Direkt zum Seiteninhalt

Gerhard Falkner: Schorfheide

Rezensionen/Verlage


Amadé Esperer

Gerhard Falkner: Schorfheide. Gedichte en plein air, Berlin (Berlin Verlag) 2019. 128 Seiten. 22,00 Euro.

Schorfheide, eine Wanderung auf der Suche nach der verlorenen Schönheit der Sprache


Gerhard Falkner gehört zu jenen, immer seltener anzutreffenden, Dichtern, die es verstehen, hohe Intellektualität mit sprühendem poetischem Witz zu verschmelzen und aus diesem Gemisch wunderbar funkelnde Lyrik entstehen zu lassen.
    Bereits mit dem ersten 1981 erschienenen Lyrikband so beginnen am körper die tage, betritt Falkner mit einem ganz eigenen lyrischen Ton die poetische Bühne; und von Anfang an ist klar, dass er nicht nur etwas zu sagen hat, sondern dass er auch genau weiß, wie er es am besten sagt, damit es uns in seinen Bann zieht. Schon sehr früh wird auch klar, dass hier eine Stimme spricht, die sich nicht in den Chor der Mainstreamgesänge mischt, sondern rhythmus-, melodien- und sich seiner Themen bewusst, gegen den allzu oft kakophonischen Sound der 1980er und 90er Jahre ansingt.
    Schon früh hatte er seine wichtigsten stilistischen Verfahrensweisen entwickelt, die zu typischen Stilmerkmalen werden sollten und daran mitwirkten, einen unverwechselbaren Falkner-Sound zu etablieren. So wendet er bereits in den frühen Gedichten die Technik der verbalen Punktmutation, wie ich sie nennen möchte, an: Aus einem Aschenputtel wird dadurch ein „Aschenkaputtel“, aus einer Feinschmeckerin eine „Feindschmeckerin“, aus einer verflossenen Mutter eine „vergossene Mutter“ oder aus einem Sterbenswörtchen ein „Sterbensörtchen“. Auf diese Weise reichert Falkner seine Gedichte mit überaus originellen Neologismen an und sorgt so nicht nur für klangliche, sondern auch für semantische Überraschungsmomente. Denn aufgrund der Lautverwandtschaft zwischen den Neologismen und den ursprünglichen, nichtmutierten Wörtern kommt es beim Lesen zum semantischen Oszillieren zwischen den De- und Konnotationen der beiden. Durch diesen „minimal invasiven“ Eingriff auf Wortebene gelingt es Falkner den Assoziationsraum beim Rezipienten schlagartig zu erweitern, was schon aus energetischer Sicht genial ist. Als weiteres Merkmal des typischen Falkner-Sounds finden sich auch schon sehr früh ebenso frappante wie prägnante Metaphern. So etwa in dem Gedicht schädelbasis,- frühe gräber¹, wo es heißt:

wie herbstkräftiges septemberblau
wird es auf die armaturen herunterregnen
eine leise
  in gold gebrühte sekunde
lang
  fernsehbilder werden ankern
  wie flügelsamen
im winzigen einstich an der fontanelle
- hört ihr wie plumpsendes wasser
  die zeit ...

Mit zunehmender poetischer Reife macht sich Falkner daran, auf der Suche nach der verlorenen Schönheit und dem Sublimen vergangener Sprechweisen, die er in der seinerzeitigen Dichtung nicht so recht zu finden vermag, zu erkunden, wie diese früheren Sprechweisen für seine Lyrik nutzbar zu machen sind.
Orientierungspunkt ist ihm dabei vor allem das lyrische Faszinosum Hölderlin und dessen, im Lauf seines Lebens immer fragmentierter werdendes, poetisches Sprechen. In Hölderlin. Reparatur untersucht Falkner durch das Hölderlin‘sche Brennglas blickend, in wie weit das zunehmend kurzatmig gewordene zeitgenössische Sprechen mit dem Atem des Hölderlin‘schen Pathos wiederzubeleben sei. Dabei entwickelt er tatsächlich eine neue Art zu sprechen, indem er einen hohen Ton einmischt in moderne Sprechcluster, indem er hohen Ton mit trivialen Textpassagen konfrontiert, indem er, um es mit seinen eigenen Worten zu sagen: „Heraus-geputztes versus heruntergeputzes Deutsch²“ juxtaponiert. Ergebnis dieser „Hölderlin Reparatur“ sind Gedichte, die oft mit gesteigerter Ironie, oft mit schalkhaftem Witz, manchmal auch mit sarkastischen Invektiven daherkommen und auf Anhieb überzeugen:  

