Fundstücke
Poetik / Philosophie
0
Der fortdauernde Dualismus, den wir in der Erforschungspraxis wie selbstverständlich hinnehmen, wird im Rahmen der Logik der Forschung nicht mehr diskutiert. Er wird auf der Ebene der Wissenschaftstheorie nicht ausgetragen; er findet bloß seinen Ausdruck im Nebeneinander von zwei Bezugssystemen. Je nach dem Typus der Forschungen, auf den sie sich bezieht, hat die Wissenschaftstheorie die Gestalt einer allgemeinen Methodo-logie der Erfahrungswissenschaften oder die einer allgemeinen Hermeneutik der Geistes- und Geschichtswissenschaften ange-nommen.
Jürgen Habermas:
Zur Logik der Sozialwissenschaften
(Kapitel: Der Dualismus von Natur- und Geisteswissenschaften. Suhrkamp Verlag, 1970)
Foto Wikipedia
15.03.2026
Ein Teil, ein großer Teil dessen, was ist, darf der Erkenntnis nicht zugänglich sein. Unklar ist, ob das daran liegt, daß die Erkenntnis Schaden stiften würde, oder nur daran, daß sie, wenn sie einen gewissen Punkt überschritte, unangebracht wäre. Auf jeden Fall ist die Erkenntnis der Feind Nummer eins. Davon geht die Wirtin aus. Für sie ist K. der Eindringling, derjenige, der - aus Leichtfertigkeit, Neugier, persönlichem Interesse, Übermut, beleidigtem Stolz - Zugang zu allem verlangt. Darum muß er von allem ausgeschlossen werden.
Roberto Calasso:
K.
(Kapitel IV, Der Weg der Frauen. Aus dem Italienischen von Reimar Klein. Hanser Verlag 2002 / 2006)
08.03.2026
Der Schmerz brachte mich zum Schreiben. Der Rückenschmerz, nicht der Weltschmerz.
Wenn es Letzterer gewesen wäre, hätte ich nicht zur Satire tendiert, sondern zum Poem. Denn Schmerzen machen aggressiv, und Satire ohne Aggression ist nichts wert. Beim Lachen zeigt man die Zähne - oder nicht? - das wird seinen Grund haben.
Christoph Poschenrieder:
Der unsichtbare Roman
(Kapitel "Ich, Schriftsteller", Diogenes Verlag 2021 - über Gustav Meyrink)
Foto: Harald Krichel, Wikipedia
01.03.2026
paar
wir gleiten
ohne segel
dem vergessen
nachtrauernd
willenlos
und doch gewollt
dahin
Lea Matusiak:
paar
(Gedicht, erstveröffentlicht)
22.02.2026
Auch im Märchen läuft ja nicht alles von vornan sanft dahin. Es gibt darin Riesen und Hexen, sie sperren ab, lassen spinnen die ganze Nacht, führen irre. Und es gibt, gegen das allzu sanfte oder eilige Himmelblau, eine Märchenart, die selten als solche angesehen wird, eine wilde, gleichsam reißende Art. Sie ist überhaupt wenig angesehen, nicht sowohl deshalb, weil sie leicht zum Schund abfällt, als weil die herrschende Klasse tätowierte Hänsel und Gretel nicht liebt. Das reißende Märchen also ist die Abenteuergeschichte, sie lebt am besten heute als Kolportage fort. Auf ihrem Gesicht liegt der Ausdruck eines anerkannt unfeinen Wesens, und ist auch öfters so.
Ernst Bloch:
Das Prinzip Hoffnung, Band 1
(III, 27: Bessere Luftschlösser in Jahrmarkt und Zirkus, in Märchen und Kolportage 1959).
15.02.2026
Die Vorgänge in unserem Innern sind rätselhaft und tief geheim-nisvoll. - Zuweilen, wie wenn ein Nebel Riß durch [Hüllen] die Natur geschehe, ist man ein anderer Augenblicke lang und legt sein Ohr an den Puls der Dinge. Ja, wenn es dann Worte gäbe. Ja gäbe es dann doch Worte! Doch die Worte liegen zu weit weg von dem lebendigen Kern der Dinge.
