wie, wenn der strenge Nord die starken Flügel hebt
Und aus der Höhle steigt, der feste Grund erbebt,
Wenn er den rauhen Ton läßt durch das Land erschallen,
Bis Thürme, Thor, Pallast, Schloß, Haus und Hütten fallen:
Wie dieser Mauren Graus die Menschen niederschlägt,
Die sein gedrehter Hauch im Wirbel aufwärts trägt,
Wenn er die Wälder selbst aus ihren Wurzeln drenget
Und Stein, Baum, Thier und Mensch, in einen Klumpen menget:
So reibt des Helden Arm die Saracenen auf. etc.


23. §. Es folgt itzo das Aufhalten (SUSPENSIO) als die XVIII. Figur, wenn man nämlich eine Rede ganz von weitem anfängt und eine gute Weile durch viel Umschweife fortführet; daß der Leser oder Zuhörer nicht gleich weis, was der Poet haben will, sondern das Ende erwarten muß, wo sich der Ausgang zum Labyrinthe von sich selbst zeiget. Dieser Kunstgriff ist sehr gut, die Leute aufmerksam zu machen. Exempel machen die Sache deutlich, Günther schreibt auf der 87. S. im II. Th.

Daß noch die ganze Welt in ihren Angeln geht,
Das Meer die Grenzen hält, die Erde feste steht,
Die Sterne und ihr Haus nicht in den Abgrund schießen,
Die Sonne Licht und Tag mit Mond und Menschen theilt,
Der kleine Bär am Pol nicht zu dem großen eilt,
Die Elemente sich nicht in einander gießen,
Die Tugend Kinder zeugt, der Purpur sich verjüngt,
Geschlechter unverrückt bis auf die Nachwelt bleiben,
Ja daß der Weisheit nicht der Tod zu Grabe singt,
Dieß alles ist mit Recht der Liebe zuzuschreiben.


Noch ein anders steht in Flemmingen:


Der Sonnen güldnes Rad begunnt hervorzusteigen,
Und seinen Lebensglanz der muntern Welt zu zeigen,
Zu der Zeit, wenn das Dorf zu Felde pflegt zu gehn,
Und die erwachte Stadt allmählich aufzustehn.
Das rege Federvolk das sang mit süssen Stimmen
Den jungen Tag laut an; der Fisch der gieng zu schwimmen
Aus seinen Ufern vor; der Frosch, der Wäscher, rief;
Es war schon alles auf: Nur ich lag noch und schlief.


24. §. Zur XIXten Figur machet man die Personendichtung (PROSOPOPOEIA), welche leblosen Dingen solche Eigenschaften zuschreibet, die nur beseelten, ja vernünftigen Geschöpfen zukommen. Es werden aber gemeiniglich die Flüsse, Winde, Meere, Steine, Jahreszeiten, ja ganze Städte und Länder dergestalt in Personen verwandelt; ja man führt auch Tugenden und Laster, Leidenschaften u.d.m. redend ein: so daß dieses eine Figur ist, die zu viel schönen Erfindungen Anlaß giebt. Simon Dach führet den königsbergischen Pregelstrom, in einem Gedichte auf die Geburt eines preußischen Prinzen, dergestalt auf:


Was! der brückenreiche Pregel,
Hebt durch Flaggen, Mast und Segel,
Sein beschilftes Haupt empor.
Und nachdem er angesehen,
Was und warum es geschehen,
Läuft er schneller als zuvor.


Flemming ist in dieser Figur sehr kühn gewesen, sonderlich in seinen Oden. Er sagt von einem Strome, den er kurz zuvor sein schilficht Haupt erheben lassen, daß er dreymal laut solle gelacht haben. Von der Erde spricht er im Frühlinge:

Sie streicht mit verliebtem Finger
Ihre Runzeln von der Haut.


Der Lenz kömmt gegangen, und umarmet die Welt, die erwachte Rose thut ihr Auge zu, und die Cypressen taumeln ihm, wenn es Abend wird. Die Morgenröthe kömmt in der Anemonen Tracht, in den purpurbraunen Wangen, als die Vertreiberinn der Nacht, vor der Sonnen hergegangen, und nimmt bey seiner Ankunft schamroth den Abschied. Und noch anderwärts sagt er, in einer Beschreibung des Winters:

Der beschneyte Hornung stehet,
Und streicht seinen Eisbart auf.