Vegetarischer Schnee³

Ein kleines Knossos
  um den müden Mund
     und um das Haar

das glatt zur Schulter fällt
  ein Hauch
     von Kolchis‘ Garten

so stehst du
  gesenkten Hauptes
     wie Andromache an Hitlers Grab

Pardon! Hektors Grab
  (wieder die Krieger verwechselt)
     vor dem Fahrkartenautomat

und löst, als fütterst du die Sphinx
  mit Münzen
     einen Fahrschein
                                       
Nur in wenigen Gedichten verpufft die poetische Energie ins Manieristische oder tautologisch Unterkomplexe. Dies trifft vor allem auf die Gedichte des Zyklus Nichtverständigungstexte zu. Dagegen sind die Materialschlachten, die nach dem Vorbild von Brinkmanns Westwärts 1&2 gearbeitet sind, diese aber aufgrund ihrer dichteren Intertextualität sowohl an Komplexität als auch an Stringenz übertreffen, ein wahres Prunkstück an tiefenstrukturierter Poesie. Machte sich in Hölderlin. Reparatur Falkners Poetologie schon deutlich bemerkbar – viele Gedichte darin sind ja veritable poetologische – so spielt sie sich in den Ignatien noch stärker in den Vordergrund. Diese Poetologie ist maßgeblich inspiriert von Schlegels Idee der Universalpoesie, die dem Dichter ein Mitspracherecht auf praktisch allen Wissensgebieten einräumt. Falkner schöpft denn auch reichlich Begriffe aus allen möglichen Gebieten, wie Physik, Chemie, Biologie, Neurologie, Metaphysik, analytischer Philosophie, Soziologie, Semiotik und Politik, um nur einige zu nennen.
    Vor allem die Ignatien sind schon stark durchzogen von Sprachkritik und allenthalben weht ein Hauch von frühem Wittgenstein und „Linguistic Turn“. In übersprudelnd witziger Weise – ich finde Falkners Ignatien überhaupt seinen witzigsten und am wenigsten melancholischen Band – wird hier über Strukuralismus und Poststrukturalismus nachgedacht bzw. nachgelacht. Es ist eine überaus anregende und in ihrer Tiefenstruktur wohl nie auszulotende Lyrik, die sich da manifestiert.

Derrida! Die Blumen sind da!
Il y a les fleurs et il y a les fleurs
Tandaradei!
Die Welt ist online und die Ottern lachen.
Verbrechen gegen die Humanität
bleiben ungesühnt.
Na fabelhaft! Alles so saussure!
Alles besitzt uneingeschränkte Relevanz
selbst Antiödipus, Hamletmaschine
und Hölderlin Reparatur machen
keine Ausnahme.
Der Unterschied
zwischen Curt Goetz und Rainald Goetz
zwischen Ann Cotten und Jerry Cotton
ist, genetisch gesehen, irrelevant.
Alles die gleiche Homöobox
das gleiche, trügerische Schillern von Aminosäuren
genetische Strickleitern, codierte Erblast …
                                   
Aber, warum erzähle ich das alles? Hier soll es doch um Schorfheide gehen. Nun, Falkners Schorfheide ist nicht weniger komplex, nicht weniger tiefenstrukturiert als die Ignatien, im Gegenteil dieser Band bietet eine Lyrik, für die erst noch Bestimmungskategorien gefunden werden müssen. Die letzten Worte sind darüber noch lange nicht in Sicht. Aber, bevor man die ersten Worte darüber machen kann, ist es gut, wenn man eine Ahnung hat, wie Falkners Vor-Schorfheide-Lyrik komponiert ist. Denn ein Vergleich von Schorfheide lässt sich aus diversen und vielen Gründen viel besser mit Falkners eigenen Vorgängerwerken als mit den Lyriken Anderer anstellen. Wenn man die Sprache Falkners durch Lektüre der früheren Werke gelernt hat, wird man nicht nur besser verstehen, wovon in Schorfheide die Rede ist, sondern Schorfheide auch als weiteres Spitzenwerk sehen, das sich in die Reihe von Hölderlin. Reparatur und Ignatien als drittes Meisterwerk einfügt, mit ihnen eine Trilogie bildet. Wie im Werk Mozarts, wenn mir der Vergleich erlaubt ist, etwa die drei großen Symphonien in ES-Dur, g-Moll und C-Dur, so bilden im Werk Falkners die genannten Lyrikbände einen Dreiklang, den man zwar jeweils für sich genießen kann, der aber, erst zusammengehört, das ganze Universum der Falkner‘schen Lyrik entfaltet.   

