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Fundstücke

Poetik / Philosophie


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paar

wir gleiten
ohne segel
dem vergessen
nachtrauernd
willenlos
und doch gewollt
dahin
Lea Matusiak:
paar
(Gedicht, erstveröffentlicht)





22.02.2026
Auch im Märchen läuft ja nicht alles von vornan sanft dahin. Es gibt darin Riesen und Hexen, sie sperren ab, lassen spinnen die ganze Nacht, führen irre. Und es gibt, gegen das allzu sanfte oder eilige Himmelblau, eine Märchenart, die selten als solche angesehen wird, eine wilde, gleichsam reißende Art. Sie ist überhaupt wenig angesehen, nicht sowohl deshalb, weil sie leicht zum Schund abfällt, als weil die herrschende Klasse tätowierte Hänsel und Gretel nicht liebt. Das reißende Märchen also ist die Abenteuergeschichte, sie lebt am besten heute als Kolportage fort. Auf ihrem Gesicht liegt der Ausdruck eines anerkannt unfeinen Wesens, und ist auch öfters so.
Ernst Bloch:
Das Prinzip Hoffnung, Band 1
(III, 27:  Bessere Luftschlösser in Jahrmarkt und Zirkus, in Märchen und Kolportage 1959).





15.02.2026
Die Vorgänge in unserem Innern sind rätselhaft und tief geheim-nisvoll. - Zuweilen, wie wenn ein Nebel Riß durch [Hüllen] die Natur geschehe, ist man ein anderer Augenblicke lang und legt sein Ohr an den Puls der Dinge. Ja, wenn es dann Worte gäbe. Ja gäbe es dann doch Worte! Doch die Worte liegen zu weit weg von dem lebendigen Kern der Dinge.
Gustav Meyrink:
Meyrinkiana X,
ein Brief an einen Professor! (S. 1- 5)
7. November 1905

08.02.2026
Er sei sich bewußt, und vielleicht sprach er jetzt mehr zu sich selbst als zu mir, dass ein Widerspruch bestehe zwischen der Fordrung, sich von nichts abzuwenden, nichts zu verleugnen, und unserem Unvermögen, das Leben meiner Mutter ganz in uns aufzunehmen. Eine besondre und seltne Konstitution gehöre dazu, in allen Vorgängen die letzten Folgen zu erkennen, ungeheuer gefährdet seien Menschen, denen dies gegeben sei, denn sie könnten sich, obgleich sie tiefer und weiter schauten als wir, in unsrer Welt nicht mehr behaupten.
Peter Weiss:
Die Ästhetik des Widerstands
(Band 3, Seite 132, Suhrkamp 1983)





01.02.2026
Für die moderne Kritik sind Sprache und Bildlichkeit zu Rätseln geworden, zu erklärungsbedürftigen Problemen, zu Gefängnis-mauern, die den Verstand von der Welt abschließen. Die modernen Untersuchungen gehen davon aus, daß Bilder als eine Art Sprache verstanden werden müssen; man hält Bilder nicht mehr für transparente Fenster zur Welt, sondern begreift sie als die Sorte Zeichen, die sich trügerisch im Gewand von Natürlichkeit und Transparenz präsentiert, hinter der sich aber ein opaker, verzerrender, willkürlicher Mechanismus der Reprä-sentation, ein Prozeß ideologischer Mystifikation verbirgt.
W.J.T. Mitchell: Was ist ein Bild?
(Übers. von Jürgen Blasius. 1984.
In: Bildlichkeit. Hg. Volker Bohn. Suhrkamp 1990)





25.01.2026
Der Trieb nach oben wird zuletzt einer nach vorwärts. Bei der Lage der meisten Leute könnte es ausreichen, das leicht und selbstverständlich zu machen. Aber weniger leicht fällt es den meisten selbst noch heute, zu wissen, was und wo das Helle ist.
Ernst Bloch:
Das Prinzip Hoffnung, Band 3
(III, Der Kern der Erde als wirkliche Exterritorialität, Die Straße des unvorhandenen Wozu, 1959).
18.01.2026
Etwas anderes ist die Irrationalisierung der Poesie, die gegen Ende des 19. Jahrhdt. anfing … Man appellierte an die dich-terische Aisthesis, eine Funktion des Hirns, nicht des Herzens (Übrigens auch nicht der niederen Regionen; man hat es in der letzten Zeit verschiedentlich dafür gehalten).
Heiner Müller:
Irrationalisierung der Poesie
(In Heiner Müller: Ein Dramatiker darf keine Ansichten haben, Aufzeichnungen 1945, Sinn + Form, Heft 1, 2026).
11.01.2026
Die, deren Schriften prall gefüllt mit Weisheit,
Besitzen nichts als nur ihr blindes, abgestumpftes Herz,
Ich rufe den Geheimnisvollen an, der noch
Im feuchten Sand am Rand des Stromes wandert
Und mir am meisten gleicht, der in der Tat mein Doppelgänger
  ist,
Und ist, wie sich erweist - von allem, was die Einbildung
bereithält,
Das Unwahrscheinlichste: mein Anti-Ich,
Und steht inmitten der Gestalten und offenbart
Mir alles das, was ich gesucht; und flüstert's nur, als ob
Er Angst hat, daß die Vögel, die laut schreien
Ihre jähen Schreie, es noch vorm Morgengrauen
Zutragen den Blasphemikern.
William Butler Yeats:
"Ego Dominus Tuus", 1919,
übersetzt von Christa Schuenke.
(In: Die Gedichte. Herausgegeben von Norbert Hummelt. Luchterhand 2005)








04.01.2026


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