Friedrich Ani: Drüben tanzt ein Luftikus
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Ulrich Schäfer-Newiger
Friedrich Ani: Drüben tanzt ein Luftikus. 141 Tanka. München (Allitera Verlag) 2026. 179 S. 20,00 Euro.
Tankatanker, schwer beladen
Mit diesem Gedichtband
hat sich der vorwiegend als Autor von Prosawerken bekannt gewordene Friedrich
Ani als Lyriker in den nicht allzu großen Kreis von Autorinnen und Autoren
eingereiht, die die strenge und – wie sich zeigen wird – schwierige Form eines
sogenannten „Tanka“ für ihre poetischen Texte verwenden. Diese Form wird auf
der Rückseite des Bandes kurz erklärt: immer 5 Verse, mit 5-7-5-7-7 Silben,
eine „klassische japanische Kurzgedichtform“. Bei Wikipedia kann man erfahren,
dass diese reimlose Gedichtform mit stets 31 Moren (Maßeinheit für Silben)
schon mindestens 1300 Jahre alt und somit älter als die bekanntere Haiku-Form
ist. (Wer mehr über Tanka erfahren will, dem sei die Seite www.einundreißig.net
empfohlen).
Also: In dieser alten,
aus einem anderen Kulturkreis und einer anderen Sprachtradition stammenden
strengen Form will der Autor, so heißt es auf der Rückseite des Buches, vom Älterwerden,
von Natur, Liebe, Politik, vom Alltäglichen also, in unserer Gegenwart in
deutscher Sprache erzählen. Vom Formfetischisten Rudolf Borchardt stammt die
Behauptung: Es gibt ganz gewiss keine Formen, die nicht an sich Inhalt
wären. Das scheint für ein Tanka, also einen verdichteten, ganz formalen
Text, besonders zu gelten. Sind nicht extremes Verdichten, gleichzeitig ein
bloßes Andeuten mit geradezu schwebenden Worten, Namen (z.B. von Blumen), die über
sich hinausweisende, symbolträchtige, lange, schwierige Vorstellungsreihen
auslösen (so Manfred Hausmann in: Japanische Lyrik, Zürich 1990), das besondere
Wesen eines sino-japanischen Kurzgedichts?
Zunächst einmal kommt Ani
entgegen, dass die traditionellen japanischen Kurzgedichte sich einer ganz
einfachen, profanen Sprache und ebensolcher Bilder bedienen. Beim ersten
Hinsehen und Lesen, handelt es sich um etwas Leichtes. Und Leichtigkeit suggerieren
Verlag und Autor schon mit dem Titel des Bandes Drüben tanzt der Luftikus.
Ein besonders eindrückliches Beispiel:
Gestern gut getanktEin Tanker voller Tankaschippert durchs DorfIch trank den Trunk des Tankwartsauf ex und sagte Tanke
Die
kalauernde Leichtigkeit der Bilder solcher Wortspiele, zu der die strenge
Kurzform Tanka verführen mag, sollte wiederum nicht zu der Annahme verführen,
der Tankatanker des Autors (um bei dem einfachen Wortspiel zu bleiben),
sei zu leicht oder nur einseitig beladen. Ani will nicht nur unterhalten,
sondern selbstverständlich auch etwas über diese Leichtigkeit Hinausgehendes
zum Ausdruck bringen. Die Kapitelüberschriften deuten darauf hin, z.B.: Meiner
Kindheit Übermut, Alle Eile anderswo, Terroristische Mäuse, Dermaßen viel
Licht. So beginnt der Band mit einem Gedicht über Schmerz, das letzte
Gedicht in Tanka-Form handelt vom Schweigen:
Ließ mich nicht täuschenEntkam dem fremden SchweigenHörte nicht mehr hinFließend schweigend kann ich heutIn meiner eignen Sprache
Eindrücklich
„funktioniert“ das einerseits Prägnante, Zugespitzte und andererseits das über
die bloßen, einfachen Wörter in den Köpfen der Leser Entstehende, darüber Hinausweisende
(dürfen wir es das ‚Metaphysische‘ nennen?) dieser Gedichtform vor allem bei
den Texten, welche sich mit der eigenen Biographie, der eigenen Herkunft
beschäftigen. So in den Texten über die Mutter (S. 16, 17, 68), in der
Geschichte von Azra und ihrem Onkel, der seine Hände um ihren Hals schließt
(S.101), oder wenn er vom Erbe des Vaters, nämlich dessen Schweigen, erzählt
(S. 104). In den ausdrücklich politisch gemeinten Gedichten, z.B. über die USA,
bleibt hingegen kaum Platz für durch Andeutungen evozierte Vorstellungen. Hier
wird hingedeutet auf das Unheil, zuweilen mit direkter Namensnennung der
Akteure.
Es
gibt sehr viele Kleinodien unter diesen 141 Tanka-Gedichten, die alle wegen
ihrer gedrängten Form und einfachen Sprache die Leser irreführen können: Mit
dem einmaligen Lesen dieser Texte ist es nicht getan, meist hat man damit noch nicht
viel begriffen. Erst nach wiederholtem Lesen eröffnet sich, jenseits aller
einfachen Narrative, eine manchmal überraschende „schwere Leichtigkeit“:
Rastplatz AutobahnLaub lugt aus dem Grastoupetder alten ErdeAusgeschalteter MotorAlle Eile anderswo
Ein
besonders ‚schönes‘ Tanka-Gedicht ist dem Autor auf Seite 38, beginnend mit – „Das
In-der-Welt-sein“ gelungen. Aber das sollten die Leserinnen und Leser
selbst erkunden. Und das allerallerletzte Gedicht im Band ist gar kein Tanka,
sondern ein Haiku mit einer zusätzlichen Zeile aus drei Silben und zeigt: Auch
diese Form beherrscht der Autor und erfindet gar eine neue dazu.
Der
Band enthält ein lehrreiches, ausführliches Nachwort von Pia-Elisabeth
Leuschner, in welchem sie entlang der einzelnen Kapitel ausgewählte Gedichte
näher betrachtet und interpretiert. Auch diese Erläuterungen veranlassen zum
Zurückblättern, nochmal Lesen, wieder Lesen und Überprüfen der eigenen, im Kopf
beim Lesen entstandenen Bilder.
Das
Bedürfnis für eine intensive Beschäftigung mit den Gedichten wohnt diesen
Texten inne, die immer mehr enthüllen, je öfter man sie liest. Wer sich für
diese, aus dem sino-japanischen Kulturkreis kommende, strenge Form von
Gedichten interessiert und auch für die Möglichkeit, solche selber zu schreiben
und zu sprechen, kommt an den 141 Tanka von Friedrich Ani nicht vorbei.