Dies vorausgeschickt, bleibt mir im Grunde nur noch festzustellen: Mit seinem neuesten Gedichtband Schorfheide erreicht Falkner einen weiteren Höhepunkt in seinem lyrischen Schaffen. Alles, was bisher an Stilistischem erreicht wurde, wird hier so gekonnt und routiniert eingesetzt, dass es wie ein feines aber dichtes Gewebe alle möglichen Inhalte tragen kann. Alles, auch Kontrafakturen von bekannten Gedichten Anderer findet sich hier in noch raffinierterer Verspieltheit, in noch stärker akzentuierter Klarheit als in den vorangehenden Bänden. Das ganze Spektrum wird geboten: Frappierende, witzig tänzelnde Neologismen, himmelsstürmende originelle Metaphern sowie pseudokatachrestisch-ironisierende Metaphern, und die vielfältigsten Intertextualitäten, wie Anspielungen, echte Zitate, modifizierte und Pseudozitate:

Hier wo ich an den Kletten hänge
an die ich hingeklungen bin
erlebe ich die vereinten Gesänge
von Sauvignon und Hintersinn
Oder:

…und weißhaarigem Wollgras
auf dem Kopf
Greise am Rande von Hyundai, Mazda
und Subaru
Aber, wie Oskar Wild so schön sagte: Only dull people are brillant at brakfast!
        
Apropos Kontrakaftur. Eine herrliche Kontrafaktur des größten Kontrafakteurs der modernen deutschsprachigen Lyrik findet sich als Epilog:

In der Frühe
sind die Tannen kupfern
schrieb Brecht
in den Buckower Elegien
Er meinte natürlich die Kiefern
[.]
Brechts nahm’s bei einem
Gedicht über Bäume
Vermutlich nicht so genau
wie mit vielen Dingen
die nicht so in sein Ressort fielen
Mit anderen Worten
von Natur hatte er keine Ahnung
Mit Reifen-Wechsel am Auto
kannte er sich besser aus                  

Auch an anderen Stellen wird man in Schorfheide immer wieder mit tiefgründiger Semantik belohnt. Wie etwa in dem Schorfheide-Gedicht auf S. 66, wo es heißt:

Sommertage und ruhiges Wetter
in den Gebüschen die schlanken Antilopen
der Anmutung, Impalas mit leierartigem
Gehörn, orphische Fremdkörper, eingeschleppt von
den schwarzen Schwestern Angola und Namibia
die mit der S2 bis Oranienburg gekommen waren
und schließlich meine Einfälle zur rasend schnellen
Flucht und zur Poesie großartiger Landschaften
inspirierten:
Die Cookies sind gesetzt
                  
Falkner spannt in dem Band, angedeutet schon im Titel, einen weiten geschichtlichen Rahmen auf: „Schorfheide“ bezeichnet geographisch die großen Waldungen, Seen und Bruche nordöstlich von Berlin. Auch aus historischer und politischer Perspektive bietet das Areal eine Menge: Im 13. Jahrhundert gründeten die askanischen Markgrafen in diesem Teil der Mark Brandenburg das Zisterzienserkloster bei Chorin. Später dienten weite Teile der Schorfheide den preußischen Herrschern, so auch dem letzten deutschen Kaiser, als Jagdgebiet. Der nationalsozialistische Hermann Göring hatte zwischen Groß Döllnersee und Wuckersee das Jagdschloss Carinhall für seine erste Frau erbauen und beim Anrücken der Roten Armee wieder zerstören lassen. Die sozialistischen Politbürokraten Honecker und Mielke hielten sich in Hubertusstock bzw. Wolletzsee volksuneigene Hochsicherheits-Jagdsitze. Seit der Wiedervereinigung ist die Schorfheide nun, die inzwischen ein riesiges Biosphärenreservat umfasst, wieder der Öffentlichkeit zugänglich. Dies also sind die Koordinaten des Feldes, in dem Falkner als Hirte seine Gedichte am Sprachband gleichsam wie eine Schafherde durch die Schorps- bzw. Schorf-, also Schafweide treibt und grasen lässt.
    Haben wir es bei Schorfheide also mit moderner Anakreontik zu tun? Mit Gedichten über Liebe, Wein und schönen Frauen, Grazien, und Dionysos? Vordergründig auf jeden Fall, denn auch in Schorfheide ist viel von Trinken, Bier und Schnaps, die Rede und auch von Frauen. Zwar nicht unbedingt von Grazien, aber von Müttern, von Sirenen aus Frau und Fisch, ja und sogar von Dionysos ist die Rede, wenn auch letzterer sich nur indirekt zeigt:

… in einem
Abend aus Laub, schattige Locke von Wollgras
und Wildheit, lüsterne Strenge des düsteren
Beats der Gedanken, dunkle trockene Schläge
auf grammatisches Holz, brombeerblau …
      
Aber wie sich in diesen wenigen Zeilen schon zeigt, ist in Schorfheide Anakreontik nur eine der vielen über einander gelegten Folien. Überall schimmert, mal verschwommener, mal deutlicher, die Folie der Sprach- und Sprechreflexion durch. Denn in Wahrheit ist Schorfheide ein poetischer Essay über Sprache und Sprechen in der heutigen Zeit mit ihren technischen Kommunikationsmitteln und sozialen Netzen und mit ihrer Neigung zu verstümmelter Kurzsprache. Jedes Gedicht kann man als ein Mosaiksteinchen, eine Minimeditation über Sprache und Sprechen in unterschiedlichen Kontexten und mit unterschiedlichen Mitteln verstehen. Und auch das große Falkner‘sche Leitmotiv, die Schönheit von Sprache und Sprechen, spielt natürlich auch wieder eine nicht unbedeutende Rolle. Im Grunde sind die Wanderungen durch die Schorfheide auch eine einzige Suche nach der verlorenen Schönheit der Sprache.  
    Die Heide mit ihrer Flora, Fauna und Meteorologie bildet als natürliches Raster eine Projektions- und Reflexionsfläche, gegen die die sprachanalytischen Bälle gespielt werden. Interessant ist, dass Falkner sich dabei nicht auf die botanischen und zoologischen Details bei der Generierung der Schorfheide als natürliche „Weide“ für seine lyrischen „Schäfchen“ beschränkt, sondern auch immer den Himmel als Landschaft darüber im Auge behält. Das erscheint mir wichtig, und zwar nicht nur, weil es Falkners Vorliebe für freien Himmel reflektiert, sondern, weil Falkner damit auch den Topos von Luft und Leichtigkeit mit ins Spiel bringt. Den Topos also, mit dem von je her die Dichter ihre dichtende Tätigkeit beschrieben haben.
   Folgt man Falkners Wanderungen durch die Mark Brandenburg, genauer, durch die Schorfheide, so tun sich erstaunliche Perspektiven auf: Neben geschichtsträchtigen Stätten und Vorgängen trifft man auch auf die großen Philosophen, darunter Platon, Schopenhauer, Jaspers, Heidegger, und natürlich auch Wittgenstein sowie die Strukturalisten und Poststrukturalisten. Aber man trifft auch die großen europäischen Lyriker, etwa Ovid, Klopstock, Goethe, Mörike, Hofmannsthal, Wilde, Joyce, Kafka, Hugo Ball, Gottfried Benn, Brecht oder Paul Celan, wenn auch nur in einer kurzen Passage versteckt:

Mutwille des Lüftchens. Bläst ein Blatt an
Die Heide stockt. Umsonst singt der Sommer
hier draußen, schwärmt das Moor
tuschelt das Schilf. Das Nirgends taumelt
wie ein Kahn
ein Niemandskahn
auf einem Meer von Ferngebliebenen….  

Und dann plötzlich begegnet man auch altbekannten Figuren aus der Politszene Berlins, wie etwa Rudi Dutschke¹⁰:
Am Rand der Heide steht Onkel Rudi
und lacht. Doch hat ihn Tante Anneliese
längst vergessen      

Manche Gedichte bersten geradezu vor genialen Metaphern, Witz und Ironie. So zum Beispiel das Schorfheide-Gedicht auf S. 40, das als schallende Hommage für alle durch Genderismus und politische Korrektheit Geschundenen gelesen werden kann:
Das Laub kühl die Augen wie Minze der Atem
und lässt die Hürde zwischen den Geschlechtern
leuchten. Beifall kommt von geschlängelten Tieren
den Schwimmblattgesellschaften
und der Rotbauchunke
Mein Herz spaziert als kleiner Zigeuner über den
Zweigen, bis das Buntspechtweibchen es aufpickt
Herzlos gehe ich weiter über die Trampolinböden
des Moors        