25. §. Sehr nahe ist damit die XX. Figur verwandt, welche man die Sprachdichtung (SERMOCINATIO) nennen kann. Es wird darinn ein Abwesender, ein Todter, oder gar etwas Lebloses redend eingeführet: und dieses muß mit vieler Kunst, auch nur im größten Affecte geschehen. Denn wie es viel Nachdruck hat, wenn es wohl geräth, und als was außerordentliches den Zuhörer in Erstaunen setzt: so kömmt es auch sehr kalt und lächerlich heraus, wenn es ungeschickt bewerkstelliget wird. Ein Exempel giebt mir Opitz, der im II. Buche seiner Trostgedichte den Ulysses so redend einführet:

O! sagt er, schwimme fort, was nicht will bey mir halten,
Mein Herze, mein Verstand soll doch mit mir veralten,
Mein unerschöpfter Muth, mein guter treuer Rath,
Der nicht ein kleines Theil gethan vor Troja hat,
Der bleibt so lang als ich. Laß alles von mir laufen,
Bunt über Ecke gehn, Freund, Gut, Knecht, Schiff ersaufen!
Es muß seyn ausgelegt, dieß ist der Reise Zoll:
Um mich, und meinen Sinn steht alles recht und wohl.
Das Unglück hat mir ja von außen was genommen,
Zum Herzen aber ist es mir so wenig kommen,
So wenig als das Meer; das leichter diese Welt,
Als mein Gemüthe mir wird haben umgefällt.
So bricht der große Mann, der Held etc.


Canitz giebt mir eben dergleichen Exempel in der Ode auf seine Doris, welche er in der letzten Strophe redend einführet:


Wie geschieht mir? darf ich trauen?
O, du angenehmes Grauen!
Hör ich meine Doris nicht,
Die mit holder Stimme spricht:
»Nur drey Worte darf ich sagen,
Ich weis, daß du traurig bist:
Folge mir, vergiß dein Klagen,
Weil dich Doris nicht vergißt.«


Noch ein schönes Exempel giebt Pietsch, wenn er den Pregelstrom in Königsberg redend einführt,

Der Pregel siehet dieß mit starren Augen an
Und seufzet, daß er nichts dem König opfern kann:
Ach, Friedrich! klaget er, ich kann dich nicht erhöhen,
Daß Segel, Schiff und Mast, durch meinen Hafen gehen,
Daß Fama meinen Ruhm durch alle Länder trägt,
Daß noch kein wilder Sturm auf meine Brücken schlägt,
Daß keine trübe Zeit die klare Fluth verderben,
Und kein verschwendet Blut die reinen Wellen färben,
Und mich entweihen kann, machst du, o Friedrich! etc.


26. §. Ferner zählt Lami unter die Figuren auch XXI. die Denk- und Lehrsprüche. Dieses sind allgemeine Sätze, die bey Gelegenheit besonderer Fälle angebracht werden, und nützliche Regeln, kluge Sittenlehren, oder sonst sinnreiche und kurzgefaßte Aussprüche in sich halten. Zuweilen sind sie etwas weitläuftiger, und könnten Betrachtungen heißen, Z.E. Tscherning schreibt auf der 166. S.

Dein Sinn war in der Welt,
Du wußtest, daß sie mehr in ihren Armen hält,
Als wo der Grenzstein liegt.
Wer nie vom Vater kommen,
Nie keinen fremden Ort in Augenschein genommen,
Der weis kaum, wo er lebt, und führt bestürzten Wahn,
Sieht dieses Haus der Welt mit halben Augen an.
Der Tugend Heimat ist der Raum, so weit vom Morgen
Des Tages Vater geht: bis wo er für die Sorgen,
Der Menschen stille Ruh durch seine Schwester schickt,
Die denn der Wolken Tuch mit Sternen überstickt.


