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Florian Kessler: Tohuwabohu

Dreißig Jahre Lyrik Kabinett
Florian Kessler
Tohuwabohu


Manchmal höre ich auf der Webseite des Lyrik Kabinetts in die alten Tonaufnahmen vom „Lyrischen Quartett“ hinein. Von 2011 an streiten, dozieren und jubeln da Kristina Maidt-Zinke, Heinrich Detering und Harald Hartung mit wechselnden Gästen über jeweils vier Gedichtbände. 2017 beendeten Detering und Hartung ihre Ägide, seither dürfen Hubert Spiegel und ich fest mitmachen. Erzählen will ich hier zum Geburtstag des Lyrik Kabinetts gar nicht von einem bestimmten Abend oder Moment. Sondern von der seltsamen und wunderschönen Wirkung des wahllosen Herumklickens in diesem kleinen Ton-Archiv auf der Webseite, das so viel erzählt über das Lyrik Kabinett selbst. Es herrscht nämlich heilloser lyrischer Überschuss, babylonisches poetisches Durcheinander, es ist ein so richtig großes wunderbares Chaos, wenn in einem fantastischen Stimmengewirr Gast auf Gast Meinungen zu einzelnen Gedichten bekundet, Verse deklamiert und Interpretationen feierlich verabsolutiert, die dann nahezu  grundsätzlich gleich darauf von anderen Podiumsteilnehmern mit Inbrunst kassiert werden. Vieles ist beweglich im Gedicht, und sehr vieles ist entsprechend in höchster Bewegung, wenn sich verschiedene Interpretierende mit immerzu ganz unterschiedlichen Analysewerkzeugen, Temperamenten und Lesebiographien über Gedichte ereifern. Bei den alten Folgen mit Hartung und Detering staune ich immer wieder über das handwerkliche Rüstzeug und die internalisierte Umgangssicherheit, mit dem da Versmaße, rhetorische Figuren und Traditionslinien ins Feld geführt werden, und ebenso über den glühenden Enthusiasmus, mit dem Wertungen vorgenommen werden – aber auch über die in unseren vielstimmigen Zeiten nicht mehr selbstverständliche (und in meinen Augen glücklicherweise nicht mehr selbstverständliche) Autorität, mit das oft geschieht, und letzteres, das kann ich dieser Gratulation nicht ersparen, bis hin zu manchen Ausbrüchen Hartungs, die ich für die besprochenen Dichterinnen und Dichter heftig verletzend und dann ungut finde. Als Abbild aber der möglichen Herangehensweisen an Gedichte über Generationen und über riesige Bandbreiten hinweg erzählt das kleine Aufnahme-Archiv an allen seinen nur anzuklickenden Stellen auf diese Weise vielfältige Geschichten. Alle fallen sich ins Wort, alle denken sich ihren ganz eigenen Teil,  alle haben äußerst starke Meinungen – und alle sind dann plötzlich ganz leise, wenn das jeweilige Gedicht selbst gelesen wird. Eine wilde, laute Kakophonie der Ansätze Gedichten gegenüber, und dann wieder diese erwartungsvolle Stille im Raum und in der Aufnahme auf der Webseite, und gleich darauf dann nichts als ein einzelner vorgelesener Vers. Wie könnte man sich besser der Gegenwart nähern? Herzlichen Glückwunsch, Lyrik Kabinett, herzlichen Glückwunsch, immer wieder das „Quartett“ zusammentrommelnde Pia-Elisabeth Leuschner, herzlichen Glückwünsch Holger Pils, herzlichen Glückwunsch, liebe Ursula Haeusgen.    

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