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Gottsched: Das IV. Capitel

Diskurs/Poetik/Essay > Poeterey




Erster allgemeiner Theil


Das IV. Capitel.


Von den dreyen Gattungen der poetischen Nachahmung, und insonderheit von der Fabel.



1. §. Die Nachahmung der Natur, darinnen, wie oben gewiesen worden, das Wesen der ganzen Poesie besteht, kann auf dreyerley Art geschehen. Die erste ist eine bloße Beschreibung, oder sehr lebhafte Schilderey von einer natürlichen Sache, die man nach allen ihren Eigenschaften, Schönheiten oder Fehlern, Vollkommenheiten oder Unvollkommenheiten seinen Lesern klar und deutlich vor die Augen malet, und gleichsam mit lebendigen Farben entwirft: so daß es fast eben so viel ist, als ob sie wirklich zugegen wäre. Dieses nun mit rechter Geschicklichkeit zu verrichten, das ist eine gar feine Gabe: und man hat es dem Homer zu großem Lobe angemerket, daß ein berühmter griechischer Maler, der eine Minerva zu schildern willens war, zu dem Ende erst in der Ilias die Beschreibung dieser Göttinn nachgeschlagen, sie durchgelesen, und sich dadurch eine lebhafte Abbildung von ihr gemachet. Solche Malerey eines Poeten nun, erstrecket sich noch viel weiter, als die gemeine Malerkunst. Diese kann nur für die Augen malen, der Poet hergegen kann für alle Sinne Schildereyen machen. Er wirket in die Einbildungskraft, und diese bringt die Begriffe aller empfindlichen Dinge fast eben so leicht, als Figuren und Farben hervor. Ja er kann endlich auch geistliche Dinge, als da sind innerliche Bewegungen des Herzens und die verborgensten Gedanken beschreiben und abmalen. Nur ist hierbey zu merken, daß ein Dichter seine Absicht niemals vergessen muß. Ein jedes endliches Ding hat zwo Seiten, eine gute und eine böse. Will man nun ein Ding loben, so muß man die erste; will man es aber tadeln, so muß man nur die andre abschildern. In beyden Bildern wird Wahrheit seyn, wenn man der Natur folget, und die Sache nicht zu hoch treibt. Hierwider aber pflegen so wohl Lobdichter, als Satirenschreiber zu verstoßen, die insgemein in beydem kein Maaß zu halten wissen.
2. §. Doch diese Art der poetischen Nachahmung ist bey aller ihrer Vortrefflichkeit nur die geringste: weswegen sie auch Horaz im Anfange seiner Dichtkunst für unzulänglich erkläret, einen wahren Poeten zu machen. Wenn ich die besten Bilder von der Welt in meinen Gedichten machen könnte, so würde ich doch nur ein mittelmäßiger oder gar nur ein kleiner Poet zu heißen verdienen: dafern ich nämlich nichts bessers zu machen wüßte. Ja ich könnte wohl gar ein verdrüßlicher Dichter und Scribent werden, wenn ich meinen Lesern mit unaufhörlichen Malereyen und unendlichen Bildern einen Ekel erweckte.¹ Boileau hat diesen Fehler am Scuderi schon angemerkt und verworfen, wenn er im I. Ges. seiner Dichtkunst geschrieben:

UN AUTEUR QUELQUE FOIS TROP PLEIN DE SON OBJET,
JAMAIS, SANS L'EPUISER, N'ABANDONNE UN SUJET.
S'IL RENCONTRE UN PALAIS, IL M'EN DEPEINT LA FACE,
IL ME PROMENE APRÉS DE TERRASSE EN TERRASSE;
ICI S'OFFRE UN PERRON, LÀ REGNE UN CORRIDOR,
LÀ CE BALCON S'ENFERME EN UN BALUSTRE D'OR.
IL CONTE DES PLAFONDS LES RONDS & LES OVALES,
CE NE SONT QUE FESTONS, CE NE SONT QU'ASTRAGALES.
JE SAUTE VINGT FEUILLETS, POUR EN TROUVER LA FIN,
ET JE ME SAUVE A PEINE AU TRAVERS D'UN JARDIN.
FUYEZ DES CES AUTEURS L'ABONDANCE STERILE!
ET NE VOUS CHARGEZ POINT D'UN DETAIL INUTILE,
TOUT CE QU'ON DIT DE TROP, EST FADE ET REBUTANT.
L'ESPRIT RASSASIÉ LE REJETTE À L'LNSTANT;
QUI NE SÇAIT SE BORNER, NE SCEUT JAMAIS ÉCRIRE.


Wie viele Dichter haben nicht bey uns wider diese Regeln verstoßen; die uns wohl gar ganze Bücher voller Beschreibungen und gekünstelter Schildereyen aufgedrungen haben. So muß man denn auch in diesem Stücke Maaß zu halten wissen; theils, daß man unnöthige und überflüßige Bilder seinem Leser nicht aufdringe; theils bey einem an sich nöthigen Abrisse nicht gar zu sorgfältig alle Kleinigkeiten auszudrücken bemüht sey. Virgil wird deswegen gelobt, weil er in Beschreibungen so bescheiden gewesen. Er hat wohl zehnmal Gelegenheit gehabt, den Regenbogen abzumalen: und was würde uns da ein poetischer Maler von Profeßion, nicht mit seinen Farben geqvälet haben! Aber der bescheidne Virgil sagt nichts mehr, als:


MILLE TRAHENS VARIOS ADUERSO SOLE COLORES.