Hier sieht ein jeder, daß bey Gelegenheit der ersten drey Zeilen alles übrige als ein Lehrspruch beygefüget worden. Weil es aber etwas langweilig ist, so kann es besser eine moralische Betrachtung heißen. Von der kurzen Art mag folgendes Exempel eine Probe geben. Es steht in Joh. Frankens irdischem Helikon auf der 94. S.


Ein Sinn, der Feuer hat, hat immer was zu schaffen,
Bald schärft er seinen Witz, bald schärft er seine Waffen:
Zwey Dinge machen uns berühmet und bekannt,
Der Degen und das Buch, der Adel und Verstand.


Allhier begreift man leicht, daß diese Sprüche weit nachdrücklicher klingen, weil sie so kurz gefasset worden. Ja, daß sie zuweilen noch weit kürzer in einer, oder einer halben Zeile eingeschlossen seyn können, wird unter andern folgendes Exempel aus Rachels VI. Sat. Gut und Böse zeigen: auf der 66. Seite.


Wie soll man denn, sprichst du, vor Gott den Höchsten treten?
Wie soll man, sage mir, und warum soll man bethen?
Dafern du Rath begehrst, so bitte das allein;
Was er, der höchste Gott, vermeynet gut zu seyn.
Er weis es, was dir dient. Er meynet dich mit Treuen.
Er schenket etc.


27. §. Von eben solcher Gattung sind auch zum XXIIsten die Schlußsprüche, (EPIPHONEMA) womit man ein ganzes Gedicht, oder eine Strophe desselben, auf eine nachdrückliche Art, mit einem denkwürdigen Satze, oder sinnreichen Gedanken endiget. Z.E. Opitz beschließt sein Gedicht an Zinkgräfen, wo er von der Poesie gehandelt hat; und sich wegen der elenden Versmacher tröstet, folgender gestalt:

Ein Körper bleibet doch, obgleich des Schattens Schein
Sich größer macht als er. Die Zeit soll Richter seyn.


Hier ist der Schluß durch die Kürze so schön geworden: er kann aber wiederum auch bey der weitläuftigern Schreibart doch von gutem Nachdrucke fallen, wenn er desto nachdenklicher und sinnreicher ist. Amthor beschreibt die Liebe alter Männer, und schließt die Strophe so: Auf der 165. S.

Viel seltner sieht es aus, wenn sich ein greiser Bart,
Wie gleichwohl oft geschieht, an Mädgenfleisch verbrennet:
Da muß die Brille weg, der Wadenstrumpf herbey,
Und daß der Runzeln Grund womit bedecket sey,
Der eingesperrte Schatz aus allen Kasten springen,
O Thorheit! sich durchs Geld zur Knechtschaft einzudringen.


Und noch auf andre Art schließt Pietsch in einem Gedichte auf seinen König:

Held, dieses ist das Heer, das deine Herrschaft ziert,
Held, dieses ist der Tag, der dich der Welt gebiehrt.
Dein milder Gnadenstral ist auch auf mich geflossen,
Du hast dich auf dein Land und auch auf mich ergossen.
Doch wird durch deinen Ruhm mein Trieb nicht offenbar,
Mein Weihrauch dampfet nicht auf deinem Brandaltar.
Es blühe dir das Glück! Ich will dein Lob verschweigen:
Ich zeige dir dein Heer, was kann ich größers zeigen?


28. §. Es folgt XXIII. die Frage, (INTERROGATIO) die sich von sich selbst versteht, und so zu reden, die gemeinste, aber auch eine von den kräftigsten Figuren ist. Zuweilen ist sie nur einfach, und dann hat sie so viel Nachdruck nicht, als wenn sie vielmal hinter einander gesetzt wird. Die große Weitläuftigkeit macht eine Frage auch nur matt: je kürzer aber ihre Theile oder Glieder werden, und je hurtiger sie auf einander folgen, desto schärfer dringt sie ein; ja sie stürmt fast auf die Gemüther los. Z.E. Canitz in seiner Satire von der Poesie:

Was fehlt? was ficht dich an? Was ists? Was macht dich toll?
Ein Wort. Was für ein Wort? das hinten reimen soll.


Eben auf die Art fangt Opitz sein Schreiben an Nüßlern mit etlichen Fragen hinter einander an: Auf der 177. S. der 20 poet. W.