Auch imagistischer Zauber à la Pound oder Williams findet sich in diesem köstlichen Band¹¹:

In den Bäumen
Ticken die Äste
am Himmel verbrennt
eine britische
Verkehrsmaschine
zu vier Bahnen
ausflockender Kondensstreifen
             

Falkner ist es mit Schorfheide, wie schon in den Vorgängerbänden, erneut gelungen, in seinem typischen Falkner-Sound Philosophie mit Poesie zu verschmelzen. Wie in den Ignatien geht es auch um Sprachkritik im Spannungsfeld zwischen Strukturalismus und Poststrukturalismus. Aber mehr noch als in den Ignatien weitet Falkner den Diskurs erheblich aus und macht bei seinem Streifzug durch die Schorfheide gleichzeitig auch eine Grand Tour durch die gesamte westliche Philosophiegeschichte. Allerdings klingt das fast so abschreckend, wie Falkners Schlusswort, das man nur mit einem Augenzwinkern gemeint verstehen sollte. Darin beklagt der Dichter, um es auf den Punkt zu bringen, dass seit kurzem „die Metapher“ und „der Neologismus“, nicht mehr die Garanten dafür seien, dass ein Gedicht magnetische oder auch magische Wirkung entfaltet. Der Leser oder Hörer horche deshalb nicht mehr auf, wenn er Lyrik hört.
    Ich halte diese Klage schon deswegen für unbegründet, weil die Realität eine andere Sprache spricht. Wenn dem so wäre, wenn also Metapher und Neologismus keine Magie mehr zu evozierten imstande wären, dann gäbe es ab sofort keine Dichtung mehr. Die Realität zeigt das Absurde dieser Behauptung, und nicht zuletzt ist Schorfheide selbst ihr schlagender Gegenbeweis.

Man sollte sich also durch Falkners Nachwort nicht irre machen lassen, sondern sich dem überaus großen Reiz der Gedichte hingeben. Dann wird man schon sehen, was Lyrik heute trotz aller Totsagungen immer noch kann. Natürlich gilt auch hier, wie bei aller großen Literatur, dass (Vor)Bildung nicht schadet. Gerade bei Falkner, einem der intellektuellsten unserer zeitgenössischen Lyriker, schadet es nicht. Aber deswegen muss man keineswegs die postmodernen Theoretiker und deren verworrene, sich allenthalben selbstwidersprechende Schriften¹² gelesen haben. Es genügt, Falkners Gedichte mit Common Sense und poetischer Neugierde zu lesen. Dann wird man aus der Schorfheide ein enormes ästhetisches Vergnügen ziehen und Gedichte voller Rhythmus und Musik erleben:

Ort: der Mund, Zeit: im Augenblick
Handlung: waking the braves!
unendlich viele Schüsseln
köstlichen Geschlechts erklingen
[…]
abba – abba, dann die Moll-Dominante
der Mund soll schwimmen in Musik



¹ Der Atem der Erde. In: Gerhard Falkner: X-te Person. Gedichte. Edition suhrkamp. Frankfurt am Main 1996.
² Aus dem Gedicht Fünf vierzeilige Sommer, Hölderlin.Reparatur. Berlinverlag, Berlin 2011.
³ Aus dem Gedicht Vegetarischer Schnee, Hölderlin.Reparatur. Berlinverlag, Berlin 2011.
Aus dem Gedicht Ignatia 5. Ignatien. Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs. Starfruit, Fürth 2014.
Schorfheide-Gedicht von S. 46, Schorfheide. Gedichte en plain air. Berlin Verlag, Berlin 2019.
Letzte Zeile im Gedicht von S. 81, Schorfheide. Gedichte en plain air. Berlin Verlag, Berlin 2019.
S. 110, Ebd.
Interview Falkner-Esperer, ARIEL-ART, www.ariel-art.com/interview
Schorfheide-Gedicht S. 54, in: Schorfheide. Gedichte en plain air. Berlin Verlag, Berlin 2019-
¹⁰ Ebd.
¹¹ Schorfheide-Gedicht S. 38, in: Schorfheide. Gedichte en plain air. Berlin Verlag, Berlin 2019.
¹² Scruton, Roger: Fools, Frauds and Firebrands. Thinkers of the New Left. Bloomsbury Continuum, London 2015


Zurück zum Seiteninhalt