3. §. Die andre Art der Nachahmung geschieht, wenn der Poet selbst die Person eines andern spielet, oder einem, der sie spielen soll, solche Worte, Geberden und Handlungen vorschreibt und an die Hand giebt, die sich in solchen und solchen Umständen für ihn schicken. Man macht z.E. ein verliebtes, trauriges, lustiges Gedichte im Namen eines andern; ob man gleich selbst weder verliebt noch traurig, noch lustig ist. Aber man ahmet überall die Art eines in solchen Leidenschaften stehenden Gemüthes so genau nach, und drückt sich mit so natürlichen Redensarten aus, als wenn man wirklich den Affect bey sich empfände. Zu dieser Gattung gehört schon weit mehr Geschicklichkeit, als zu der ersten. Man muß hier die innersten Schlupfwinkel des Herzens ausstudirt, und durch eine genaue Beobachtung der Natur den Unterscheid des gekünstelten, von dem ungezwungenen angemerket haben. Dieses aber ist sehr schwer zu beobachten, wie die Fehler sattsam zeigen, die von den größten Meistern in diesem Stücke begangen worden. Daß Virgilius in seinen Schäfergedichten nicht immer glücklich damit gewesen, das hat der italienische Kunstrichter, Ludewig Castelvetro, dessen critische Werke Argelati vor einigen Jahren herausgegeben hat, sehr gründlich erwiesen. In Fontenellens Gedanken, von Schäfergedichten, wird man auch den Theokritus oft ganz billig getadelt finden. Herr Fontenelle selbst wird in dem englischen Guardian gleicher Fehler, und zwar nicht ohne Grund beschuldiget, wie an dem gehörigen Orte ausführlicher gedacht werden soll. Daß nicht auch unter unsern Deutschen es viele hierinnen sollten versehen haben, daran ist gar kein Zweifel.
4. §. Die Klaggedichte, die Canitz und Besser, auf ihre Gemahlinnen gemacht, werden sonst als besondere Muster schön ausgedruckter Affecten angesehen. Man kann sie auch gar wohl unter diese Art der Nachahmung rechnen, ob sie gleich ihren eignen Schmerz, und nicht einen fremden vorstellen wollen: denn so viel ist gewiß, daß ein Dichter zum wenigsten dann, wann er die Verse macht, die volle Stärke der Leidenschaft nicht empfinden kann. Diese würde ihm nicht Zeit lassen, eine Zeile aufzusetzen, sondern ihn nöthigen, alle seine Gedanken auf die Größe seines Verlusts und Unglücks zu richten. Der Affect muß schon ziemlich gestillet seyn, wenn man die Feder zur Hand nehmen, und alle seine Klagen in einem ordentlichen Zusammenhange vorstellen will. Und es ist auch ohnedem gewiß, daß alle beyde oberwähnte Gedichte eine gute Zeit nach dem Tode ihrer Gemahlinnen verfertiget worden: da gewiß die Poeten sich nur bemühet haben, ihren vorigen betrübten Zustand aufs natürlichste auszudrücken. Ob ich nun wohl nicht leugne, daß diese treffliche Stücke des berühmten Amthors Klagen, in gleichem Falle, weit vorzuziehen sind: so könnte doch ein scharfes Auge, auch in diesen zweyen Meisterstücken, noch manchen gar zu gekünstelten Gedanken, und gezwungenen Ausdruck, entdecken; den gewiß ein wahrer Schmerz nimmermehr würde hervorgebracht oder gelitten haben. Was hier von dem Schmerze gilt, das muß von allen Affecten verstanden werden. Hofmannswaldaus Heldenbriefe, sollen verliebt geschrieben seyn; haben aber den Affect, den der Poet nachahmen wollen, sehr schlecht getroffen, und tausend bunte Einfälle und Zierrathe angebracht, die sich für keinen wahrhaftig Verliebten schicken. Man darf nur dargegen halten, was Günther im I. Theile seiner Ged. an seine Geliebte geschrieben, wo alles der Natur viel gemäßer ist: so wird man leicht selbst wahrnehmen, was eine geschickte Nachahmung der Natur ist, und was ein kaltes und frostiges Gewäsche in der Poesie heißt.
5. §. Auf dieser Kunst nun beruhet fast die ganze theatralische Poesie, was nämlich die Charactere einzelner Personen, ihre Reden in einzelnen Scenen, und ihre Handlungen anlangt. Denn hier muß ein Poet alles, was von dem auftretenden Helden, oder was es sonst ist, wirklich und der Natur gemäß hätte geschehen können, so genau nachahmen, daß man nichts unwahrscheinliches dabey wahrnehmen könne. In Heldengedichten, und allen übrigen Arten, wo man auch zuweilen andre redend einführet, hat eben dieses statt, wie an seinem Orte stückweise soll erwiesen werden. Horatius hat in seiner Dichtkunst zu verschiedenen malen daran gedacht, und nicht nur die Regel gegeben, wie man den Achilles, die Medea, den Ixion, die Jo u.s.w. abbilden und aufführen solle; daß ein Greis und ein Jüngling, ein Argiver und Babylonier, ein Kaufmann und Bauer, eine Matrone und eine Amme nicht auf einerley Art reden und handeln müssen; sondern auch gewiesen, wo man die Kunst gute Charactere zu machen, lerne; nämlich aus der Sittenlehre und der Erfahrung. Diese zeiget uns die herrschenden Neigungen der Kinder, Jünglinge, Männer und Alten: jene hergegen lehret sowohl die Natur der Affecten, als die Pflichten aller Menschen in allen Ständen. Dieß will auch unsre deutsche Dichtkunst des Herrn von Brück, aus der deutschen Gesellschaft I. Theile eigner Schriften und Uebersetzungen auf der 9. Seite.


– Du mußt fleißig Acht auf alle Dinge haben,
Auf Tugend, Wissenschaft, auf des Gemüthes Gaben,
Auf Zeit, Geschlecht und Stand, auf Glück und Herzeleid,
Auf Sitten und Gestalt, auf Reden Art und Zeit.
Ein junger freyer Kerl, ein alter karger Knicker,
Ein tugendhafter Mann, ein schelmischer Berücker,
Ein ganz verbuhlter Thor, ein unerzognes Kind
Sehn unterschiedlich aus; drum male wie sie sind.
– – – – – – – – – – –
Die Aehnlichkeit ergetzt, und nicht der Farben Menge,
Die Schönheit ohne sie heißt nichtiges Gepränge:
– – – – – – – – – – – –
Kurz, wenn dein Abdruck nur dem Urbild ähnlich ist,
So glaube, daß du dann ein guter Maler bist.


Und auf der 20. und 21. Seite heißt es:

Wirst du die Eigenschaft des Knechts und Edlen wissen:
So wird auch jeglicher ganz anders reden müssen,
Weil jeder anders denkt; und dieses zeigt den Grund:
Dieß ists, dieß leget dir die Wörter in den Mund.
Stellst du nun Knechte vor, so mußt du knechtisch denken,
Wie Meister von der List, von Lügen und von Schwänken.
Dann findest du zugleich das eigentliche Wort,
Das sich zur Sache schickt, und kömmst auch leichtlich fort.
Wird aber Sokrates im Schauspiel aufgeführet,
So wird ein strenger Ernst und große Kunst verspüret.
Da giebt sichs von sich selbst, daß der ganz anders spricht;
Denn jenes Ausdruck paßt zu den Gedanken nicht.


6. §. Wer nun hierinnen wohl geübet ist, und sonst scharfsinnig genug ist, auf die Wahrscheinlichkeit in allen Stücken recht Achtung zu geben; der wird in seiner Nachahmung unfehlbar glücklich fortkommen müssen: da hingegen ein Fremdling in dem allen, alle Augenblicke Fehler begehen, und lauter unähnliche Schildereyen verfertigen wird. Ich schließe bey dem allen den Witz und die Urtheilungskraft nicht aus: denn jener ist diejenige Gemüthskraft, die mit den Aehnlichkeiten der Dinge zu thun hat, und folglich auch die Abrisse ihren Vorbildern ähnlich machen, oder diese in jenen nachahmen muß. Ohne diese hergegen wird man ohnfehlbar in den Fehler verfallen, den dort Canitz an den meisten unsrer Poeten tadelt; wenn er den Virgil als einen glücklichen Nachahmer der Natur, im Absehn auf den Charakter der Dido, erhebet. Es heißt:

Man redt und schreibt nicht mehr, was sich zur Sache schicket,
Es wird nach der Natur kein Einfall ausgedrücket,
Der Bogen ist gefüllt, eh man an sie gedacht;
Was groß ist, daß wird klein, was klein ist, groß gemacht:
Da doch ein jeder weis, daß in den Schildereyen,
Nur bloß die Aehnlichkeit das Auge kann erfreuen;
Und eines Zwerges Bild die Artigkeit verliert,
Wenn es wird in Gestalt der Riesen aufgeführt.
Wir lesen ja mit Lust Aeneas Abentheuer:
Warum? Stößt ihm zur Hand ein grimmig Ungeheuer,
So hat es sein Virgil so künstlich vorgestellt,
Daß uns, ich weis nicht wie, ein Schrecken überfällt;
Und hör ich Dido dort von Schimpf und Undank sprechen,
So möcht ich ihren Hohn, an den Trojanern rächen.
So künstlich trifft itzund kein Dichter die Natur!
Sie ist ihm viel zu schlecht: Er sucht ihm fremde Spur;
Geußt solche Thränen aus, die lachenswürdig scheinen,
Und wenn er lachen will, so möchten andre weinen.


