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Frank Milautzcki: 5 x Über Malungen

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Frank Milautzcki
5 x Über Malungen
(2026)

Cutterfraß

Der Fernfahrer aß sehr schnell und künstlich, das Licht biss sich fest in seiner grauen Mimik, er skalpierte Wurststrecken mit scheußlich huronischer Technik, schniefte dabei wie ein Schnapshund, der vor einer trockengefallenen Pfütze wacht, während er mit Fressresten spielt, schnipste sich auch die bleiche Pellentrofäe vorschriftsmäßig in die Gürtelgegend und zurück, fing sie in der steifen Luft, sie verfing sich in den Adjektiven des Dumpfspiels; der Mund lästerte von Staat und grobem Wetter, er bellte fast: die Katastrofe trat ein, durch die Tür des Gewetters, die Stiefel hackten tief & steif in der Klugscheiße: alles minutiös auf die Meute, immer vom dummtreuen Wurstesser nehmen, schon immer und vor allem heute, da hieß der mächtigste König Eisenkauer, nach ihm regierte sein Dalles, immer abwechselnd (oben drei kalaharische Fussel, wüsteneifarbige Wehzonen, gelb, aride Apostrophen, Oranje und das Transvaal; auf der linken grünlichen Schulter 1 Regenlicht, von schwarzen Silhouetten und undurchsichtigen Affen durchtanztes Waldfett, finster, glänzend, verwandt der Traurigkeit im dauernden Zustand der Nässe). Mondbazillus, Wolkenhefe, und Pocahontas summte ein helles, heiseres Lied zum Geräusch der Nacht, es hörte sich selbst zu, wie es versann und zum See ward.

hineingecuttet und gemalt in den Kapitelanfang XI der „Seelandschaft mit Pocahontas“ von Arno Schmidt.



Forester

Er marschierte weiter und weiter. Dort war das feine Gold der Himmel, bis der Mond höher stieg, ein Meister des Daseins, der Kopf eines Nagels, der uns in den Abgründen des Universums hielt. Und dann erhob sich zwischen Erde und Sternen ein feinsilbernder Wind, strich über Silikate und Ton, schaukelte die grünen Meere und stellte seine von Bewegung überbrachten Fragen nach Essenz und Dauer. Er sah die Spitzen der Tannen schimmern und hörte sie murmeln, flüstern, als der Hauch des Windes ihre Nadeln ins Mondlicht drehte. Er sah in dunklen Brauen Gras feucht nach Reflexen haschen. Und sah Schatten diskutieren, sich zu Arguenauten verwerfen im Verwandern des unsteten Blicks. Die leere Gebirgsluft war auf ihre Art fast süß. Sie schmeichelte, das Freie bilde sich ab auch im Durchstreichen der Dämmerung und es leuchtete die Straße aus wie die Schaumkronen eines Wildwassers. Hier und dort sausten weiße Nachtfalter wie stumme Gedanken über den Weg, und aus den Waldestiefen grüßten ihn hundert Gerüche längst vergangener Jahre, Holz, Moder, naher Atem, Öle der Zeit.

hineingecuttet und gemalt in: „Heimliche Anbetung“ von Algernon Blackwood in „Spuk“, eine Anthologie hrg. von Peter Hainig 1974.



Melktruhe

Man brauchte einen Frechesmann und dieser konnte sich die Stiefel verdienen, wenn seine Kupplung passte, konnte stolzieren im Ledertrab, wenns ohne rough music abging. „Von Luft und Liebe allein“ (was war die Luft noch anderes als das Nichts?) konnte man nicht leben, man konnte ohne alles nur siechen, die Liebe galt allein der Überbrückung der Kluft hin in die Zeit, dem Wurf nach dem maßgeblichen Fass der Zukunft, dem Beiholen der Kuh – glücklich der Mann, mit Hörnern aus Gold, der eine Frau aus einem anderen Kuhbauernhaushalt ehelichte, die eine weitere Kuh in die Ehe einbrachte, den Euterschatz, die weiße Melktruhe, das Gedings. Das ließ ihn reiten und die Reiterei nach den Sternen greifen, weil es die Kuh gab. Ohne Kuh kein Gelingen und nur Geschlinger. Ohne Kuh kein Glück. Ohne Kuh keine Nummer unter Linnen und Federn an gemütlichen Tagen. Die Kuh war auch das Tempo und ihr Fehlen der Sturz in das lungernde Elend von Mangel und Armut. Besser als Ziege. Wir reden von Ständen. Stand Kuh und Stand Ziege. Und Stand Pferd. Das war der Wert! Was war die Luft nochmal? Liebe und haltlose Spannung. Kringelnder Wurm im leeren Raum, wie er verendet an Irrsinn und Traum. Das wirkliche Glück hatte die Euter prall und genehmigte Kinder, die satt am Tisch durch Nachbeten lernten, daß nur stete Arbeit den Mangel vermied.

