Gili Haimovich: Zwei Gedichte
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Foto: privat
Gili Haimovich
Zwei Gedichte
Aus dem Hebräischen von Gundula Schiffer
Im Erdloch
Ein Säugling sein
eine rosafarbene Häsin sein,
das Herz hüpft,
deine Putzigkeit hängt am Haken deines Schwänzchens
alles verschlingt eine Gefahr oder ein Versprechen
die Erdlöcher sind immer lang,
auch wenn dein Kopf hindurchgeht
durch die Öffnung einer Bluse bricht,
auf ihrer Schwelle liegt immer der Fall verborgen.
Nein, du bist nicht Alice.
Ein Säugling sein
lernen, die ersten Schritte zu tun
wie den Schritt
hin zum Schnitt,
jedes Mal verlassen werden mit der Präzision des ersten
Mals.
Aufgefangen im Handinnern,
das größer ist als er,
der winziger als die Koseworte.
Gesalbt, wie eine Prophetin, mit dem Honig der Streicheleinheit,
noch bevor sie geschlüpft ist
aus dem Bauch von Mutter oder Erde.
Ein Säugling sein,
ein Wimmern sein,
binär sein:
Gelocht oder verstopft
mit einem Schnuller.
Wie alle wilden Tiere
sind es die zuckersüßen
die am leichtesten überleben
auch außerhalb des Waldes.
Über der Wunde,
ein Hut mit Hasen-Schwanz-Bommel,
denn es gibt keine Wahl.
Auch kein Zurück
in irgendeinen Bauch,
Mutter oder Erde.
Über sie hin zappelnd.
Ohne eine Berührung kommst du nicht vorwärts.
Sein,
alles zittert, ist aufgeschwollen,
entfaltete Möglichkeiten und Fremdheiten,
je mehr er weiß
umso beliebiger ist es. Das Auge kann
für sich umherstreifen, Details sammeln,
unbeaufsichtigt.
Die Sense berührt, bricht dich runter auf Einsicht.
Die Fische – Zweite Begegnung
Für Ilan Berkovitch
„Es gibt jetzt zumindest
ein einziges, lebendiges Geschöpf, das dank meiner Behandlung überlebt
hat. Das ist äußerst wenig
angesichts des grenzenlosen Leids dieser Welt. Und trotzdem
wird es mir ein wenig leichter ums Herz, wenn ich ihn betrachte,
einen Fisch aus den Schilfbeeten des Amazonas, schwebend
zwischen den blauen Wasserrosen des Nils und den Pfeilkraut-Blättern.“
(Jaan Kaplinski, Staub und Farben, ins Hebräische übersetzt
von Gili Haimovich)
Das erste Gedicht über die Fische schrieb Jaan
Kaplinksi
ins Englische übersetzte es für mich Mathura
und Ilan, der Dichter weinte, als sein Haus zerstört
wurde
wo er seine Fische hatte zurücklassen müssen.
Und wir?
Zappeln im territorialen Gewässer
über den Splittern von Glasscheiben und eines Traums
welche die Raketen aus dem Iran zerschmettert haben.
Gib mir eine Flosse, und ich schwimme zum Ende des
Gedichts.
Der Klavierlehrer meiner Tochter hat einen Goldfisch
bei ihr in Pflege gegeben.
Jetzt treibt sie über die Noten hin,
halb nachsinnend – halb abwesend,
eine Meerjungfrau, „Bat Jam“
nicht die Stadt meine ich, in die der Dichter Ilan mit
seiner Familie floh
denn selbst die wurde bombardiert,
sondern halb hier, zwischen Häuserwracks und Raketen –
und halb dort,
mit Fischen und Büchern aus anderen, unermüdlichen
Ozeanen
dazwischen wir, denen uns die Kräfte schwinden, zappelnd-klammernd
zwischen Festland und Fantasien.
„Im Erdloch“, in: Trennungs-Versuche
(Nisujim Bifreda, Hoza’at
Sifrei Iton 77, 2023); „Die Fische – Zweite Begegnung“ ist im hebräischen Original
bisher unveröffentlicht.
Veranstaltungshinweise für Düsseldorf und
Köln im November:
Zwischen Versen und Kriegen. Die israelische
Dichterin Gili Haimovich und die iranisch-deutsche Lyrikerin Nahid Ensafpour
treten in einen tiefgründigen literarischen Dialog, Freitag, 20.11.26, 18.00 Uhr, Volkshochschule,
Yorckstraße 43, 40476 Düsseldorf-Derendorf, der Eintritt ist kostenlos, eine
Anmeldung erforderlich: info@kehilanrw.de
Begegnung unter zerrissenen Himmeln. Lyrik
auf Deutsch, Hebräisch und Persisch, mit Gili Haimovich und Nahid Ensafpour, Sonntag, 22.11.26, 15.00 Uhr, Forough Book
Buchhandlung, Jahnstraße 24, 50676 Köln, info@forough-book.com
Gili Haimovich ist eine israelische Dichterin mit kanadischem
Hintergrund, die auf Hebräisch und Englisch schreibt. Sie veröffentlichte
sieben Bücher, zuletzt Trennungs-Versuche (Nisujim Bifreda) und Promised
Lands. Ihre literarische Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, so gewann sie
den Ehrenpreis des Rabindranath Tagore-Lyrikwettbewerbs in Indien, die Wettbewerbe
I Colori dell’ Anima und Ossi di Seppia in Italien und erhielt
ein Exzellenzstipendium des Israelischen Kulturministeriums. Ihre Gedichte sind
weltweit in 35 Sprachen zu lesen; eigenständige Publikationen gibt es auf Französisch, Albanisch,
Serbisch und Estnisch. Gili Haimovich arbeitet außerdem als Übersetzerin und
Herausgeberin. Als Erste machte sie die estnischen Dichter Mathura und Jaan
Kaplinski in hebräischer Sprache bekannt. Außerdem übersetzte sie verschiedene
israelische sowie andere zeitgenössische Dichterinnen und
Dichter aus dem Hebräischen bzw. Englischen. Die von ihr edierte zweisprachige,
englisch-französische Lyrikanthologie Under Our Raptured Sky mit
Autor*innen aus dem Nahen Osten entstand als Reaktion auf das Massaker
des 7. Oktobers und den dadurch ausgelösten Kriegen.
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