7. §. Doch auch diese so schwere Gattung der Nachahmung, machet nicht das Hauptwerk in der Poesie aus. Die Fabel ist hauptsächlich dasjenige, was der Ursprung und die Seele der ganzen Dichtkunst ist.² Selbst unsre Muttersprache lehrt uns dieses; wenn wir die Poesie, die Dichtkunst, und ein poetisches Werk, ein Gedichte nennen. Ich weis wohl, daß vor Alters dichten, nur so viel als denken und nachsinnen geheißen: z.E. das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse etc. Allein in neuern Zeiten heißt es gewiß, etwas ersinnen, oder erfinden, was nicht wirklich geschehen ist. Sachen nämlich, die wirklich geschehen sind, d.i. wahre Begebenheiten, darf man nicht erst dichten: folglich entsteht auch aus der Beschreibung und Erzählung derselben kein Gedichte, sondern eine Historie oder Geschichte; und ihr Verfasser bekömmt nicht den Namen eines Dichters, sondern eines Geschichtschreibers. Die pharsalische Schlacht also, die Lucanus in Versen beschrieben hat, kann nichts anders als eine Historie in Versen heißen: die Fabeln des Aesopus hergegen, obwohl sie nur in ungebundener Schreibart abgefasset worden, sind Gedichte. Und wer die Fähigkeit nicht besitzt, gute Fabeln zu erfinden, der verdient den Namen eines Poeten nicht; wenn er gleich die schönsten Verse von der Welt machte. Phädrus wäre derowegen wohl ein Versmacher, aber kein Dichter gewesen: wenn er nur die äsopischen Fabeln in Verse gebracht, aber selbst keine erfunden hätte.
8. §. Wenn Aristoteles sagen will, was die Fabel in einem Gedichte eigentlich sey, so spricht er: Es sey die Zusammensetzung oder Verbindung der Sachen. Der Pater Bossu in seinem Tractate vom Heldengedichte, läßt sich an dieser Erklärung gnügen, und versteht durch die Sachen, so in einer Fabel verbunden werden sollen, das Wahre und das Falsche. In der That muß eine jede Fabel was Wahres und was Falsches in sich haben: nämlich einen moralischen Lehrsatz, der gewiß wahr seyn muß; und eine Einkleidung desselben in eine gewisse Begebenheit, die sich aber niemals zugetragen hat, und also falsch ist. Allein er scheint mir den Verstand des Philosophen nicht recht eingesehen zu haben. Die Sachen müssen auf das Zubehör der Fabel, als da sind, die Thiere, Menschen, Götter, Handlungen, Gespräche, u.s.w. gedeutet werden. Diese Dinge müssen verknüpfet und verbunden werden, so daß sie einen Zusammenhang bekommen, und alsdann entstehet eine Fabel daraus. Hätte dieses Bossu gesehen, so würde er es nicht nöthig gehabt haben, eine andere Beschreibung davon zu geben, die noch weniger Stich hält, als die obige. Denn da er sagt: Die Fabel sey eine Rede, welche unter den Allegorien einer Handlung ihre Lehren verbirget und zu Besserung der Sitten ersonnen worden; so ist bey dieser Erklärung sehr viel zu erinnern. Denn I. ist es bekannt, daß die Fabel nicht nur eine Rede, sondern auch eine Schrift seyn kann: und also hätte die Fabel besser eine Erzählung heißen mögen. Hernach aber machen nicht alle Allegorien, die da lehrreich und unterrichtend sind, eine Fabel aus. Die Ode Horatii ist bekannt, wo der Poet die römische Republik unter dem Bilde eines Schiffes anredet, und ihr viel heilsame Regeln, in einer beständigen allegorischen Rede giebt. Wer hat aber diese Ode jemals zu den Fabeln gezählet? Wollte man sagen, hier wäre keine allegorische Handlung vorhanden: so würde man antworten, daß nach seinem eigenen Geständnisse, nicht zu allen Fabeln eine Handlung nöthig sey. Er selbst, führet im folgenden dergleichen an; nämlich, da die Fliege an dem Rade eines großen und schleunig fortgezogenen Wagens sitzt, selbst nichts thut, sondern nur sagt: Ey, welch einen großen Staub mache ich nicht!
9. §. Ich glaube derowegen, eine Fabel am besten zu beschreiben, wenn ich sage: sie sey die Erzählung einer unter gewissen Umständen möglichen, aber nicht wirklich vorgefallenen Begebenheit, darunter eine nützliche moralische Wahrheit verborgen liegt. Philosophisch könnte man sagen, sie sey ein Stücke von einer andern Welt. Denn da man sich in der Metaphysik die Welt als eine Reihe möglicher Dinge vorstellen muß; außer derjenigen aber, die wir wirklich vor Augen sehen, noch viel andre dergleichen Reihen gedacht werden können: so sieht man, daß eigentlich alle Begebenheiten, die in unserm Zusammenhange wirklich vorhandener Dinge nicht geschehen, an sich selbst aber nichts Widersprechendes in sich haben, und also unter gewissen Bedingungen möglich sind, in einer andern Welt zu Hause gehören, und Theile davon ausmachen. Herr Wolf hat selbst, wo mir recht ist, an einem gewissen Orte seiner philosophischen Schriften gesagt, daß ein wohlgeschriebener Roman, das ist ein solcher, der nichts Widersprechendes enthält, für eine Historie aus einer andern Welt anzusehen sey. Was er nun von Romanen sagt, das kann mit gleichem Rechte von allen Fabeln gesagt werden. Weil aber diese Erklärung unphilosophischen Köpfen vielleicht Schwierigkeiten machen könnte: so bleibe ich bey der ersten, die nach dem gemeinen Begriffe aller, die nur deutsch verstehen, eingerichtet ist. Ich erläutere sie durch das bereits erwähnte Exempel. Die Begebenheit ist daselbst, daß ein großer Wagen auf einem staubigten Wege, von vier oder mehr hurtigen Pferden geschwinde hingerissen wird; eine Fliege an dem Rade desselben sitzet, und sich schmeichelt, sie selbst habe allen diesen Staub erreget. Diese Begebenheit ist unter gewissen Umständen möglich. Wenn nämlich nur ein angespannter Wagen fähret, und eine Fliege, die daran sitzt, so viel Verstand hat, daß sie über den ringsum aufsteigenden Staub ihre Betrachtungen anstellen kann: so geht es gar wohl an, daß sie so eitel seyn, und sich selbst für die Ursache einer so großen Staubwolke ansehen kann. Die moralische Lehre endlich, die darunter verborgen liegt, ist diese: Ein Stolzer ist so thöricht, daß er sich selbst und seinen Verdiensten, Dinge zuschreibt, die von ganz andern Ursachen herrühren und seine Kräfte unzählichemal übersteigen.
10. §. Man kann die Fabeln in unglaubliche, glaubliche und vermischte eintheilen. Jene sind die, wo man unvernünftige Thiere oder wohl gar leblose Dinge so reden und handelt läßt, als wenn sie mit menschlicher Vernunft begabt wären. Ein Exempel davon finden wir so gar in der Schrift, wo Abimelechs Bruder, im Buche der Richter, seinen Landsleuten erzählet: wie die Bäume sich einen König erwählet, der sie mit Feuer verzehret, und also, ihrer thörichten Wahl halber, sattsam bestrafet hätte. Die andre Art sind die glaublichen Fabeln, wo lauter Menschen und andre vernünftige Wesen vorkommen; bey denen es nichts Unglaubliches ist, daß sie mit Verstande reden und handeln können. Dergleichen ist abermal in der Schrift die Fabel Nathans vom reichen und armen Manne, deren jener diesen seines einzigen geliebten Schäfleins beraubete: imgleichen die Fabeln vom verlohrnen Sohne, vom armen Lazarus u.d.g. Die dritte Art, nämlich der vermischten Fabeln, entsteht, wenn darinnen theils unvernünftige, theils vernünftige Dinge redend und handelnd vorkommen. Dergleichen würde die Begebenheit Bileams mit seiner Eselinn seyn, wenn dieses nicht wirklich geschehen seyn sollte. Wir finden aber in den äsopischen Fabeln unzählige solche, wo theils vernünftige Menschen, theils Thiere und Bäume angeführet werden: zugeschweigen, daß Homerus in seiner Ilias einmal ein Pferd mit seinem Herrn hat reden lassen.³ Ein Exempel von meiner Erfindung steht in den vernünft. Tadl. von dem Veilchenstocke, der Tulpe und der Blumengöttinn Flora. Imgleichen von dem Manne, seinem Hunde und der Katze; und im II. Theile derselben vom Pferde und Esel: wiewohl diese vielleicht unter die natürlichen zu zählen sind. Endlich auch im II. Theile des Biedermanns vom Hasen, der sich in den Löwenstand erheben ließ.
11. §. Dadurch aber, daß wir die erste Art der Fabeln unglaublich nennen, widersprechen wir der obigen Erklärung noch nicht; darinnen wir behaupteten, die Fabel sey eine mögliche Begebenheit. Es kann ja eine Sache wohl möglich, aber in der That bey der itzigen Ordnung der Dinge sehr unglaublich seyn. Diese Verknüpfung der wirklich vorhandenen Dinge hält ja nämlich nicht alle mögliche Dinge in sich, wie die Weltweisen darthun. Es wären andre Verbindungen endlicher Wesen eben sowohl geschickt gewesen, erschaffen zu werden, wenn es Gott gefallen hätte. Dem Dichter nun, stehen alle mögliche Welten zu Diensten. Er schränket seinen Witz also nicht in den Lauf der wirklich vorhandenen Natur ein. Seine Einbildungskraft, führet ihn auch in das Reich der übrigen Möglichkeiten, die der itzigen Einrichtung nach, für unnatürlich gehalten werden. Dahin gehören auch redende Thiere, und mit Vernunft begabte Bäume; die zwar, so viel uns bekannt ist, nicht wirklich vorhanden sind, aber doch nichts widersprechendes in sich enthalten. Man lese hier zum Beweise Hollbergs unterirrdische Reise nach; wo man beydes antreffen wird. Wie nun ein Poet hier alle Sorgfalt anwenden muß, daß er seinen Fabeln auch einen gewissen Grad der Wahrscheinlichkeit gebe: also fragt sichs, wie das in dem so genannten Unglaublichen möglich sey? Und hier ist es nicht zu leugnen, daß in der gegenwärtigen Verknüpfung der Dinge nicht leicht was zu ersinnen ist, dadurch die Sprache der Bäume, oder der Thiere wahrscheinlich wird. Allein einem Poeten ist es erlaubt, eine Fabel durch die andre wahrscheinlich zu machen; und er darf also nur überhaupt dichten: Es sey einmal eine Zeit gewesen, da alle Pflanzen und Thiere hätten reden können. Setzt man dieses zum voraus; so läßt sich hernach alles übrige hören. Man sehe das folgende VI Capitel nach.
12. §. Ferner können die Fabeln eingetheilt werden, in epische und dramatische. Jene werden bloß erzählet, und dahin gehören nicht nur die Ilias, Odyssee und Aeneis; sondern alle Romane, ja so gar die äsopischen Fabeln. Diese hergegen werden wirklich gespielet, und also lebendig vorgestellt. Dahin rechnet man also alle Tragödien, Comödien und Schäferspiele, imgleichen alle kleine dramatische Gedichte, die wirklich auf einer Schaubühne aufgeführet werden können. Man sieht gar leicht, daß dieser andre Unterscheid sich auf den ersten gründet. Denn die theatralischen Fabeln leiden nichts, als was wahrscheinlich ist, wie Horatius in seiner Dichtkunst sehr fleißig erinnert: hingegen die epischen können gar wohl auch unwahrscheinliche Fabeln von Thieren und leblosen Dingen brauchen. Tausend Dinge lassen sich gar wohl erzählen; aber den Augen läßt sich nichts vorstellen, als was glaublich ist. Die vormaligen Zeiten der Einfalt des menschlichen Geschlechts, haben so viel von Zaubereyen, und Wundergeschichten erzählet und geglaubt, und auf die Nachwelt fortgepflanzet; daß es uns nicht schwer ist, zu glauben, daß durch eine übermenschliche Kraft, alles möglich ist, was nur nicht widersprechend ist. So wird des Homers redendes Pferd, nur durch die Kraft der Minerva möglich, oder glaublich, wenn man es in die alten Zeiten setzet. Wer aber entweder dasselbe, oder Bileams Eselinn auf die Schaubühne bringen, und sie dadurch gleichsam in unsre Zeiten versetzen wollte: Dem würde Horaz zurufen:


QUODCUMQUE OSTENDIS MIHI SIC, INCREDULUS ODI.


13. §. Weiter können die Fabeln, theils im Absehen auf ihren Inhalt, theils im Absehen auf die Schreibart, in hohe und niedrige eingetheilet werden. Unter die hohen gehören die Heldengedichte, Tragödien und Staatsromane: darinnen fast lauter Götter und Helden, oder königliche und fürstliche Personen vorkommen, deren Begebenheiten in einer edlen Schreibart entweder erzählet oder gespielet werden. Unter die niedrigen gehören die bürgerlichen Romane, die Schäfereyen, die Comödien und Pastorale, nebst allen äsopischen Fabeln: als worinn nur Bürger und Landleute, ja wohl gar Thiere und Bäume in einer gemeinen Schreibart redend eingeführet oder beschrieben werden. Von diesen letztern könnte man mit einigem Scheine fragen, ob sie auch zur Poesie gehöreten? Von der Comödie hat Horaz ihres niedrigen Ausdruckes halber, solches in Zweifel gezogen:


IDCIRCO QUIDAM, COMOEDIA NEC NE POËMA
ESSET, QUAESIUERE: QUOD ACER SPIRITUS AC VIS
NEC VERBIS NEC REBUS INEST, NISI QUOD PEDE CERTO
DIFFERT SERMONI, SERMO MERUS.

SAT. IV. L.I.


Wiewohl aus dem obigen ist leicht darauf zu antworten. Die hohe Schreibart ist zwar eine gute Eigenschaft eines Poeten, und in gewissen Gedichten unentbehrlich: aber sie allein machet noch keinen Dichter, wenn keine Fabel da ist, die darinnen vorgetragen wird. Diese hergegen bleibt, was sie ist, nämlich eine Fabel, ein Gedichte, wenn man sie gleich in der gemeinen Sprache erzählt. Sie zeigt also sattsam, daß ihr Verfasser ein Dichter gewesen, der auch wohl erhaben hätte schreiben können, wenn er gewollt hätte, und wenn es sich in dieser Art von Gedichten hätte thun lassen. Horatius selbst trägt diesen Zweifel, wegen der Comödie, nur als etwas Fremdes vor. Einige, spricht er, haben gefragt etc. Er giebt ihnen aber deswegen nicht recht; zumal da er in seiner Dichtkunst selbst erinnert, daß auch in der Comödie zuweilen die pathetische, feurige und erhabene Schreibart statt findet: wenn nämlich ein Chremes zu schelten und für Zorn zu pochen und zu poltern anfängt:


INTERDUM TAMEN ET VOCEM COMOEDIA TOLLIT,
IRATUSQUE CHREMES TUMIDO DELITIGAT ORE.


14. §. Die Fabeln können noch ferner in vollständige und mangelhafte eingetheilet werden. Jene erzählen diejenige Begebenheit ganz, die zu der darunter versteckten Sittenlehre gehöret: diese hergegen brechen ab, wenn die Begebenheit kaum in die Hälfte gekommen ist. Zu Exempeln einer ganzen oder vollständigen können alle die obigen dienen, die wir schon angeführet haben: denn die Erzählung geht daselbst so weit, als nöthig ist, und das Gemüthe bleibt am Ende derselben ganz ruhig; weil man den Zweck einsieht, warum sie erzählet worden. Eine mangelhafte und halbe Fabel aber war die, von dem Schatten des Esels, darüber der Eseltreiber und der Reisende in einen Streit geriethen; welche Demosthenes seinen Mitbürgern erzählte, als sie in einer wichtigen Rede, welche die Wohlfahrt ihres Staats anbetraf, sehr unachtsam waren. Denn als er ihnen dieselbe erzählet hatte, und sie alle aus ihrer vorigen Nachläßigkeit ermuntert und begierig worden waren, den völligen Verlauf seiner Geschichte zu vernehmen: so hörte er mit gutem Bedachte auf, schwieg stille, und wollte sich aus der Versammlung begeben. Weil aber die Fabel nur halb fertig war, so konnten sich die Zuhörer dadurch nicht zufrieden stellen: darum riefen sie ihn zurücke, und verlangten, daß er ihnen auch den Ausgang der ganzen Begebenheit erzählen sollte. Dabey nahm er denn Gelegenheit, ihnen ihre Leichtsinnigkeit vorzurücken, die sich um Kleinigkeiten so ernstlich, um die wichtigsten Dinge aber, die er in seiner Rede vorgetragen hatte, so wenig bekümmert und aufmerksam bezeigete.
15. §. Bey dieser Abtheilung der Fabeln muß man sich vor einem Misverstande hüten. Eine ganze Fabel erfodert nicht allemal den völligen Umfang aller Begebenheiten, die einigen Zusammenhang mit einander haben: sondern es ist genug, daß sie alles dasjenige enthält, was zu der Sittenlehre, die man vortragen will, unentbehrlich ist. Z.E. Die Ilias Homers ist eine Fabel vom Zorne des Achilles, und den traurigen Wirkungen desselben. Daher ist diese Fabel ganz, wenn der Poet zeigt: wie und woher dieser Zorn entstanden, nämlich von der Beleidigung, die Agamemnon diesem Helden zugefügt; ferner wie sich derselbe geäußert, nämlich durch die Enthaltung vom Streite, da Achilles ruhig auf seinem Schiffe geblieben; weiter, wie schädlich derselbe gewesen, weil die Griechen in seiner Abwesenheit allezeit den kürzern gezogen, Achilles selbst aber seinen besten Freund Patroklus eingebüsset; endlich wie dieser Zorn ein Ende genommen, da der Held, aus Rachgier gegen den Hektor, seines alten Grolls vergessen, den Hektor erschlagen, und also den Trojanern großen Abbruch gethan. Diese Fabel war zulänglich, die moralische Wahrheit von der schädlichen Uneinigkeit benachbarter Staaten, die Homerus in seinem Gedichte lehren wollen, in ein völliges Licht zu setzen. Es war dabey nicht nöthig, den Ursprung des trojanischen Krieges oder den Ausgang desselben zu zeigen; vielweniger von den beyden Eyern der Leda anzufangen, aus deren einem Helena, als die einzige Ursache des Krieges, war gebohren worden. Dieses wäre eine gar zu große Fabel geworden, und Horaz lobt deswegen den Homer, daß er solches nicht gethan hat.

