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Giovanni Pontano: Sodales invitat ad Martinalia

Werkstatt / Reihen

Giovanni Pontano – Baiae I.17

Sodales invitat ad Martinalia


  
Martini sacer est dies. Abite,
Curae pervigiles; venite, somni;
Quicquid sollicitum, recedat a me,
Dulces undique perstrepant cachinni;
Hac nil luce bibacius sit usquam,
Nil his somniculosius tenebris.
Sed somnos pater excitet Lyaeus.
Festina, puer, i, petrutianas
Cellas ictibus usque verberato:
Illas nam pater incolit Lyaeus,
Illinc promito, quas volo, quietes.
Cretensis fluat hinc et inde bacchus,
Hinc illinc liquor aureus Falerni;
Certent Massica caecubis racemis,
Et levis Chios, ac severa Lesbos,
Ac Vernacia brutiis diotis;
Fundat regia Moroan Panhormus,
Sed nec Corsica Barolumque gratae
Bacchi delitiae, aut madens Tarentum
Non dulces mihi funditent lagenas;
Mitte et, Melphia, Clariana, mitte.
Muscatum mihi mittat haec, et illa:
Raros postulat haec dies liquores,
Nardo non sine myrteoque rore.
Tu Scalam pete non novum sodalem:
Dic, e scriniolo sinuque amatae
Uxoris mihi cyprios odores,
Zebethi quoque proferat liquores.
Heu quod frigida me gravat senecta:
Non, non haec sine vinula puella
Abiret mihi nox. Adest Lyaeus,
Adest laetitiae pater; valete
Tristes excubiae, sopor venito;
Misce nunc cyathos, puer, repostos.
Sic somni pater imperat Lyaeus.

(1490 - 1500)


Giovanni Pontano – Baiae I.17

Sodales invitat ad Martinalia


  
Es ist Sankt Martins heiliger Tag. Hinfort
Mit schlaflosen Sorgen; Träume willkommen;
Dringende Arbeit sei sämtlich fern von mir,
Überall soll süßes Gelächter schallen:
Nichts ist je trinkerischer als dieser Tag
Und nichts ist schläfriger als diese Schatten.
Aber Träume scheucht Vater Linaeus auf:
Eilig, Junge, lauf und füge Petruccis
Weinkellern die empfindlichsten Schläge zu
(in ihnen nämlich wohnt Vater Linaeus)
Und hol die Ruhe, nach der ich verlange.
Hier und überall fließe kretischer Wein,
Hier und überall goldener Falerner;
Lass Reben von Massica und Caecuba,
Liebliche aus Chios, trockne aus Lesbos,
Den Vernatsch und den Bruttiert wettstreiten;
Palermo gieße seinen Moroer aus;
Aber Korsika, Piemont und Tarent,
Die besoffenen Lieblinge des Bacchus,
Sollen nicht die süßen Fässer ausschütten;
Doch Melfi und Clariana können gern
Mir beide ihren Muskateller schicken:
Denn dieser Tag fordert seltene Weine,
Nicht ohne Narden und zyprische Myrrhe.
Hol auch Scala her, der kein neuer Freund ist,
Bitt ihn um zyprische Düfte aus seinem
Kästlein oder vom Busen seiner Gattin,
Schau, ob er zebethisches Nass auch rausrückt.
Ach, wie das kalte Alter auf mir lastet:
Nein, nicht ohne ein weinseliges Mädchen
Soll diese Nacht vergehn. Linaeus ist hier,
Der Vater der Fröhlichkeit ist hier: leb wohl,
Sorgenvolles Wachliegen; Schläfrigkeit, komm.
Junge, mische noch einmal unsre Becher:
Linaeus, Vater der Träume, befiehlt es.


(Deutsch von Tobias Roth)

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