Ist das der freye Sinn? Sind dieses die Gedanken,
Der unbewegte Muth, so vormals ohne Schranken,
Voll himmlischer Begier, den Weg der Tugend gieng?
Ist das des Phöbus Sohn, dem ganz sein Herze hieng,
Das Schloß der Ewigkeit in kurzem zu ersteigen?


Günther hat zwar diese Figur selten gebraucht, doch finde ich auf der 825. S. der Ausgabe von 1735. folgendes:


Muß denn der Sonnen Gold im Aufgang untergehn?
Merkt man im Februar auch schon Aprillenwetter?
Verliert im schönsten May der frische Baum die Blätter?
Wie wird es um den Herbst denn allererst entstehn?
O du verworfne Zeit! was führst du nicht für Sitten? etc.


29. §. Etwas ungewöhnlicher ist XXIV. die Anrede, (APOSTROPHE) an Leblose, Todte, Abwesende, oder auch wohl an gegenwärtige Leute und Dinge, welche mit einer großen Heftigkeit geschieht, und nur in hitzigen Bewegungen des Gemüthes statt findet. Z.E. Flemming auf der 363. S. redet den Maymonat an:

Sey gegrüßt, du Fürst der Zeiten,
Du des Jahrs Apell, o May! etc.


In einer andern Ode wendet er sich an den Mond und Abendstern:

Sieh sie an, die Weberinn,
Fromme Cynthie, und höre,
Du auch, züchtige Cythere,
Unsrer Nächte Heroldinn!


Anderwärts redet er die bunten Matten, die Thäler, Germanien, die Liebe, die Musen u.s.w. an. Pietsch redet eben so lebhaft den Tag an, den er besingen will:

Tag! meines Königs Glanz krönt dich mit Stral und Licht,
Du brauchst den matten Schein der Morgenröthe nicht etc.


Und was ist gewöhnlicher, als daß die Poeten gar sich selbst, oder wie sie reden, ihren Geist und Sinn anzureden pflegen?

Z.E. Canitz in dem obgedachten Gedichte von der Poesie schreibt:

Auf, säume nicht, mein Sinn! ein gutes Werk zu wagen.


Und abermal:

Verdammte Poesie! mein Sinn, laß dich bedeuten,
Eh ich dir Niesewurz darf lassen zubereiten, etc.


Und weil die Musen in der That nichts anders, als den poetischen Trieb des Dichters bedeuten, so gehört auch folgende Art der Anreden hieher, wenn z.E. Heraus schreibt:

Still, Musen! still, wohin? Ihr fanget an zu rasen.
Ihr wißt, daß ich ein Blatt und nicht ein Buch bestellt.


30. §. Zum XXV. kömmt die Wiederkehr (EPISTROPHE) da man die Schlußworte des einen Satzes etlichemal am Ende anderer Sätze wiederholet. Dahin gehören die Oden, wo die letzten Zeilen allezeit bey jeder Strophe wieder vorkommen, doch so, daß sie sich auch dazu schicken. Z.E. Flemming hat auf der 371. S. im III. Buche seiner Oden die 8te so gemacht, daß jede Strophe sich schließet:

Pflücket Blumen, windet Kränze,
Führet liebe Lobetänze.


Eben so hat Opitz die dritte von seinen Oden bey jeder Strophe folgendermaßen beschloßen:

Ein jeder lobe seinen Sinn,
Ich lobe meine Schäferinn.


Es ist aber auch nicht nothwendig, daß dieses nur in Oden am Ende jeder Strophe geschehe: man kann vielmehr auch in langen Versen, an bequemen Orten, zum Beschlusse einer kurzen Rede, zwey oder mehrmals nach einander, einerley Schlußworte wiederholen: davon ich folgendes Exempel aus einem Schäfergedichte hersetzen will, das auf den Tod der Silvia in dem einen Theile der hoffmannswald. Gedichte steht, und wo immer der Vers wiederholt wird:


Ach Himmel, Erd und Luft erhöret meine Lieder,
Gebt meine Sylvia, gebt meine Liebste wieder.