NEC REDITUM DIOMEDIS AB INTERITU MELEAGRI,
NEC GEMINO BELLUM TROIANUM ORDITUR AB OUO:
SEMPER AD EUENTUM FESTINAT.


16. §. Diejenigen Poeten haben also keinen rechten Begriff von der Fabel gehabt, die sich eingebildet, sie müßte so vollständig seyn, daß weder forne noch hinten das geringste daran fehlte. Dahin gehört Statius, der den ganzen Lebenslauf des Achilles in ein Gedichte gebracht; und bey den Griechen der Verfasser der kleinen Ilias, dessen Aristoteles gedenket, welcher gleichfalls den ganzen trojanischen Krieg in eins gezogen, davon uns die große Ilias nur ein Stücke von anderthalb Monaten erzählet. Dahin gehört auch Milton, der in dem verlohrnen Paradiese nicht nur den Fall Adams, und seine Ursache, nämlich die Verführung Satans; sondern auch die Schöpfung der Welt, ja was vor derselben vorgegangen, nämlich den Fall Lucifers erzählet. Vielweniger werden die Verwandelungen des Ovidius für ein einzig Gedichte können angesehen werden; als worinn eben so wenig, als in den äsopischen Fabeln, eine einzige moralische Fabel zum Grunde liegt. Die Ilias ist einem königlichen Pallaste, voller Zusammenhang, Ordnung und Schönheit gleich: Die Verwandlungen des Ovidius aber sind einer ganzen Stadt zu vergleichen, die aus so vielen Bürgerhäusern zusammen gesetzt ist, als Fabeln sie enthält; welche nicht mehr Verknüpfung mit einander haben, als daß sie an einander stoßen und mit einer Ringmauer umgeben sind. Die äsopischen Fabeln könnte man nach eben dieser Allegorie ein großes Dorf nennen, darinn jede Fabel eine Bauerhütte vorstellet, die eben so viel, ja noch mehr Thiere, als Menschen in sich zu halten pflegt.
17. §. Noch eine Abtheilung der Fabeln ist nöthig anzumerken, da sie nämlich in Haupt- und Nebenfabeln unterschieden werden. Dieser Unterscheid findet sonderlich in Heldengedichten, Romanen und theatralischen Stücken statt. Daselbst ist eine die größeste und wichtigste, die im ganzen Gedichte zum Grunde liegt, und gar wohl ohne die übrigen bestehen könnte. Auf diese kömmt denn hauptsächlich die Schönheit des ganzen Werkes an, weil sie eigentlich zum Zwecke des Verfassers führet, und die moralische Absicht desselben unmittelbar befördert. Dergleichen war die oben angeführte Hauptfabel der Ilias. Dergleichen ist auch in Sophoklis Antigone, welche Opitz verdeutschet hat, die Grausamkeit Kreons, der den Körper des Polynikes, eines Sohns des Oedipus und der Iokasta, unter freyen Himmel werfen, und die Prinzeßin Antigone, die sich ihres todten Bruders annahm, und ihn begrub, in eine Höle versperren ließ; darüber er denn nicht nur seinen Sohn Hämon, sondern auch seine Gemahlinn Euridice, einbüßete, und endlich selbst in Verzweifelung und Raserey fiel. Die Neben-oder Zwischenfabeln aber sind alle die Einschiebsel und beyläufigen Erzählungen gewisser kleinerer Begebenheiten, die mit der größern einigermaßen zusammenhangen, und theils zur Verlängerung, theils zur Abwechselung, theils auch zum Verstande der Hauptfabel etwas beytragen. Dergleichen sind in der Ilias unzähliche von Göttern und Helden, die Homer überall eingestreuet hat; in der Aeneis die Begebenheiten von der Dido, und den Lustspielen, die Aeneas seinem Vater zu Ehren angestellet hat; in dem Gottfried die Liebesgeschichte von Sophronia und Olindo; im Don Quixote der kleine Roman von Cardenio, und dem eifersüchtigen Bruder; im Telemach die Historie vom ägyptischen Könige Sesostris; in der Banise die Eroberung verschiedener Städte, und die dabey verübten Grausamkeiten, u.d.m.
18. §. Bey allen diesen poetischen Fabeln fragt sichs nun: Ob sie nothwendig moralische Absichten haben müssen? Man antwortet darauf, daß es freylich wohl möglich sey, Fabeln zur bloßen Belustigung zu ersinnen; dergleichen manches Mährlein ist, das die Ammen ihren Kindern erzählen, ja dergleichen die meisten Romanschreiber in ihren Büchern ausbrüten, auch viele unzeitige Comödienschreiber auf der Schaubühne ausgehecket haben; sie mögen nun Welsche, Franzosen, Engländer oder Deutsche seyn. Allein da es möglich ist, die Lust mit dem Nutzen zu verbinden, und ein Poet nach der bereits gegebenen Beschreibung auch ein rechtschaffener Bürger und redlicher Mann seyn muß: so wird er nicht unterlassen, seine Fabeln so lehrreich zu machen, als es ihm möglich ist; ja er wird keine einzige ersinnen, darunter nicht eine wichtige Wahrheit verborgen läge. Denn

OMNE TULIT PUNCTUM, QUI MISCUIT VTILE DULCI,
LECTOREM DELECTANDO PARITERQUE MONENDO.

HOR. ART. POET.


Die alten Griechen sind uns hier mit guten Exempeln vorgegangen. Alle ihre Fabeln stecken voller Sittenlehren, und es war eine so gemeine Sache, daß ihre Poeten erbauliche Fabeln schrieben, und auf der Bühne vorstellen ließen, daß man auch allezeit sagte: Eine Fabel, das ist eine Tragödie oder Comödie NB. lehren:

VEL QUI PRAETEXTAS, VEL QUI DOCUERE TOGATAS.

HORT. ART. POET.


