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Frank Milautzcki, Armin Steigenberger: sprich: malhorndekor & barbotine (2)

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Stefan Heuer

Frank Milautzcki, Armin Steigenberger: sprich: malhorndekor & barbotine. Gedichte. Scheuring (Vogel & Fitzpatrick Verlag Black Ink) 2021. 40 Seiten. 8,00 Euro.

Nimm du ihn, ich hab ihn sicher –
kollaborative Gedichte von Frank Milautzcki und Armin Steigenberger


Während viele Menschen beim Thema Schauspielerei oder Musik augenblicklich an ausschweifende Partys mit Prominenz, nicht versiegenden Champagnerflüssen und bolivianischem Marschpulver denken, landen die Gedanken an einen Dichter noch immer erstaunlich oft im Elfenbeinturm. Dort sitzt der Schreiber oder die Schreiberin einsam und abgeschottet von der Welt, kämpft mit sich und der zickigen oder sich gar gänzlich verweigernden Muse, ringt sich in hartem Kampfe Silbe um Silbe ab, um schließlich aller Kräfte beraubt ins fein-samtene (oder zerschlissene, je nach Verkaufszahlen) Kissen zu sinken. Eine einsame Arbeit eben, fern der Zivilisation. Das fertige Gedicht unter strengem Verschluss, bis es nach der x-ten Überarbeitung dann endlich dem Lektor vorgelegt werden kann.

Dass dies natürlich Quatsch ist und es immer wieder zu interessanten Kollaborationen zwischen mehreren Dichtern/Dichterinnen kommt, ist hinlänglich bekannt. Viele äußerst lebendige Zusammenarbeiten ließen sich benennen, als aktuelles Beispiel: "sprich: malhorndekor und barbotine" von Frank Milautzcki und Armin Steigenberger, das im Herbst 2021 erschien und im April 2022 seine 2. Auflage erlebte.

Frank Milautzcki und Armin Steigenberger dürften den lyrik-interessierten Menschen im deutschsprachigen Raum seit vielen Jahren bekannt sein: Milautzcki, der nicht nur zahllose Veröf-fentlichungen in Zeitschriften und Anthologien sowie eine Vielzahl an Einzelbänden vorzuweisen hat (zuletzt: "schwarz drosseln" im gutleut verlag, 2017), sondern als Herausgeber (u.a. des Assemblings für handgemachte Postkarten CARD-MAKER sowie der Literatur- und Kunstzeitschrift DAS ZWEITE BEIN) auch anderen Künstlerinnen und Künstlern eine Plattform geboten hat. Steigenberger, der neben Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien drei Einzelpublikationen vorzuweisen hat (zuletzt: "das ist der abgesägte lauf der welt" in der edition offenes feld, 2020) und als Mitherausgeber der Literaturzeitschrift außer.dem fungiert –

Nun also mit gemeinsamen Gedichten, zu denen auf der Internetseite des Black Ink Verlages zu lesen ist: Zwei Autoren schicken sich Anfang Juni 2021 gegenseitig Gedichte zu, das ist nicht ungewöhnlich. Aber sie bestehen darauf, dass der jeweils andere damit machen kann, was immer er will. Die ersten Bearbeitungen entstehen schnell und entzünden sich an einer überraschenden Freiheit: Lass uns das Andere lieben, das Nicht-Ich, den Gegenton, der ergänzt, ersetzt, komplettiert … Und weiter: Die Eingriffe sind mutig und scheinbar ohne Respekt. Doch nur so geht‘s. Das Eigene mit dem Anderen zusammenbringen, vertrauen darauf, dass Poesie funktioniert wie Chemie. So kommt es in sehr kurzer Zeit zu einem Schwung an Gedichten, gleichermaßen rätselhaft wie eigenwillig, schillernd und geheimnisvoll …
        Und genau das sind sie, die Gedichte, schwungvoll und schillernd, vor allem aber rätselhaft. Nichts zum Eben-mal-weg-lesen … oder vielleicht auch doch, denn tatsächlich sind sie oftmals dermaßen kryptisch, dass man als Leser den Anspruch des nachvollziehenden Verstehens über Bord werfen und sich durch die Zeilen treiben lassen kann und sollte. Viel Schönes ist auf diese Weise zu entdecken, ein die Sinne belebendes Fließen, wenn man sich die Zeit nimmt, die Gedichte ein zweites Mal und vielleicht auch laut zu lesen:

hör in die blasen des schwer
mütigen wassers / ob und wie
und an wen der kelch geht.
           (aus: "atelier für leichte waren")        

Oder auch hier, ruhig zweimal lesen:

auffe bühne
machst du mich? tort! oder hinter?
limitös (aus)gefasert, befranst das schwarze, null for to escape
die alternative zur leier borgt sich klappern fürs werden
fugenlos brüsk die zwomalzwo behexte und bückt sich ins licht
verzöngt. beherzte aleatorische zufüllung in & um schichtung –
magst du mich nicht? bleibt der pocher im hinten und predigt vergiß.
i said zur sache jetzt im freien lax honiggewabten tanzt der
schnickschnuck aus feuer (sag mal magst du zwirbelrooster)
das (immerzu heikle) gürtelgerose von den immerzu nerven.
ich mach dich nasch auch ohne zu zwiebeln.                      

Die Zusammenarbeit zweiter Autoren, über 31 Texte geht das so, von kurzer Zeile bis zum prosaisch daherkommenden Blocksatz. Eine schöne Sache, deren einziges Manko darin liegt, dass man die Entwicklung, die Metamorphose der einzelnen Texte nicht ablesen, nicht nachvollziehen kann. Als Leser erhält man lediglich das "Endprodukt", nicht aber den ursprünglichen Text. Man weiß also nicht, was und wie viel geändert, ergänzt, gestrichen wurde – hat sich der Bearbeiter zurückgehalten, nur kleine Änderungen vorgenommen, Minimales ergänzt? Oder ist vom Ursprungsgedicht nicht viel geblieben, diente es eher als Anstoß zur eigenen Schreibe und findet sich im hier abgedruckten Gedicht nur noch marginal wieder? Wurde überhaupt gestrichen oder ausschließlich ergänzt? Man weiß es leider nicht. Natürlich wäre es ungleich platzraubender gewesen und hätte den Umfang des Heftes in die Höhe getrieben, die Gedichte in ihren Entwicklungsstufen gegenüberzustellen – interessant gewesen wäre es dennoch. Aber auch so sind die Gedichte fraglos lesenswert und machen Lust auf mehr!


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