31. §. Das Befragen (COMMUNICATIO) wird zum XXVI. an die Zuhörer oder gar an sonst wen gerichtet, und ist also jederzeit mit der Anrede verknüpfet: allein es zieht sie auch allezeit zu Rathe, und giebt es ihnen selbst zu erwegen, ob sich die Sache nicht so oder so verhalte, als man gesagt hat, oder es gern haben will. Z.E. Besser läßt den Seladon die Chloris dergestalt anreden und sie um ihre eigene Meynung befragen:

Ach Chloris! wolltest du, daß ich gewichen wäre?
Bedenke doch die Schmach, und deiner Schönheit Ehre.
Ich hatte ja die Macht der Lieblichkeit verhöhnt,
Wenn ich nicht deine Schooß mit meiner Hand gekrönt.


Eben so redet Günther seine Geliebte im I. Theile auf der 261. Seite an: und nachdem er sie angeredet, Kind, bilde dir einmal zwo fromme Seelen ein etc. und ihr einen glücklichen Ehstand beschrieben, setzt er hinzu:

Was meynst du zu der Eh, die solche Früchte bringt?
Nicht wahr? die Lebensart ist besser als drey Kronen?
Was hilft der güldne Strick, der viel zusammen zwingt,
Wenn er und sie hernach bey Basilisken wohnen?
Was helfen jenen Freund zehn tausend Schürzen Geld,
Wovon sein dummes Weib ein dutzend Schwäger hält.


32. §. Das Geständniß (CONFESSIO) ist die XXVII. Figur, worinn man selbst einen Einwurf macht, und denselben bald eines theils zugiebt; doch aber seine Antwort nicht schuldig bleibt. Rachel macht sich in seiner Satire, der Poet, diesen Einwurf:

Was soll ich aber machen,
Mit denen, die so gern den Bettelsack belachen?
Wo ein Poete wohnt, da ist ein ledig Haus,
Da hängt, spricht Güldengreif, ein armer Teufel aus.
Geduld! was will man thun? Man muß es zwar gestehen,
Wer zu dem Reichthum eilt, muß anders was ersehen,
Als Versemacherkunst etc.


Eben dergleichen ist jener Einwurf, den sich Canitz in seiner Satire vom Hofleben macht: wenn er dem jungen Dankelmann räth, sich durch die Heirath einer schlechten Person, in die Gunst eines Großen zu setzen.

Verachte mit Vernunft den Wahn der eiteln Welt,
Wird doch der Ueberfluß im Horne vorgestellt.
Ja, sprichst du, ihr Geschlecht! Ach! laß den Irrthum fahren,
Sieh unsern Nachbar an etc.


Und Pietsch schreibt auf das Rastische Begräbniß:


Man weis, stimmt gleich der Mund erfahrner Männer ein,
Daß Flecken am Gestirn und manchen Frauen seyn.
Die wie Vesuvius, Glut aus dem Busen blasen,
Vom Anfang ihrer Eh bis an das Ende rasen.
Doch wenn ein reifer Geist die Unglücksquelle sucht etc.


33. §. Es folgt XXVIII. das Einräumen, (EPITROPHE) wenn man jemanden mehr zugesteht, als er fordern kann, ja mehr, als man selbst glaubt; nur um desto schärfer wider ihn zu streiten. Ein Exempel nehme ich aus Canitzens Uebersetzung der Satire vom Adel.


Sein tapferes Geschlecht mag durch berühmte Sachen,
Die ältsten Chroniken zu dicken Büchern machen;
Gesetzt, daß jenen Schild, der sein Geschlechte ziert,
Vorlängst schon ein Capet mit Liljen ausgeziert.
Wozu will er uns doch den leeren Vorrath weisen?
Wenn er von seinem Stamm, den die Geschichte preisen,
Der Welt nichts zeigen kann, als ein verlegnes Blatt,
Daran das Pergament der Wurm geschonet hat.


Oder wie Pietsch schreibt:

Ihr Ottomannen laßt die Pforten eisern seyn,
Auch in das härtste Stahl, dringt dieser Blitz hinein;
Steigt steile Felsen an, ihr seyd doch nicht beschützet:
Ein kugelfreyer Wall mit Bäumen unterstützet,
Von Mann und Waffen voll, den Sumpf und Fluth umschleußt,
Und alles was man sonst unüberwindlich heißt,
Eur Eid, eur Mahomet mag sich entgegen setzen,
Das alles wird Eugen nicht unbezwinglich schätzen.