19. §. So ist z.E. die Fabel der Odyssee beschaffen, wie Aristoteles selbst uns den Auszug davon macht. Ein König ist viele Jahre aus seinem Hause abwesend. Neptun verfolgt ihn, und beraubt ihn aller seiner Gefährten. Indessen ist bey ihm zu Hause alles in Unordnung: sein Vermögen wird verschwendet; seine Gemahlinn und sein Prinz stehen in Gefahr. Endlich aber kömmt er nach vielen Ungewittern glücklich an, erkennet etliche von den Seinigen, erlegt durch ihren Beystand seine Feinde, und bringt alles wieder in Ordnung. So ist auch die Fabel vom Oedipus, dem berühmtesten Trauerspiele, das bey den Alten ge macht worden, beschaffen. Oedipus bittet die Götter um die Abwendung der Pest, wodurch Thebe verwüstet wurde. Das Orakel antwortet: Man müsse den Tod des Königes Lajus an dessen Mördern rächen. Er untersuchet derowegen die Sache; findet aber nicht nur, daß er selbst der Thäter sey, sondern gar ein Sohn des Lajus gewesen, und folglich an der Iokasta, dessen Witwe, seine eigene Mutter geheirathet habe. Darüber bestraft er sich selbst, indem er sich die Augen ausreißt, ins Elend geht, und also seinem Volke die Gesundheit wieder herstellet. Wer sieht hier nicht, daß beyde Fabeln vollkommen moralisch sind, und die wichtigsten Lehren in sich fassen? wenn man sie gleich nur überhaupt ansieht, und der überall eingestreuten Sittensprüche nicht einmal wahrnimmt. In der ersten lehrt der Poet, die Abwesenheit eines Herrn, aus seinem Hause oder Reiche sey sehr schädlich: in der andern aber, daß die Vorhersehung der Götter untrüglich sey, und durch keine menschliche List und Vorsicht irre gemacht werden könne. Ein jeder, der nur seinen eigenen Augen trauet, wird also keines fernern Beweises nöthig haben, und die Einwürfe selbst beantworten können, die le Clerc in seinen Parrhasianis dawider gemacht, und die ich neulich den critischen Beyträgen, ins deutsche übersetzt, eingeschaltet habe.
20. §. Wie greift man indessen die Sache an, wenn man gesonnen ist, als ein Poet ein Gedichte oder eine Fabel zu machen? Dieses ist freylich das Hauptwerk in der ganzen Poesie, und also muß es in diesem Hauptstücke nicht vergessen werden. Vielen, die sonst ein gutes Naturell zur Poesie gehabt, ist es bloß deswegen nicht gelungen, weil sie es in der Fabel versehen haben. Sie haben die Charaktere, die Sitten, die Gedancken, die Gemüthsbewegungen, und die Ausdrückungen bisweilen sehr wohl eingerichtet: allein die Begebenheiten sind unwahrscheinlich, seltsam, ja widersprechend, den Zeiten und Oertern und sich selbst nicht gemäß gewesen. So viel schlechte Heldengedichte, Tragödien, Comödien und Romane sind gemeiniglich nur in diesem Stücke mangelhaft: so vieler kleiner Fabeln, in andern Gattungen der Poesie, voritzo nicht zu gedenken. Es ist also der Mühe schon werth, daß wir uns bekümmern, wie man alle Arten der Fabeln erfinden, und regelmäßig einrichten könne?
21. §. Zu allererst wähle man sich einen lehrreichen moralischen Satz, der in dem ganzen Gedichte zum Grunde liegen soll, nach Beschaffenheit der Absichten, die man sich zu erlangen, vorgenommen. Hierzu ersinne man sich eine ganz allgemeine Begebenheit, worinn eine Handlung vorkömmt, daran dieser erwählte Lehrsatz sehr augenscheinlich in die Sinne fällt. Z.E. Gesetzt, ich wollte einem jungen Prinzen die Wahrheit beybringen: Ungerechtigkeit und Gewaltthätigkeit wären abscheuliche Laster. Diesen Satz auf eine angenehme Art recht sinnlich und fast handgreiflich zu machen, erdenke ich folgende allgemeine Begebenheit, die sich dazu schicket; indem man daraus die Abscheulichkeit des gedachten Lasters sonnenklar sehen kann. Es war jemand, wird es heißen, der schwach und unvermögend war, der Gewalt eines Mächtigern zu widerstehen. Dieser lebte still und friedlich; that niemanden zu viel, und war mit dem wenigen vergnügt, was er hatte. Ein Gewaltiger, dessen unersättliche Begierden ihn verwegen und grausam machten, ward dieses kaum gewahr, so griff er den Schwächern an, that mit ihm, was er wollte, und erfüllete mit dem Schaden und Untergange desselben seine gottlose Begierden. Dieses ist der erste Entwurf einer poetisch-moralischen Fabel. Die Handlung, die darinn steckt, hat die folgenden vier Eigenschaften. 1) Ist sie allgemein, 2) nachgeahmt, 3) erdichtet, 4) allegorisch, weil eine moralische Wahrheit darinn verborgen liegt. Und so muß eben der Grund aller guten Fabeln beschaffen seyn, sie mögen Namen haben, wie sie wollen.
22. §. Nunmehro kömmt es auf mich an, wozu ich diese Erfindung brauchen will; ob ich Lust habe, eine äsopische, comische, tragische, oder epische Fabel daraus zu machen? Alles beruht hierbey auf der Benennung der Personen, die darinn vorkommen sollen. Aesopus wird ihnen thierische Namen geben, und ohngefähr sagen: Ein Schäfchen, welches ganz friedlich am Strome stund, und, seinen Durst zu löschen, trinken wollte, ward von einem Wolfe angefallen, der am obern Theile eben desselben Wassers soff, und seiner von ferne ansichtig wurde. Dieses räuberische Thier beschuldigte das Schaf, es hätte ihm das Wasser trübe gemacht; so, daß er nicht hätte trinken können: und wiewohl sich dasselbe, durch die Unmöglichkeit der Sache, aufs beste entschuldigte; so fragte der Wolf doch nichts darnach, sondern griff es an, und fraß es auf. Wollte jemand diese thierische, und folglich unglaubliche Fabel, in eine menschliche und desto wahrscheinlichere verwandeln: so dürfte man nur diejenige nachschlagen, die dort Nathan dem Könige David erzählet. Ein armer Mann, wird sie lauten, hatte ein einzig Schäfchen, welches er sehr lieb hatte: sein reicher Nachbar hergegen besaß große Heerden. Dieser letztere nun bekam Gäste, und weil er sie zwar wohl aufzunehmen, aber doch von seinen eigenen Schafen keins zu schlachten, willens war: so schickte er zu seinem Nachbar, und ließ ihm sein einzig Schäfchen mit Gewalt nehmen, es schlachten und seinen Gästen zubereiten. Dieses ist eben so wohl eine äsopische Fabel, als die obige.
23. §. Wäre ich willens, eine comische Fabel dar aus zu machen, so müßte ich sehen, daß ich das Laster der Ungerechtigkeit als ein lächerliches Laster vorstellen könnte. Denn das Auslachenswürdige gehört eigentlich in die Comödie, das Abscheuliche und Schreckliche hergegen läuft wider ihre Absicht. Ich müßte es also bey einer kleinen Ungerechtigkeit bewenden lassen, deren Unbilligkeit zwar einem jeden in die Augen fiele, die aber doch kein gar zu großes Mitleiden erwecken könnte. Die Personen, müßten hier entweder bürgerlich, oder zum höchsten adelich seyn, denn Helden und Prinzen gehören in die Tragödie. Derjenige aber, der das Unrecht thäte, müßte endlich darüber zum Spotte und Gelächter werden. Die Namen würden nur dazu erdacht, und man dörfte sie nicht aus der Historie nehmen. Ich sage also: Herr Trotzkopf, ein reicher, aber wollüstiger und verwegener Jüngling, hat einen halben Tag mit Schmausen und Spielen zugebracht; geräth aber des Abends in ein übelberüchtigtes Haus, wo man ihm nicht nur alle seine Baarschaft nimmt, sondern auch das Kleid vom Leibe zieht, und ihn so entblößt auf die Gasse hinausstößt. Er fluchet und poltert eine Weile vergebens, geht aber endlich, mit dem bloßen Degen in der Hand, Gasse auf, Gasse nieder; in dem Vorhaben, dem ersten, dem besten, mit Gewalt das Kleid zu nehmen, und also nicht ohne Rock nach Hause zu kommen. Es begegnet ihm Herr Ruhelieb, ein friedfertiger Mensch, der von einem guten Freunde kömmt, und etwas spät nach Hause geht. Diesen fällt er an, nöthiget ihn nach dem Degen zu greifen, entwaffnet, ja verwundet ihn ein wenig, und zwinget ihn also das Kleid auszuziehen und ihm zu geben. Kaum hat er selbiges angezogen, um damit nach Hause zu gehen, so stehen an der andern Ecke der Straße ein paar tüchtige Kerle, die von Herrn Ruheliebs Feinden erkauft worden, denselben wacker auszuprügeln. Diesen fällt Herr Trotzkopf in die Hände, und ob er gleich Leib und Seele schweret, daß er nicht derjenige sey, dafür sie ihn ansehen: so wird er doch wacker abgestraft; so, daß er aus Zorn und Ungeduld, Kleid, Hut und Perrücke wieder von sich wirft, und ganz braun und blau nach Hause läuft.
24. §. Weil diese Fabel zu einer vollständigen Comödie noch zu kurz ist, so müßte man etliche Zwischenfabeln dazu dichten. Herr Trotzkopf müßte irgend eine Liebste haben, der er von seiner Herzhaftigkeit vorgesagt hätte. Diese müßte nun durch das nächtliche Lärmen aufgeweckt werden, und irgend zum Fenster hinaus sehen, auch an der Stimme ihren Liebhaber erkennen. Oder es könnte sonst ein Patron desselben solches gewahr werden, der von seiner bösen Lebensart nichts gewußt hätte. Es müßten noch mehr Personen an der Sache Theil nehmen, um dadurch die Aufzüge zu füllen, und die Begebenheit wahrscheinlich zu machen. Kurz, die Abtheilung und Auszierung müßte nach den Regeln gemacht werden, die im andern Theile, wo von der Comödie insbesondre gehandelt wird, vorkommen sollen. So viel ist indessen gewiß, daß in dieser Fabel noch immer jene erstere allgemeine zum Grunde liegt, und die moralische Wahrheit, von der Gewaltthätigkeit, allegorisch in sich begreift.
