Fleur Jaeggy: Mutmaßliche Leben
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Felix Philipp Ingold
Literarisierte Lebensläufe
nachgelesen bei Fleur Jaeggy
Die schweizerische Autorin Fleur Jaeggy (geboren 1940 in Zürich, seit 1968 in Italien ansässig) hat sich als Erzählerin, Dramatikerin, Essayistin, Übersetzerin und Rezitatorin international einen grossen Namen gemacht, um den es aber nie richtig laut geworden ist und der deshalb auch kein breiteres Publikum erreicht hat. Gelesen wird Jaeggy vorzugsweise von schreibenden Kollegen und cleveren Exegeten, zu weltliterarischer Aura haben ihr Autoritäten wie Jorge Luis Borges, Susan Sontag und Joseph Brodsky verholfen, vorab jedoch ihr umtriebiger Verleger (und Ehemann) Roberto Calasso. Bestätigt wird ihr literarischer Rang durch eine Vielzahl bedeutender Auszeichnungen und, nicht zuletzt, dadurch, dass ihr Werk in mehr als ein Dutzend Fremdsprachen übersetzt worden ist.
Insgesamt acht Prosabände hat Jaeggy bisher vorgelegt. Seit 1984 ist sie auch auf Deutsch zu lesen, doch ihre Rezeption hierzulande kam erst in den mittleren 1990er Jahren in Gang (mit der autobiographischen Novelle «Die seligen Jahre der Züchtigung», den Erzählungen «Die Angst vor dem Himmel» und dem Roman «Proleterka»), brach dann jedoch bald wieder ab und stagnierte lange Zeit, bis der Suhrkamp Verlag 2024 das Gesamtwerk übernahm, die früheren Ausgaben nachdruckte und sie durch weitere, neu übersetzte Titel ergänzte, zunächst durch den gespenstischen Erzählband «Ich bin der Bruder von XX» und neuerdings durch die Prosaminiaturen «Mutmassliche Leben» (separat verfasst in den Jahren 1972, 1983 und 2008), deren italienische Buchausgabe von 2009 datiert ist.*
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In bemerkenswertem Unisono wird Fleur Jaeggy vom Feuilleton wie von der Verlagswerbung als sperrige, schwierige, verstörende, düstere, wenn nicht zynische Autorin charakterisiert, deren Welt- und Menschenbild trostloser nicht sein könnte, die jedoch dank ihrer offenkundig überragenden Intelligenz und Belesenheit nie in Larmoyanz oder anklägerisches Pathos verfalle, sondern mit höchster Luzidität und Umsicht eine endzeitliche Finsternis durchmisst, die sie als ebenso bedrohlich wie absurd und lächerlich ausweist.
«Mutmassliche
Leben», Jaeggys bisher schmalstes Buch, bietet auf ein paar Dutzend Seiten je
ein literarisches Porträt der Schriftsteller Thomas de Quincey, John Keats und
Marcel Schwob. Es handelt sich dabei um assoziativ entfaltete biographische
Skizzen, die von der Autorin will-kürlich durch Auslassungen, fiktive Zusätze
und absonder-liche Stilblüten verfremdet werden, mit der durchwegs erkennbaren
Absicht, vorab den Horror, die Pathologie, den Wahnwitz der drei Lebensläufe
herauszustellen. So ist denn detailliert die Rede von abgründigem Elend, von
Schmerzen, Krankheit, Armut, Süchten, Fluchten, Verlusten, Verbrechen, kurz –
vom alltäglichen Desaster, dem diese «genialen» Dichter und Denker genauso
ausgesetzt waren, wie irgendwelche Normalverbraucher es gemeinhin sind.