Übermalung zu S.191 von Kurt Wagners „Leben auf dem Lande im Wandel der Industrialisierung“, Frankfurt a. Main 1986.



Ausbruchsicher

Ich ging aufs Zimmer, krallte mich an der Schreibmaschine fest und sah aus dem Fenster. Da war das Kraftwerk und die Krähen auf den Drähten. Mir war grau wie alles da draußen. Es war hoffnungslos: Mein ganzes erwürfeltes Leben hatte ich Schriftsteller werden wollen, und jetzt hatte ich meine Chance, und es kam nichts. Ich hatte es selbst verbockt, meine Aufregung und meine Feigheit, mein Rückzug in die schwelenden Dämpfe auf Schicht. Es gab keine Highlights  und keine Boxkämpfe und kein Bekenntnis zu dem, was ich war. Ich war mir nichts wert. Es gab nicht einmal tiefere Einsichten. Die hatte ich weggeraucht in ein bißchen eigene Zeit, der man zuschaut, wie sie in den Nachtschichthimmel verstreicht. Ich war am Arsch. Und der Arsch saß auf ausgemusterten Bürostühlen, die wir uns nachts aus dem Müll der Firma fischten. Dort saß ich und las und träumte. Ich konnte das Wort nicht aufs Papier kriegen. Sie hatten mich in der Ecke. Ich schnaufte noch. Ein Kollege kam und brachte Kaffee aus dem Automaten. Es war mir als wedelte er mit einem Handtuch vor meinem Gesicht.

hineingecuttet und gemalt in einen Abschnitt der Story „Bildungsurlaub“ in „Das ausbruchsichere Paradies“ von Charles Bukowski, 1973.



Taschenbuch

Wir suchten nach spannenden Büchern und liefen die Zelle an. Auf einem Cover verquirlten aus Weiß gewulstete Wesen vor dreidimensionalen Spiegelkuben sich zu Gestalten. Wir blätterten in bräunlich gealterten Seiten und lasen: „Kopf des Affen, Hirn der Katz, / Wieselauge, Rattenschwanz, / Saft von Beifuß, Mastix, Myrrhe - / alles in den Topf ich rühre.“  „Man kann das Zischen der Schlammlöcher hören“, sagte ich langsam, als spräche ich in einer Kirche. Wir lauschten und  nahmen die Hände eng und still vor unsre Brust, wir hörten sagen: „Kleine graue Dampfköpfe, kochende Blasenwerfer in den Wülsten des Tones, stoßen den Schlamm hoch, spucken mit balgenden Tropfen, wie glatzköpfige Männer, die sich in dickem Sirup bewegen, sie tanzen wie geschossenes Wild, fallen in willenlose Falten, den Kopf nach oben, pfeifen aus, hinaus in die brodelnden Gewässer. Die grauen Köpfe blähen sich auf, reissen ins Platzen, wie Gummi, zerklatschen mit Geräuschen wie nasse  Lippen pladdern und schlippern. Und sprechen. Und sagen vom Ernst der Lage und dem Ende des Traums. Und Flaumfedern von Dampf entweichen aus dem zerplatzten Gewebe. Schluß mit heile. Und dort riecht es nach dichtem Schwefelbrand und alter Zeit.“ Vom Gehörten wurde uns kalt und wir steckten das Buch rasch in eine Hosentasche, als täten wir Verbotenes.

Übermalungen hineingecuttet (auch in die größeren Teile der wörtlichen Rede) in: „Heimkehr“ von Ray Bradbury in der Anthologie „Spuk“,  hrg. von Peter Hainig 1974.


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