25. §. Die Tragödie ist von der Comödie nur in der besondern Absicht unterschieden, daß sie an statt des Gelächters, die Verwunderung, das Schrecken und Mitleiden zu erwecken suchet. Daher pflegt sie sich lauter vornehmer Leute zu bedienen, die durch ihren Stand, Namen und Aufzug mehr in die Augen fallen, und durch große Laster und traurige Unglücksfälle solche heftige Gemüthsbewegungen erwecken können. Ich werde also sagen: Ein mächtiger König sah, daß einer seiner Unterthanen ein schönes Landgut hatte, welches er gern selbst besessen hätte. Er both ihm anfänglich Geld dafür: als jener es aber nicht verkaufen wollte, brauchte er Gewalt und List. Er ließ den Unschuldigen durch erkaufte Kläger, falsche Zeugen und ungerechte Richter vom Leben zum Tode bringen, seine Güter aber unter seine Kammergüter ziehen. Dieses ist der Grundriß zu einer tragischen Fabel, woran nichts mehr fehlt, als daß man noch in der Historie etliche Namen suche, die sich zu dieser Fabel einigermaßen schicken. Mir fällt hier gleich der König Achab ein, der den Naboth auf solche ungerechte Art um seinen Weinberg gebracht hat. Hier könnte man die Jesabel ihre Rolle auch spielen lassen, imgleichen der Ehgattinn Naboths etwas zu thun geben: so würde die Fabel zu einer Tragödie lang genug werden, und sowohl einen Abscheu gegen die Ungerechtigkeit Achabs, als ein Mitleiden gegen den unschuldig leidenden Naboth, erwecken. Die besondern Regeln des Trauerspiels werden gleichfalls im II. Theile in einem eigenen Capitel vorkommen.
26. §. Endlich folgt die epische Fabel, die sich für alle Heldengedichte und Staatsromane schicket. Diese ist das fürtrefflichste, was die ganze Poesie zu Stande bringen kann, wenn sie nur auf gehörige Art eingerichtet wird. Ein Dichter wählt also dabey in allen Stücken das beste, was er in seinem Vorrathe hat, ein so großes Werk damit auszuschmücken. Die Handlung muß wichtig seyn, das ist, nicht einzelne Personen, Häuser oder Städte; sondern ganze Länder und Völker betreffen. Die Personen müssen die ansehnlichsten von der Welt, nämlich Könige und Helden und große Staatsleute seyn. Die Fabel muß nicht kurz, sondern lang und weitläuftig werden, und in dieser Absicht mit vielen Zwischenfabeln erweitert seyn. Alles muß darinn groß, seltsam und wunderbar klingen, die Charactere, die Gedanken, die Neigungen, die Affecten und alle Ausdrückungen, das ist, die Sprache oder die Schreibart. Kurz, dieses wird das Meisterstück der ganzen Poesie. Aus dieser Ursache werde ich also meine obige Fabel so einkleiden: Ein junger Prinz, in welchem eine unersättliche Ehrbegierde brennet, suchet sich durch die Macht der Waffen einen großen Namen zu machen. Er rüstet derowegen ein gewaltiges Heer aus, überzieht erst die benachtbarten kleinen Staaten mit Krieg, bezwingt sie, und wird dadurch immer mächtiger. Durch List und Geld trennet er die Bündnisse seiner stärkern Nachbarn, greift sie darauf einzeln an, und bemeistert sich aller ihrer Länder. Da er nun endlich so groß geworden ist, als es möglich war, aber auch zugleich ein Abscheu aller Welt geworden, fällt seine Hoheit auf eine schmähliche Art, und er nimmt ein klägliches Ende.
27. §. Diese Hauptfabel eines Heldengedichtes nach den besondern Regeln desselben einzurichten, ist dieses Orts noch nicht. Ich merke nur dieses an, daß sie nicht zum Lobe der Hauptperson, sondern zur Schande derselben gereichen würde; und darinn ist sie von den berühmten Heldengedichten der Alten unterschieden. Meine allererste allgemeine Fabel, und der darinn zum Grunde gelegte Lehrsatz ließ solches nicht anders zu: die Regeln des Heldengedichtes aber verbiethen solches nicht; wiewohl ich es selber für rathsamer achte, löbliche, als strafbare Handlungen zu verewigen. Nichts mehr fehlt bey der also gestalteten Fabel, als die Benennung der Personen. Das steht aber wiederum bey mir. Ich suche in der Historie dergleichen Prinzen, die sich zu meiner Absicht schicken, und mein Vaterland insbesondre angehen. Wäre ich ein Grieche von Geburt, so würde ich mir den Xerxes wählen, der nach vielen Gewaltthätigkeiten aus der marathonischen Schlacht elendiglich entfliehen müssen. Wäre ich ein Persianer, so würde ich den großen Alexander nehmen, der nach Eroberung von halb Asien zu Babylon ein frühes Ende genommen. Wäre ich ein Römer, so würde Hannibal mein Held werden, der mit Schimpf und Schande aus Italien entweichen müssen, als Scipio seine Hauptstadt Carthago in Africa belagerte. Wäre ich ein alter Gallier, so könnte Attila die Hauptperson meines Gedichtes abgeben, der in den catalaunischen Feldern aufs Haupt geschlagen worden. Weil ich aber itzo in Deutschland lebe; so dörfte ich nur Ludewig den XIV. und dessen bey Hochstädt gedämpften Uebermuth in meinem Gedichte beschreiben. Ich würde demselben den Titel des herrschsüchtigen Ludewigs, oder des eingebildeten Universalmonarchen geben: so hätte es in diesem Stücke seine Richtigkeit, und die Nebenfabeln, sammt allen dazu gehörigen Personen müßten, nach Beschaffenheit der Umstände und Geschichte, bequemet, und also aufs wahrscheinlichste eingerichtet werden.
28. §. Aus dem allen erhellet nun sonder Zweifel, wie man mit Grunde der Wahrheit sagen könne, daß die Fabel das Hauptwerk der ganzen Poesie sey; indem die allerwichtigsten Stücke derselben einzig und allein darauf ankommen. Es ist aber auch daraus abzunehmen, mit wie vielem Grunde Aristoteles von der Dichtkunst sagen können, daß sie weit philosophischer sey, als die Historie, und viel angenehmer, als die Philosophie. Ein Gedichte hält in der That das Mittel zwischen einem moralischen Lehrbuche, und einer wahrhaftigen Geschichte. Die gründlichste Sittenlehre ist für den großen Haufen der Menschen viel zu mager und zu trocken. Denn die rechte Schärfe in Vernunftschlüssen ist nicht für den gemeinen Verstand unstudirter Leute. Die nackte Wahrheit gefällt ihnen nicht: es müssen schon philosophische Köpfe seyn, die sich daran vergnügen sollen. Die Historie aber, so angenehm sie selbst den Ungelehrten zu lesen ist, so wenig ist sie ihnen erbaulich. Sie erzählt lauter besondre Begebenheiten, die sich das tausendstemal nicht auf den Leser schicken; und wenn sie sich gleich ohngefähr einmal schickten; dennoch viel Verstand zur Ausdeutung bey ihm erfordern würden. Die Poesie hergegen ist so erbaulich, als die Moral, und so angenehm, als die Historie; sie lehret und belustiget, und schicket sich für Gelehrte und Ungelehrte: darunter jene die besondre Geschicklichkeit des Poeten, als eines künstlichen Nachahmers der Natur, bewundern; diese hergegen einen beliebten und lehrreichen Zeitvertreib in seinen Gedichten finden.
29. §. Ein jeder sieht wohl, daß die gemeinen Romane in einer so löblichen Absicht nicht geschrieben sind. Ihre Verfasser verstehen oft die Regeln der Poesie so wenig, als die wahre Sittenlehre: daher ist es kein Wunder, wenn sie einen verliebten Labyrinth in den andern bauen, und eitel Thorheiten durcheinander flechten, ihre wollüstige Leser noch üppiger zu machen, und die Unschuldigen zu verführen. Wenn sie erbaulich seyn sollten, müßten sie nach Art eines Heldengedichtes abgefasset werden, wie Heliodorus, Longus, Cervantes und Fenelon einigermaßen gethan haben. Zieglers Banise ist bey uns Deutschen noch der allerbeste Roman, das macht, daß er in wenigen Stücken von den obigen abweicht; kann auch daher von verständigen und tugendliebenden Gemüthern noch mit einiger Lust und Nutzen gelesen werden.
Von neuern französischen kann man den reisenden Cyrus, den Sethos, und die Ruhe des Cyrus dazu nehmen, wiewohl sie in der Dauer der Fabel, von der Regel abweichen. Von lustigen Heldengedichten sind auch Hudibras, der Pult des Boileau, die geraubte Haarlocke, und die Tänzerinn mit hieher zu rechnen.
30. §. Indessen darf niemand denken, die Fabel wäre bloß in den großen Gattungen der Gedichte brauchbar, und müßte also nicht für etwas allgemeines ausgegeben werden. Man kann sie überall anwenden, und in allen kleinern Arten der poetischen Werke mit Nutzen einmischen. In Oden, Elegien, Schäfergedichten und Satiren, ja auch in poetischen Briefen, haben die Alten und Neuen sich ihrer Dichtungskraft mit gutem Fortgange bedienet. Deswegen aber leugne ich nicht, daß nicht die erstern und unvollkommenern beyden Gattungen der Nachahmung, nämlich die Beschreibungen und Ausdrückungen der Gemüthsbeschaffenheiten, in diesen kleinern Gedichten gleichsam herrschen sollten. Eben darum aber sind sie auch für geringer zu halten, als die großen poetischen Werke, wo die Fabel zum Grunde liegt. Wer jene geschickt verfertiget, der heißt zwar auch ein Dichter, in so weit er der Natur nachahmet; aber ein Dichter von weit geringerer Fähigkeit, als einer, der, in großen moralischen Fabeln, die Handlungen der Menschen auf eine so vollkommene Art vorzustellen vermögend ist. Wer ein gut Naturell und Lust zur Poesie hat, der fängt vom Kleinen an; strebt aber mit einer löblichen Ehrliebe nach dem Vollkommensten. Wer diesen Gipfel nicht erreichen kann, der bescheidet sich auch, daß er kein großer Poet ist, und begnügt sich, wenn er unter den kleinen Dichtern einiges Lob verdienet. Unser Vaterland hat auch in der That noch nicht viel große Poeten hervorgebracht: weil wir in den großen Gattungen der Gedichte noch kein recht gutes Original aufzuweisen haben. Mit Uebersetzungen aber ist es nicht ausgerichtet. Wenn ich gleich die Ilias und Odyssee, und die Aeneis noch dazu, in die schönsten deutschen Verse übersetzte: so würde ich dadurch eben so wenig ein Poet, als die Frau Dacier durch ihre ungebundne französische Uebersetzung eine Dichterinn geworden ist. Es muß etwas Eigenes, es muß eine neue poetische Fabel seyn, deren Erfindung und geschickte Ausführung mir den Namen eines Dichters erwerben soll. Es ist aber nunmehro mit vieler Wahrscheinlichkeit zu hoffen, daß wir bald mehr dergleichen vortreffliche Geister unter unsern Landesleuten erleben werden.