Den Beschluß macht Lami zum XXIX. mit der Umschreibung (PERIPHRASIS), wodurch man unanständige Sachen, oder Dinge, die man nicht so gleich heraus sagen will, zu lindern oder höflicher zu sagen pflegt. Ein Exempel giebt uns Opitz, wenn er sagen will, wohin die Poesien der Stümper kommen.


Nicht zwar, wie jene thun, die heute etwas schreiben,
Das morgen dahin kömmt, wo es zu kommen werth,
Da, wo man an die Wand den bloßen Rücken kehrt.


34. §. Obwohl nun der oftgedachte Scribent es bey diesen Figuren bewenden läßt: so erinnert er doch, daß es freylich noch verschiedne andre gebe, so diesen an Schönheit und Nachdruck nichts nachgeben. Die Wahrheit dessen zu erweisen, will ich noch ein Paar hersetzen, um das halbe Schock vollends vollzumachen. Man merke also zum XXX. das Aufsteigen (GRADATIO), wenn man gleichsam stuffenweise von einer geringen Sache zu etwas höherm fortschreitet, und also immer was wichtigers sagt. Z.E. Opitz will in seinem Trostgedichte im II. Buche die Hinfälligkeit der Dinge beschreiben, und thut es so:

Was wollen wir uns denn um dessentwegen grämen,
So andern wiederfährt, und der Natur uns schämen?
Die Welt kann nicht bestehn, die Länder nicht in ihr,
In Ländern keine Stadt, in keinen Städten wir.


Imgleichen auf der 67. S. seiner poetischen Wälder:

Pan aber schläfet nicht,
Er geht, er ruft, er schreyt mit sehnlichem Verlangen;
Daß seine Stimm erschallt, durch Berge, Wald und Thal.


35. §. Zum XXXI. endlich kömmt der Eidschwur, eine von den stärksten Figuren; die also auch nur in lebhaften Affecten vorkommen kann. Es schweren aber die Poeten bey tausend Sachen, die sonst eben keine große Verbindlichkeit machen. Z.E. Flemming läßt eine Gärtnerinn so schweren.

So wahr ich vor dir steh,
Herzliebster Hortulan, etc.


Noch ein schöner Exempel giebt mir eben dieser Poet auf der 201. Seite, welche Stelle ich ihrer Schönheit wegen ganz hersetzen will:

Ich schwer es, Vaterland! bey Kindespflicht und Treuen,
Dein Lob ists, welches mich heißt keine Mühe scheuen.
Ich könnte ja sowohl, als etwa jener thut,
Auch um die Ofenbank mir wärmen Muth und Blut,
Nach Wunsche stehn geehrt, mich meines Wesens nähren,
Und meiner Aeltern Gut in stiller Lust verzehren,
So schlecht und klein es ist. So hast dus auch nicht Noth,
Daß ich für Gott und dich mich lasse schlagen todt,
In einer tollen Schlacht. Ich habe nichts gelernet,
Das groß von weitem steht, und nur alleine fernet;
Bin lichtem Scheine feind.


Besser, in seinem schönen Schäferliede von Seladon und Leonoren, läßt seinen Schäfer folgenden Eid thun:

Ich schwere dir bey meiner Heerde,
Daß ich dich ewig lieben werde.


Und Günther in seinem Schreiben, an den König August, hat eben die Figur mit großem Nachdrucke angebracht. Es heißt:

Du hörest freylich nicht, wie vieler Wunsch und Sehnen
Dich in Person erhöht. Doch schwer ich bey der Hand,
Die deiner Würdigkeit die Krone zuerkannt,
Daß so viel tausend sind, die unter Stroh und Hütten
Für dein gesalbtes Haupt in mancher Mundart bitten.


Genug endlich von Figuren; obgleich sie dieses lange nicht alle sind. Denn wer kann sie alle zählen? Muntre Köpfe bringen täglich neue Arten hervor; und das beste ist, daß man sie oft machen kann, ohne ihren Namen zu wissen.



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