Ob Künstler oder Mensch wie du und ich – für Fleur Jaeggy scheint festzustehen, dass Biographie in jedem Fall als Pathographie zu praktizieren ist: Lebensgeschichte als Krankengeschichte. Das gilt für ihre Erzählwerke insgesamt, das Bändchen mit den «Mutmasslichen Leben» kann also diesbezüglich durchaus als repräsentativ gelten. Die Autorin belässt das literarische Schaffen der Protagonisten weitgehend im Dunkeln und hebt umso schärfer ihre existentielle Miserabilität hervor. Was unter widrigsten Umständen als «Werk» durchgesetzt wurde und sich bis heute als das «Bleibende» erhalten hat, wird hier nur beiläufig vermerkt. Nicht an dessen Ausnahmecharakter (Originalität, Qualität) ist Jaeggy interessiert, vielmehr an der katastrophalen Alltagsnormalität, von der die Werkentstehung permanent behindert wird. Die «Leben», die sie eigenwillig nach- und umschreibt, scheinen allesamt in einem gemeinsamen Horrorkabinett abzulaufen, wo Extremsituationen jeglicher Art einander ablösen und jedes Ungemach zur Gewohnheit wird. Das verbindende Element zwischen den drei heldenhaften Antihelden ist die Droge (Opium/Morphium), die ihnen zur Flucht aus der qualvollen Alltäglichkeit verhilft und ihnen Zuflucht bietet in einer abgehobenen phantastischen Wahnwelt.
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Mit Bezug auf Thomas de Quincey, Verfasser der «Bekenntnisse eines englischen Opiumessers» (1821/1822), weiss Jaeggy zu berichten: «… der Flaneur liess sich von theologischen Opiumlaunen leiten. Die Meute der Götter zerriss ihn. Im Hospiz der Toten die Pyramiden. Er wurde seinerseits geträumt, der abscheuliche Krokodilkopf und der beturbante Malaie webten willfährig Behexung und Grauen, die sich in erstarrtem Sternenstaub ablagern.» Oder auch (im Wachzustand): «Nachts verliess er das Haus mit einer Laterne durch ein Fenster, und die Bauern rund um Edinburgh sahen seine schemenhafte Gestalt voller Schlamm, Laub und Licht umhergehen.»
Woher Jaeggy all das weiss? Ob sie’s gelesen oder erfunden hat, ist schwerlich auszumachen. Klar erkennbar ist allerdings ihre Ambition, disparate Fakten und Fiktionen unbegradigt zusammenzuschneiden, Logik und Kohärenz ausseracht zu lassen, statt dessen reihenweise schiefe Bilder und Vergleiche anzustrengen, ständig (ohne ersichtlichen Grund und Gewinn) zwischen Präsens und Vergangenheit zu lavieren, aber auch fehlerhafte, unsinnige, bisweilen unverständliche Sätze einzubringen, die literarisch nicht zu rechtfertigen sind; Sätze wie diese: «Seinen Augen erscheint Papier vergiftet.» – «Seine Gabe besteht darin, dass er sich nicht zu bündeln vermag.» – «Er schloss sich wieder ein, um die Rückkehr zu atmen.» – «… er fürchtete, jemand könnte es wagen, seine Papiere zu löschen.» Usf.
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Von Marcel Schwob, dem der abschliessende und kürzeste Teil der «Mutmasslichen Leben» gewidmet ist, hatte Fleur Jaeggy schon 1972 die Textsammlung «Imaginäre Leben» (Vies imaginaires, 1896) ins Italienische übersetzt, und eben dieses legendäre Buch ist ihr zum Vorbild ihrer eigenen belletristischen Biographien geworden. Statt «imaginär» sollten sie «mutmasslich» sein (ital. congetturali), was freilich keine überzeugende Distanzierung von Schwobs bekanntem Titel ist und auch keine passende Charakterisierung ihrer eigenen biographischen Nacherzählungen. Tatsächlich führt Jaeggy nicht «mutmassliche», sondern reale, von ihr jedoch bewusst verfälschte, vielfach gebrochene und mangelhaft literarisierte Lebensläufe vor, die stilistisch wie kompositorisch weit hinter den vorbildlichen Texten von Marcel Schwob zurückbleiben. Auf diese sei hier mit nachdrücklicher Empfehlung verwiesen.**
*)
Fleur Jaeggy: Mutmaßliche Leben. Aus dem Italienischen von Barbara Schaden. Berlin
(Bibliothek Suhrkamp – Band 1565) 2026. 73 Seiten. 22,00 Euro.
**)
Marcel Schwob: Roman der zweiundzwanzig Lebensläufe. Deutsche Erstübersetzung
von Jakob Hegner. Hellerau 1925; Nachdruck in der Bibliothek Suhrkamp (576),
Frankfurt a.M. 1976.