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Fußnoten

¹ Der Pater Bossü in seinem Tractate vom Heldengedichte auf der 276 S. schreibt davon so: NOUS POUVONS ENCORE METTRE AU NOMBRE DES MATIERES, QUI NE SONT PAS POETIQUES, LES DESCRIPTIONS DE PALAIS, DE JARDINS, DE BOCAGES, DE RUISSEAUX, DE NAVIRES, & DE CENT CHOSES NATURELLES & ARTIFICIELLES; LORSQUE CES DESCRIPTIONS SONT FAITES UN PEU TROP AU LONG, D'UNE MANIERE SIMPLE, PROPRE & SANS ALLEGORIE. C'EST CE, QU'HORACE NOMME DES LAMBEAUX ÉCLATANS QUE LES POETES PLACENT QUELQUESFOIS TRES-MAL, PENSANT QUE CES FAUTES SERONT DE BEAUX ORNEMENS DE LEURS OUVRAGES. CELA EST BON EN DE PETITS POEMES. d.i. Unter die Materien, die nicht poetisch sind, können wir auch die Beschreibungen von Pallästen, Garten, Gebüschen, Flüssen, Schiffen, und hundert andern natürlichen und künstlichen Dingen zählen, wenn sie ein bischen zu lang, schlechtweg, und ohne Allegorie gemacht sind. Das nennt Horaz glänzende Lappen, welche die Poeten oftmals sehr übel anbringen, und glauben, diese Fehler würden ihre Gedichte zieren. Dieß ist gut in kleine Gedichte.

² Wie Aristoteles im VI. Capitel seiner Poetik schreibt:
ἀρχὴ [μὲν οὗν] καὶ οἷον ψυχὴ [ὁ] μῦθος.


³ Τὸν δ᾽ ἄρ᾽ ὑπὸ ζυγόφι προσέφη πόδας αἰόλος ἵππος Ζάνθος [ἄφαρ δ᾽ ἤμυσε καρήατι∙ πᾶσα δὲ χαίτη ζεύγλης ἐξεριποῦσα παρὰ ζυγὸν οὖδας ἵκανεν∙ αὐδήεντα δ᾽ ἔθηκε θεὰ λευκώλενος Ἥρη∙] καὶ λίην σ᾽ ἔπι νῦν γε σαώσομεν ὄβριμ᾽ Ἀχιλλεῦ∙ ἀλλά τοι ἐγγύθεν ἧμαρ ὀλέθριον∙ οὐδέ τοι ἡμεῖς αἴτιοι, ἀλλὰ θεός τε μέγας καὶ Μοῖρα κραταιή.
Iliad. L. XIX.
D.i. Hierauf antwortete ihm neben dem Joche sein schnelles Pferd Xanthus: – – – Tapferer Achilles, dießmal zwar wollen wir dich noch beym Leben erhalten: Aber ehestens wird der Tag deines Todes herbeyrücken; und daran werden nicht wir Schuld haben, sondern ein großer Gott und das mächtige Verhängniß.


Siehe die Beurtheilung desselben in der critischen Beyträge II. Bande.

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