Gustav Meyrink:
Meyrinkiana X,
ein Brief an einen Professor! (S. 1- 5)
7. November 1905
08.02.2026
Er sei sich bewußt, und vielleicht sprach er jetzt
mehr zu sich selbst als zu mir, dass ein Widerspruch bestehe zwischen der
Fordrung, sich von nichts abzuwenden, nichts zu verleugnen, und unserem
Unvermögen, das Leben meiner Mutter ganz in uns aufzunehmen. Eine besondre und
seltne Konstitution gehöre dazu, in allen Vorgängen die letzten Folgen zu
erkennen, ungeheuer gefährdet seien Menschen, denen dies gegeben sei, denn sie
könnten sich, obgleich sie tiefer und weiter schauten als wir, in unsrer Welt nicht
mehr behaupten.
Peter Weiss:
Die Ästhetik des Widerstands
(Band 3, Seite 132, Suhrkamp 1983)
01.02.2026
Für die
moderne Kritik sind Sprache und Bildlichkeit zu Rätseln geworden, zu
erklärungsbedürftigen Problemen, zu Gefängnis-mauern, die den Verstand von der
Welt abschließen. Die modernen Untersuchungen gehen davon aus, daß Bilder als
eine Art Sprache verstanden werden müssen; man hält Bilder nicht mehr für
transparente Fenster zur Welt, sondern begreift sie als die Sorte Zeichen, die
sich trügerisch im Gewand von Natürlichkeit und Transparenz präsentiert, hinter
der sich aber ein opaker, verzerrender, willkürlicher Mechanismus der
Reprä-sentation, ein Prozeß ideologischer
Mystifikation verbirgt.
W.J.T. Mitchell: Was ist ein Bild?
(Übers. von Jürgen Blasius. 1984.
In: Bildlichkeit. Hg. Volker Bohn. Suhrkamp 1990)
25.01.2026
Der Trieb nach oben wird zuletzt einer nach vorwärts. Bei der Lage der meisten Leute könnte es ausreichen, das leicht und selbstverständlich zu machen. Aber weniger leicht fällt es den meisten selbst noch heute, zu wissen, was und wo das Helle ist.
Ernst Bloch:
Das Prinzip Hoffnung, Band 3
(III, Der Kern der Erde als wirkliche Exterritorialität, Die Straße des unvorhandenen Wozu, 1959).
18.01.2026
Etwas anderes ist die
Irrationalisierung der Poesie, die gegen Ende des 19. Jahrhdt. anfing … Man
appellierte an die dich-terische Aisthesis, eine Funktion des Hirns, nicht des
Herzens (Übrigens auch nicht der niederen Regionen; man hat es in der letzten
Zeit verschiedentlich dafür gehalten).
Heiner Müller:
Irrationalisierung der Poesie
(In Heiner Müller: Ein Dramatiker darf keine Ansichten haben, Aufzeichnungen 1945, Sinn + Form, Heft 1, 2026).
11.01.2026
Die, deren Schriften prall gefüllt mit Weisheit,
Besitzen nichts als nur ihr blindes, abgestumpftes Herz,
Ich rufe den Geheimnisvollen an, der noch
Im feuchten Sand am Rand des Stromes wandert
Und mir am meisten gleicht, der in der Tat mein Doppelgänger
Und ist, wie sich erweist - von allem, was die Einbildungist,
Das Unwahrscheinlichste: mein Anti-Ich,bereithält,
Und steht inmitten der Gestalten und offenbart
Mir alles das, was ich gesucht; und flüstert's nur, als ob
Er Angst hat, daß die Vögel, die laut schreien
Ihre jähen Schreie, es noch vorm Morgengrauen
Zutragen den Blasphemikern.
William Butler Yeats:
"Ego Dominus Tuus", 1919,
übersetzt von Christa Schuenke.
(In: Die Gedichte. Herausgegeben von Norbert Hummelt. Luchterhand 2005)
04.01.2026
0